Trends werden beschworen und verkauft – und das ist das Geheimnis der Trend­-Forschung! In Erinnerung an Harald Korten

Was ist und was leistet die Trend-Forschung?
Oder: Über den Menschen und sein Glück

Von Harald Korten

Trends sind trendy – und die Trend-Forschung ein Mega-Trend! Kaum eine einschlägige Pub­li­kation, ein halbwegs seriöser Fernsehbericht, eine (politische) Talkshow, die ohne Trend-Entdeckung und -Beschwörung auszukommen glaubte. Und wer bei Google unter „Trend“ sucht, wird erwar­tungsgemäß von Fundstellen erschlagen.

Was aber sind Trends, wie kommen sie auf? Ent­stehen Trends mehr oder weniger zufällig oder werden Trends gemacht? Sind Trends also emergente, zufällige Resultate eines „ge­stimmten“ Marktumfeldes sowie bestimmter (vor allem ökonomischer) Randbedingungen oder wer­den Trends intentional, das heißt zweckgerichtet und zielorientiert am Markt produziert? So ge­fasst, unterläuft beziehungsweise verfehlt die Frage ihren Gegenstand! Trends entstehen nicht – und Trends werden auch nicht produziert! Trends werden beschworen und verkauft – und das ist das Geheimnis der Trend­-Forschung!

Denn nicht klassische Marktforschung, Statistiken, Analyse von Märkten und Markt­prog­nosen sind ihr Medium und Metier – das alles sind allenfalls (zum Teil beliebig) aufgreifbare Elemente oder Instrumentarien, sie bilden aber nicht ihren Kern und begründen auch nicht ihren Erfolg. Eher noch erinnert Trend-Forschung an die Tätigkeit von Auguren, Schamanen, an Messianismus, Erlösungslehren und Heilsversprechen. Näherhin wird beansprucht, „strate­gi­sches Wissen“ für Entscheidungen zu vermitteln beziehungsweise zu verkaufen. Man könnte erwarten, dass für komplexe Situationen Orientierungshilfen durch Komplexitätsreduktion, für Veränderungen Interpretationen geliefert werden: „Noch nie hat sich die Welt so schnell gedreht wie derzeit. Ob in Politik, Wissen­schaft oder Gesellschaft – morgen ist alles wieder anders.“ (Zukunftsletter). Sicher! Aber diese Binsenweisheit verdeutlicht auch, dass es der Trend-Forschung besonders ange­le­gen sein muss, selbst fleißig und „lustvoll“ mit am Räd­chen zu drehen, denn das allein ist ihre Chance. Nicht Reduktion, sondern Diversi­fi­ka­tion, beliebige Vermehrung möglichst zahlreicher Trends auf einmal, muss die Strategie sein – also neben „Geiz ist geil“ sofort auch „Hyper-Consuming“. Trends unterscheiden sich von Prognosen, das heißt Aus­sagen über den wahrscheinlichen Eintritt von Ereignissen zu einem mehr oder weniger abseh­baren zukünftigen Zeitpunkt, dadurch, dass sie ihre eigene Zukünf­tigkeit als bereits in die­sem jeweiligen gegenwärtigen Augenblick wirksam präsent behaup­ten. Und damit vollzieht sich das Unter­nehmen Trend-Forschung als self-fulfilling prophecy, wird zum wirtschaftlichen Antreiber und „Entdecker“ neuer Märkte.

Den Begriff des „Wissens“ wird man hier und zumal im Zeit­alter der Informationsgesell­schaft keineswegs zu hoch hängen. Was diesbezüglich „Wissen“ genannt wird, umfasst alles Mög­liche, was die „große Info Box“ so ventiliert, von der kurz gefassten Betriebswirtschafts­lehre für Anfänger bis zur heruntergekommensten Alltagspsychologie und überlebten Ergüs­sen der Ratgeberliteratur. Das spielt letztlich keine Rolle, wundert aber auch nicht, denn eine ihrer wichtigsten Standsäulen hat die Trend-Forschung in der virtuellen Welt des Internets, die die Trend-Forschung als wesentliches Moment unserer Lebenswirklichkeit aufgreift, ja geradezu mit dieser verschmelzen sieht. Eine Kritik, dass dieses Medium als virtuelles Paral­leluniversum zu Realitätsverlusten führe, griffe hier zu kurz.

Denn Realität, das ist Sachhal­tig­keit, haben Entitäten in unserer Lebens­wirk­lichkeit genauso wie in der virtuellen Welt. Man muss sich nur Kants Kritik am ontologischen Gottesbeweis, einem Schluss aus dem Begriff Gottes auf seine Existenz, vergegenwärtigen: Dasein ist keine reales, sprich sachhaltiges Prä­di­kat, das also eine weitere Eigenschaft hin­zufügen würde. Und so konnte Kant behaupten, dass es keinen sachhaltigen Unterschied zwi­schen 100 möglichen und 100 wirklichen Talern gebe. Aber spätestens wenn es ums Kas­sie­ren geht, ist die fundamentale Diskriminierungs-, das heißt Unterscheidungsfähigkeit hellwach und weiß natürlich zwischen 100 virtuellen und 100 wirklichen Talern zu unterscheiden. Und dem, der Pech hat und in eine wirkliche Spielbank nicht mehr hereinkommt, dem bleibt zum Trost dann Online-Pokern. Die Gelddruckmaschine Internet ist diesbezüglich keineswegs zu verteufeln – Er­fah­rungs­armut und Kommunika­tions­unfähigkeit wird aber auch keine noch so bunte virtuelle Welt irgendwie kompensieren, geschweige denn beseitigen kön­nen.

Bleibt die Frage nach dem konsequent auf Konsum heruntergebrochenen Menschen: „Wie hält es die Trend-Forschung mit der Bedürfnisnatur beziehungsweise -struktur des Menschen?“ Dort, wo in entwickelten, sozialstaatlich organisierten Gesellschaften die so genannten natürlichen Grundbedürfnisse in aller Regel hinreichend befriedigt sind, bleiben soziale Bedürfnisse als Bearbeitungs­masse, der sich die Trend-Forschung hinge­bungs­voll zuwendet. Nun wird man nicht mehr wie Rousseau einer Bedürfnissteigerung kultur- und gesellschaftszerstörende Kraft zusprechen wollen; aber auch das „System der Bedürfnisse“ (der bürgerlichen Tauschgesellschaft), das Hegel dem Bereich des Sittlichen zurechnete, weil in ihm und durch es der subjektive Ego­ismus „in den Beitrag zur Befriedigung der Bedürfnisse aller Andern umschlägt“, taugt nicht, um die einschlägige Bedürfnisproduktion zu verstehen. Sie gründet eigentümlich auf einem Mangel an Mangel­zuständen, als welche Bedürfnisse doch gedacht werden. Am ehesten kann man es vielleicht mit Arnold Gehlen als Verschiebung von der Bedürfnis- auf die Antriebsorientierung ver­ste­hen: ein System der Belohnung, das fetischisierten Gegenständen eine ent­sprechende An­triebs- und Motivationskraft zuspricht.

