
Ernst Strouhals Über kurz oder lang: Essays und Reportagen (2024) entfaltet sich als eine wahre Entdeckungsreise durch die Kultur des Lesens, Schreibens und Archivierens. Die Essays zeichnen sich durch eine immense Vielschichtigkeit aus, wobei besonders das Kapitel „Über das Blättern – Verzetteltes Schreiben, zerstreutes Lesen“ hervorsticht. Strouhal, Professor und versierter Kulturpublizist, ergründet in diesem Abschnitt eine der zentralen Fragen seines Werkes: Warum ziehen uns Bücher so unwiderstehlich in ihren Bann, und was genau verleiht dem Blättern und Lesen eine geradezu hypnotische Wirkung?
Strouhal beschreibt das Blättern, wie er es nennt, als eine Reise durch die Seiten eines Buches, die sich oft ganz von selbst öffnet und uns einlädt, zu verweilen oder weiterzuspringen. Es ist für ihn ein Vorgang der „spielerischen Sprunghaftigkeit“ – ein Entschwinden der strengen Linearität, wie sie uns in der traditionellen Lesekultur nahegelegt wird. Strouhal stellt fest, dass diese Art des kursorischen Lesens nicht weniger Erkenntnisse birgt als das konzentrierte Studium. Im Gegenteil: Gerade im flüchtigen Blättern, im Verzetteln, finden sich überraschende Momente und Erkenntnisse, die man sonst übersehen hätte(pdf Strouhal).
Die von Strouhal beschriebene sinnliche Qualität des Buches ruft unweigerlich die Kreation des Buchdruckers Gerhard Steidl ins Gedächtnis: das Parfüm Paper Passion. Gemeinsam mit dem Parfümeur Geza Schön und dem Wallpaper Magazine entwickelte Steidl einen Duft, der die Essenz frischgedruckter Bücher einfängt. Das Parfüm, welches den Duft von Papier, Tinte und Druckerkunst zu einem olfaktorischen Erlebnis verdichtet, entstand aus der Erfahrung und Leidenschaft des Druckens. Geza Schön ließ sich in Steidls Göttinger Druckerei inspirieren und entwarf in siebzehn Anläufen eine Komposition, die den Papiergeruch in seiner ganzen Tiefe verkörpert. Mit der Verpackung, die Karl Lagerfeld entworfen hat, und Texten von Günter Grass, Schön und anderen auf den ersten Seiten eines buchähnlichen Einbands, wird „Paper Passion“ zu einer Hommage an das physische Buch. Für Strouhal wäre dies ein Beleg dafür, dass das Buch selbst als „körperliches Dialogobjekt“ dient, das nicht nur gelesen, sondern gefühlt, gerochen und erfahren werden will(pdf Strouhal).
Das Blättern wird für Strouhal zu einem Symbol für eine gewisse Form der Serendipität: Die Erkenntnisse, die wir durch zufälliges Aufschlagen und flüchtiges Lesen gewinnen, sind oft die wertvollsten. So zitiert er Autoren wie Raymond Queneau, dessen Cent mille milliards de poèmes ein Gedichtband ist, der durch die unterschiedlichen Kombinationsmöglichkeiten seiner Zeilen unzählige neue Gedichte hervorbringt. Das Blättern in einem Werk wie diesem, das sich der Totalität des Leseakts entzieht, ist laut Strouhal eine Übung in der Kunst der Kombinatorik, der „Lust am Fragmentarischen“. Für ihn liegt in dieser zufälligen Zusammenstellung eine tiefere Weisheit, ein Reichtum, der uns bewusst macht, dass nicht alles durch eine geschlossene Lesart erfasst werden muss(pdf Strouhal).
Im Vergleich zu meiner eigenen Arbeit, insbesondere zu den Untersuchungen über Roland Barthes und Marcel Proust, zeigt sich eine Parallele im Umgang mit Fragmenten. Barthes betont in seinen Schriften immer wieder das „intertextuelle“ und das „spielerische“ Element des Textes, der sich nicht nur in seiner eigenen Struktur, sondern in einem Netz aus Zitaten, Assoziationen und Verweisen entfaltet. Strouhal und Barthes finden in dieser Freiheit des Fragments eine Art von Offenheit, die den Leser einlädt, seine eigene Ordnung und Bedeutung zu entdecken, ohne von einer vorgefertigten Struktur eingeschränkt zu werden. Für Proust wiederum ist das Fragmentarische das Mittel, sich in Erinnerungen zu verlieren und das Unvollständige als Wert anzuerkennen – eine Methode, die sich auch in Strouhals Essays widerspiegelt, wenn er das Verzettelte als schöpferischen Akt des Findens beschreibt(pdf Strouhal).
