
2017 beschrieb ich in meiner Netzpiloten-Kolumne, was viele erst heute mit Erstaunen registrieren: Die Ideologie hinter der Bubblegum-Hippie-Fassade des Silicon Valley war nie nur Tech-Optimismus oder naive Fortschrittsgläubigkeit. Sie hatte immer auch eine dunkle Seite: einen libertären, radikal-kapitalistischen und oft gesellschaftsfeindlichen Kern. Während damals die meisten noch von der Innovationskraft und den Heilsversprechen der kalifornischen Tech-Eliten schwärmten, zeichnete sich längst ab, dass diese Welt keineswegs ein unschuldiges Spiel von Start-ups und disruptiven Geschäftsmodellen war.
In der Wirtschaft geht es immer um Wertentscheidungen. Jeder ökonomische Formelkonstrukteur ist gefordert, seine Weltsicht zu erklären. Das gilt auch für jene, die auf Bühnen über die Notwendigkeit der Digitalisierung schwätzen, aber sich in Wirklichkeit hinter Begriffskaskaden verstecken. Die Keynote-Dauerredner sprechen von Digitaler Transformation, Digitalem Darwinismus (sozusagen die Donald Trump-Variante des Business-Darwinismus), Disruption oder Innovation, erläutern aber nicht, welche Programmatik dahinter steckt.
„Wenn wir wirklich eine inklusive, nachhaltige und verantwortliche Gesellschaft und Ökonomie wollen, müssen wir unsere Bilanzen und Logiken ändern. Ich halte das für fundamental. Was sind die grundlegenden Paradigmen und Theorien der Ökonomie? Die sind implizit normativ. Am Ende ist Digitalisierung kein Selbstzweck. Es gibt auch keinen Determinismus. Wir haben gestalterische Freiheiten. Wohin führen unsere Denkansätze?“, fragte sich bereits damals Winfried Felser in der netzökonomischen Ideenrunde.
Wie gerecht ist die Netzökonomie? Darüber dachte in der digitalen Technologieszene kaum jemand nach. Umso mehr müsste sich die Wirtschaftswissenschaft mit diesen Fragen beschäftigen, forderte Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal-Instituts. Die Ökonomik sollte etwas zu möglichen und wünschenswerten Szenarien in der Zukunft sagen. Sie muss wieder Möglichkeitswissenschaft werden: Wie könne eine Ökonomie aussehen, die die Produktivitätsfortschritte der Informationswirtschaft für einen Wohlstand nutzt, der bei möglichst vielen Menschen ankommt?
Doch im Silicon Valley war und ist davon wenig zu spüren. Da findet man eher eine Menge Donald Trump-Ideologie, auch wenn die kalifornischen Protagonisten der Netzökonomie das empört zurückweisen würden: Das Dasein sei ein Dschungel, in dem man bereit sein muss, zu kämpfen – das ist das Credo von Trumps „kontrollierter Paranoia“. Überleben werde nur der Stärkere. Für den neuen Präsidenten der USA gibt es nur zwei Sorten von Menschen: Gewinner und Verlierer. „Sei ein Killer“, so der „pädagogische“ Leitspruch seines Vaters.
Schon 2017 beschrieb ich, dass der ideologische Überbau für diesen donaldistischen Siegeszug längst vorhanden war. Norman Vincent Peale, evangelikaler Tschakka-Wanderprediger und Autor des Bestsellers „The Power of Positive Thinking“, diente als Stichwortgeber für eine Ideologie der Sieger. „Denk nie von dir selbst als jemand, der versagt“, lautete Peales Mantra. Bei Trump wurde daraus eine Manie: „Ich gewinne, ich gewinne immer.“ Und wenn er nicht gewinnt, straft er die Leute eben ab oder empfiehlt gleich die Schließung von Institutionen, die seinem Siegeswahn im Wege stehen.
Plappern die Papageien im „Tal der Zukunft“ einen anderen Sound? Hinter der sektenhaften New-Age-Wir-verbessern-die-Welt-Fassade steckt doch sehr viel Sieger-Gequatsche und Aufgeblasenheit á la Trump. Ein Großteil der Silicon-Valley-Gründergeneration besteht aus ziemlich unangenehmen Typen, schrieb bereits damals der Journalist Dan Lyons. „Frühere Hightech-Unternehmen wurden von Ingenieuren und MBAs gegründet, heutige von jungen, moralfreien Hütchenspielern.“
Besonders auffällig ist, wie Tech-Milliardäre nicht nur als Unternehmer, sondern als politische Akteure agieren. Peter Thiel etwa treibt eine Agenda voran, die über wirtschaftliche Macht hinausgeht: Er will den Staatsapparat umbauen, Institutionen aushöhlen und eine neue Form von autoritärer Technokratie etablieren. Thiel, der bereits 2016 als prominenter Unterstützer Trumps auftrat, setzt systematisch darauf, die politischen Strukturen der USA radikal zu verändern – nicht im Namen der Demokratie, sondern im Interesse einer kleinen Elite. Die Republikaner selbst sind überrascht, wie radikal Trump, unterstützt von Beratern aus dem Silicon Valley, ihre Wahlversprechen umsetzt.
Während Kritiker in diesen Plänen eine geheime Agenda sehen, die darauf abzielt, amerikanische Institutionen zu diskreditieren und zu schwächen, wird im Hintergrund längst an der Zukunft des Landes gearbeitet – einer Zukunft, in der demokratische Kontrollmechanismen abgeschafft oder so weit geschwächt werden, dass sie keine Rolle mehr spielen. Thiel und andere Milliardäre setzen auf eine umfassende Deregulierung, die es ihnen ermöglicht, ihren Einfluss weiter auszubauen. Institutionen, die sich ihrem Machtstreben entgegenstellen, werden diskreditiert oder gleich abgeschafft.
Diese Entwicklung ist kein Zufall, sondern der logische Endpunkt einer Denkweise, die schon 2017 sichtbar war. Wer damals genau hinsah, konnte erkennen, dass das Silicon Valley nicht einfach nur eine Hochburg des Fortschritts war, sondern eine Brutstätte radikaler Ideen, die nun in der politischen Realität ankommen. Es wird Zeit, sich dieser Ideologie ernsthaft entgegenzustellen, bevor sie unumkehrbar wird.