
Gottfried Eisermann war Professor für Soziologie an der Universität Bonn. Eisermanns Berliner Doktorvater war Friedrich Bülow; 1946-48 war er Lehrbeauftragter an der Humboldt-Universität zu Berlin, gleichzeitig Mitarbeiter der „Deutschen Zentralverwaltung für Volksbildung“, des späteren Ministeriums für Volksbildung der DDR; in seiner freiberuflichen Zeit 1948-50 legte er mit seiner Festschrift für den Soziologen Alfred Vierkandt (1867-1953) den Grundstein für seine Hochschullaufbahn im Westen.
Einer der Beiträger war der Emigrant Alexander Rüstow (1885-1963; „Ortsbestimmung der Gegenwart“), der nach Heidelberg berufen wurde und dort Gottfried Eisermann zu seinem engen Mitarbeiter machte. Rüstow – Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft – betreute auch Eisermanns Habilitationsverfahren, abgeschlossen 1957 mit der Lehrbefähigung für „Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften“. Im Dekanat der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät in Bonn ist bis heute eine Handakte erhalten, die Einblick in die Planungen gibt, hier (und nicht an der Philosophischen Fakultät) den ersten Bonner Lehrstuhl für Soziologie einzurichten. Bereits Joseph Schumpeter war ja an die Bonner Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät berufen worden (allerdings nicht auf eine Professur für Soziologie).
Nach Gottfried Eisermanns Berufung im Mai 1962 wurde sein Lehrstuhl (mit einer venia legendi für „Soziologie“) zwar als „Institut für Soziologie“ organisiert – mit mehreren Mitarbeiterstellen. Spätestens nach dem Tod Erwin von Beckeraths wurde aber seitens der Fakultät der ursprüngliche Plan für einen eigenen Studiengang Soziologie nicht weiter verfolgt. Erwin von Beckerath war an der Berufung Eisermanns maßgeblich beteiligt gewesen. Ein Studium der Soziologie war dann zunächst nur für Studenten der Volkswirtschaftslehre möglich, die zuerst den Grad eines Diplom-Volkswirts erwerben mußten (was bei Eisermann möglich war), bevor sie eine Dissertation zu einem soziologischen Thema anfertigen konnten. Eisermanns erster Habilitand war Martinus Emge, der später auf die erste Professur für Soziologie an der Philosophischen Fakultät berufen werden sollte. Anfang 1984 ist Gottfried Eisermann nach altem Hochschulrecht emeritiert worden; d. h. er blieb weiter prüfungsberechtigt und war (technisch gesehen) bis zu seinem Tod 2014 Mitglied seiner Fakultät.
Über einen Zeitraum von etwa zwanzig Jahren ist er nach seiner Emeritierung noch mit zahlreichen Publikationen und Vorträgen hervorgetreten. Ein Arbeitsgebiet, das ihm besonders am Herzen lag, war die Geschichte der Soziologie als akademisches Fach – mit grundlegenden Arbeiten über Klassiker der Soziologie wie Vilfredo Pareto, Max Weber oder Joseph Schumpeter. Gottfried Eisermann war unter anderem Ehrendoktor der Universität Padua sowie der Ruhr-Universität BochumZu seinem facettenhaften Leben unterhalte ich mich mit seinem Sohn David Eisermann.
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„In der Gemeinschaft der Gruppe entwickelten sich die Anfänge der menschlichen Sprache, die wahrscheinlich schon zur Zeit des Frühmenschen (homo erectus) vor über einer Million Jahre entwickelt wurde. Vor allem aber regte sich früh in ihm, sei es aus Freude, Festlichkeit, Jagdzauber, numinoser Beschwörung oder gar religiöser Ergriffenheit, das Bedürfnis ekstatischer Rhythmik der Glieder, will sagen Tanz, angetan, wie es uns erste Höhlenbilder zeigen, mit der Maske – der am Abbild der lebendigen Mitwelt des Tieres orientierten Maskerade.“ Rolle und Maske
Gottfried Eisermann war das jüngste von drei Kindern des Kaufmanns Erich Eisermann und dessen Ehefrau Marie Louise (geb. Vogel).[1] Nach dem Besuch einer Privatschule wechselte er an ein humanistisches Gymnasium, wo er 1937 das Abitur machte. Anschließend studierte er zunächst ein Semester an der Handelshochschule Berlin, wo er auch eine Vorlesung des bereits emeritierten Werner Sombart hörte. Danach wechselte er an die Universität Berlin und studierte Nationalökonomie, Philosophie und Germanistik. Seine akademischen Lehrer waren Eduard Spranger und Nicolai Hartmann. Das Berliner Studium wurde durch Aufenthalte an der Universität Perugia und der Universität Rom unterbrochen, die, so Lothar Neumann, Eisermanns spätere Laufbahn als Sozialforscher entscheidend prägten.[2]
Nach der damaligen Diplomprüfungsordnung für Volkswirte musste eine praktische Tätigkeit in der Wirtschaft nachgewiesen sein. Die erfolgte bei der Preußischen Staatsbank. Der Abschluss des Studiums verzögerte sich durch den Zweiten Weltkrieg, obwohl Eisermann aus gesundheitlichen Gründen für Reichsarbeitsdienst wie auch Wehrmacht untauglich war. Trotzdem kam es 1941 zur Einberufung, nach baldiger Entlassung aus gesundheitlichen Gründen und erneuter Einberufung wurde er als Zivilangestellter der Wehrmacht verpflichtet. Anfang 1945 konnte er dann sein Studium mit der Prüfung zum Diplom-Volkswirt und der Promotion beenden.
