Nicholas Carr und Co. im Neuro-Stress – Internetskeptiker blicken ins Gehirn

Zwei Drittel der Berufstätigen sind nach einem Bericht des Deutschlandfunks inzwischen außerhalb ihrer regulären Arbeitszeiten für Kunden, Kollegen oder Vorgesetzte per Internet oder Handy erreichbar. Ein Drittel der Erwerbstätigen ist sogar jederzeit erreichbar, also auch am Abend oder am Wochenende. Nur 32 Prozent der Berufstätigen sind in ihrer Freizeit nur in Ausnahmefällen oder gar nicht per Internet oder Handy erreichbar. „Das Thema hat inzwischen nicht nur die Arztpraxen, sondern auch die Medien erreicht“, so der DLF.
Bei vielen Berufstätigen würde es auch am Feierabend und am Wochenende piepen – ob sich eine SMS ankündigt, das Telefon klingelt oder die E-Mail im Postfach ankommt -, ständige Erreichbarkeit gilt heute häufig als normal. Christian Fron, Geschäftsführer des Aastra-Tochterunternehmens DeTeWe erinnert an ein Zitat des amerikanischen Zukunftsforschers John Naisbitt. Er habe bereits vor 50 Jahren gesagt, es hänge vom Menschen ab, ob er die Technologie beherrscht oder sich von der Technologie beherrschen lässt. Wenn von einer Informationsflut die Rede sei, liege einiges auch am Nutzerverhalten. So werden täglich in Unternehmen rund 70 Milliarden E-Mails intern verschickt: „Jetzt muss man sich die Frage stellen, ob so viel Informationen zielgerichtet sind oder ob die eigentlichen Nutzer dieses Medium vielleicht nicht überstrapazieren“, erläutert Fron gegenüber dem DLF.

Die Klage über den Überfluss an Informationen sei kein Phänomen des Internetzeitalters und der mobilen Arbeitswelt, so Peter B. Záboji, Chairman des Afters Sales-Spezialisten Bitronic. Man müsse wie früher genau selektieren, welche Informationen durchkommen dürfen und welche nicht. „Beim traditionellen Briefverkehr waren es die Vorzimmer im Unternehmen, die eine Auswahl vorgenommen haben. Heute sind es elektronische Filter und virtuelle Assistenzsysteme. Man sollte die Technik nur geschickt einsetzen und darf sich nicht von ihr dominieren lassen“.

Die Folgen der informationellen Unzulänglichkeit des Menschen habe der Informatiker Professor Karl Steinbuch vor über 30 Jahren treffend beschrieben. Ein Wissenschaftler stehe beispielsweise ständig vor dem Dilemma, ob er seine Zeit der Forschung widmen soll oder der Suche nach Ergebnissen, die andere schon gefunden haben. Versuche er, fremde Publikationen erschöpfend auszuwerten, dann bleibe ihm kaum Zeit zu eigener Forschung. Forsche der Wissenschaftler jedoch ohne Beachtung fremder Ergebnisse, dann arbeitet er möglicherweise an Erkenntnissen, die andere schon gefunden haben. „Mit den Recherchemöglichkeiten, die das Internet heute bietet, reduziert sich allerdings der Aufwand für das erste Szenario erheblich“, sagt Záboji. Wichtig sei es nach Ansicht des ITK-Branchenexperten Fron, dass Informationen nur da hinkommen, wo sie wirklich hin sollen „Ich habe jederzeit die Möglichkeit, die Informationen komplett umzulenken, so dass nur in dringenden Fällen Nachrichten an mich herangetragen werden.“

Grundsätzlich biete sich nicht für jedes Unternehmen immer jede Technik an. „Ein Blackberry ist für einen Geschäftsführer sinnvoll, der viel unterwegs ist. Ein Innendienstmitarbeiter braucht ihn dagegen nicht. Videokonferenzen sind für internationale Konzerne mit vielen Niederlassungen äußerst praktisch. Man kann den Kollegen oder Geschäftspartnern gegenübersitzen, ohne dass man einen Schritt aus dem Büro gemacht hat. Reisen entfallen. Das spart Zeit und Geld. Man muss bei all den Anschaffungen vor allen Dingen sein Gehirn einschalten und prüfen, welche technischen Innovationen zur eigenen Firma passen“, so der Ratschlag von Záboji.

