
Manchmal braucht eine Wissenschaft keinen Festakt, keine Denkschrift, keine Jubiläumstagung. Manchmal genügt ein Caféhaus, ein schlecht bezahlter Professor, ein paar leere Biergläser, ein Portier mit Unterweltkontakten, eine Bibliothekarin mit Gedächtnis, ein ehemaliger Gangster mit Charme und ein Gespräch, das so laut wird, dass Joseph Schumpeter später nur noch fragen kann, wie man in einem Kaffeehaus derart brüllen könne. Roland Girtlers kleines Buch „Max Weber in Wien“ besitzt genau diesen Vorzug: Es holt die Soziologie aus ihrer feierlichen Selbstversteinerung heraus und stellt sie dahin zurück, wo sie historisch oft entstanden ist – zwischen Akten, Stammtischen, Beobachtungen, Anekdoten, Milieus und verletzter Eitelkeit.
Das klingt zunächst nach Wiener Lokalkolorit. Doch gerade darin liegt die Pointe des Stoffes. Girtler erzählt keine Fußnote aus der Weber-Forschung, er erzählt eine Soziologie der Orte. Die Pension Baltic, das Gasthaus „Zum Goldenen Hirschen“, das Café Landtmann, die Alserstraße 33: Alles sind Bühnen, auf denen sich Wissenschaft nicht als abstrakter Diskurs, sondern als Lebensform zeigt. Max Weber erscheint hier nicht als marmorne Büste des Faches, sondern als Mann mit Verdauung, Ärger, Vorlieben, Geräuschempfindlichkeit, Geldsorgen und Bierdurst. Aus dem Klassiker wird kein Kumpan. Aber er verliert die museale Starrheit, die ihm viele Gedenkreden nachträglich verpasst haben.
Die Pension Baltic oder der Hinterhof der Entzauberung
Weber kam 1918 nach Wien, in eine Stadt, die noch kaiserlich aussah und doch bereits am Rand ihres politischen Zerfalls stand. In der Pension Baltic fand er ein Zimmer mit Blick in einen grünen Hinterhof. Das war für ihn, der an der modernen Welt den Begriff der „Entzauberung“ geschärft hatte, fast schon eine ironische Gegenprobe: Drosseln, Bäume, Wiener Frühling, eine gewisse Anmut der alten Stadt – und daneben die Zumutungen des Alltags. Besonders ein junges Ehepaar im Nebenzimmer reizte ihn, weil es nach seiner Wahrnehmung weder leise noch wohlsittlich genug lebte. Der große Theoretiker der Rationalisierung sah sich mit einer sehr untheoretischen Störung konfrontiert: Menschen.
Girtler nutzt solche Szenen mit feinem Spürsinn. Er weiß, dass sich an ihnen mehr zeigt als Kuriosität. Weber denkt Weltgeschichte, aber er hört durch die Wand. Er analysiert Bürokratien, wartet auf Geld vom Staat und ärgert sich über die Langsamkeit österreichischer Verwaltungswege. Er hält Vorlesungen, geht in die Bibliothek, isst, spaziert, raucht, trinkt Bier und schreibt Briefe, in denen die große Zeitlage manchmal durch eine kleine Verstimmung hindurchscheint. Gerade diese Reibung macht ihn so interessant: Der Theoretiker der Institutionen erfährt die Institution am eigenen Honorarzettel.
Das Gasthaus als Seminarraum der Wirklichkeit
Girtlers eigentliche Stärke liegt darin, dass er Wissenschaft nicht von der Universität her erzählt, sondern von ihren Nebenschauplätzen. Das Gasthaus „Zum Goldenen Hirschen“, später Sitz des Instituts für Soziologie, wird bei ihm zur Brücke zwischen Weber, Wiener Studentenerinnerung und einer ganzen akademischen Volkskunde. Wo einmal Bier ausgeschenkt wurde, residierte später die Soziologie. Man könnte darin einen Zufall sehen. Girtler sieht darin eine heimliche Wahrheit: Eine Disziplin, die Gesellschaft verstehen will, darf ihre Herkunft aus Wirtshaus, Straße, Hinterzimmer, Büro, Archiv und Gespräch nicht vergessen.
