
Vor der Reise nach Pfunds werden die Teilnehmenden nach ihrem Können gefragt. Die Skigruppe ist eingeteilt in eine Rote Gruppe und eine Schwarze Gruppe. Ich entschied mich für die Rote Gruppe, mit Claus als Skilehrer. Am Abend dieses zweiten Skitags war klar: Die rote Gruppe hatte einen Tag der schwarzen Pisten hingelegt.
Das hatte Gründe. Nach dem Neuschnee des vergangenen Tages, mit vielen Sonnenstunden und exzellent präparierten Pisten, waren die Bedingungen in Samnaun und Ischgl nahezu ideal. Der Schnee war griffig, die Sicht gut, die Hänge offen. Sechs Stunden Sonne waren angekündigt, am Ende dürften es eher acht gewesen sein. Es war einer jener Tage, an denen das Skifahren früh in einen Flow gerät und sich dann über Stunden nicht mehr aus diesem Zustand herausbewegt.
Dazu kam Claus. Er stellte die kleine Gruppe ausgezeichnet ein, mit vielen knappen, sehr brauchbaren Hinweisen und ohne jedes überflüssige Gerede. Die Gruppe selbst war angenehm kompakt, gut aufeinander abgestimmt und nicht auf Pausen aus. Das machte einen Unterschied. Man wartete nicht dauernd, man zerredete die Sache nicht, man fuhr. Und schwupps waren in Samnaun und Ischgl fast alle schwarzen Pisten absolviert.
Die Lange Wand
Der Höhepunkt des Tages war die Lange Wand, die Piste 14a. Sie gilt in der Silvretta Arena als eine der steilsten und anspruchsvollsten schwarzen Abfahrten des Gebiets. Die Bergbahnen geben für die Lange-Wand-Bahn C5 eine Bergstation auf 2853 Metern an; von dort zieht die Abfahrt mit bis zu 70 Prozent Gefälle hinunter. Andere Darstellungen sprechen sogar von bis zu 78 Prozent. Die Piste ist rund 1,8 bis 2 Kilometer lang und überwindet gut 600 Höhenmeter Richtung Höllkar.
Solche Hänge fährt man am besten am Vormittag. Dann ist der Schnee besonders griffig, und die eigene Kondition befindet sich noch dort, wo man sie gern hat. An einer Steilwand anzuhalten, ist ohnehin keine glänzende Idee. Es fehlt dort nicht nur an Eleganz, sondern meist auch an Notwendigkeit. Also fuhr unsere kleine rote Gruppe die Lange Wand ohne Pause – und meisterte sie mit Bravour. Unten war nicht viel zu sagen. Wer so etwas sauber hinunterbringt, braucht keine rhetorische Verlängerung.
Viel Licht, viel Gelände
Dieser zweite Tag hatte überhaupt eine Großzügigkeit, wie sie nur an wenigen Skitagen wirklich entsteht. Das Licht stand lange über den Bergen, die Hänge waren leer genug, um Linien wirklich fahren zu können, und die Arena zwischen Samnaun und Ischgl zeigte sich von ihrer weiten Seite. Oben am Grat die technischen Schneisen der Gegenwart, darunter große weiße Rücken, Mulden und Kämme, dazwischen jene alpinen Übergänge, die das Gelände nicht nur sportlich, sondern auch landschaftlich lesbar machen. Man fuhr viel, intensiv und konzentriert, und weil alles stimmte, merkte man die Höhenmeter weniger, als man sie abends in den Beinen hatte.
Am Ende die Schmuggler Alm
Am Nachmittag allerdings war mein Akku ziemlich leer. Nach so einem Vormittag freut man sich auf die Talabfahrt mit Ziel. Dieses Ziel hieß Schmuggler Alm. Das Haus liegt in Samnaun Dorf direkt an der Zeblas-Talabfahrt 80/81 und wird von Samnaun Tourismus offiziell als Erlebnisrestaurant mit urigem Ambiente, Panoramaterrasse, Après-Snow und Holzofenpizza geführt. Das ist zunächst die übliche Sprache des alpinen Gastgewerbes, trifft hier aber erstaunlich genau.

