
Es war eine Phoenix-Runde, die sich von den üblichen politischen Gesprächsformaten unterschied. Kein Abwarten, kein diplomatisches Jonglieren mit Halbwahrheiten, sondern eine bedrückende Klarheit: Europa steht an einer historischen Weggabelung.
Moderatorin Anke Plättner versammelte eine Runde von Experten, die allesamt wussten, dass die Zeit der akademischen Debatten vorbei ist. Wolfgang Ischinger, ehemaliger Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, Sönke Neitzel, Militärhistoriker, Jessica Berlin, Politikwissenschaftlerin, und Helga Schmidt, ARD-Studio Brüssel – sie alle sprachen über eine Welt, die gerade aus den Fugen gerät. Und die zentrale Frage: Steht Europa vor dem letzten Sommer im Frieden?
Russland testet die Grenzen Europas
Es war Sönke Neitzel, der den Ernst der Lage unmissverständlich formulierte. Ein russisches Großmanöver in Weißrussland im September – eine Übung oder die Vorbereitung auf einen begrenzten Angriff auf die baltischen Staaten? Litauen, Estland, Lettland – kleine Länder mit großer strategischer Bedeutung. In den Hauptstädten dieser Staaten, so Neitzel, herrsche keine Panik, aber die klare Erwartung: „Wir werden getestet.“
Denn das Muster ist bekannt. Putin wartet nicht auf rote Linien, er sucht nach Lücken. Er testet die Reaktionen des Westens – und die Signale aus den USA sind so widersprüchlich wie nie zuvor. Donald Trump hat Europa vorgeführt. Seine Oval-Office-Farce mit Wolodymyr Selenskyj war kein Unfall, sondern eine Botschaft: „Europa ist auf sich allein gestellt.“
Europa im Aufrüstungsmodus – aber reicht das?
Die Nachricht aus Brüssel ist eindeutig: 800 Milliarden Euro für die europäische Verteidigung. Ein historischer Schritt, betont Helga Schmidt, die den Sondergipfel verfolgt hat. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat ihre Strategie präsentiert: eine Wiederbewaffnung Europas.
Doch reicht das? Wolfgang Ischinger bleibt skeptisch. Europa könne sich nicht einfach aus den Schwierigkeiten „heraushaufen“. Es brauche Strukturreformen, Entscheidungsmechanismen, eine Verteidigungsstrategie, die über nationale Egoismen hinausgeht. Dass Ungarn unter Viktor Orbán beim EU-Beschluss zur Ukraine-Hilfe wieder einmal blockierte, sei nur ein Vorgeschmack auf die zukünftigen internen Konflikte.
Und dann die Gretchenfrage: Wer führt? Die USA haben sich verabschiedet, Frankreich bietet seinen Nuklearschirm an, Großbritannien bleibt strategisch ein Schlüsselakteur. Aber Europa? Braucht es eine neue Führungsmacht?
„Make America Great Again“ – und Europa?
Jessica Berlin brachte es auf den Punkt: „Die USA, wie wir sie kannten, gibt es nicht mehr.“ Nicht mehr die berechenbare Führungsmacht, nicht mehr das Land, das Europa automatisch schützt. Die MAGA-Bewegung ist keine Partei, sondern ein Kult.
Berlin, selbst Amerikanerin, warnte eindringlich: „In Europa wird unterschätzt, wie tief der Wandel in den USA bereits ist.“ Die alten außenpolitischen Mechanismen greifen nicht mehr. Trump und seine Verbündeten sehen die Welt als ein Geschäft. Und wenn Europa sich nicht selbst verteidigen kann, wird es in Washington nur noch als Verhandlungschip behandelt – nicht als Partner.
Das historische Momentum – nutzt Europa die Chance?
Der spannendste Moment der Diskussion kam von Sönke Neitzel. Er zog eine Parallele zur Geschichte: 1954 scheiterte der Versuch einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft. Seitdem habe sich Europa auf Handel, Wirtschaft und offene Grenzen konzentriert – Sicherheit blieb ein Randthema.
Jetzt aber sei der Punkt erreicht, an dem sich entscheidet: Bleibt Europa ein geopolitischer Zuschauer oder übernimmt es Verantwortung?
Der Sondergipfel in Brüssel hat eine klare Richtung vorgegeben. Die Aufrüstung ist beschlossen. Doch die Frage bleibt: Wird Europa nur Waffen kaufen oder endlich strategisch denken?
Der letzte Sommer im Frieden?
Am Ende blieb die Frage von Anke Plättner unbeantwortet. Ist dieser Sommer der letzte Sommer, den Europa noch in Frieden erlebt?
Niemand in der Runde wollte eine definitive Antwort geben. Doch die Botschaft war klar: Handeln ist keine Option mehr – es ist eine Notwendigkeit.
Am liebsten würde man sich die Ohren und die Augen zuhalten und lauf LALALA schreien, ob des täglichen Wahnsinns in den Nachrichten. Hilft nur leider nicht, gegen die bittere Realität, dass wir vielleicht auf ganz harte Zeiten zusteuern.