Webers Verhältnis zum Bier gibt Girtler genüsslich Raum. Der junge Weber war in Heidelberg Mitglied einer Burschenschaft, schlug Mensuren, trank, pflegte Rituale und kannte jene studentische Welt, in der Ehre, Beleidigung, Trinkfestigkeit und theatralische Körperinszenierung ineinandergriffen. Das „Bierduell“, bei dem Kontrahenten Biergläser leeren, erscheint bei Girtler nicht bloß als Folklore, sondern als Miniatur sozialer Ordnung: Rang, Mut, Männlichkeit, Beschämung, Zugehörigkeit. Wer so etwas vorschnell als lächerlichen Unfug abtut, übersieht den soziologischen Stoff. Rituale sind selten vernünftig, aber fast immer aufschlussreich.
Weber selbst wusste um die Ambivalenz solcher Milieus. Er konnte aus ihnen stammen, sie genießen, sie kritisieren und doch von ihnen geprägt bleiben. In der Figur des „Hundsfott“, die Girtler im Zusammenhang alter studentischer Bräuche erläutert, blitzt eine untergegangene Welt auf, deren Grobheit nicht dadurch verschwindet, dass man sie heute moralisch sauber abheftet. Sie gehört zur Vorgeschichte deutscher Professorenkultur: Ehre als soziale Währung, Bier als Medium, Körperverletzung als Statuszeichen. Man kann das komisch finden. Man sollte es nur nicht harmlos finden.
Café Landtmann: Der Kommunismus als Laborversuch
Die berühmteste Szene des Büchleins spielt im Café Landtmann. Max Weber und Joseph Schumpeter treffen aufeinander, zwei Temperamente, zwei Denkschulen, zwei Arten, Geschichte zu betrachten. Der Streit dreht sich um die russische Revolution. Schumpeter soll das kommunistische Experiment mit intellektueller Kühle betrachtet haben: als eine Art Versuchsanordnung, deren Ergebnis man abwarten könne. Weber reagiert empört. Für ihn war der Bolschewismus kein interessantes Labor, sondern eine Katastrophe mit menschlichen Opfern. Aus der akademischen Differenz wurde ein Wutausbruch.
Die Szene ist so gut, weil sie mehr ist als Anekdote. Hier prallen zwei Formen wissenschaftlicher Distanz aufeinander. Schumpeter, der Ökonom, denkt in historischen Möglichkeiten, Systemexperimenten, Entwicklungslogiken. Weber, der politische Soziologe, hört im Wort Experiment bereits das Klirren menschlicher Schicksale. Der eine bewahrt Kälte, der andere explodiert. Der eine beobachtet Geschichte wie ein grandios riskantes Planspiel, der andere spürt die moralische Ungeheuerlichkeit einer Theorie, die ihre Kosten an lebenden Menschen erhebt.
Natürlich ist auch Weber nicht der gemütliche Humanist, der später zum Patron liberaler Seminarzimmer zurechtgestutzt wurde. Gerade deshalb wirkt seine Empörung glaubwürdig. Er war kein sentimentaler Moralist. Er kannte Macht, Herrschaft, Gewalt, Verantwortung, Schuld. Vielleicht schrie er deshalb so laut. Schumpeters spöttische Bemerkung, wie man in einem Kaffeehaus derart brüllen könne, ist Wienerisch in ihrer besten Form: Sie beantwortet keine Theorie, rettet aber die Contenance des Raumes. Das Caféhaus, diese monarchische Restinstitution der zivilisierten Gesprächsunterbrechung, verteidigt sich gegen den deutschen Ernst.
Die Alserstraße 33 als kleines Welttheater der Soziologie
Der zweite große Erzählstrang führt ins alte Institut für Soziologie in der Alserstraße 33. Girtler beschreibt es als unschönes, umgebautes Haus, hervorgegangen aus einem Gasthaus, später mit Stahlbeton aufgestockt, voller Erinnerungen, Personen, Gerüche, Gewohnheiten und Geschichten. Wer nur nach architektonischer Würde sucht, wird enttäuscht. Wer wissen will, wie eine wissenschaftliche Kultur wirklich lebt, findet hier reiches Material.
