#Industriegipfel im Gestern verhaftet: Warum Deutschlands Zukunft im Strukturwandel liegt – und nicht in Abwrackprämien @Bundeskanzler @c_lindner @robinalexander_ @wolflotter @HermannSimon #SchumpeterInBonn

Der von Kanzler Scholz geplante Industriegipfel zeigt eindrucksvoll die Tendenz der deutschen Wirtschaftspolitik, in den Anachronismen alter Industriestrukturen zu verharren. Es fehlt an einem institutionellen Rahmen, der uns auf die Bedürfnisse einer nachindustriellen Epoche vorbereitet. Die Konzepte, die für diesen Wandel notwendig wären, um uns von den Überresten der klassischen industriellen Wertschöpfung zu lösen, sind schlichtweg nicht vorhanden. Stattdessen bleibt die wirtschaftliche und gesellschaftliche Elite, ebenso wie die öffentliche Meinung, an überholten Denkmustern orientiert – eine Realität, die selbst in den rohstoffintensiven Sektoren wie der deutschen Großchemie bereits in den 1960er Jahren deutlich wurde, als die Wertschöpfung zunehmend durch wissenschaftlich fundierte Prozesse und weniger durch Rohstoffverbrauch erzielt wurde.

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Bereits in den späten 1920er Jahren, als Joseph Schumpeter an der Universität Bonn lehrte und forschte, diagnostizierte er eine vergleichbare Problematik. Schumpeter beschrieb damals die Spannung zwischen einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung und einer Gesellschaft, die in ländlichen und feudal geprägten Denkweisen verhaftet blieb. Die Diskrepanz zwischen den wirtschaftlichen Strukturen und dem gesellschaftlichen Geist behindert, so Schumpeter, notwendige Entwicklungen und Innovationen. Ein ähnliches Dilemma spiegelt sich heute in der deutschen Industriepolitik wider: Der notwendige Wandel wird durch eine konservative Rückbesinnung auf traditionelle Branchen gebremst.

Ein Rückblick auf Schumpeters Werk „Die sozialen Klassen im ethnisch homogenen Milieu“ von 1927 verdeutlicht, dass die Anpassung an neue wirtschaftliche Realitäten ein kontinuierlicher Prozess ist, der durch strukturelle Veränderungen begünstigt wird. Schumpeter sah bereits, dass wirtschaftlicher Fortschritt oft mit sozialen Umwälzungen einhergeht, die alte Machtverhältnisse ins Wanken bringen. So wie damals die Mechanisierung der Landwirtschaft eine massive Landflucht und Umschichtung der Bevölkerung verursachte, steht die heutige Wirtschaftspolitik vor der Aufgabe, den Übergang in eine digitale und wissensbasierte Ökonomie zu gestalten. Ohne diesen institutionellen Rahmen wird die industrielle Oberschicht ihre Position zwangsläufig an die agileren Akteure der digitalen Wirtschaft verlieren.

Anstatt jedoch diesen strukturellen Wandel zu fördern, setzt die deutsche Politik weiterhin auf ressourcenintensive Industrien, die enorme Energiemengen beanspruchen, während sie gleichzeitig Innovationspotenziale ungenutzt lässt. Die konjunkturpolitischen Maßnahmen, die sich auf Abwrackprämien und Subventionen für etablierte Industrien stützen, verschlingen die Ressourcen, die eine zukunftsgerichtete Transformation erfordern würde. Es ist der gleiche institutionelle Mangel, den Schumpeter bereits in den 1920er Jahren beobachtete – die Unfähigkeit, ökonomische und soziale Realitäten rechtzeitig zu erkennen und anzupassen.

Was heute gefordert ist, ist kein nostalgischer Blick auf vergangene industrielle Erfolge, sondern der institutionelle Mut, neue Wege einzuschlagen und Strukturen zu schaffen, die mit den Anforderungen einer globalisierten Wissensökonomie Schritt halten. So wie damals die Mechanisierung der Landwirtschaft das Fundament für die Industrialisierung schuf, braucht die deutsche Wirtschaftspolitik heute eine konsequente Neuorientierung, um den strukturellen Wandel zu einer digitalen Ökonomie erfolgreich zu meistern.

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