Allein an der Sprache sollt ihr sie erkennen – und die hat nun gewiss anästhetische Züge, Betäubungsvalenzen. Beispiele gefällig? Vom Neuromarketing über die Schlüsselstrategien der Innovation Economy, viralem Szene-Marketing, Öko-Fashion, Consumer Trends, Beauty Boom, Down-Aging, Wohlfühlmärkten, den Health-Hedonists, Generation 50+ bis hin zum Selfness-Mann und seiner „authentischen Maskulinität“ sowie dem Female Financing reicht das Spektrum. Und mit diesem Sprachgebräu erreicht die Trend-Forschung wohl ihre eigent­liche Klientel in der „Kreativen Klasse“, der sie sich selbst zurechnet, diesem „Heer der Ent­wickler, Designer, Werber, Coaches, Berater, Texter und Grafiker“ (Zukunftsletter 7/2005) und was sich sonst noch an geschwätzigem Völkchen an den Türen zu Kaffeeküchen herum­treiben mag.

Aus den angeführten Formulierungen ist nicht nur ein Schwerpunkt auf Gesundheit, Wellness, Alter etc. zu entnehmen; Trends bergen generell und unablösbar immer so etwas wie ein Glücksversprechen in sich (dass es bereits einen „World Happiness Index“ gibt, verwundert da nicht). Negative Trends, Abwärtstrends, selbst Flops etc. sind der Trend-Forschung unbekannt – was sollte sie damit auch anfangen? Interessiert doch keinen wirklich! Umgekehrt – man rufe doch gleich die Glücksforschung zur großen Neuentdeckung des 21. Jh. aus: „Während sich die Psychologie einhundert Jahre lang, seit Freud, immer nur mit den Defiziten der menschlichen Existenz auseinander gesetzt hat – Neurosen, Traumata, Ängste, Schiziophrenie, Depression – beginnt sie nun endlich die entscheidende Zukunftsfrage zu stellen: Unter welchen Bedingungen entfalten Menschen ihr Glückspotenzial?“. Kein Gedanke daran, dass bereits antike Denker wie etwa Aristoteles, Epikur oder Seneca Glück nicht selten zum zentralen Thema ihrer Theorien machten, aber da ging es um Einsichten, Haltungen und Lebensführung – und das ist etwas anderes als Lifestyle, in dem sich multiple Persönlichkeiten (mit der Identität von Kleiderständern) mit entsprechenden sozialen Statusprodukten ihr Dasein aufhübschen.

Auch kein Gedanke daran, dass Glück einmal großes Thema im literarischen Diskurs war: Goethes Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre, geradezu ein Traktat vom Menschen und seinem Glück (J. Hörisch), expliziert den Facettenreichtum eines Ausdrucks, den jeder gebraucht und bei dem doch jeder immer wieder etwas anderes damit verbindet, der also selten intersubjektiv geteilt wird – von der Vor­stellung eines unverfügt und ohne eigentliches Verdienst Zufallendem, das den Le­bensgang entscheidend wendet und ihm neue Struktur und Sinn verleiht, bis hin zur klein­bürgerlichen Vorstellung des im Schweiße des eigenen An­gesichts geschmiedeten Glücks. Letzteres kommt wohl dem am nächsten, was die Glücks­verkäufer sich darunter vorstellen oder suggerieren, was Bedürfnis von Kunden sei: Glücklich macht, wenn man sich was leisten kann! Und wenn dann doch die „Sozioökonomie des Glücks“ über „das Fort­schritts­paradox: Glücksdepression und Wohlstandsmelancholie“ nicht hinweg­sehen kann, dann ruft man einfach flugs das Glück als „neues Leitbild für Politik und Wirt­schaft“ aus – „die wichtigste Variable des Menschen.

Seine Fähigkeit, das Leben als schön zu empfinden und zu genießen, wird in der Wissensgesellschaft von morgen der wichtigste Antriebsmotor sein.“ (Zukunfts­letter 10/2005) Hätten Sie das gedacht? Nein? Dann räumen Sie doch mal wieder auf in Ihrem Leben, putzen ein bisschen drin herum und nach getaner Arbeit: Gönnen Sie sich mal wieder was, nicht zuletzt, um ihre Fähigkeit, das Leben als schön zu empfinden, unter Beweis zu stellen.

Irgendwie trivial – und doch ist es wohl einfach dieser großartig naive, eindimensionale Posi­ti­vismus einer „Fröhlichen Wis­senschaft“ (Nietzsche), der offensichtlich in Bann zu schla­gen vermag! Die unternehmerische Klientel allerdings – „Entscheider in Management und Marke­ting“ – wandert derart geführt auf dünnem Eis und handelt nicht selten mit ungedeckten Schecks.

Was noch von ernst zu nehmender „Forschung“ bleibt, das ist keine „Arbeit des Begriffs“ (Hegel); auch Platons Bild von der „zweitbesten Fahrt“ in seinem Dialog Phaidon, das im Grunde dasselbe meinte: dass dort, wo kein göttlicher Hauch die Segel zur Erkenntnisfahrt bläht, eben die eigene Anstrengung in der Tätigkeit des „Ruderns“ verlangt wird, verweist auf den eigentlichen Sachverhalt: das „intellektuelle Wellenreiten“ von „Begriffs-Designern“. Man verwechsle deren Produktion nicht mit Lyrik. Dieser wie anderen Künsten, etwa der Malerei oder der Musik, liegt ein Handwerk zugrunde, Trend-Forschung ist Mundwerk und der Begriffs-Designer gleichsam der Maulheld im Reich des Geistes. Das ist nun aber keines­falls eine exklusive Charakterisierung – zumal auch Philosophen von Profession, die sich heute exponiert, etwa im „Philosophischen Quartett“, in die Öffentlichkeit wagen, nicht davor gefeit sind, Sachverhalte, bei denen Verdeutlichung wünschenswert wäre, in Sprach­nebeln zum Verschwinden zu bringen oder Trivialitäten zu babelschen Sprechblasen aufzupumpen.

Das „Geheimnis“ der Trend-Forschung – so war gesagt – sei es, Trends zu verkaufen. Und ihr Erfolg bemisst sich daran, Trends zu verkaufen, die wiederum Verkäufe und Verkaufserlöse generieren. Das allein ist ihre Form der Verifizierung. Insofern ist diese „Art“ der Forschung – im Kern ein anspruchsvoll-verblasenes „Trend-Briefing“ – das derzeit geglückteste Beispiel einer unmittelbar mit ihrer produktiven Umsetzung und marktkonformen Realisierung verknüpften Forschung. In Zeiten, in denen Bildungsplanung und Wissenschaftsreformen diesem (technisch-industriellen) Leitbild der einschlägigen Technokraten bewusstlos hinterher hecheln, – doch gewiss kein schlechtes Omen!

Kommen wir noch einmal auf den ontologischen Status und die eigentümliche zeitliche Flüchtigkeit der in der Gegenwart bereits Zukunft realisierenden Trends zu sprechen. Trends haben einen immanenten Zeitkern, eine eigentümliche innere Zeit­bestimmung. Natürlich haben sie auch ein Dasein in der äußeren, physikalischen Zeit; vermittelst dieser kommunizieren sie mit anderen Trends. Aber die Rede von einer „Ablösung“ und damit (Ab-)Folge von Trends ist ein erzählerisches Konstrukt von Historikern. Trends „überleben“ sich auch eigentlich nicht, denn was überlebt, ist ja noch da. Trends zeigen hingegen – durchaus in Analogie zu lebendigen Naturwesen – Zustände der Mortalität, der Erschöpfung – Trends erschöpfen sich. Und wo sich nicht mehr profitabel verkaufen lässt, da ist der Drops bekanntlich gelutscht! Darüber wird nun aber kein Aufhebens gemacht, die Produktion und der Verkauf von Trends, die Show, müssen weitergehen.