Da ist Anton Amort, der Portier, liebenswürdig, wachsam, mit Sinn für Würde und Parkordnung. Er ist bei Girtler keine Randfigur, sondern ein Sozialtypus: Hüter der Schwelle, Kenner der Leute, Vermittler zwischen akademischer Welt und Wiener Wirklichkeit. Er spielt Schnapsen, kennt die Gaunersprache, weiß, wer vor dem Haus parken darf, und besitzt jene soziale Intelligenz, die in Berufungskommissionen selten abgeprüft wird. Neben ihm steht Eliska Stadler, die Bibliothekarin, Bewahrerin der Bücher und der Institutsseele. In solchen Figuren zeigt sich, was Universitäten gern vergessen: Wissenschaft ruht auf Menschen, die keine Lehrstühle besitzen, aber Gedächtnis, Ordnung und Atmosphäre stiften.
Paul Neurath und René König treten als Gastprofessoren auf, jeder mit eigener Emigrations-, Forschungs- und Lebensgeschichte. Neurath, Sohn des berühmten Otto Neurath, bringt die Erfahrung des Exils, der Verfolgung, der amerikanischen Soziologie und der empirischen Forschung mit. König, der große Kölner Soziologe, erscheint als ehrwürdiger Gelehrter, zugleich als Förderer einer Feldforschung, die sich nicht vor Milieus ekelt. Girtler fühlt sich ihm verbunden, weil König verstand, dass Soziologie ohne eigene Anschauung zur Papierwissenschaft vertrocknet.
Das ist der ernste Kern dieses scheinbar leichten Buches. Girtler verteidigt eine Soziologie, die hingeht. Nicht die Soziologie der reinen Tabellenfrömmigkeit, nicht die begriffsverliebte Selbstumkreisung, nicht die steril gereinigte Theorieprosa. Er verteidigt die Beobachtung, das Gespräch, die körperliche Anwesenheit, das Risiko, die Milieukenntnis. Man muss nicht jeden seiner anekdotischen Überschwangsbewegungen teilen, um zu erkennen: Hier spricht einer, der weiß, dass Gesellschaft nicht im Abstract lebt.
Pepi Taschner und die Frage, wer als Quelle zählt
Besonders schön wird das an der Geschichte von Pepi Taschner, dem Wiener Ganoven, den Girtler in seinem Institut empfing. Taschner hatte Schlägereien, Gefängnis, Unterwelt und eine eigenwillige Würde hinter sich. Für Girtler war er kein exotisches Schaustück, sondern ein Gewährsmann. Das irritierte den akademischen Betrieb erwartbar. Plötzlich kamen Prostituierte ins Institut, ehemalige Unterweltfiguren, Leute mit Geschichten, die nicht nach Seminarapparat rochen. Einem Besucher wurde sogar die Brieftasche gestohlen; Pepi klärte die Sache auf seine Weise. Die Universität bekam Besuch von der Wirklichkeit und erschrak über deren Manieren.
Auch hier liegt der Stoff nicht in der Anekdote allein. Es geht um die alte Frage, wer sprechen darf, wer als Quelle gilt, wessen Wissen zitierfähig wird. Der Ganove besitzt kein Zertifikat, aber Milieukenntnis. Der Professor besitzt Methode, aber nicht unbedingt Zugang. Zwischen beiden entsteht jene Spannung, aus der gute Soziologie entstehen kann. Girtler romantisiert die Unterwelt gelegentlich mit spürbarem Vergnügen; doch sein methodischer Impuls bleibt richtig. Wer Devianz verstehen will, darf sie nicht bloß aus Akten rekonstruieren. Wer soziale Welten erforscht, muss mit denen reden, die in ihnen leben.
