Vom Armageddon zum Erlösungsversprechen der Ernstfall-Rhetoriker

Ist das Streben nach einer Erlösung und Wiedergeburt inmitten von Katastrophen und Zerstörung ein tief verwurzelter Wunsch des Menschen? Diese Frage stellt sich, wenn wir den Begriff „Armageddon“ betrachten, der als Symbol für den Weltuntergang und die totale Vernichtung steht. In zahlreichen Katastrophenfilmen wird dieses Muster aufgegriffen, als ob jede nahezu vernichtende Situation eine Garantie für ein erlösendes Happy End wäre. Selbst in inflationären Redewendungen, die „in jeder Krise eine Chance“ sehen, spiegelt sich dieses Wunschdenken wider. Friedrich Hölderlin drückte es auf eine höhere, aber nicht weniger kryptische Weise aus: „Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch“. Doch sollten wir uns von diesem „Prinzip Hoffnung“, auch wenn es noch so verführerisch erscheint, distanzieren. Es hat viel Unheil angerichtet, indem es unsere Faszination für das Unheil genährt und uns zu Getriebenen tragischer Welt- und Schicksalsentwürfe gemacht hat. Der Erste Weltkrieg erlangte erst durch die tausendfache Wiederholung der Parole von der finalen Zerstörung alles Alten und Verbrauchten seine zerstörerische Wucht.

Gleiches erleben wir auch heute bei den Crash-Propheten, die vom Untergang des Abendlandes schwadronieren, insgeheim ihre Geschäftchen mit Edelmetall verticken und zudem das politische System aushebeln wollen.

Es ist die deutsche Sehnsucht nach Ordnung und Normen. „Diese Ordnungen, kanonisiert in Gesetzestafeln, Kodices und Konstitutionen, manifest gemacht im Großlettrigen wie im Kleingedruckten, oktroyieren Macht, regeln Interessen“, schreibt Professor Heinz Schilling in seinem Buch „Kleinbürger – Mentalität und Lebensstil“. Es dominiere das Strebsame und Planvolle; das sich Sichern und sich Rückversichern; jene Fürsorglichkeit und Ängstlichkeit; das Egoistische und Neidische; Zufriedenheit und Knauserigkeit bis zum Geiz; eine gewisse Hasenfüßigkeit und Kleinmäusigkeit; die pedantische Sorge um Ordnung und Schicklichkeit; die Angst vor dem anderen; das Enge und Ortsbezogene; das Beharrende und Antimoderne – das Credo des kleinbürgerlichen Angsthasen: Ordentlichkeit! „Bürger, schützt Eure Anlagen“! – das Stadtparkgebot: Ihr habt sie ja auch bezahlt. „Rasen betreten verboten!“ – das Stadtparkverbot. „Hunde an die Leine!“ – die Stadtpark-Scheißvermeidung. „Mein Haus und meine Hecke sind unantastbar!“ – ein Eldorado für Nachbarschaftsklagen.

Jammerlappen-Psychose im Buddelkasten

Irgendwie erinnert mich diese Jammerlappen-Psychose an Oswald Sprengler. Der Autor des kulturpessimistischen Bestsellers „Untergang des Abendlandes“ hatte im realen Leben eine Hosenscheißer-Persönlichkeit. Spengler erscheint in seinen Nachlassaufzeichnungen „als eine weichliche, ängstliche, in sich selbst abgekapselte Persönlichkeit voller Hemmungen aller Art, die sich selbst als verkrachte Existenz wahrnimmt. Das Motiv der Angst wird hundertfach heruntergeleiert. Spengler hat weit über die Kinderjahre hinaus vor allem Angst: vor den anderen, vor jedem Erwachsenen, vor Mitschülern, vor allem ‚Weiblichen‘ (maßlose lächerliche Schüchternheit!), vor der Öffentlichkeit, vor Beziehungen, vor dem Eintritt in einen Laden, vor der Zukunft, vor Versetzung, vor Verspätungen, vor Begegnungen, vor Verwandten, vor dem Schlaf, vor Behörden, vor Gewittern, vor dem Krieg, sogar vor der Musik (die ihn ‚zermalmt‘), vor der Welt, vor dem Leben, vor dem Tod, Angst, Angst, Angst und schließlich Angst, seine Angst zu zeigen“, schreibt Gilbert Merlio im Nachwort des Buches „Oswald Spengler, Ich beneide jeden, der lebt – Die Aufzeichnungen ‚Eis heauton‘ aus dem Nachlass“.

Seine Selbstanklage wandelt sich dann im „Untergang des Abendlandes“ in eine Anklage gegen die Zeitumstände. Zeitgenössische Malerei, Architektur und Literatur verabscheut er. Er sehnt sich nach der guten alten Zeit. „Mein München von 1900 schildern. Längst tot. Kunststadt, letzter Hauch von Ludwig I. Ewige Sehnsucht danach. Café Colonnette“. Spengler sieht sich als letzten Kulturmenschen in einer Zeit, die sich ihres eigenen Verfalls nicht bewusst ist. Dabei kompensiert er nur sein klägliches Versagen, mit den Umständen der Zeit fertig zu werden. Gearbeitet wird stets mit Andeutungen. Ein rhetorischer Trick, der auch heute noch viele Menschen erreicht, die eigentlich nicht zur Radikalisierung neigen, aber dennoch geneigt sind, den Phrasen der Ernstfall-Unkenrufern zu folgen.

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