Drinnen viel dunkles Holz, schwere Balken, Treppen, Geländer, kleine Ebenen und Nischen; eine Architektur, die das Wort „urig“ nicht als Marketingetikett benutzt, sondern tatsächlich einlöst. In einer Ecke leuchtet ein geschnitzter Widderkopf ins Halbdunkel, an den Wänden und über den Podesten sammelt sich jene leicht verspielte Rustikalität, die man andernorts leicht peinlich finden könnte und die hier doch funktioniert. Nach einem langen Skitag sitzt man dort nicht bloß zum Essen, sondern zum langsamen Wiederzusichkommen. Draußen die Talabfahrt, drinnen Wärme, Holz, Stimmen, Müdigkeit. Besser kann ein Skitag kaum ausklingen.
Die Rückfahrt durch den Fels
Und dann die Busfahrt zurück nach Pfunds. Wer von Samnaun ins Tiroler Oberland zurückfährt, nimmt die Route über Spiss. Samnaun selbst verweist in seinen Anreiseinformationen ausdrücklich auf die Verbindung über Pfunds, Kajetansbrücke, Spiss und Samnaun. Spiss wiederum ist mit 1653 Metern die höchstgelegene Gemeinde Österreichs; auf österreichischer Seite wurde die Straßenverbindung dorthin überhaupt erst 1980 gebaut. Vorher führte lediglich ein schmaler Weg aus dem Inntal herauf.

Gerade deshalb wirkt die Rückfahrt so eigentümlich. Der Bus verlässt Samnaun, quert den Grenzraum und läuft dann auf der L348 Spisser Straße talwärts Richtung Pfunds. Diese Strecke ist wegen Lawinen- und Steinschlaggefahr technisch stark gesichert. Offizielle Tiroler Verkehrsquellen nennen dort den Anna-Tunnel; Bauunterlagen zur Celleswaldgalerie verweisen zudem auf den Gstalda-Tunnel und den Anna-Tunnel, an deren Ende die rund 207 Meter lange Galerie zwischen 2012 und 2014 errichtet wurde, um die Straße besser gegen Naturgefahren zu schützen. Bis zu 4000 Fahrzeuge täglich nutzen diese Verbindung.
Das erklärt die eigentümliche Atmosphäre dieser Rückfahrt. Der Tunnel wirkt nicht geschniegelt und ausgeleuchtet wie eine perfekte Infrastrukturmaschine, sondern roh, beinahe in den Berg hineingeschrieben. Die Fahrbahn läuft wie mit dem Lineal gezogen durch den Fels, links und rechts die unregelmäßigen Wände, das Licht warm und gelb, die Leuchten knapp über dem Asphalt, draußen längst wieder Tal und Abend. Nach einem Tag auf offenen Hängen ist diese Passage durch den Berg fast schon eine abrupte Gegenform: eben noch Weite, jetzt Röhre; eben noch Sonne auf der Greitspitze, jetzt Fels dicht vor der Scheibe. Gerade das macht ihren Reiz aus.
Ein großer zweiter Skitag
So blieb von diesem zweiten Skitag ein sehr klares Bild. Im Vorfeld hatte ich mich für die rote Gruppe entschieden. Tatsächlich wurde es der Tag der schwarzen Pisten. Die Bedingungen waren ideal, Claus stellte die Gruppe bestens ein, die kleine Formation fuhr intensiv und ohne viele Unterbrechungen, die Lange Wand gelang ohne Pause, und am Ende warteten mit der Schmuggler Alm und der eigentümlichen Tunnelrückfahrt zwei Schlussakkorde, die besser waren als jedes routinierte Après-Ski.
Als Schlusspunkt des Tages passte dann noch etwas, das man in durchorganisierten Reisen nicht unbedingt erwartet: im Hotel eine kleine Zimmerfete. Snacks, Bier, Wein, ein wenig Schnaps, dazu diese gelöste Stimmung, die sich nicht herstellen lässt und gerade deshalb so angenehm ist. Es hatte etwas von früher, von Klassenfahrten und Jugendherberge, nur dass inzwischen niemand mehr heimlich Chips unter der Bettdecke rascheln lassen musste und die Gespräche deutlich besser wurden. Die einzige Regel war von schöner Schlichtheit: Jeder bringt sein eigenes Glas mit.
Es war, kurz gesagt, ein grandioser Skitag. Nur dass dieser Satz kaum erzählt, wie schön er wirklich war.
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