Strouhals Essays feiern diese Freiheit und heben die sinnliche Erfahrung des Lesens hervor, die durch das Material selbst vermittelt wird: das Rauschen der Seiten, der leichte Widerstand beim Umblättern, das Gewicht des Buches in den Händen und natürlich der Duft des Papiers. So wie Gerhard Steidl in Paper Passion den Duft frischgedruckter Bücher zu einem Parfüm verarbeitete, das nicht an Wert verliert, sondern reift, so gewinnt das Blättern für Strouhal einen besonderen Status: es erlaubt uns, die zeitlichen Spuren und das Alter des Buches zu erleben, es wird zu einer Zeremonie, bei der wir durch vergangene Lektüren „reisen“. Diese Art der Lektüre ist für Strouhal kein Anachronismus, sondern eine bewusste Entscheidung für eine entschleunigte und sinnliche Auseinandersetzung mit dem Medium(pdf Strouhal).
Am Ende wird Strouhals Über kurz oder lang zu einem poetischen Manifest für das offene Lesen. Seine Essays lassen uns spüren, dass das Buch kein bloßer Wissensspeicher ist, sondern ein lebendiges Objekt, das durch unsere Hände, Sinne und Assoziationen zur Bedeutung erwacht. Strouhal spricht mit Begeisterung vom „kreativen Sprungbrett“ des Fragmentarischen und zeigt uns, dass das Verzetteln und Blättern, das scheinbar ziellose Wandern durch ein Buch, mehr ist als bloße Zerstreuung. Es ist ein Akt des Schaffens und Erlebens, bei dem das Buch selbst als eine Art „Kunstwerk“ neu erscheint.

Exkurs: Das flüsternde Uhrwerk: Von der Sprechmaschine des Kempelen und der frühen Magie mechanischer Stimmen
Die Sprechmaschine von Wolfgang von Kempelen, die im Wien des 18. Jahrhunderts für Staunen sorgte, ist eine der faszinierendsten technischen Errungenschaften ihrer Zeit und ein früher Meilenstein der Phonetik. Kempelen, der bekannteste Mechaniker am Hofe von Kaiserin Maria Theresia, erschuf mit dieser Apparatur ein Gerät, das menschliche Sprachlaute imitieren konnte. Obwohl der berühmtere „Schachtürke“ – eine angeblich autonome Schachmaschine, die sich als meisterhafte Täuschung herausstellte – weitreichendere Bekanntheit erlangte, stellt die Sprechmaschine ein tieferes Verständnis für das Wesen der Sprache und die Möglichkeiten mechanischer Reproduktion dar. Ernst Strouhal, selbst fasziniert von der Kombination aus Kultur und Technik, beteiligte sich 2004 an einem Nachbau dieses Apparats. In Zusammenarbeit mit Jakob Scheid und Brigitte Felderer rekonstruierte Strouhal die Maschine im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Universität für angewandte Kunst in Wien und ermöglichte so, diese historische Konstruktion und ihre Funktionsweise hautnah zu erleben.
Die Sprechmaschine, in ihrer Zeit ein technologisches Wunder, stellt eine Vorwegnahme moderner Bestrebungen dar, menschliche Sprache durch Maschinen wiederzugeben. Wie Edgar Allan Poe bei seinem Erleben des Schachtürken bemerkte, handelt es sich hier um die „wunderbarste über jedwede Vergleichung turmhoch erhabene Erfindung der Menschheit“. Die Rekonstruktion dieses Apparats zeigt nicht nur das handwerkliche Können der damaligen Zeit, sondern wirft auch ein Licht auf das frühe Interesse, die Schnittstelle zwischen Mensch und Technik auszuloten. Die Sprechmaschine – nicht nur ein Symbol mechanischen Könnens, sondern eine ironische Vorwegnahme unserer modernen Faszination für künstliche Intelligenz – bringt eine kulturelle und wissenschaftliche Neugier zum Ausdruck, die bis heute fortwirkt und Strouhals wissenschaftliches Interesse an der Mensch-Maschine-Beziehung veranschaulicht.
Siehe auch:
Hofrat Kempelen, Turing und der Schachautomat als ironischer Vorläufer von Künstlicher Intelligenz
Auf der Website von Digital X ein Dauerbrenner: „Leopoldus Secundus – Romanum Imperator – Semper Augustus“: Von sprechenden Maschinen, geheimnisvollen Schachautomaten und der Rolle des Menschen