Neuronaler Kulturpessimismus

Unangemessen sei die fundamentale Technologiekritik, die sich gegen das Internet wendet. Auf diesen Zug würden zwar immer mehr Debattenkünstler wie Nicholas Carr oder Jaron Lanier (sein Büchlein heißt: Gadget: Warum die Zukunft uns noch braucht) aufspringen. Besonders originell seien die Positionen dieser Nörgler nicht. NZZ-Blogger Nico Luchsinger hat dazu ein schönes Stück geschrieben. Er beschäftigt sich mit dem neuen Buch von Nicholas Carr „The Shallows“ (die deutsche Übersetzung hat den umständlichen Titel: Wer bin ich, wenn ich online bin…: und was macht mein Gehirn solange? – Wie das Internet unser Denken verändert). Carr habe wie der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher das Gefühl, dass jemand oder etwas sein Gehirn beeinflusse. Auch der Tech-Autor habe als Hauptschuldigen das Internet ausgemacht. Es führe zur Ablenkung und zum oberflächlichen Lernen.

„Dutzende Studien, die Carr zusammengetragen hat, sollen beweisen, dass das Internet tatsächlich unsere Synapsen neu verknüpft. So sei nämlich erwiesen, dass das Internet schnelles kursorisches Lesen fördere; ständig werde unsere Aufmerksamkeit von Links auf andere Inhalte abgelenkt; die kontemplative Auseinandersetzung mit einem Text sei deshalb eine aussterbende Kulturtechnik“, so Luchsinger. „Der lineare, literarische Verstand war für fünf Jahrhunderte das Zentrum von Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft. Aber er könnte schon bald der Vergangenheit angehören“, meint Carr.

Entsprechend pessimistisch beurteilt er das Projekt von Google, möglichst viele Bücher zu digitalisieren: Indem man die Buchtexte nach Stichworten durchsuchbar mache, werde die eigentliche Effizienz des Buches für eine tiefe Wissens- und Meinungsbildung zerstört. Nicht nur bei solchen Aussagen erkenne man bei Carr einen verstörend naiven und ideologisch aufgeladenen Kulturpessimismus, kommentiert Luchsinger. An einer Stelle etwa beklage Carr die Veränderung in den Bibliotheken, die noch vor wenigen Jahren „Oasen der Ruhe“ waren, nun aber fast alle mit Internet-Zugang ausgerüstet sind: „Das vorherrschende Geräusch in der modernen Bibliothek ist nicht mehr das Blättern von Seiten, sondern das Klappern der Tastaturen.“

Dass Bibliotheken – schon immer – Orte des Wissenszugangs waren und dass dazu im 21. Jahrhundert nun mal ein internetfähiger Computer gehört, scheine Carr in seiner elitären bibliophilen Verblendung nicht in den Sinn zu kommen. Nun ist diese Position nicht nur elitär, sondern historisch gesehen Unfug. Herder hatte ich ja schon erwähnt, der mit der Flut an Buchneuerscheinungen nicht mehr fertig wurde, obwohl die Lage im Vergleich zu heute noch überschaubar war. Der Zuwachs einer deutschen Hochschulbibliothek bewegt sich jährlich zwischen 30.000 bis 50.000 Bände, während der Gesamtbestand einer Hochschulbibliothek Ende des 18. Jahrhunderts bei rund 20.000 Büchern und Schriften lag. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts lag man bei 130.000 Büchern. Eine Uni-Bibliothek abonniert heute mehr als 8.000 Periodika. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es erst 100 wissenschaftliche Zeitschriften. Die Library of Congress beziffert ihre Bestände auf weiter über 130 Millionen Einheiten.

„In einer Kritik von ‚The Shallows‘ hat der Psychologe Steven Pinker erklärt, Neurowissenschaftler würden bei den Aussagen Carrs nur mit den Augen rollen. Denn natürlich beeinflusse die Internet-Nutzung das Gehirn – genauso wie Fahrradfahren und alle anderen menschlichen Tätigkeiten und Erfahrungen auch. Und die Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf, die in ihrem Buch ebenfalls vor den Gefahren des digitalen Lesens warnt, gestand im Interview mit der ‚Süddeutschen Zeitung‘ ein, dass es bis jetzt kaum harte Fakten zu den Auswirkungen des Lesens an einem Bildschirm gibt. Das soll nicht heißen, dass es keine Unterschiede zwischen dem Lesen eines Buches und dem Lesen eines Blogposts gibt, und auch nicht, dass letzteres keinen Einfluss auf unser Gehirn hat. Aber die Faktenlage lässt Carrs einigermaßen apokalyptische Prophezeiungen völlig übertrieben erscheinen“, resümiert der NZZ-Blogger.