Legt man seiner Einbildungskraft keine Zügel an und lässt der Assoziation freien Lauf, dann könnte man Trend-Forschung als neues Modell von Geschichtsschreibung ausrufen: Da nach Friedrich Schlegel der Historiker bekanntlich der rückwärts gewandte Prophet ist, ließe sich die Menschheitsgeschichte – nicht mehr als „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ (Hegel) oder als „Geschichte von Klassenkämpfen“ (Marx) – als „Geschichte von Trends“ deuten! 1789 lag damals voll im Trend, 1848 war in Deutschland nicht wirklich sexy, aber ab 1933 war das Tausendjährige für 12 Jahre „Mastertrend“ (i.e.: „wird unser Leben grundlegend verändern“, so die kriteriale Bestimmung des Ausdrucks!), um kurz anzudeuten, wie das gehen könnte. Und die Endlichkeit von Trends steht ja nun auch in einer bemerkenswerten Übereinstimmung zu neuesten kosmologischen Erkenntnissen. Wenn selbst das Universum (in the long run) endlich ist, dann lassen sich Trends doch als Monaden, als Spiegel der absoluten (nun freilich endlichen) Substanz denken – Leibniz als Hintergrundmetaphysik der Trend-Forschung. Lässt sich doch fix designen! Und am Ende sind Trends genau dies: emergente Strukturen des bioevolutionären Prozesses unserer Erde. Oh Gott – das wäre ja gleich ein ganzes Weltbild. Aber die Hoffnung soll nicht sinken – auf die nächsten Trends.

Soweit der Text meines Freundes Harald Korten, der vor elf Jahren erschien. Mit Harald verbrachte ich unzählige Abende und Nächte bei Rotwein sowie gutem Essen. Er war nicht nur ein begnadeter Rhetor, sondern auch ein exzellenter Koch – geschult durch Reisen in die Gourmet-Tempel in Baiersbronn. Er war mein Nachbar, der mich in einigen Nächten mit den bombastischen Klängen von Richard Wagner aus dem Bett katapultierte. Er wählte zwar Kopfhörer, um sich um drei Uhr noch den Walkürenritt ins Gehör zu hämmern, vergass dabei aber das kleine Knöpfchen zur Deaktivierung der Lautsprecher zu drücken. Das hatte den Vorteil, dass Harald das bedrängende Klopfen und Klingeln der Nachbarschaft schlichtweg überhörte. Als kleine Rache wählte ich dann am nächsten Morgen eine mächtige Variante von „Land of Hope and Glory“ mit einem epochalen Finale (Coronation Ode, Op. 44: VI., mit der Sopranistin Anne Collins und dem Royal Scottish National Orchestra, dirigiert von Sir Alexander Gibson), die die Wände meines geschätzten Philosophen-Freundes zum Erzittern brachten. Legendär waren die abendlichen Rundgänge mit Harald, seinem Mentor und Schelling-Forscher Hans Michael Baumgartner und weiteren Philosophie-Professoren nach inspirierenden Kolloquien, die im Sovjetlokal GUM endeten. Wer mit Philosophen unterwegs ist, muss trinkfest sein.

Mit dem Text von Harald über die geistige Leere der so genannten Trend- und Zukunftsforschung wollte ich ein neues Kolumnen-Format unter dem Titel „Der Wirtschaftsphilosoph“ begründen. Wir waren doch Brüder im Geiste und seine spitze Feder hätte sich wohltuend von den technokratischen Hohlköpfen in Beratung, Wirtschaftswissenschaft und Management abgehoben. Dazu ist es leider nicht gekommen. Dieser Beitrag ist ein Unikat. Wir verloren uns aus den Augen. Vergangene Woche ist Harald gestorben. Seine philosophischen, musikalischen und kulinarischen Anregungen werde ich in guter Erinnerung behalten.

Das fragmentarische Leben des Roland Barthes

Ich liebe Fragmente. Sie sind unfertig, verzichten auf Geschlossenheit, stehen nicht unter dem Verdacht der Anmaßung, lassen Raum für Spekulationen, eröffnen neue Gedanken und spielen mit der Kombinatorik von Dingen, die man beim ersten Hinsehen nicht für möglich gehalten hat. Ein Meister der fragmentarischen Gedanken war Roland Barthes – der Denker, Dilettant und Dandy der Literaturwissenschaft, so eine Formulierung des Publizisten Matthias P. Lubinsky.

Tatsächlich liege der Reiz von Barthes‘ Denken und Vorgehensweise darin, sich an keinerlei wissenschaftliche Gepflogenheiten zu halten. Sie dienten in der Regel sowieso nur zur Abgrenzung des Wissenschaftsturms und zur Pflege des eigenen Standesdünkels, schreibt Lubinsky.

Eine vorzügliche Spurensuche im Werk und im Leben von Roland Barthes hat der Literaturwissenschaftler Christian Linder (also nicht verwechseln mit FDP-Lindner!) vorgelegt in dem Sammelband „Noten an den Rand des Lebens – Portraits und Perspektiven“, erschienen – wie kann es anders sein – im ambitionierten Matthes & Seitz-Verlag. Barthes war nicht nur Wissenschaftler, Linguist, Strukturalist, Semiologe, Autor von intellektuellen Spiel- und Kultbüchern wie „Am Nullpunkt der Literatur“, „Mythen des Alltags“, „Die Lust am Text“, „Sade Fourier Loyola“ oder „Fragmente einer Sprache der Liebe“. Er hat auch eine besondere Form der Lektüre und des Schreibens praktiziert. Sein publizistisches Schaffen war nicht darauf aus, ein komplexes und unumstößliches Gedankengebäude zu erreichen – im Gegensatz zu Jean-Paul Sartre.

Höchst sympathisch ist das Leitmotto von Barhes:

„Lieber die Trugbilder der Subjektivität als der Schwindel der Objektivität. Lieber das Imaginäre des Subjekts als seine Zensur.“

Nachdem Barthes die großen schützenden und bequemen Denksysteme hinter sich gelassen hatte und in die offene Weite einer ungeschützten Subjektivität aufgebrochen war,

„musste er es geradezu darauf anlegen, in seinem Schreiben den äußeren Inhalt eines Buches völlig außer Acht zu lassen, so dass er die Bücher der anderen, über die er schrieb, auch gar nicht mehr von Anfang bis Ende las. Ein Buch sei nicht dazu da, um ganz gelesen zu werden, verkündet er, man müsse Passagen überspringen und nur ‚Teile daraus entnehmen, Schriftproben ziehen‘, er selbst, gestand er, könne mit Ausnahme von Michelets nur ‚von wenigen Autoren behaupten, sie ganz gelesen zu haben“, erläutert Linder.