Damit berührt Girtler eine Grundfrage des Faches: Ist Soziologie eine Wissenschaft der gereinigten Distanz oder eine Kunst kontrollierter Nähe? Die Antwort kann nicht in falscher Verbrüderung liegen. Nähe verführt. Distanz schützt. Aber eine Distanz, die den Gegenstand nie berührt, wird blind. Girtlers Institut in der Alserstraße erscheint deshalb als Schule einer Soziologie, die manchmal unordentlich, komisch, riskant und geschwätzig wirkt, aber einen entscheidenden Vorzug besitzt: Sie riecht nach Welt.
Weber als Wiedergänger einer verlorenen Gelehrtenkultur
Am Ende steht der Abbruch. Das alte Haus verschwindet, ein Ziegelstein bleibt als Erinnerungsstück. Girtler bewahrt ihn wie eine kleine Reliquie. Das könnte kitschig werden, wäre es nicht so passend. Denn dieser Ziegelstein steht für eine Wissenschaftskultur, die sich nicht vollständig in Rankings, Projektskizzen, Drittmittelprosa und Evaluationsbögen übersetzen lässt. In ihm steckt etwas Materielles, Abgenutztes, Widerständiges. Er erinnert daran, dass Denken Orte braucht und dass Orte Geschichten speichern.
Max Weber war 1918 nur kurz in Wien. Und doch macht Girtler aus diesem kurzen Aufenthalt ein Panorama. Weber wartet auf Geld, trinkt Bier, streitet im Café Landtmann, schreibt Briefe, ärgert sich über Lärm und Staat, liest, lehrt, beobachtet. Um ihn herum entsteht ein Wien der Übergänge: Monarchie und Republik, Gasthaus und Institut, Burschenschaft und moderne Soziologie, Caféhaus und Weltrevolution, Ganovenmilieu und Universitätsseminar. In diesem Nebeneinander liegt der Reiz des Buches.
Girtler gelingt damit etwas, das der akademischen Weber-Verehrung selten gelingt: Er macht den Klassiker kleiner und dadurch größer. Kleiner, weil Weber hier als Mensch erscheint. Größer, weil sichtbar wird, wie sehr Theorie aus Erfahrung, Reibung, Affekt und Milieu hervorgeht. Der Begriff der Herrschaft gewinnt eine andere Farbe, wenn man ihn neben Portier Amort liest. Die Theorie der Rationalisierung bekommt einen komischen Schatten, wenn Weber auf sein Honorar vom Staat wartet. Die Ethik der Verantwortung klingt weniger abstrakt, wenn Weber im Café Landtmann gegen Schumpeters kalten Möglichkeitssinn aufbraust.
So wird aus „Max Weber in Wien“ keine Devotionalie, sondern eine kleine Soziologie der Soziologie. Das Büchlein zeigt eine Disziplin, die sich selbst nicht zu feierlich nehmen sollte. Sie begann nicht nur in Hörsälen, sie saß auch in Wirtshäusern, fuhr mit dem Fahrrad, spielte Karten, stritt, trank, sammelte Geschichten, öffnete Türen für Leute, die im akademischen Salon verdächtig wirkten. Vielleicht braucht die Soziologie diese Erinnerung dringender, als sie zugibt. Denn eine Wissenschaft, die Gesellschaft erklären will, darf vor deren unordentlichen Erscheinungsformen nicht zurückzucken.
Und vielleicht ist genau das die schönste Lehre dieses Wiener Weber-Bildes: Die Gesellschaft sitzt selten dort, wo man sie erwartet. Man findet sie im Hinterhof der Pension, am Stammtisch, in der Bibliothek, beim Portier, in der Brieftasche eines bestohlenen Kollegen, im Streit über Revolutionen und in einem Caféhaus, das kurzzeitig zur Weltbühne wird. Max Weber brüllte, Schumpeter lächelte, Wien blieb Wien. Die Soziologie hatte für einen Augenblick alles, was sie braucht: einen Konflikt, einen Ort, Zeugen, Übertreibung, Erinnerung – und jemanden, der daraus eine Geschichte macht.