Vor einem Jahr: Begas-Gemälde der Enkelkinder des Beethoven-Verlegers Nikolaus Simrock kehrt nach Bonn zurück #bthvn

Dr. Ingrid Bodsch vor dem Begas-Gemälde

Meldung vor einem Jahr: Ein schöneres Weihnachtsgeschenk, das noch dazu an Beethovens 250. Tauftag, via Kunsttransport aus Berlin in Bonn eingetroffen ist, ist für die Sammlung des StadtMuseum Bonn kaum vorstellbar.

Der Förderverein des StadtMuseum Bonn und die altehrwürdige Lese- und Erholungs-Gesellschaft Bonn freuen sich sehr, zum Erwerb des Gemäldes bei der Auktion von Bassenge Ende November 2020 durch das StadtMuseum Bonn mit Spenden und einer Sicherheitsleistung beigetragen zu haben.

Die damalige Direktorin des StadtMuseum Bonn, Dr. Ingrid Bodsch, war hinter dem  „Objekt der Begierde“ schon seit über 20 Jahren hinterher, hat aber bei vorherigen Auktionen immer wieder den Ankauf verpasst: Ein wunderbares Kinderbild vor 1840 von der Hand des nicht nur wegen seiner legendären Bildnisses der Loreley im 19. Jahrhundert berühmten Malers Joseph Begas. 

„Das zauberhafte Gemälde mit den Porträts der vier älteren, zu diesem Zeitpunkt aber auch noch sehr jungen Kindern des Bonner Musikverlegers Peter Joseph Simrock hat jede Menge Bonn-Bezüge, die in die Zeit zurückreichen, in denen der junge Beethoven mit 14 Jahren seine erste bezahlte Stellung als stellvertretender Organist am Bonner Hof bekommen hat und bald darauf auch als Bratschist in der Hofkapelle des Kurfürsten spielte“, erläutert Bodsch. 

Dort war zu diesem Zeitpunkt der aus Mainz gebürtige Nikolaus Simrock bereits seit einigen Jahren ein sehr geachteter Hornist, der schon vor seiner Bonner Zeit überzeugter Freimaurer gewesen ist und 1781 in Bonn zu den Gründungsmitgliedern der Bonner Niederlassung des als Geheimgesellschaft organisierten Illuminaten-Ordens gehörte, der 1784 als Präfekt der Bonner Hoforganist, Vorgesetzte und früher Lehrer Beethovens, Neefe, vorstand. Als die Bonner Loge/Minervalkirche, genannt „Stagira“ nach dem Geburtsort von Aristoteles, mit dem Verbot des Illuminatenordens im Heiligen Römischen Reich 1785 aufgelöst wurde, hatten ihre Mitglieder, die allesamt Angehörige des Hofadels oder Hofangestellte waren, keinerlei Nachteile, sondern fanden sich Anfang Dezember 1787 mit weiteren aufgeklärt gesinnten Männern (Frauen waren nicht zugelassen) zur Gründung der Bonner Lesegesellschaft zusammen, die Kurfürst Maximilian Franz zu ihrem hochoffiziellem Protector machte. Nikolaus Simrock spielte auch in ihr eine einflußreiche Rolle und war einer der wenigen Hofmusiker, die nach der Vertreibung des Kurfürsten Bonn nicht verließen. 

Vielmehr baute der zeit seines Lebens ebenso geschäftstüchtige wie frankophile Simrock seine schon bisher nebenher betriebenen Handelsgeschäfte und seine Notenstecherei als Haupterwerbszweig erfolgreich aus und spezialisierte sich höchst erfolgreich auf den Handel mit Musikalien und vor allem als Musikverlag, mit Schaffung von Niederlassungen auch in Paris. Bei ihm waren nicht nur Notenausgaben von Mozart und Haydn erhältlich, sondern neben anderen populären zeitgenössischen Komponisten auch Werke seiner früheren Hofmusikerkollegen, so auch von Beethoven. 

