
Man betritt dieses literarische Gelände wie einen Garten der zertrampelten Konventionen. Arno Schmidt, der Robinson der Lüneburger Heide, hat hier nicht nur mit Sprache geackert – er hat sie umgepflügt, durchgekämmt, filetiert und in paradox schillernde Humuspartikel verwandelt. In seinem Roman „Die Gelehrtenrepublik“, jenen berüchtigten „cream-hilled“ Ausläufern utopischer Restvernunft, ist alles gleichzeitig: sprachliche Abrissbirne, fabulierte Weltmaschine, politischer Abgesang.
„Wohlbepalmte Postkarte: Spiegel der Welt“ – diese Notiz taucht in Schmidts Sprachkompost wie eine ironisch glänzende Glasscherbe auf. Die Idylle ist hohl, doch auch hohle Formen haben Klang. Schmidt wusste das. In der „paradoxen Wüste“ zwischen zerstörter Zivilisation und pseudoutopischer Gelehrteninsel tummeln sich Zentauren, Bibliotheksautomaten und sexuelle Mutanten – Spaltprodukte des „neuen Menschen“, der aus Büchern, Atomstaub und versprengten Bildungsbrocken besteht.
Bonn, Berlin? Eine Palmblatt-Dystopie aus Stempelgeräuschen, Blechlachen und Pressesprechblasen. Das politische Klima der Gegenwart? Schmidt hätte es eine „Zisch-Trompeten-Blamage“ genannt – oder, wie sein Erzähler ausrutscht: „Ich sah mich selbst, als ein aufrecht gehendes Haar in einer Welt aus Juckpulver.“
Thomas Franke hat diese Welt nicht illustriert. Er hat sie sich einverleibt. Seine Holzstichcollagen sind keine Bebilderungen, sondern metabolische Reaktionen – mit der Wut eines Expressionisten und der Geduld eines Archivars. Aus Lexika, Gartenlauben und propagandistischen Restbeständen schnitzt er eine visuelle Parallelhandlung zur literarischen Verstrahlung. Arno Schmidt wurde als Stehkragen-Proletarier bezeichnet – Franke antwortet mit Rissen im Zelluloid der Bedeutungen.
Die Gelehrtenrepublik ist eine Insel – wörtlich, topografisch, sprachlich. Ihre Bewohner sind Sprachleichen mit intellektueller Restwärme. „Irgendeiner mußte den Witz verstehen.“ So lautet ein Satz aus dem Roman – ein Satz, der heute in jedem Bundestagsprotokoll als Fußnote glänzen könnte.
Diese Welt ist „postnuklear“ nicht nur im technischen Sinn – sie ist auch eine Endzeit des Kontexts. Wörter fallen wie Regen auf versiegelte Böden. Und Schmidt ist der Chronist dieser Endzeit. Er notiert, „wie sich die Welt in Gespräche auflöst“, wie sich das Reale ins Parodistische zurückzieht. „Der menschliche Geist: eine Laune in Spiralfunktion.“
Wenn Franke diese Launen bebildert, tut er das mit der Rasanz eines Jazzmusikers. Nichts passt, also passt alles. Aus den „Nadelhexen“, „Hungerwürmern“ und „Möhrenkönigen“ der Gelehrteninsel werden Bildträger einer Gegenwart, die ihre Ironie längst im Kofferraum eines SUVs verstaut hat.
Und was ist mit Bonn? Schmidt hätte den alten Kanzlerbunker wohl zur Gelehrtenrepublik erklärt – eine klimatisierte Welt aus Akten, Fußnoten und Konferenzkaffee. Die Stadt als „postheroischer Aktenhort“, in dem man durch Vorschriften seufzt wie durch Feinstaub. Berlin hingegen – Schmidt hätte es vielleicht als „reaktive Neurose mit Baugerüst“ bezeichnet. Ein Ort, wo die „Semantik ihrer Silben verlustig geht“ – und der Aufzug fährt trotzdem. „Langsam. Abwärts. In Raten.“
Das ist die eigentliche Pointe: Die Gelehrtenrepublik ist kein Science-Fiction-Roman im klassischen Sinn. Es ist ein Reaktor aus Wörtern, dessen Reststrahlung unsere Gegenwart illuminiert. Schmidt lässt seine Figuren in einem Klima der paranoiden Höflichkeit tanzen – genau wie wir. Er kannte schon 1957 die „süffige Zensur durch öffentliche Ermüdung“. Die Rede war noch nicht „gecancelt“, aber längst entkernt.
Was bleibt? Splitter. Fragmente. Sprachmutation. „Ich hörte, wie die Grammatik verrutschte.“ Diese Sätze stehen da – wie Stacheln auf einem Affenbrotbaum. Wer sie anfasst, blutet klüger.
Thomas Franke hat Schmidt nicht bebildert. Er hat ihn entzündet. Aus den Collagen sprechen Räume, in denen Bedeutungen verkehren, ohne sich zu begegnen – wie auf einem Empfang des Auswärtigen Amts nach einem Shitstorm. Es ist eine Bildsprache, die keine Aufklärung will, sondern Resonanz. Zwischen den Holzschnitten brummt es: „Hier spricht der Text.“
Oder wie Schmidt es selbst einmal formuliert:
„Der Mensch – ist das Einzige, das von sich sprechen hört.“
Arno Schmidt
DIE GELEHRTENREPUBLIK
Kurzroman aus den Roßbreiten
Illustriert von Thomas Franke
Fulminant Fantastische Folianten 1
p.machinery, Winnert, September 2022, 246 Seiten (incl. 25 Farbseiten, davon 7 Ausklappseiten), Hardcover mit Cabra-Bezug und Blindprägung
Normalausgabe: ISBN 978 3 95765 302 4 – EUR 99,90 (DE)
Vorzugsausgabe (limitiert auf 111 Ex., davon 100 Ex. im Verkauf, mit nummerierter Digigrafik im Einleger und im Schuber): ISBN 978 3 95765 303 1 – EUR 222,00 (DE)
Verkauf und Vertrieb dieser Bücher erfolgen nicht mehr über die p.machinery. Über weitere Bezugsmöglichkeiten informiert der Illustrator Thomas Franke.
Pingback: Pfaffen, Prüfer, Paragraphen: Arno Schmidt und Max Bense - Briefe im Gegenwind - ichsagmal.com
Pingback: Bargfeld auf 34 Zeilen: Chausseestraße, plötzlich Heide - ichsagmal.com