Digitale Universität für politische Experimente und akademische Störenfriede #ThomasiusAkademie

Kann eine Ökonomisierung den akademischen Betrieb über Studiengebühren beflügeln? Dazu gab es vor einigen Wochen eine ausgiebige Disputation auf Twitter.

Wollen wir wirklich einen universitären Verwaltungsmoloch weiter füttern mit dem Geld von Studierenden, bei dem es um dümmliche Ranglisten und eine Verarmung des Denkens mit Kennzahlen geht? Wie kümmerlich. Als Gegenentwurf schlage ich die Gründung einer digitalen Thomasius-Akademie für Wissenschaft und Geselligkeit vor.

Warum gerade Thomasius? Weil Christian Thomasius Ende des 17. Jahrhunderts die Universität als politisches Experiment vorantrieb. Ja, als politisches Experiment und nicht als Effizienz-Anstalt für die Sammlung von Schleimpunkten – Gebührenfinanzierung hin oder her. Man sollte schlechten Institutionen nicht noch Geld hinterher schmeißen. Durchbrechen wir mit Studiengebühren den bildungspolitischen Teufelskreis, der da heißt: „Herkunft gleich Zukunft“? Untermauern wir nicht den pseudo-elitären Zirkel, wo Müller den Müllerchen nachzieht und akademische Klone in Führungspositionen gelangen – also eine ständische Gemeinschaft, die sich abschottet und gegenseitig Pöstchen zuschiebt?

Wer über die nötige Finanzzufuhr über Papi und Mami verfügt, soll ruhig ordentlich zur Kasse gebeten werden und an den Lemuren-Anstalten den Kadettengehorsam der Lehrpläne an „Elite-Unis“ aufsaugen. Malen nach Zahlen im Hochschulkostüm. Wer sich der geselligen Disputation an der Digitalen Thomasius-Akademie hingibt, bekommt die universal ausgerichteten Sessions kostenlos. Schließlich unterrichtete Thomasius arme Studenten umsonst – das galt auch für die Nutzung seiner Bibliothek. Die 1694 eingeweihte Universität Halle testete die Innovationsbereitschaft der Gelehrtenrepublik mit der Berufung des Versuchsleiters Thomasius: ein Philosoph, Zeitschriftenmacher und Ratgeber des galanten Lebens.

Seinen Weg dorthin bahnte sich Thomasius mit einer Serie von akademischen Krawallen. Sein politisches Universitätskonzept beruhte auf Weltläufigkeit, Klugheit und Erfahrungsnähe, es sollte die Urteils- und Kritikfähigkeit der Studierenden fördern und Barrieren für den Zugang zu brauchbarem Wissen aus dem Weg räumen. Nachzulesen in dem Opus von Steffen Martus „Aufklärung“, erschienen im Rowohlt-Verlag. Überlieferungen und Traditionen schob er beiseite und empfahl seinen Studenten ein entspanntes Verhältnis gegenüber Wandel und Neuerung. Er inszenierte sich als akademischer Störenfried.

„Thomasius schlug ungewöhnliche Wege ein, um seine Gegner zu düpieren. Einer davon führte ihn zum Bündnis von Universität und Medienbetrieb. Er begann mit einer Zeitschrift, einer damals sehr frischen, wenig etablierten Gattung, in der seine Lieblingsideen noch einmal auftauchten, nun aber so vermengt und so unterhaltsam aufbereitet, dass sie ein breiteres Publikum ansprachen“, schreibt Martus und erwähnt die damalige Publikation mit Kultstatus: die Monatsgespräche – Scherz- und Ernsthafte Vernünftige und Einfältige Gedanken über allerhand Lustige und nützliche Bücher und Fragen. Eine Mischung aus Information und Pöbelei, aus Satire und anspruchsvoller Kritik, die nicht nur unterhaltsam, „sondern noch dazu erfolgreich war“, so Martus.

Social Web im 17. Jahrhundert ohne AGB-Diktatur

Greift man zur Schrift „Das Archiv der Klugheit“ von Leander Scholz, erfährt man noch mehr über Thomasius als Wegbereiter des Social Webs mit analogen Mitteln ohne AGB-Diktatur von Google und Co. Der Einzelne sollte durch die Bemächtigung von praxiologischem Wissen unhintergehbar werden. Sein Augenmerk richtete Thomasius stets auf die Medienrevolutionen, die zu einer Zäsur im Archiv des Wissens führen.

„Das Kommunikationsmodell, mit dem er auf die erhöhte Datenmenge im Schriftraum reagiert, ist das des Marktplatzes mit der philosophischen Idealfigur Sokrates“, führt Scholz aus.