Das Geschäft florierte, Simrock profitierte im Zusammenhang mit der Säkularisation von großen Grundstückskäufen und war bei seinem Tod 1832 ein wirklich reicher Mann geworden, der seinem Nachfolger im Verlag ein blühendes, von diesem und einem Enkel zu einem der renommiertesten Musikverlage Europas ausgebautes Geschäft überließ, und dem übrigen Dutzend seiner Kinder reichliche Geldmittel und Grundvermögen: 

„Dieser Nikolaus Simrock ist als Bild im Bild, im Gemälde seiner kleinen Enkel zu sehen, auf die Bedeutung hinweisend, die das Wirken des Großvaters für den glänzend aufgestellten Verlag und die gesellschaftliche Stellung seiner Nachkommen hatte. Und selbstverständlich war nicht nur Nikolaus SImrock als Gründungsmitglied ein prägende Figur der Bonner Lesegesellschaft, ihr gehörten auch einige seiner Söhne an, und – als besonderen Clou – auch der Maler Joseph Begas, den kaum sonst jemand mit Bonn in Verbindung bringt, obwohl er hier – Köln war zeitweilig Dienstsitz seines Vaters – das Gymnasium, Vorgängereinrichtung des heutigen Beethoven-Gymnasiums, besuchte und Peter Joseph Simrock sein ihm freundschaftlich verbundener Schulkamerad war“, so Bodsch. 

Karl Joseph Begas, der am Gymnasium von den ehemals auch für den kurkölnischen Hof tätigen Maler Philippart und Weinreis im Malen und Zeichnen unterrichtet wurde, wurde schon mit 17 Jahren gemäss eines Sonderbeschlusses der Lese zu ihrem Ehrenmitglied ernannt, weil ihr der Schüler Begas 1810 – Bonn gehörte immer noch zum französischen Empire – eines seiner Erstlingswerke für die entstehende Bildersammlung der Lese schenkte, ein Gemälde nach Raffael:  „Der hl. Johannes in der Wüste“. 

„Mit dem Gemälde, schon an sich ein außergewöhnlches Schmuckstück mit den Simrock-Enkeln samt Großvater-Porträt, hat man viele Jahrzehnte Bonner Kulturgeschichte im Blick, von den letzten Jahrzehnten unter Kurfürstlicher Herrschaft über die Franzosenzeit bis zur Preußenzeit, als das Gemälde von Karl Joseph Begas gemalt worden ist“, resümiert Bodsch.

Überlegungen für eine anarchistische Ökonomik und Ökonomie

Eine Abschiedssession an der Hochschule Fresenius auf der Next Economy Open. Auf dem Projektblog der Next Economy Open hatte ich ja schon etwas skizziert, mit welcher Session-Idee ich in diesem Jahr aufwarten will. Ich reibe mich am methodologischen Bullshit der Mainstream-Ökonomik. Der Ausschluss von Ereignissen und Relationen, die Ignoranz kommunikativer Welten und die selbstbezüglichen Modellwelten demontieren die Wirtschaftswissenschaft.

Wir brauchen etwas Neues: Keine Powerpoint-Weisheiten, die den Studierenden an den Hochschulen zum Auswendiglernen in die Ohren gegeigt werden. Aber die verlangen teilweise danach. Bitte, bitte gib uns ein Skript zum Auswendiglernen, damit wir den Methodenstreit in der Ökonomik auch richtig runterleiern können oder genau beschreiben, wie eine neue Theorie der Öffentlichkeit lautet in Zeiten privatisierter Öffentlichkeiten im Social Web. Alles schön in den Spuren des Dozenten. Nur nicht mit eigenen Recherchen und Überlegungen die Dinge durchforsten. Der Wissenschaftsphilosoph Paul Feyerabend hat das in seiner Zeit an der Uni Berkeley wunderbar durch den Kakao gezogen.

Alle bekommen eine Eins: „Erzähle mir Deinen Lieblingswitz“

Er stand in den 70er Jahren auf dem Höhepunkt seiner akademischen Popularität. Feyerabend gab jedem Studierenden schon in der ersten Vorlesungsstunde eine Eins. Allein die Einschreibung in den Kursus genügte. Als man ihn zwang, eine Abschlussprüfung für seinen Kursus abzuhalten, händigte er den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu Beginn der Prüfung ein Blatt aus, auf dem in großen Buchstaben feierlich das Wort „ABSCHLUSSPRÜFUNG“ stand. Und darunter stand die Aufgabe: „Erzähle mir Deinen Lieblingswitz“. Jeder Witz, auch selbst der dümmste, wurde mit der Note Eins belohnt (nachzulesen im Opus von Simon Rettenmaier, Philosophischer Anarchismus oder anarchistische Philosophie, Büchner Verlag, 2019).

