
Auf der IFAT in München spricht die Wasserwirtschaft über Technik, doch im Kern geht es um Sicherheit, Wirtschaftspolitik und die Frage, ob Europa seine wichtigste Infrastruktur strategisch genug behandelt.
Auf der IFAT in München wirkt Wasser zunächst wie ein technisches Fach. Hallen voller Pumpen, Membranen, Armaturen, Sensoren, Dosiersysteme und Verfahrenstechnik. Doch wer mit Boris Greifeneder, Geschäftsführer von German Water Partnership, und Thomas Beutel, Leiter des Regionalforums EECCA, spricht, landet schnell weit entfernt von Messehallen und Produktpräsentationen. Man landet in der Ukraine, in zerstörten Städten, bei mobilen Wasserwerken, bei Menschen, die ihr Trinkwasser über Treppen nach oben tragen müssen.
Der russische Angriffskrieg hat die Wasserwirtschaft in eine Lage geführt, für die viele politische Begriffe zu weich geworden sind. Kritische Infrastruktur meint hier nicht eine abstrakte Kategorie aus Sicherheitsstrategie und Verwaltungssprache. Sie meint Wasser zum Kochen, Waschen, Trinken. Sie meint Anlagen, die ohne stabile Stromversorgung funktionieren müssen. Sie meint Technik, die nicht permanent online sein darf, weil Ortbarkeit im Kriegsgebiet zum Risiko wird.
Beutel beschreibt, wie Mitglieder von German Water Partnership mobile Wasserwerke in die Ukraine geliefert haben, „ins Kriegsgebiet hinein“, an Orte, an denen die Wasserversorgung zerstört wurde. Unternehmen hätten ihre Kompetenzen zusammengelegt und gemeinsam Anlagen gebaut. Für ihn war das „ein echtes Erfolgskonzept“. Der Satz klingt nüchtern. Dahinter steht eine neue Realität europäischer Wasserpolitik: Versorgungssicherheit entsteht nicht mehr allein durch große Netze, feste Werke und geregelten Betrieb. Sie braucht bewegliche, autarke, schnell einsetzbare Systeme.
Die technischen Anforderungen sind hoch. Ein Wasserwerk unter Kriegsbedingungen muss mit unsicheren Rohwasserqualitäten umgehen. Es braucht eigene Stromversorgung. Es darf nicht von digitaler Fernwartung abhängen. „Heute machen wir alles online, egal ob Wartung oder Service. Das geht in dem Kriegsgebiet nicht“, sagt Beutel. Die Anlagen würden deshalb so gebaut, dass sie autark seien und nicht leicht geortet werden könnten.
Dann wechselt seine Sprache von Technik zu Alltag. Beutel spricht von Rentnern in Hochhäusern, die Wasser „zum Waschen und Kochen neun Etagen mit nach oben schleppen müssen“. In Deutschland sei man gewohnt, den Hahn aufzudrehen. In der Ukraine werde aus Wasser eine körperliche Belastung. Dieser Unterschied ist die härteste Form der Infrastrukturkritik. Er zeigt, wie dünn die Schicht der Selbstverständlichkeit ist, auf der moderne Gesellschaften ruhen.
Die Ukraine als Warnung für Deutschland
Die Erfahrung in der Ukraine führt Beutel zurück nach Deutschland. Auch hier habe man Lücken erkannt. Das Technische Hilfswerk könne überbrücken, wie im Ahrtal. Die Bundeswehr verfüge über Trinkwassereinheiten, doch diese zögen mit der Truppe weiter. Wenn die Truppe weiterzieht, kann ein Ort ohne Trinkwasser zurückbleiben. „Da muss man die Konzepte auch überdenken“, sagt Beutel.
Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung. Auslandshilfe wird zum Spiegel der eigenen Verwundbarkeit. Was in der Ukraine als Soforthilfe begann, wird in Deutschland zur Frage des Zivilschutzes, der kommunalen Vorsorge, der Zusammenarbeit von Bundeswehr, THW, Umweltbehörden und Industrie. Beutel berichtet von einem Netzwerk, das man gebildet habe und erhalten wolle. Die Finanzierung sei noch offen. Wach sei man, fügt er hinzu. Nun fehle noch jemand „mit Geld“.