Das klingt nach dem „Netznavigator“ Herder, der in seinem Reisejournal die Kulturtechnik der kursorischen Lektüre entwickelte. Er wird zum Läufer, zum Cursor, der im virtuellen Raum der Gelehrtenbibliothek zwischen Texten durcheilt und in dieser schnellen Bewegung neue Querverbindungen schafft. Es sei ein methodisches Verfahren, das ihm die Lizenz zum Flüchtigen gibt. In der so genannten „percursio“- im Durchlauf – darf aufgezählt und angehäuft werden, ohne dass es jeweils einer expliziten Behandlung der einzelnen Elemente bedarf. Herder praktiziert die gelehrte Lizenz, Materialmengen „aufs Geratewohl“ zu durcheilen. Die richtige Ordnung ist dabei zweitrangig. Die Sylvae wird definiert als Sammlung von schnell niedergeschriebenen Texten. Man schreibt nicht akademisch korrekt oder pedantisch genau, sondern aus dem Stegreif. Man formuliert aus dem Schwung heraus.

Ähnlich lesen sich die Arbeiten von Barthes. Es sind Notizbücher, „offen für alles, für Theorien und Phantasmen und Erzählungen und Materialien und Abschweifungen“, so Linder. Die Zusammenhanglosigkeit zog Barthes der Ordnung vor und konzentrierte sich auf das „Rauschen der Sprache“. Bücher zusammengesetzt aus kurzen, eruptiven Zwischen-Texten, Apercus. Es zeigt sein eigenes Leben als Stückwerk, als Sammelsurium von einigem Notwendigen und viel Zufälligem.

Wer also den BKA-JU-Super-Nanny-Staat ablehnt, sollte nicht nur Max Stirner und Paul Feyerabend lesen, sondern auch Roland Barthes. Und vielleicht meine heutige The European-Kolumne: Porno-Gesellschaft und die Illusion der Transparenz: Das Internet wird, anders als von manchen Zeitgenossen befürchtet, nicht den vollständig transparenten Bürger erschaffen. Denn auch wenn moderne Postkarten, also E-Mails, gelesen werden können: Was außerhalb der Schrift ist, bleibt ein Geheimnis.

Barthes-Bücher sind zudem unterhaltsamer als Bild oder Koran. Siehe auch: Hurra, wir werden missioniert!

Juventas und das Ende der abendländischen Philosophie: Premiere einer Zeitschrift in der Buchhandlung Böttger

Zur Premiere der studentischen Philosophie-Zeitschrift Juventas, die halbjährlich im Bernstein-Verlag erscheint, gab es in der Bonner Literaturbuchhandlung Böttger einen Festvortrag von Professor Markus Gabriel. Mit 31 Jahren ist er der jüngste Philosophieprofessor Deutschlands. Gabriel lehrt Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn. Seine Dissertation behandelte die Spätphilosophie Schellings und seine Habilitationsschrift verfasste Gabriel über den „Skeptizismus und Idealismus in der Antike“. In seinem Vortrag ging es „Grenzen der Erkenntnis und Erkenntnis der Grenzen“. Im Zentrum seiner Gedanken steht Kant. Nicht nur bei seinem gestrigen Auftritt. Gabriel schaut mit der Geistesgröße aus Königsberg auch aufs Netz:

„Was man bei Google macht, lässt sich mit Kant sehr gut begreifen. Hier werden nämlich Informationen gefiltert. Ganz wie unter Kantischen Bedingungen hat man einen unendlich großen Pool an Informationen, nennen wir den mal mit Kant das ‚Ding an sich‘. Dieser Informationspool ist aber nicht direkt zugänglich, es gibt eine logische Form dazwischen, das wäre in diesem Fall die Google-Suche. Anders als in Kants Erkenntnistheorie vorgesehen, fassen wir allerdings bei Google das, was unabhängig von diesen Filtern besteht, als eine ideologieanfällige Häufung zufälliger Entscheidungen auf. Zwar weist das Internet durchaus Ding-an-sich-Qualitäten auf – es ist anonym, unerkennbar, unüberschaubar -, aber wir wissen, dass im Hintergrund ideologische Kräfte walten. Das sieht man, wenn man sich Google in unterschiedlichen Ländern ansieht. In China und Iran sind die Filter anders und daher auch die verfügbare Menge an Informationen und deren Anordnung“, bemerkte Gabriel im Interview mit der FAZ.

Das Kriterium für Aufklärung sei bei Kant die gelingende Selbsttransparenz. Wer als Urteilender beim Urteilen als Begründung eine andere Instanz als sich selbst einsetzt, der sei unkritisch.

„Die Gründe seines Urteilens muss jeder auf kritische Nachfrage hin verteidigen können. Wer das nicht kann oder will, ist nicht aufgeklärt. Die Kantische Aufforderung richtet sich immer auf Autonomie und Autonomie heißt: Sich selber die Gesetze zu geben. Autonomie ist schwierig geworden, denn die Geschwindigkeit unserer Lebensformen ist uns so sehr über den Kopf gewachsen, dass wir oft nicht mehr imstande sind, selbst zu urteilen, weil das nämlich Zeit braucht. Man könnte sagen, dass die Geschwindigkeit in der Welt, in der wir leben und die wir akzeptieren, nicht aufklärungsförderlich ist, sondern im Gegenteil, die für Aufklärung nötige Zeit destruiert. Denn Aufklärung braucht Zeit.“

Unsere Autonomie werde durch unseren bisherigen Umgang mit dem Internet bedroht, ich glaube nicht, dass man sagen kann, das Internet sei von Beginn an verseucht. „Das Medium hat uns aber in eine Überforderungssituation gebracht, die ideologisch ausgebeutet wird. Diese Überforderungssituation ist selbstverschuldet, denn sie ist nicht notwendig. Schließlich war die Welt immer schon unübersichtlich“, erklärt der Philosophie-Professor.

Den Festvortrag von Gabriel zur Vorstellung der Zeitschrift Juventas gebe ich mal in eigenen Worten wieder. Wenn ich etwas falsch verstanden habe, bitte die Kritik nur bei mir abladen:

Kant stellt erkenntnistheoretisch eine wichtige Frage und das ist das eigentlich Revolutionäre seines Projekt, nicht die kopernikanische Wende,die Gabriel für einen großen Irrtum hält. Interessanter sei seine Überlegung zur Irrtumsanfälligkeit des Menschen. So liegt der Grund für das Begehen von Fehlern weder in den Gegenständen, noch in unserer Anstrengung, uns auf diese Gegenstände zu beziehen, sondern in einem merkwürdigen Zwischenbereich. Wir stehen alle auf einem Teppich der Tatsachen. Selbst wenn wir uns täuschen, ist es eine Tatsache, dass wir uns getäuscht haben. Den Tatsachen kann man nicht entrinnen. Nun könnte man wie Descartes glauben, dass es auf der einen Seite den Teppich der Tatsachen gibt und auf der anderen Seite die Anstrengungen der Menschen, die Tatsachen zu konstatieren.

