
Aus Halle 1, auf der Fachmesse Zukunft Personal, dringt das Summen einer lebendigen Menge, das Klappern von Messeständen und die Stimmen von Personalern, Coaches und Führungskräften, die sich für die Zukunft wappnen. Neben der Keynote-Bühne, zwischen Visionen und Kaffeetassen, steht Walter Kohl, Unternehmer und Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers. Vor wenigen Minuten noch hielt er hier einen Vortrag – ein Weckruf an jene, die Verantwortung tragen, und zugleich ein nüchternes Plädoyer für den Menschen inmitten der Maschinerie, die „Wandel“ heißt.
Kohl, frisch vom Podium, blickt mit ruhiger Ernsthaftigkeit und scheint sich an jede Geste, jedes Wort bewusst zu erinnern. In seinem Vortrag zum Change-Management machte er deutlich, dass Führung nur dort funktioniert, wo Menschen gewonnen werden. Doch warum scheitern dann so viele Change-Projekte, will ich wissen. Was läuft schief? „Es ist die Reihenfolge des Denkens,“ sagt er mir, als wäre dies die Antwort auf die Rätsel einer ganzen Branche. „Man fängt oft beim Problem an und vergisst, welche Menschen dahinterstehen.“
Es scheint ihm ein Anliegen, dass Führung keine Anweisung bleibt, sondern eine Einladung zum gemeinsamen Handeln wird. Angesichts der wachsenden Krisen – Corona, Ukraine-Krieg, die immer näher rückende Klimakrise – fordert Kohl die Führungskräfte dazu auf, tiefere Fragen zu stellen: „Können diejenigen, die den Wandel anleiten sollen, auch wirklich Menschen führen? Oder sind sie nur Meister darin, Prozesse zu verwalten?“ Sein Blick streift die Messehalle, als wolle er wissen, wer hier zuhört und wer einfach nur darauf wartet, dass das Gespräch endet.
Für Kohl war die Pandemie nicht nur eine Belastungsprobe, sondern auch ein Katalysator für die Digitalisierung. „Doch die wahre Herausforderung,“ fügt er hinzu, „ist eine andere: Die Zeitenwende, die wir heute durchleben, geht tiefer.“ Dabei spricht er von nichts weniger als einem neuen Kapitel der europäischen Geschichte, das am 24. Februar 2022 begann, als Putins Krieg in der Ukraine entflammte. Für Kohl ist dies keine isolierte Krise. Es sei der Beginn eines komplexen Kampfes, der Lieferketten, gesellschaftliche Strukturen und Werte gleichermaßen herausfordert. Er sieht die Notwendigkeit, die „Komfortzone“ endgültig zu verlassen und realisiert mit nüchternem Blick, dass solche Krisen nicht mehr nur abstrakte Risiken sind, sondern greifbare Prüfsteine.
Kohls Blick auf die aktuellen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen zeugt von einer beständigen Überzeugung: Naivität ist kein Luxus, den wir uns leisten können. In einem Exkurs beschreibt er die deutsche Abhängigkeit von russischem Gas, die Verflechtung wirtschaftlicher Interessen mit politischen Illusionen und die jahrzehntelange Ignoranz gegenüber den Warnungen osteuropäischer Nachbarn. „Wir haben uns der Leichtgläubigkeit hingegeben,“ resümiert er mit einer Dringlichkeit, die zwischen Resignation und Hoffnung pendelt. Er selbst plädiert für eine Wehrpflicht, die uns als Gesellschaft stärke, die Fähigkeit, für unsere Werte einzustehen – eine Idee, die von Clausewitz’ Worten geprägt ist: Ein Land wird entweder von der eigenen oder einer fremden Armee verteidigt.
Wenn Kohl über Putin spricht, wird der Ernst in seiner Stimme noch schärfer. „Putin ist kein Gentleman, den man im diplomatischen Gespräch zur Vernunft bringen kann,“ sagt er und verweist auf die Auftragsmorde, die Bombardierungen in Grosny und Aleppo, das brutale Vorgehen in Tschetschenien. „Putin ist ein Kriegsverbrecher, und das sollten wir nie vergessen.“ Er blickt zurück auf die Ignoranz der europäischen und deutschen Politik: „Die baltischen Staaten und Polen haben uns jahrelang gewarnt, aber wir haben weggesehen.“ Kohl wirft der Bundesregierung vor, wirtschaftliche Interessen über die Werte der Freiheit und Demokratie gestellt zu haben – eine Naivität, die nun auf schmerzhafte Weise korrigiert werden müsse.
Er erzählt, dass er 2020 wenige Wochen vor Corona ein Buch veröffentlichte, in dem er den Umgang des Westens mit Russland kritisch analysierte. „Das System Putin ist unser Gegner,“ schrieb er damals, und heute bestätigt sich für ihn diese Einschätzung: „Wir müssen lernen, dass wir es mit einem Regime zu tun haben, das keine Hemmungen hat, seine Interessen gewaltsam durchzusetzen.“ Kohl ist überzeugt, dass nur eine klare, unmissverständliche Position – auch auf Kosten wirtschaftlicher Einschnitte – den nötigen Wandel bewirken kann.
Im Unternehmensalltag fordert Kohl einen unbestechlichen Blick auf die eigene Verwundbarkeit. Fragen wie „Kann ich enteignet werden? Wie stabil sind meine Lieferketten? Welche Rolle spielt meine Belegschaft wirklich?“ markieren für ihn den unternehmerischen Kurs im unsicheren Fahrwasser. Er betont die Notwendigkeit einer „Moral der Truppe,“ jener inneren Haltung, die eine Gemeinschaft erst zu einer resilienten Einheit macht. Es ist diese „Moral der Truppe,“ die für ihn die wahre Aufgabe des Managements darstellt – das Verbinden, das Einfangen und das Inspirieren der Menschen für das gemeinsame Wohl.
Als unser Gespräch endet, lässt Kohl seine Blicke noch einmal über die Messehalle schweifen. „Back to the future,“ murmelt er. Die Rückkehr zu Präsenzveranstaltungen bringt ihm sichtliche Freude, und in seinen Worten klingt der Hauch von Erleichterung: „Ein Interview in Person ist doch etwas anderes.“ Und so bleibt der Nachhall seines Gesprächs – ein leiser Appell an alle Führungskräfte, die Zukunft nicht als ferne Idee, sondern als unmittelbare Aufgabe zu begreifen.
In diesen Worten liegt Kohls Erbe – und doch auch seine ganz eigene Vision.