Schirrmacher, Lanier und der Alzheimer-Journalismus


Der FAZ-Neuro-Feuilletonist Frank Schirrmacher ballert zur Zeit im Wochen-Rhythmus neue „Argumente“ in die Welt, um seinen „Internet verändert das Gehirn“-Thesen, die er in seinem Buch Payback ausgebreitet hat, neue Nahrung zu geben. So unterstellt er, dass wir in Deutschland nicht in der Lage sind, eine tiefgehende Debatte über das Informationszeitalter zu führen und bringt dann Ladenhüter-Thesen von Internetskeptikern wie Nicholas Carr.

Die Web-Nervensäge vom Dienst vergleicht ja nicht nur ohne Unterbrechung das Internet mit der Stromversorgung, sondern versteigt sich nicht das erste Mal zu Aussagen über Neurobiologie und den Folgen des permanenten Multitaskings. Mittlerweile ist wohl das Gehirn ein Feld für eine Heerschar von Laienwissenschaftlern, Deppen und Kulturredakteuren geworden, die ihre kruden Thesen über Neuromarketing, Neurowerbung, Neuroshopping oder Gehirn-Jogging in die Welt setzen, allerdings ohne den Anflug irgendeiner wissenschaftlichen Qualifikation. Jedenfalls ist mir nicht bekannt, welche Forschungsarbeit Carr vorweisen kann, um seine Thesen zu untermauern. Er schreibt provokative Management-Bücher, um als Redner gebucht zu werden. Mehr ist es wohl nicht. Gestern hat nun das FAZ-Feuilleton als Aufmacher ein ganzseitiges Interview mit Jaron Lavier gebracht. Überschrift: „Der digitale Maoismus ist zu Ende“. Als Einleitung: Jaron Lanier ist ein Internet-Pionier. Den Begriff ‚virtuelle Realität‘ hat er geprägt und die Gratiskultur beschworen. Nun sieht er, wie Kreative ausgebeutet werden. Im Gespräch verwirft er die ‚Schwarmintelligenz‘. Er spricht vom digitalen Mob“. Dann kommt die erste Frage der FAZ. „Sie waren Prophet einer wunderbaren Digitalwelt voller Magie. Jetzt führen Sie Klage darüber. Was ist passiert?“. So fällt im wahrsten Sinne des Wortes die knallharte Einstiegsfrage der FAZ aus. Vor allen Dingen das „Jetzt“ hat mich fassungslos gemacht. Herr Schirrmacher, halten Sie Ihre Leser für Alzheimer-Kranke. Mit den Maoismus-Thesen ist der Lanier mehr oder weniger originell schon seit einigen Jahren unterwegs. Sie pressen das jetzt wohl in ihr Payback-Schema. Schon im November 2006 hat er gegenüber Spiegel Online fast die gleichen Argumente vorgetragen. „Derzeit wird die Vorstellung immer populärer, das Kollektiv könne nicht nur Zahlenwerte wie einen Marktpreis ermitteln, sondern verfüge als eine – gern Schwarmgeist genannte – höhere Intelligenz über eigene Ideen, ja sogar über eine überlegene Meinung. Eine solche Denkweise hat in der Geschichte schon mehrfach zu sozialen und politischen Verheerungen geführt. Mir bereitet die Vision Sorgen, nur das große Ganze, das Kollektiv sei real und wichtig – nicht aber der einzelne Mensch. Das war der Fehler in allen totalitären Ideologien, vom Nazi-Regime über Pol Pot bis zu den Islamisten“, so Lanier gegenüber dem Spiegel. Als Beispiel nennt er das kostenlose Online-Lexikon Wikipedia, dessen Einträge von über 200.000 freiwilligen Autoren verfasst werden. Auf dieser Plattform könne jeder sehr schnell Opfer des Mobs werden.