Man hat Tatsachen und Aussagesätze. Wenn man so denkt, dann ist es nicht mehr weit bis zur Auffassung, dass der einzelne Mensch irgendwie nicht zur Welt gehört – ein sehr philosophisches Gefühl. Auch Solipsismus genannt. Der Mensch sei nur Zuschauer oder Beobachter, der die Welt wie in einem Kino betrachtet. Das ist ein Standardbild, mit dem die Philosophie schon lange operiert. Nun hat Kant gesagt, dieses theoretische Konstrukt sei Humbug. Das kann gar nicht so funktionieren. Warum? Nehmen wir einmal an, ich vertrete die Überzeugung, dass es in London gerade regnet. Wenn es in London gerade regnet, ist es eine Tatsache. Meine Überzeugung kann wahr oder falsch sein. Dass es in London regnet kann aber nicht wahr oder falsch sein. Es ist entweder der Fall oder eben nicht. Meine Überzeugung hingegen kann wahr oder falsch sein.

Wenn man dieses Verhältnis von Überzeugungen und Tatsachen von der Seite betrachtet, stellt sich die Frage, ob eine Überzeugung über das Verhältnis von Überzeugungen und Tatsachen wahr oder falsch sein kann. Wenn eine Überzeugung über das Verhältnis von Überzeugungen und Tatsachen wahr sein kann, dann kann sie auch falsch sein. Man merkt sehr schnell, dass die Theorie über die Trennung von Tatsachen und Überzeugungen selber gar keine Überzeugung ist.

Das ist gar keine Theorie, sondern nur ein leerer Satz. Das Überraschende dabei ist, dass die Philosophie seit ihren Anfängen diesem Fehler aufgesessen ist. Das führt bis in unsere heutige Neuro-Bio-Politik. Angeblich stecken wir fest in unserem eigenen Gehirn, die Welt ist nur eine Konstruktion oder Illusion unserer Gedanken, alles könnte auch ganz anders eins. Auf der einen Seite gibt es den Tatsachenteppich. Das ist eine Sache der Naturwissenschaft. Da können sie rechnen. Da sind die richtigen Tatsachen. Und auf der anderen Seite sind die komischen Überzeugungen und vielleicht auch die Geisteswissenschaften und die ganze bunte Malerei dort.

Eine Überzeugung, die weder wahr noch falsch sein kann, ist sinnlos. Diese Aussage über Wahrheit ist aber die am meisten verbreitete Theorie des Abendlandes. Die müssen wir aufgeben. Diese erkenntnistheoretische Verschwörung ist keine Theorie, sondern nur Lufthauch, ein Stimmhauch. Welche Theorie der Grenzen der Erkenntnis brauchen wir dann? Hier kommen wir nun in das Gewässer von Kant. Wenn wir eine Überzeugung haben, die wahr oder falsch sein kann, generieren wir mit dieser Überzeugung einen Gegenstandsbereich, in dem wir unterscheiden zwischen Tatsachen, die unsere Überzeugung wahrmachen können und Tatsachen, für die das nicht gilt. Wenn man sich fragt, wo es in Bonn die beste Pizza gibt, generieren wir damit den Gegenstandsbereich der Restaurants. Und zwar derjenigen, bei denen Pizza in Frage kommt.

Alles andere wäre sinnlos. In dieser Liste kommt dann beispielsweise McDonalds gar nicht vor. Wenn wir so vorgehen, dann sehen wir, dass die Wahrmacher und Falschmacher unserer Überzeugungen von uns selbst ausgelöst werden. Das diametrale Gegenteil des Solipsismus. Die Anerkennung des Teppichs der Tatsachen ist immer eine Gemeinschaftsarbeit. Menschliche Erkenntnis ist immer in einer Gemeinschaft, in einer Welt. Es kann gar nicht sein, dass der Mensch in einem Gedankenkäfig eingeschlossen ist und es außerhalb dieses Gedankenkäfigs etwas gibt. Es gehört zu den Betriebsbedingungen der Erkenntnis, dass wir Gegenstandsbereiche abgrenzen und außerhalb dieser Gegenstandsbereiche nur sehr wenig mit in Betracht ziehen. Menschliche Erkenntnis ist eine Tatsache.

Die gierige Tatsachentheorie schließt aus der Struktur der Begierde auf die Struktur der Gegenstände der Begierde. Es sei ein typischer anthropozentrischer Fehler. Streichen wir das alles raus. Zum Teppich der Tatsachen gehört auch die Erkenntnis über den Teppich der Tatsachen. Beispiel: Das Universum ist sinnvoller Weise ein Gegenstandsbereich der Physik. Es wäre sinnlos zu sagen, wir sitzen im Universum statt der Ortsangabe Buchhandlung Böttger. Wir sitzen in der Buchhandlung Böttger und nicht im Universum. Die Lokalisierung im Universum trifft nur den Gegenstandsbereich Physik. Man sollte sich also von der Tendenz verabschieden, das gesamte Weltgeschehen auf eine Ausgangsbasis zurückzuführen. Eine Tendenz, die man in der Naturwissenschaft antrifft, früher auch in der Soziologie, im Marxismus oder in der Psychoanalyse. Wir müssen die Grundtheorie aufgeben, die alles erklären kann. Dann gewinnen wir alle Gegenstände und alle Erscheinungen als Gegenstände unserer Erkenntnis und die Welt wird so bunt, wie sie ist.

Soweit der Versuch einer Zusammenfassung. Eine kleine Anregung, sich den knapp halbstündigen Vortrag selbst anzuschauen:

Hier noch die Präsentation der Zeitschrift Juventas durch die Herausgeber Anna-Christina Boell (Göttingen) und Bastian Reichardt (Bonn):

Und hier noch ein Gruppenfoto der Projektbeteiligten:

Pyramidenklänge: Platon, Korff und die Universalbildung im alten Ägypten

Wer das Talent und die Bildung besitzt, in vielen Wissenschaftsgebieten wie ein Fisch im Wasser zu schwimmen, wer sich in Philosophie, Musik, Mathematik, Geschichte und Technik auskennt, die Schriften des Altertums lesen kann, einen frischen und humorvollen Geist besitzt und sich nicht einseitig in einem Fachgebiet verrennt, kann zu unglaublichen Erkenntnissen gelangen. Zu ihnen zählt der emeritierte Professor der Philosophie, Friedrich Wilhelm Korff: Als er an einem Buch über Platons Musiktheorie arbeitete, fiel ihm eine Tabelle in den „Nomoi“ (Gesetze) auf – einem Spätwerk Platons. Es beschäftige sich eingehend mit ägyptischen Gesetzen, Mathematik und der Logistik staatlicher Einrichtungen. Platon ist in Ägypten gewesen und hat in Memphis bei den Tempelpriestern monatelang Arithmetik, Musik- und Zahlentheorie sowie Astronomie studiert. „Diese Einheit des Wissens ist heute leider verloren gegangen“, sagte Korff bei der Präsentation seiner Thesen zur Bauweise der alten Ägypter in der Buchhandlung Böttger.