In diesem Satz steckt viel deutsche Gegenwart. Die Sensibilität ist gewachsen. Die Strukturen bewegen sich. Die Haushaltslogik folgt langsamer als die Gefahr.
Deutschland kann Wasser. Aber Deutschland bündelt Wasser nicht.
Greifeneder beschreibt German Water Partnership als Verband mit knapp 300 Mitgliedern aus der deutschen Wasserwirtschaft, vor allem mit Blick auf Auslandsmärkte. Das Regionalforum EECCA zählt zu den aktivsten Formaten. Es widmet sich Südost- und Osteuropa, dem Kaukasus und Zentralasien. Dort geht es um Geschäftsanbahnung, Betreiberpartnerschaften, Messen, Konferenzen, Reisen, Kontakte zu Institutionen und Unternehmen. Das klingt nach Verbandsroutine, ist aber längst mehr als Außenwirtschaftspflege.
In der Ukraine entstanden neue Formen der Soforthilfe. In Kasachstan werden Kläranlagenprojekte vorbereitet. In Zentralasien wächst der Druck durch Wasserstress, Stadtentwicklung und Modernisierungsbedarf. In Afrika laufen Projekte zur Wassersicherheit. Deutsche Betreiber arbeiten mit ausländischen Betreibern an Leckageortung, Kanaleinstieg, Energieeffizienz und Betriebspraxis. Diese operative Ebene ist nicht spektakulär. Sie entscheidet, ob Anlagen nach der Einweihung noch funktionieren.
Greifeneder sieht die Stärke der deutschen Wasserwirtschaft, aber auch ihre politische Zersplitterung. Die Bundesregierung habe viele Aktivitäten im Ausland: Wasserdiplomatie, Entwicklungszusammenarbeit, Forschungsförderung, Außenwirtschaftsprogramme, Markterschließung. Doch es fehle eine gemeinsame Klammer, ein Angebot, das Deutschland einem Partnerstaat gebündelt machen könne. Für Energie, Rohstoffe, Wasserstoff und Gesundheit gebe es Partnerschaftsformate. Für Wasser fordert er Vergleichbares. Deutschland habe Glaubwürdigkeit, Forschung, Technologie und Betreiberwissen. Forschung, Technik, Capacity Building und Fachkräfteentwicklung müssten in einem Format zusammenkommen.
Beutel formuliert den Befund aus Sicht der Industrie schärfer. „Auf uns als Industrie geht das viel zu langsam“, sagt er. Beim Projekt New Tashkent warte man nicht auf die große politische Form. Man gehe mit Betreibern aus Dresden und Industriepartnern selbst voran. Die Offenheit der Politik sei vorhanden, die Gespräche liefen. Das Tempo reiche nicht.
Hier liegt ein klassisch deutsches Missverhältnis. Die Firmen sind oft schneller als die politische Architektur, die sie international stützen soll. Viele Anbieter sind Hidden Champions, weltweit vernetzt, technisch hoch spezialisiert. Doch aus einzelnen Kompetenzen entsteht noch keine geostrategische Präsenz. Dafür braucht es Bündelung, Finanzierung, diplomatische Rückendeckung und den Willen, Wasser als Standort- und Sicherheitsthema zu behandeln.
Wasser ist der vergessene Produktionsfaktor
Greifeneder arbeitet an einer anderen Erzählung. Wasser sei zu lange als Trinkwasser- und Abwasserthema geführt worden. Tatsächlich sei es ein Wirtschaftsfaktor, ein Produktionsfaktor, eine Grundlage für Wachstum. Wer in Halbleiterproduktion, Batteriezellen oder Rechenzentren investiere, investiere immer auch in wasserintensive Wertschöpfung.
Dieser Gedanke verändert die politische Rangordnung. Die deutsche Debatte spricht gern über seltene Erden, Chipknappheit, Energiepreise und Datenzentren. Wasser taucht meist erst auf, wenn es fehlt, verschmutzt ist oder zu viel davon auf einmal kommt. Dabei entscheidet es über Ansiedlungen, Lieferketten, industrielle Kapazitäten und gesellschaftliche Resilienz.