In seiner Klugheitslehre wollte Thomasius den Wissensempfänger direkt zum Wissensvermittler machen, denn die Wissensproduktion findet mit dem Verlassen des universitären Bereichs vor allem in der täglichen Konversation statt. „Die Demokratisierung des Wissens und der Informationssysteme waren für Thomasius unabdingbare Voraussetzungen für eine demokratische Gesellschaft“, erläutert Scholz. Im Vordergrund seiner Theorie des Denkens stand nicht die Bewältigung eines heterogenen Stoffs nach dem Bulimie-Prinzip (reinschaufeln – auskotzen), sondern die Navigation in der Unübersichtlichkeit von Welt. So lasset uns disputieren in der Digitalen Thomasius-Akademie über diskriminierende Hausmeister-Maschinen, ausgrenzende Studiengebühren, die Neuerfindung einer politischen Universität, über Zukunftsszenarien, Utopien und das Leben. Mäzene wären dabei nicht schlecht – die unterstützten auch Thomasius in seinem Rebellentum.

Siehe auch das Sommerinterview mit @bildungsdesign

Disputation über Studiengebühren @th_sattelberger @schulze_ute @kybernethik @prxpragma @AxelHohl

Das können wir gerne vertiefen 🙂

Hier die Studie des WZB von 2011 (!).

Wie hat sich denn die Qualität der Hochschulen durch Studiengebühren im Untersuchungszeitraum der Studie verändert?

Und war damals überhaupt eine Abstimmung mit den Füßen möglich? Stichwort: Immobilität = starre Nachfrage (wird in der WZB-Studie übrigens erwähnt).

Am Donnerstagabend – also um 18 Uhr – hab ich zufälliger Weise ein Autorengespräch mit dem Schweizer Bildungsinnovator Christoph Schmitt.

Da werde ich das noch auf die Agenda setzen. Über die Chatfunktion von YouTube könnt Ihr mitdiskutieren oder via Twitter mit dem Hashtag #Autorengespräch

Lasst uns heftig disputieren. Man hört, sieht und streamt sich spätestens am Donnerstag.

Morgen geht es um 12 Uhr übrigens um #Wannacry

Nachtrag: iPhone für alle Studenten der Uni Köln als Gegenleistung für Studiengebühren – Wie sehen denn die Gegenleistungen in Wirklichkeit aus?

Die reservierte Reaktion des Pressesprechers der Uni Köln auf die Vorschläge zur Ausgabe von iPhones inklusive Flatrate-Vertrag an alle Studenten sollte nachdenklich stimmen. Wie sieht die Realität denn aus? Wie viel Service bieten die Unis für die Zwangsabgabe? In Köln gibt es beispielsweise schlechte Noten für die Anzahl der Lehrräume, gemessen an der Studentenzahl, sowie für die Öffnungszeiten der Studienbüros und Prüfungsämter. Bislang gibt es in Deutschland nur wenige Hochschullehrer, die ein neues Verständnis ihrer Lehrtätigkeit entwickeln: Einer der wenigen Professoren ist Betriebswirt Markus Voeth, der Deutschlands erster Dienstleistungsprofessor werden will. Mit zehn Serviceversprechen will Betriebswirt Markus Voeth Deutschlands erster Dienstleistungsprofessor werden. „Im Bürotrakt seines Instituts hat er eine Tafel mit zehn Serviceversprechen an die Wand gedübelt: Er verspricht, Klausuren innerhalb von vier Wochen zu korrigieren, persönliche Feedbackgespräche zu führen und E-Mails binnen 24 Stunden zu beantworten. Besonders begabte Studenten will Voeth mit eigenen Veranstaltungen fördern und sie an Firmen vermitteln“, schreibt die Financial Times Deutschland (FTD).

„Mit meinen Serviceversprechen möchte ich zeigen, dass die Studenten für mich umworbene Kunden sind“, so Voeth gegenüber der FTD. Im Restaurant könne der Kellner schließlich auch nicht sagen: „Jetzt zahlen Sie erst einmal 80 Euro, dann gucken wir, was für ein Essen Sie bekommen.“ Nach der Einführung von Studiengebühren von 500 Euro pro Semester seien die Hochschulen erst recht in der Pflicht, ihr Angebot zu verbessern. Nachahmer finden sich an deutschen Universitäten kaum. Es hagelt eher Kritik von Kollegen.

„Es ist bemerkenswert, dass der Marketingprofessor Voeth nicht nur moderne Dienstleistungsprinzipien lehrt, sondern diese auch gegenüber seinen Studenten praktiziert und damit vorlebt. Über Kritik muss man sich allerdings nicht wundern. Immerhin setzt der erste Dienstleistungsprofessor Maßstäbe, an denen sich manche seiner Kollegen nicht messen lassen können oder wollen. Dahinter mag auch ein veraltetes am Dienstbotendasein orientiertes Dienstleistungsverständnis stehen, das dem traditionellen, professoralen Selbstbewusstsein widerspricht“, vermutet Dr. Manfred Wirl, Experte für Dienstleistungsökonomie. Ein Professor, der sich gegenüber seinen Studenten mit konkreten Serviceangeboten verpflichtet, stelle die Hierarchie und damit das althergebrachte Verhältnis zwischen Professor und Studenten auf den Kopf.

Haltet Ihr es für realistisch, an der Uni Köln in den Genuss eines iPhones zu gelangen? Eure Erwartungen interessieren mich.