Korff untersuchte das ägyptische Mess- und Maßsystem, das durch den Architekten Imhotep unter Pharao Djoser um 2635 vor Christus eingeführt worden war, und stellte fest, das die Ellen- und Handbreitenmaße sich nur aus den Produkten der ersten fünf Primzahlen (1, 2, 3, 5, 7) zusammensetzten, ebenso wie Platons 60 Teile der Zahl 5040 in der Tabelle der Nomoi, denn 5040 oder Siebenfakultät (7!) ist gleich dem Produkt der ersten natürlichen sieben Zahlen (1 × 2 × 3 × 4 × 5 × 6 × 7 = 5040). „Korff vermutete in Platons Tabelle eine Pyramidenbauhüttenregel und wurde bestätigt, als er sich in den Handbüchern zum Pyramidenbau die Abmessungen von 29 Großpyramiden vornahm und fast durchweg Ganzzahligkeit der Basen feststellte, gebildet aus den Produkten ebendieser Zahlen. Einzig die bisherige Basislänge der Cheopspyramide mit 440 Ellen enthielt eine 11 und war somit, verglichen mit den anderen Basislängen, nicht möglich. Die durchweg vorhandene Ganzzahligkeit der Pyramidenmaße klärte sich auf natürliche Weise durch die Kalibrierung des von Imhotep eingeführten Mess- und Maßsystems, aber sie gewährte auch antiken Baukörpern jenes Maß an Präzision, das zum Vermessen und zum Aufbau einer Pyramide nötig war, nämlich die Genauigkeit, die nicht bei Wiederholungen von Messungen zu Messfehlern führte. Ein Elftel zum Beispiel war von keinem Ellenstock abgreifbar, wohl aber eine Ellenhälfte, ein Drittel, ein Viertel, ein Fünftel, ein Sechstel. Nahm man zum Beispiel bei der Cheopspyramide eine Basis von 441 = 212 Ellen an, so lagen die Zahlen im Produkt innerhalb des verwendeten Mess- und Maßsystems (441 = 32 × 72) aus den ersten fünf Primzahlen (1, 2, 3, 5, 7)“, schreibt die FAZ.

Für die Geschichte der Architektur werde eines dieser Verhältnisse noch bedeutsam, denn die Pyramidenneigung von 51,78 Grad entsteht als Diagonalenwinkel (tg 80/63 = 51,78 Grad) aus einem Rechteck an der Spitze der Cheopspyramide. Es habe das Format von 80 × 63 Ellen Seitenlänge und einen Flächeninhalt von 80 × 63 = 5040 = 7! Quadratellen. Hier tauche Platons berühmte, aber in ihrer ursprünglichen Funktion nie verstandene Fakultätszahl (7!) aus den „Gesetzen“ in den Abmessungen der Cheopspyramide auf, und zwar nur in diesen 60 Teilern.

Der Philosophieprofessor hatte die Schriften des Ptolemaios gelesen, und diese Zahlen hafteten noch in seinem Gedächtnis, als er den Böschungswinkel der Cheopspyramide fand. In dieser Tonart, die in ihrer Tonhöhe vom heutigen A-Dur kaum zu unterscheiden ist, wenn man die 441 Ellen der Cheopspyramidenbasis mit 441 Hz, nahezu dem Kammerton a1, ansetzt, stehen die verschiedenen Neigungen von zwanzig Großpyramiden in Ägypten. So schreibt Korff: „Nunmehr haben alle Pyramiden Ägyptens Namen nach ihren antiken Intervallen. Von Giza an steht am Nil ein Glockenspiel von Klängen. Die Pyramide des Mykerinus besitzt die reine, große Terz (5:4), Unas die Quinte (3:2). In den Neigungen der Pyramiden nilaufwärts folgen großer und kleiner Tritonus (10:7 und 7:5) von Neferirkare und Amenemhet I., die Naturtonterz (7:6) von Sesostris I. und III., der übergroße Ganzton (8:7) Amenemhet III., die kleine Septime (7:4) Djedefre und viele Wiederholungen und insgesamt zehn Pyramiden mit dem Quartrücksprung (4:3), den die Archäologen zwar schon lange kannten, seine musikalische Herkunft aber nicht identifizierten.“

Die Einheit der Wissensgebiete Arithmetik, Geometrie und Musiktheorie waren wohl entscheidend für die Bauwerke im alten Ägypten und nicht ein Versuch und Irrtum-Verfahren, wie es ein Kommentator auf Google Buzz darstellte.

Hier der gesamte Vortrag von Professor Korff als Audio-Aufzeichnung.

Hier noch zwei visuelle Eindrücke der Veranstaltung in der Buchhandlung Böttger, wobei der Teil 2 eigentlich Teil 1 ist:

Max Bense und die Weltprogrammierung

Zum 100. Geburtstag des Philosophen Max Bense zeigt das ZKM eine Ausstellung zu dessen internationaler Wirkung auf bildende Kunst und Literatur, die von Brasilien über Osteuropa bis Japan reichte. Die Schau, mit der die ZKM-Reihe „Philosophie und Kunst“ fortgeführt wird, stellt Bense als Dichter und Schriftsteller vor, als Kunst- und Literaturtheoretiker sowie als Ausstellungskurator und Publizist. Sie zeigt einen Künstler und Theoretiker, der eng mit der Konkreten Poesie und der Konkreten Kunst sowie der Computerkunst verbunden war, sich jedoch auch anderen Kunsttendenzen mit Leidenschaft zuwandte. Die Ausstellung mit Publikationen Max Benses sowie Grafiken, Gemälden und Skulpturen der Künstler, die Bense ausstellte oder über die er schrieb, wird ergänzt durch Manuskripte und Fotografien sowie Aufzeichnungen seiner Hörfunkbeiträge und Fernsehauftritte. Sie zeigen den Philosophen und seinen Blick auf die „Kunst in künstlicher Welt“ (1956).

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Der Angstdialektiker aus Plettenberg

Angstdialektikern fehlt ein gesundes Maß an Lebensenergie und Optimismus. Sie suchen krankhaft nach Belegen für die Verkommenheit der Welt und für die Bedrohung ihrer Existenz. Ihr geistiger Ahnherr ist Carl Schmitt. Die Bücher des zu kurz gekommenen und kleinwüchsigen Herrenmenschen sind noch heute ein unverzichtbarer Pornographie-Ersatz politische Sandkastenspieler. Seine jungen Jahre sah Schmitt als eine Kette von Demütigungen. „O Gott, was soll aus mir werden? Wovon soll ich leben? Ich armer Junge, der Zielpunkt der Pfeile des Schicksals, ich vielgeschlagener Unglücksrabe.“ Er fühlt sich von der ganzen Welt betrogen, sogar von seinen Zimmerwirtinnen, die falsche Rechnungen schreiben oder Sachen unterschlagen. „Die Wäsche kam, es fehlte wieder ein Hemd. Ich wurde rasend und geriet in Wut; Ernährungssorgen, Verzweifelung, kleinmütig.“ In den Monaten vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges gehen ihm Selbstmordgedanken durch den Kopf. Schmitt will in den „Mutterschoß zurück“ und seinen „Eintritt ins Leben rückgängig machen“, winselt er.

Der spätere Dezisionismus-Plauderer drückt sich allerdings vor der endgültigen Entscheidung. Von Ehrgeiz zerfressen, überreizt und fiebrig, giert er nach Anerkennung, will berühmt werden, taxiert seine Gegner und empfindet ein „großes Machtbedürfnis“. „Ich raste herum, auf dem Bett, wahnsinnig vor unsinniger, vernichtender, vernichtungssüchtiger zweckloser Gier“, sinniert der spätere Staatsrat, der sich den Nazis andiente, von einer dicken Beamtenpension träumte und nach 1945 in permanente Weinkrämpfe ob seiner verpfuschten staatlichen Laufbahn verfiel. Vor dem Beginn seiner staatlich alimentierten Juristenkarriere fühlt er sich „müde, gedrückt, jedem unterlegen und feige und furchtsam“. Die Welt ekelt ihn an und hat sich gegen ihn verschworen. Überall schlägt ihm Feindseligkeit entgegen, die Zeitgenossen sind „wandelnde Würste und schwänzelnde Giftpilze“.