„Die Gefahr von Wiki-Lynchjustiz halte ich für sehr real. In der Wikipedia-Welt bestimmen jene die Wahrheit, die am stärksten besessen sind. Dahinter steckt der Narzissmus all dieser kleinen Jungs, die der Welt ihren Stempel aufdrücken wollen, ihre Initialen an die Mauer sprayen, aber gleichzeitig zu feige sind, ihr Gesicht zu zeigen“, kritisiert Lanier. Es sei im Grunde eine neue Religion. „Diese Leute glauben an etwas Ewiges, Unsterbliches. Sie haben ihre Rituale, ihre drolligen Überzeugungen, ihre Heiligen. Solange dieses Menschenbild zu einer kleinen Subkultur gehört, mag sich das niedlich anhören. Aber es ist ernst. Computer haben mit jedem Jahr mehr Einfluss darauf, wie wir miteinander in Kontakt treten und wie wir unser Leben denken. Und mit den Computern werden auch die Ideen der Freaks immer mehr Teil des kulturellen Mainstreams“, sagte Lanier damals und leiert das auch heute wieder runter.

Er plädierte auch schon vor einigen Jahren für eine Technik, mit der man im Internet unmittelbar Geld einnehmen könne. Das wäre für viele Menschen der Anreiz, anspruchsvolle Dinge im Internet zu veranstalten und zu veröffentlichen. Sofort gäbe es eine Fülle unterschiedlichster ernstzunehmender Stimmen – und dem Kollektivismus wäre die Grundlage entzogen. Wie das in der Praxis aussehen könnte, erklärte er früher und erklärt es auch jetzt leider nicht. Irgendwie müssten sich halt alle Regierungen zusammenraufen und so etwas regeln. Ja, Mister Lanier, spiel weiter mit Deinen Sandförmchen. Neuro-Frank macht mit Deinen Behauptungen vielleicht noch ein schönes Büchlein „Payback II“, dann kannst Du weiter Karussell fahren mit Deinen Recyclingsprüchen.

Wohin die kruden neurobiologischen Schwafeleien hinführen können, hat Professor Henning Scheich, Direktor des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg, sehr gut dargelegt: Superlernen, die Rattenfänger der Neuroökonomie und warum Gehirnjogging Unfug ist: Wenn die Birne leuchtet, lernen wir nicht besser – Ein Profihirn zeigt wenig Aktivität.

Siehe auch:
Schirrmacher hat leider Shirky übersehen.

Schirrmacher hat übrigens noch nicht einmal den Mut, im Social Web unter seinem eigenen Namen unterwegs zu sein:

The European: Sind Sie eigentlich bei Facebook?
Schirrmacher: Ich bin bei allem. Bei Facebook, bei MySpace, bei Twitter. Natürlich nicht unter meinem wirklichen Namen. Manche würden sich wundern, wenn sie wüssten, mit wem sie da kommuniziert haben. Kennen Sie zum Beispiel diese Amazon-Wunschlisten? Da hab ich jemandem mal aus Versuchszwecken ein Buch geschenkt, der mir wie andere aufgefallen war, weil sie völlig gegen meinen Strich kommentiert hatten. Daraufhin bekam ich etwas später einen maschinengeschriebenen Brief zurück. Der Absender, ein junger 20-Jähriger, fragte mich, ob ich das wirklich sei oder ob das jetzt alles nur ein Fake ist. Er wird ein kommender Mitarbeiter unserer Zeitung werden.

Wer sich in der Anonymität suhlt, hat eben doch ein Problem mit der neuen öffentlichen und selbstbewussten Meinung der Vielen.
Peter Kruse, ein Professor für Psychologie an der Universität Bremen, hat Schirrmacher im Interview mit Sueddeutsche.de einen “fremdelnden Netzwerk-Besucher” genannt und meinte weiter, “wer sich nicht selbst in den Netzwerken bewegt und sie als eine schwer zu ertragende Kakofonie empfindet, der fühlt sich logischerweise schnell überfordert”. Das weist Frankie-Boy zwar zurück. Es trifft aber den Kern von Schirrmachers Angst, wenn er sich nicht mehr hinter den bildungsbürgerlichen Honoratiorenkreisen seines Blattes verstecken kann.

Lesenswert: habe noch lust, mich über frank schirrmacher zu nerven 😉

Wer surft hier eigentlich an der Oberfläche? #schirrmacher.

Die Gedankenwolken des Nicholas Carr – Internetskeptiker will Google bändigen und warnt vor der Zentralisierung des Datennetzes.