Greifeneder will das Thema aus der CSR-Ecke holen. Wasser gehört nicht in die Abteilung guter Absichten. Es gehört in die Kalkulation von Wachstum, Außenhandel, Wiederaufbau, Zivilschutz und Zukunftsindustrien. Wer eine Chipfabrik plant und die Wasserfrage nachordnet, plant unvollständig. Wer über Rechenzentren spricht und Kühlung, Verfügbarkeit und Abwasserbehandlung ausblendet, rechnet falsch.
Die Abwasserrichtlinie trifft auf eine angespannte Zeit

Nach dem Gespräch mit Greifeneder und Beutel erhält die Panelrunde auf der IFAT eine andere Schärfe. „Abwasserrichtlinie in schwierigen Zeiten – Ambitionen, Kosten und europäische Resilienz“ lautete das Thema. Diskutiert wurde die neue EU-Kommunalabwasserrichtlinie, die dem europäischen Abwassersektor hohe Anforderungen auferlegt: vierte Reinigungsstufe gegen Mikroschadstoffe, strengere Überwachung, Berichtspflichten, Energieeffizienz bis hin zur Energieautonomie.
Das ist Gewässerschutz. Es ist auch ein Investitionsprogramm. Es verlangt Technik, Personal, Daten, Rechtssicherheit, Finanzierung und Lieferketten. Die Richtlinie trifft auf Kommunen mit knappen Haushalten, Betreiber mit Fachkräfteproblemen, Unternehmen mit volatilen Beschaffungsmärkten und Mitgliedstaaten mit sehr unterschiedlichen Ausgangslagen.
Durk Krol von Water Europe warnte vor nationalem Übererfüllen ohne Transparenz. Eine Richtlinie muss in nationales Recht übertragen werden. Mitgliedstaaten können strenger werden als Brüssel. Das kann Innovation auslösen. Es kann auch Unsicherheit schaffen, wenn nationale Zusatzanforderungen als europäische Pflicht ausgegeben werden oder wenn die Unterschiede zwischen den Ländern zu groß werden. Dann fehlen Skalierung, Investitionssicherheit und Vertrauen.
Krol verwies auf ein zweites Strukturproblem: Verschmutzung ist grenzüberschreitend, Verantwortung häufig lokal. Flussgebiete passen nicht zu kommunalen Zuständigkeiten. Deshalb braucht Europa bessere Daten, stärkere digitale Grundlagen und eine Wasserpolitik, die Einzugsgebiete ernst nimmt. Ohne solche Grundlagen droht die Richtlinie in Zuständigkeitsfragen zu zerfallen.
Die vierte Reinigungsstufe ist kein Knopfdruck
Dr. Anita Haupt von DAS Environmental Expert beschrieb die technischen Anforderungen. Bei der vierten Reinigungsstufe geht es vor allem um Adsorption mit pulverisierter oder granulierter Aktivkohle und um Oxidationsverfahren wie Ozonung. Aktivkohle bindet Spurenstoffe. Ozon kann sie abbauen. Doch beide Verfahren verlangen präzisen Betrieb. Ozonung wirft Fragen nach Neben- und Reaktionsprodukten auf. Aktivkohle braucht verlässliche Lieferketten. Jede weitere Behandlung benötigt Energie und Fachkräfte.
Damit entsteht ein Markt, der anspruchsvoller ist als ein normales Nachrüstgeschäft. Viele Anlagen müssen geplant, gebaut, betrieben und überwacht werden. Unternehmen erhalten Chancen. Betreiber erhalten neue Pflichten. Kommunen erhalten Rechnungen. Die Richtlinie kann ein europäischer Innovationsschub werden. Sie kann auch zum Engpassprogramm werden, wenn Personal, Finanzierung und Material nicht mitwachsen.