Klein Schmitti macht seine ersten Gehversuche fern von Muttis Rockzipfel und sieht nur noch Schwarze Männchen. Wie viel „Neid, Wut, Hass und Eifersucht, ja Ekel die Leute voreinander empfinden; zähle das alles zusammen, die Erde ist bedeckt davon.“ Und wenn Mutti und Vati den lieben Kleinen nicht mit den materiellen Mitteln ausstatten, die einem zartbesaiteten Streber und Einser-Juristen gebühren und das kleine Dickerchen mit eigenen Händen nichts aufbauen kann, geißelt man am besten die böse Ellbogengesellschaft. Schuld sind immer die anderen: „Der Kapitalismus als die Herrschaft des Mittels geht hilflos an sich selbst zugrunde, weil uns alle Zwecke fehlen“ und niemand die richtigen Warum-Fragen stellt. Im sündigen Kapitalismus vertauschen die Menschen die Vorzeichen des Lebens. Sie „beten die Mittel an“ und haben die „letzten Zwecke vergessen“, faselt unser Marx für Arme. Die „tiefere Wahrheit“ umschreibt Schmittchen wie folgt: Menschliches Leben besteht nur in „Kampf und Niederlage, in Schmach und Demütigung“. „Heftig geweint über die Sorgen und den Kampf des Erdendaseins“. Alles „ist ein Kämpfen“, und zwar mehr, als die Menschen „glauben“. Es wimmelt in Schmitts Albträumen von Feinden, und das Leben „ist ein Kampf und eine Belohnung für den Kampf, der zurückliegt. Der Kampf des Fötus um die Existenz, der Spermatozonen“. Das Leben, „die anderen Menschen, die Umstände, die Zeit sind wie der Stahl, der auf der Drehbank liegt“.

Seine spätere antikapitalistische Etatismus-Suada findet hier wohl ihren Ursprung. Die gnostischen Autoren haben es Carl Schmitt angetan. Ihre Rede von der heillosen Zeit und dem Fluch des Daseins. Wenn sich im täglichen Überlebenskampf die „Wahrheit“ des Daseins entbirgt, dann ist Gottes Schöpfung vom Teufel verhext. Genau diese „tiefere Wahrheit“ werde vom Kapitalismus verdrängt. Das Zeitalter der Reklame entlässt einen dämonischen Schein, der die Menschen vom tödlichen Ernst ihrer Existenz ablenkt. Daraus bestimmt sich für den Ernstfalltheoretiker auch das „Böse“. Der Metaphysiker des Armageddon erlernt hier das Handwerk für seine staatsautoritären Dogmen. In seinen politischen Schriften geißelt er nach seinen Tagebuchheulereien die fortschreitende Säkularisierung und die zunehmende Gottlosigkeit. Den Begriff des Politischen definiert er als Erkenntnis, Freund und Feind richtig zu unterscheiden. Souverän ist Schmitt nur, wenn er über den Ausnahmezustand entscheiden kann. Je größer er sein Gedankengebäude zur Politischen Theologie und Philosophie aufbläst, desto heißer die Luft. Hätte man dem Gehirnstoffwechsel des ängstlichen Hosenscheißers frühzeitig Antidepressiva hinzugefügt, wäre aus dem Plettenberger Klein-Machiavelli vielleicht noch ein guter Werbetexter geworden: Statt apokalyptische Visionen, geistvolle Sprüche über Goldbärchen, Brandt-Zwieback oder Pamperswindeln.

VWL-Mechaniker und Ex-post-Prognostiker in der Sinnkrise

In einigen Blog-Beiträgen habe ich mich nun mit dem Niedergang der Ökonometriker, Zahlendreher, Makroklempner und VWL-Mechaniker auseinandergesetzt. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat nun eine Typologie der Wirtschaftswissenschaftler nach dem Finanzcrash erstellt. „Anfang 2008 war die Welt nämlich noch in Ordnung. Die Ökonomen sprachen von einer Abkühlung im Jahr 2009. Ein Wachstum von 1,2 Prozent, 1,5 Prozent, 1,8 Prozent sei zu erwarten, hieß es damals, aber weiß Gott keine Rezession, nicht einmal Stagnation. Ach ja. Dann kam die Krise – und mit ihr wurde offenbar, wie sehr die professionellen Prognostiker in Deutschland danebengelegen haben“, so die FAS.

Die Ökonomen würden verschreckt reagieren: „Die einen geben sich zerknirscht, die anderen behaupten, alles immer schon gewusst zu haben. Letztere nerven besonders. Denn wenn sie tatsächlich schon in ihrer Doktorarbeit vor fehlender Bankenregulierung gewarnt haben, so fragt man sich, wieso sie nicht all ihre Macht und Prominenz eingesetzt haben, die Öffentlichkeit zu warnen“. Nach meinem Eindruck sind die Zerknirschten zumindest in der Öffentlichkeit nicht sehr dominant. Die meisten wollen doch so schnell wie möglich zur Tagesordnung übergehen und jetzt analysieren, was sowieso schon bekannt ist. Es sind halt Ex-post-Prognostiker, die sich mit den Analysten zusammentun können. Letztere können auch erst ihre schlauen Reden führen, wenn ein Unheil eingetreten ist. Tun aber so, schon immer alles vorher gewusst zu haben.

Wirtschaftsforscher Snower ist einer der wenigen, die zu einem radikalen Umdenken auffordern. Ein Richtungswechsel in einer bislang hochnäsigen Wissenschaft, die gern den „Siegeszug des ökonomischen Paradigmas in alle Wissenschaften“ verkündete. Jetzt sollten die Ökonomen von ihren einst geschmähten Kollegen lernen, findet er. „Erkenntnisse vor allem aus den Neurowissenschaften, aber auch aus Psychologie und Anthropologie müssen herangezogen werden, um die Annahmen über menschliches Verhalten realitätsnäher zu machen.“ Mathematische Formeln und Ceteris-paribus-Modellrechnungen sind schon immer Rationalitätsmythen gewesen. Der heute in Ungnade gefallene Begründer der marktwirtschaftlichen Idee, Adam Smith, war davon weit entfernt: Er war Moralphilosoph, politischer Ökonom, Wirtschafts- und Sozialhistoriker, Rechtstheoretiker, Geschichtsphilosoph, Sprach- und Literaturwissenschaftler sowie Kunsttheoretiker. Also alles andere als ein Fachidiot, der sich hinter irgendwelchen Rechenmodellen versteckt, die niemals die komplexe und widersprüchliche Welt abbilden oder politische Krisen, bahnbrechende Erfindungen, Meinungstrends oder Katastrophen vorhersagen können. Besonders fragwürdig sind jene Wirtschaftswissenschaftler, die ihre Profession mit der Naturwissenschaft auf eine Stufe stellen. Diese Gruppe soll zur Zeit dominieren. Für mich sind es VWL-Mechaniker, die einem Weltbild nachlaufen, wie es der Engländer Thomas Hobbes vertrat. Er machte sich eine bereits gängige Vorstellung aus dem 16. Jahrhundert zu eigen, wenn er zu verstehen gab, der Staat, der Zusammenschluss der Menschen zu einer Einheit, eben der „Staatskörper“, sei wie jeder Körper eine Maschine, ein von einem Uhrwerk angetriebener Automat. Die Rechenschieber-Fraktion in der Wirtschaftswissenschaft ist von diesem Theoretiker des politischen Absolutismus nicht weit entfernt.