Grab Gottfried Eisermanns auf dem Südfriedhof Bonn
Nach Kriegsende arbeitete Eisermann erst in der Finanzverwaltung der Hochschulabteilung der neuen Zentralverwaltung für Volksbildung. Von 1946 bis 1948 war er an der als Humboldt-Universität Berlin Lehrbeauftragter für Wirtschaftssoziologie.[3] Als es an der Berliner Universität zu ersten politisch begründeten Entlassungen gekommen war, beendete Eisermann seine Tätigkeit dort zum Jahresende 1948. In den folgenden 21 Monaten übernahm er kleinere Aufträge von einem Meinungsforschungsinstitut. Im Oktober 1950 trat er dann eine Stelle an der Universität Heidelberg an, wo er bis 1957 wissenschaftlicher Assistent von Alexander Rüstow war. Nach seiner Habilitation für „Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften“ am 15. Mai 1957 lehrte er fünf Jahre als Privatdozent in Heidelberg. Am 29. Mai 1962 wurde er an die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn auf den ersten dort eingerichteten Lehrstuhl für Soziologie berufen. Nach seiner Emeritierung im Jahr 1984 lebte er weiter in Bonn.
Gottfried Eisermann wurde am 6. November 1918 in Berlin als das jüngste von drei Kindern geboren. Seine Eltern waren der Kaufmann Erich Eisermann und Marie Louise Eisermann, geborene Vogel. Er besuchte zunächst eine Privatschule und später ein humanistisches Gymnasium, wo er 1937 sein Abitur absolvierte. Eisermann begann seine akademische Laufbahn an der Handelshochschule Berlin und wechselte später an die Universität Berlin, wo er Nationalökonomie, Philosophie und Germanistik studierte. Zu seinen akademischen Lehrern zählten Eduard Spranger und Nicolai Hartmann. Sein Studium wurde durch Aufenthalte an den Universitäten Perugia und Rom ergänzt, die seine spätere Karriere als Sozialforscher entscheidend prägten.
Seine berufliche Karriere war durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen, wobei Eisermann trotz gesundheitlicher Probleme zeitweise in der Wehrmacht verpflichtet wurde. Nach dem Kriegsende begann Eisermann seine akademische Laufbahn an der Humboldt-Universität Berlin und wechselte 1950 an die Universität Heidelberg, wo er unter Alexander Rüstow arbeitete. 1962 wurde er auf den ersten Lehrstuhl für Soziologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn berufen. Eisermann blieb dort bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1984 und lebte anschließend weiterhin in Bonn. Er verstarb am 10. November 2014.
2. Sozialwissenschaftliches Werk
Eisermanns wissenschaftliche Arbeit zeichnet sich durch eine enge Verknüpfung von historisch-soziologischer, empirischer und theoretischer Betrachtungsweise aus. Sein Werk ist interdisziplinär ausgerichtet und integriert Elemente der Nationalökonomie, soziologischer Theorie, Rechtswissenschaft sowie Wirtschafts- und Kulturgeschichte. Eisermann widmete sich insbesondere den Werken von Max Weber und Vilfredo Pareto, die er nicht nur erforschte, sondern auch herausgab.
In seiner Antrittsvorlesung in Bonn bezog sich Eisermann auf Joseph Schumpeter und dessen Ansicht, dass Volkswirtschaftslehre und Soziologie einen gemeinsamen Ursprung haben. Diese Sichtweise nutzte er, um die Soziologie als Wissenschaft in der akademischen Landschaft zu stärken.
Zu seinen empirischen Forschungen zählen Untersuchungen über den Einfluss der Massenkommunikation in Entwicklungsregionen Italiens, die Auswirkungen des Fernsehens auf die Alphabetisierung sowie Studien zu Sprachminoritäten in Südtirol und Belgien. Eisermanns spätere Schriften verbinden soziologische Rollentheorie mit literarischen Elementen, insbesondere mit Werken von Johann Wolfgang von Goethe und Gottfried Benn.
3. Schriften (Auswahl)
Monographien:
Mensch und Mitmensch (2004)
Schicksal und Zufall in Leben und Wirken Goethes (1998)
Galiani. Ökonom, Soziologe, Philosoph (1997)
Max Weber und die Nationalökonomie (1993)
Rolle und Maske (1991)
Max Weber und Vilfredo Pareto. Dialog und Konfrontation (1989)
Herausgeberschaften:
Soziologisches Lesebuch (1969)
Soziologie der Entwicklungsländer (1968)
Die gegenwärtige Situation der Soziologie (1967)
Die Lehre von der Gesellschaft (1958)
Diese Werke sind wichtige Beiträge zur Soziologie und zur Volkswirtschaftslehre und reflektieren die Tiefe und Breite von Eisermanns intellektueller Arbeit. Sie sind in verschiedenen wissenschaftlichen Bibliotheken und digitalen Plattformen verfügbar.
Fazit
Die Arbeit von Gottfried Eisermann stellt einen wesentlichen Beitrag zur deutschen Soziologie und Volkswirtschaftslehre dar. Sein interdisziplinärer Ansatz und seine Fähigkeit, theoretische Konzepte mit empirischen Forschungen zu verbinden, haben ihn zu einer herausragenden Figur in den Sozialwissenschaften gemacht. Eisermanns Werk bietet tiefe Einblicke in die soziologische Theorie und deren Anwendung auf praktische und historische Fragen.