Haupt sieht außerdem die Industrie stärker in der Pflicht. Pharma- und Kosmetikunternehmen dürfen der Wasserwirtschaft nicht erst am Ende der Kette begegnen. Produktion und Abwasserbehandlung müssen Daten austauschen. Wer weiß, welche Stoffe in den Wasserkreislauf gelangen, kann Behandlung dynamischer steuern, Chemikalienbedarf begrenzen und Energie effizienter einsetzen. Der entscheidende Punkt ist Verlässlichkeit. Daten helfen nur, wenn Betreiber ihnen vertrauen können.
Die Kläranlage verlässt den Stadtrand
Prof. Dr. Peter Hartwig beschrieb die künftige Kläranlage als Teil eines städtischen Verbunds. Gereinigtes Wasser kann für Stadtgrün und Bewässerung genutzt werden. Wärme aus Abwasser kann in Wärmenetze fließen. Organische Reststoffe können Biogas liefern. Damit rückt die Abwasserwirtschaft näher an Stadtplanung, Energieversorgung und Kreislaufwirtschaft heran.
Hartwig erwartet engere Kooperationen zwischen Kommunen und Versorgern. Die vierte Reinigungsstufe bringe hohe Investitionen und zusätzlichen Personalbedarf. Europaweit könnten deshalb öffentlich-private Partnerschaften zunehmen. Auch der Austausch zwischen Kommunen, Verbänden, privaten Betreibern und Expertengruppen werde wichtiger. Erfahrungen mit Wasserwiederverwendung aus Australien oder Automatisierung aus europäischen Fachgruppen könnten helfen, nicht überall dieselben Fehler neu zu machen.
Ralf Kannefass von KSB weitete den Blick auf Wasserwiederverwendung und Wärmerückgewinnung. In Australien werde Wasser wieder in Grundwasserleiter eingebracht. In Ägypten zwinge die Knappheit am Nil zur Wiederverwendung. Abwasserwärme könne Schwimmbäder oder Wärmenetze versorgen. Energieautonomie von Kläranlagen hält er für erreichbar, wenn öffentliche und private Investitionen zusammenkommen.
Bei der Finanzierung vertrat Kannefass eine unbequeme Position. Angesichts der Schulden vieler Staaten werde das alte Muster nicht tragen, zuerst nach öffentlichem Geld zu rufen. Betreiber und Unternehmen, die aus Anlagen Wertströme erzeugen, müssten selbst investieren. Öffentliche Mittel bleiben wichtig. Doch ohne Geschäftsmodell wird aus Transformation schnell ein Förderantrag mit ungewissem Ausgang.
Europas Wasserfrage entscheidet sich an der Umsetzung
Die IFAT in München zeigt eine Branche, deren Bedeutung größer ist als ihr öffentliches Bild. Sie verhandelt über Trinkwassersicherheit in Kriegsgebieten, über Wiederaufbau in der Ukraine, über Kläranlagen in Zentralasien, über Wasser als Produktionsfaktor für Zukunftsindustrien und über eine europäische Abwasserrichtlinie, die Kommunen, Betreiber und Hersteller vor enorme Aufgaben stellt.
Die Ukraine zeigt die Verletzlichkeit. Die EECCA-Region zeigt die außenwirtschaftliche Aufgabe. Die Abwasserrichtlinie zeigt den Modernisierungsdruck. German Water Partnership zeigt, dass deutsche Unternehmen, Betreiber und Verbände handlungsfähig sind, wenn sie sich bündeln. Was fehlt, ist die politische Form, die daraus eine Strategie macht.
Wasserpartnerschaften wären ein Anfang. Eine koordinierte Umsetzung der Abwasserrichtlinie wäre der nächste Schritt. Eine Industriepolitik, die Wasser neben Energie, Rohstoffen und Daten als strategische Grundlage behandelt, wäre überfällig.
Auf der IFAT geht es daher nicht nur um neue Technik. Es geht um Europas Fähigkeit, aus Regulierung Stärke zu machen, aus Hilfsprojekten dauerhafte Partnerschaften, aus kommunalen Anlagen Ressourcenstandorte und aus deutscher Ingenieurkunst internationale Handlungsfähigkeit.
Sauberes Wasser war lange das unsichtbare Versprechen moderner Staaten. Jetzt wird es zu ihrer Prüfung.