Siehe auch: Narren, Krise, Konjunktur und Schwarz Löcher, Enzensberger, Kontrollfreaks,, Prognosemist, Weltuntergangsstimmung, Krisenmanager

Foucault, der Blogger

Im Interview mit Le Monde hat der Philosoph Michel Foucault wegweisendes für die Kommunikationskultur in Web 2.0-Zeiten gesagt, erschienen 1980 unter der Bedingung, anonym zu bleiben (erst Jahre nach seinem Tod hat Le Monde offenbart, dass es sich um Focault) handelte. Jedenfalls träumte er von einem neuen Zeitalter der Wissbegierde: „Man hat die technischen Mittel dazu; das Begehren ist da; die zu wissenden Dinge sind unendlich; es gibt die Leute, die sich mit dieser Arbeit beschäftigen möchten. Woran leidet man? Am ‚Zuwenig‘: ungenügende, quasi-monopolisierte, knapp bemessene, enge Kanäle“, bemängelte der Philosoph. Es sollte keine protektionistische Haltung geben, um zu verhindern, dass die „schlechte“ Information durchkommt und nur die „gute“ Information den Empfänger erreicht. „Kein Merkantilismus à la Colbert auf diesem Gebiet. Was nicht heißen soll, wie man oft befürchtet, Uniformisierung und Nivellierung von unten aus. Sondern im Gegenteil, Differenzierung und Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Netze“. Besser haben es die Autoren des Cluetrain-Manifestes nicht ausgedrückt, um den freiheitlichen Charakter des Netzes zu skizzieren.

Und noch eine Geisteshaltung von Foucault sollte man sich merken, vor allen Dingen die Hausmeister des Netzes, die es in Deutschland haufenweise gibt: „Wenn sie irgendeinen ‚kritisieren‘, wenn sie ‚verurteilen‘, was er (der vermeintliche Intellektuelle) schreibt, stelle ich sie mir in der idealen Situation vor, da sie alle Macht über ihn hätten. Die Wörter, die sie benutzen, lasse ich ihren Lauf zurück in einen ursprünglichen Sinn nehmen: ‚zerstören‘, ‚umwerfen‘, ‚zum Schweigen bringen‘, ‚begraben‘.“

Das sind doch die geheimen Machtphantasien der Sittenwächter. Man sollte nie der Versuchung erliegen, nach den Gründen zu suchen, warum man etwas sagt, was Du gerade liest: „Nimm Dir die Freiheit, Dir ganz einfach zu sagen: Das ist wahr, das ist falsch. Das gefällt mir, das gefällt mir nicht. Punkt. Schluss“, so der Rat von Foucault. Ansonsten verläuft der öffentliche Diskurs auf dem Gerüchte-Niveau der Bild-Zeitung. „Haben Sie schon gehört, dieses und das soll, oder derjenige soll das und das gemacht haben. Das ist nicht bestätigt, aber es wird so in den Raum gestellt“. Eine geschickte Konjunktiv-Rhetorik, um sich mit den Gedanken Andersdenkender nicht auseinandersetzen zu müssen. Es ist eine Methode, die McCarthy auf die Spitze getrieben hat, mit negativen Folgen für die Meinungsfreiheit.

West-Berliner Inselleben wider die protestantischen Oberlehrer: Merve-Verleger Peter Gente

Literatur über das Dandytum

Umfassende Monographien über das Dandytum in Europa sind noch nicht geschrieben. Aber in den vergangenen Jahren wuchs die Zahl der Buchveröffentlichungen, den Dandy als literarische und gesellschaftliche Gestalt wieder an ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen. Eine Fundgrube der Dandyliteratur präsentiert der Berliner Publizist Matthias Pierre Lubinsky auf Webcritics . Kleine Kostprobe: »Éternelle supériorité du Dandy. Qu’est-ce que le dandy? (Ewige Überlegenheit des Dandys. Was ist der Dandy?)«, fragte Charles Baudelaire in den Fusées und traf damit den Nagel Dandytum auf den Kopf. Das Dandytum, das wie ein Stachel im Fleisch der Moderne sitzt.

Fernand Hörner geht in seiner gerade veröffentlichten Studie den Phänomen des dandysme nach: Zu diesen Phänomen gehört, dass das Dandytum permanent für tot erklärt wird und viele Untersuchungen mit dem Fazit enden, das Dandytum sei längst erledigt. Heute könne niemand mehr Dandy sein. Entweder weil der Ur-Dandy George Brummell unkopierbar sei oder weil die moderne Massengesellschaft mit ihrer Mode von der (Kaufhaus)-Stange keinerlei dandyistisches Sein mehr zulasse. Manche versteigen sich gar zu der mutigen Aussage, es bestehe auch gar kein Bedarf mehr an Dandyismus.

Hörner, Dozent für französische Literatur- und Kulturwissenschaft in Wuppertal, pflügt das Feld tiefer als üblich. Seine Analyse geht davon aus, »dass sich für die Behauptungen des Dandys ein gemeinsames Zusammenspiel verschiedener Taktiken der Behauptung formulieren lässt, ähnlich wie Foucault in der Archéologie du savoir Formationsregeln für einen Wissenschaftsdiskurs formuliert…..
Die Untersuchung kann durchaus als bahnbrechend bezeichnet werden. Vorliegende Werke wie die von Hans-Joachim Schickedanz (»Ästhetische Rebellion und rebellische Ästheten«, 2000) oder Günter Erbes »Dandys – Virtuosen der Lebenskunst« (2002) werden vollkommen in den Schatten gestellt. Vom Tiefgang der Untersuchung ist die neue Studie am ehesten vergleichbar mit Hiltrud Gnügs fulminanter literaturwissenschaftlicher Arbeit »Kult der Kälte« von 1988. Aber diese beschränkt sich eben auf einen recht kleinen Ausschnitt. Fernand Hörners profundes Quellenwerk setzt im Moment den Maßstab in Sachen wissenschaftliches Dandytum. Es ist Ansporn, an vielen Punkten weiterzuforschen. Soweit die Rezension von Lubinsky. Das Entscheidende seiner literarischen Diskurse ist die Betonung der Tiefgründigkeit des Dandytums.

Barbey d‘ Aurevilly schrieb in seinem Essay über das Dandytum, der in der Sammlung von Lubinsky natürlich nicht fehlt, dass der Dandy immer die Konventionen achtet, aber mit ihnen spielt, dass er versucht, das Unerwartete zu tun, das von denen, die an Spielregeln gewöhnt sind, aus logischen Gründen nicht erwartet wird, und in einer heuchlerischen Gesellschaft, die ihrer Heuchelei müde ist, immer Überraschungen hervorruft, bei denen er selbst unbeteiligt ist.