Dieser wissenschaftliche Dadaismus hatte bei Feyerabend einen ernsten Hintergrund. Er glaubte zutiefst an das Humboldtsche Erziehungsideal der akademischen Freiheit jenseits der Fliegenbein-Zählerei über Noten. Der anarchistische Hochschullehrer wollte es den Studierenden überlassen, ob und wann und wie sie studieren.

Sein Spott galt dem abgehobenen Expertentum. Seine Anything-goes-Metapher war dabei kein Plädoyer für Beliebigkeit, sondern für Öffnung, Mitsprache und Demokratie. Experten sichern ihre Deutungshoheit durch abgehobenes Kauderwelsch ab. In meinem Kopf schwirrt noch ein Zitat einer Justiziarin eines Privatsenders bei einer nicht-öffentlichen Tagung herum – ein sehr Gema-lastiges Stelldichein übrigens: Urheberrecht sei kein Laienrecht, da könne nicht jeder mitreden, sagte die Juristin unmissverständlich. Das ist fast unwidersprochen von der Runde aufgenommen worden – aber nur fast unwidersprochen….Ich halte diese Geisteshaltung für eine Katastrophe. Sie beflügelt die Ressentiments gegen das politische System.

2022 wird es eine Fortsetzung dieses Gedankenstrangs geben: Wir reden über eine anarchistische Wirtschaft.

Über die #Beethoven-Mythologisierung im Film: Vom Heiligen bis zum Revolutionär #BTHVN #RexKino

Im legendären REX-Kino in Bonn-Endenich wurde das Filmfest mit meinem Favoriten unter den Beethoven-Spielfilmen eröffnet, mit der genial konzipierten und umgesetzten BBC-Produktion von 2003 „Eroica – the Day that changed music forever“. Dr. Peter Moormann, Professor für Medienästhetik an der Universität Köln, führte im Dialog mit mir in Maurizio Kagels „Ludwig van“ und am Schlusstag in den frühen französischen Tonfilm „Le Grand Amour de Beethoven“ von Abel Gance ein. Davor stand als besonderer Programmpunkt sein Rückblick auf 100 Jahre Geschichte und Rezeption der Beethoven-Filme. Guido Krawinkel bezeichnete das Beethoven-Filmfest, zu dem Dr. Ingrid Bodsch vorab eine ausführliche kostenlose Begleitbroschüre erstellt hat, in der Dezember-Ausgabe2020 der NMZ als „Juwel“ und zählt es „zu den Lichtblicken der Bonner Beethoven- Festivitäten“.

Nicht Staaten exportieren, sondern Unternehmen @HermannSimon – Was plant die Scholz-Regierung in der Außenwirtschaftspolitik? @OlafScholz

Nicht Staaten exportieren, sondern Unternehmen. Diese simple Erkenntnis von Harvard-Professor Marc Melitz ist für Makroökonomen wahrscheinlich zu profan. „Melitz zufolge können nur die Besten Geschäfte mit dem Ausland stemmen. Nur sie sind in der Lage, international wettbewerbsfähige Produkte zu produzieren und zu profitablen Preisen zu verkaufen“, schreibt Hermann Simon in seinem neuen Opus „Hidden Champions – Die neuen Spielregeln im chinesischen Jahrhundert“. Schaut man sich die Pro-Kopf-Exporte an, dann ist Deutschland gar einsamer Spitzenreiter. Und das liegt nicht an Konzernen, sondern an den so genannten Hidden Champions des Mittelstandes. Die USA kommen hier gerade einmal auf 350 Unternehmen, Deutschland auf 1573. Der verengte Blick auf die börsennotierten Großunternehmen des Silicon Valley kann da schnell zur Eintrübung der Wahrnehmung von entscheidenden Faktoren für die Wirtschaftsleistung eines Landes führen.

Und wichtig sind dabei die Regionen in Deutschland, die sich aus den historischen Bedingungen der Kleinstaaterei gebildet haben. Hier mussten Unternehmen aus der Not eine Tugend machen – also zur Zeit des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation.

„In vielen deutschen Regionen gibt es jahrhundertealte Kompetenzen, die ihr Licht bis in die Gegenwart werfen. Heute spricht man von industriellen Ökosystemen. So wurden im Schwarzwald seit jeher Uhren gefertigt, was feinmechanische Fähigkeiten erfordert. Schließlich gilt die Uhrmacherei als ‚Schlüsseltechnologie des Industriezeitalters‘. Aus dieser Tradition sind in der Schwarzwaldregion mehr als 500 medizintechnische Firmen entstanden“, schreibt Simon.

Oder Firmen wie Bizerba auf der Schwäbischen Alb in der Lebensmitteltechnologie. Gleiches gilt für Göttingen. „Wieso findet man dort 39 Hersteller von Messtechnik? Die Erklärung liegt in der mathematischen Fakultät der Universität Göttingen, die über Jahrhunderte weltweit führend war. Eine dieser Firmen gehen auf Prinzipien zurück, die Carl Friedrich Gauss entdeckte. Der frühere Siemens-Vorstand Edward Krubasik bemerkte: „Deutschland nutzt die Technologiebasis, die bis ins Mittelalter zurückgeht, um im 21. Jahrhundert erfolgreich zu sein.“ 

Wie gestaltet sich wohl die Außenwirtschaftspolitik der Scholz-Regierung? Etwa im Geschäft mit China. Wie sollen Exporte gefördert werden? Was plant die Regierung konkret bei der Unterstützung der Regionen (Konkretisierung des Koalitionsvertrages)?

Glücksfall für Bonn und Beethoven: Kurfürst Maximilian Franz von Österreich #BTHVN @Musikverein

„Ueberhaupt war es eine schöne, vielfach regsame Zeit in Bonn, so lange der, selbst geniale, Kurfürst Max Franz, Maria Theresia’s jüngster Sohne und Liebling, friedlich daselbst regierte.“ Es ist Beethovens ihm lebenslang verbunden gebliebener Jugendfreund Wegeler, der in seinen zusammen mit Ferdinand Ries verfassten „Biographischen Notizen über Ludwig van Beethoven“ sich diesen sehnsuchtsvollen Rückblick gestattet, übrigens in einer Fußnote, in der er von der 1838 schon lange verstorbenen Gräfin Belderbusch geborene Barbara Koch als dem „Ideal eines vollkommenen Frauenzimmers“ schwärmt, deren Nähe alle, egal welchen Standes oder Alters, gesucht hätten. Glückliche Jugenderinnerungen verklärten zusätzlich die Zeit, die im Oktober 1794 mit dem Einmarsch der französischen Revolutionstruppen abrupt endete. Diese Sehnsucht findet schon 1816 – Bonn war nicht mehr französisch, sondern gehörte seit zwei Jahren als Teil der Rheinprovinz zum Königreich Preußen – in einem Bonner Nachruf auf den in London bei einem Reitunfall zu Tode gekommenen Johann Peter Salomon, ehemals Angehöriger der Bonner Hofkapelle und ein Sohn der Stadt Bonn wie der 25 Jahre nach ihm geborene Ludwig van Beethoven, beredten Ausdruck: „Wird sie nie wiederkehren, diese schöne glückliche Zeit?“. Nachzulesen im Vorwort des Katalogs zur Ausstellung „Bonns goldenes Zeitalter – die kurkölnische Residenzstadt zur Zeit Beethovens“. In der Bonner Oper kehrt sie für mich immer wieder zurück, diese glückliche Zeit.

Wie wichtig Kurfürst Max Franz für die musikalische Sozialisierung Beethovens war, erläutert Otto Biba, österreichischer Musikwissenschaftler und Archivdirektor der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

Warum die Kleinstaaterei für Deutschland ein Glücksfall war für Kunst und Kultur, schildert Dr. Ingrid Bodsch, die frühere Leiterin des Bonner Stadtmuseums:

Umfassende Doku zum Beethoven-Jubiläum.