Bestraft mich doch endlich!

Der liebwerteste Zeit-Gichtling Adam Soboczynski ist ein heldenhafter Kämpfer für die Rechte von geknechteten, gebeutelten und verarmten Künstlern, die in den Fängen von freibeuterischen Piraten bald ein Dasein am Hungertuch fristen müssen. Die Wochenblatt-Edelfeder macht sich wenig Gedanken, wie das Vollzugsdefizit des Urheberrechtes beseitigt werden kann und schreibt in unnachahmlicher Klarheit, dass sich die Künstler mit ihrer Protestnote „Wir sind die Urheber“ bemerkenswert kompromisslos in Szene setzen. Achtung, ich verdinge mich jetzt als Kopist und zitiere Sobo in Auszügen, bitte nicht abmahnen:

„Sie zielen nicht auf bereits diskutierte Modelle wie etwa Kultur-Flatrates oder freiwillige Bezahlsysteme, die das Urheberrecht ersetzen könnten, sondern unmissverständlich auf die Stärkung desselben unter den neuen digitalen Gegebenheiten – mit welchen Mitteln auch immer.”

Mit welchen Mitteln auch immer! Da sind doch Bedenkenträger wie Dirk von Gehlen oder Frank Schirrmacher völlig fehl am Platz. Sie reden einfach zu viel von den Kehrseiten der Urheber- und Verwerter-Herrlichkeit sowie von den digitalen Irrläufen der etablierten Industrien, die sich in ihren analogen Erdlöchern verschanzen zur Vorbereitung der finalen Abwehrschlacht gegen Filesharing-Piraten.

Nachdenken könnte Künstler verwirren

Warum sollten sich auch Künstler die Finger schmutzig machen mit Recherchen über die Abmahn-Gichtlinge dieser Republik, die in unsäglich aufwändigen Verfahren IP-Adressen identifizieren, jeden noch so kleinen Regelverstoß ahnden, grotesk überhöhte Strafzölle mit einer Durchschnittssumme von 1000 Euro erheben und damit, „wie Constanze Kurz in der FAZ schrieb, allein 2011 Einnahmen in Höhe von 190 Millionen Euro generierte, die in Anwaltskanzleien und Eintreiberbüros größtenteils versickern“, so Frank Schirrmacher. Bislang konzentriert sich die Gebühren-Abzocke noch auf die Musikbranche. Im Literaturbetrieb geht es gerade erst los, wie der FAZ-Herausgeber in seinem Opus „Schluss mit dem Hass“ konstatiert. Da ist es Sobo und Co. wohl wurscht, wenn man nur die Dummen erwischt und die schlauen Kopisten an ihrem bösen Treiben auch in Zukunft nicht hindern kann. Hauptsache, die Kasse klingelt.

Warum sollten die Protest-Künstler überhaupt nur in Ansätzen differenziert über Ursache und Wirkung der vernetzten Ökonomie nachdenken. Das von den Verwertern aufgeführte Untergangsdrama folgt einem bewährten Drehbuch, wie Dirk von Gehlen in seinem Buch Mashup darlegt: In er ersten Phase singt der Klagechor vom Sterben einer ganzen Branche – hier dienen die Musikmanager als profilierte Regisseure: „

In der zweiten Phase versucht man dann, durch technische Mittel wie das sogenannte Digitale Rechtemanagement (DRM) nicht nur das Vagabundieren der Kopien, sondern das Kopieren an sich zu unterbinden; und schließlich gehen die Konzerne dazu über, juristische Schritte gegen den kopierenden Verbraucher einzuleiten, um so ein Klima der Abschreckung zu schaffen. Diese dritte Phase ist verbunden mit Lobbyarbeit bei Politikern und Parlamentariern, die diese für eine Verschärfung des Urheberrechts gewinnen soll“, erläutert SZ-Redakteur Dirk von Gehlen.

Die Empörung der „Funk-Jockeys“

Dann stößt man die Medienarbeit an mit Überschriften wie „Die Musikindustrie steht vor ihrer gefährlichsten Krise“ oder „Umsatzverlust von mehr als einer Milliarde“. Diese Headlines kann man mit dem Zufallsgenerator aus dem Zeitungsarchiv gewinnen. Bei der Umsatzverlust-Story habe ich etwas geschwindelt und die Währung unterschlagen. Es war von „Mark“ die Rede und man blickte in den 1970er Jahren sorgenvoll auf die Partisanen und Piraten des verschworenen Ordens der Cassetten-Raubkopierer, zu denen auch ich damals zählte. „Funk-Jockeys“ wie Frank Elstner und Thomas Gottschalk sowie der damalige Jupiter-Rekord-Chef Ralph Siegel bildeten die Speerspitze der Schallplatten-Industrie. Die Totschlagformel „Umsonstkultur“ war noch nicht erfunden. Damals ging es um „Hits zum Nulltarif“. Heute wohl semantisch etwas zu kompliziert für die PR der Verwerter und Urheber. Da liebt man es derber und formuliert nicht mehr allzu komplizierte Sätze wie „Hometaping is killing music“. Besser ist: „Raubkopierer sind Verbrecher“ oder „Aufruf gegen den Diebstahl geistigen Eigentums“.

Die Aufruf-Künstler mögen es monokausal. Wer den starken Staat gegen digitale Hausierer und Kopisten in Stellung bringen will, darf nicht zurückblicken auf die Fehler der Gesternbranchen, wie ich sie in dem Fachmagazin „Absatzwirtschaft“ beschrieben habe. Und was ich weiter noch so alles zu diesem Thema geschrieben habe, steht morgen in meiner The European-Kolumne.

Update: Hier geht es zur Kolumne.

Wir sind die Urheber! Die Zeit-Überschrift habe ich jetzt einfach mal geklaut: Sind wir nicht alle Urheber?

Warnung: Dieser Propagandatext ist durch Urheberrechtsgesetze und internationale Verträge geschützt. die unbefugte Vervielfältigung oder Weitergabe dieser geistigen Ergüsse oder von Teilen davon kann schwere zivilrechtliche oder strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Zuwiderhandlungen werden im größtmöglichen Umfang verfolgt!

Wäre diese Formulierung genehm, Herr Adam Soboczynski, wenn es um die Durchsetzung der so sehnsüchtig verlangten Rechte von geknechteten und gebeutelten Künstlern geht? Ob sich nun die Künstler auf die Seite der Verwerter stellen oder nicht, ist mir egal. Überraschend ignorant finde ich die Position, noch nicht mal in Ansätzen über innovative Modelle auch nur nachzudenken, wie man das Vollzugsdefizit des Urheberrechtes kompensieren kann.

Da schreibt der Sobo:

„Hier zeigen sich die Künstler bemerkenswert kompromisslos. Sie zielen nicht auf bereits diskutierte Modelle wie etwa Kultur-Flatrates oder freiwillige Bezahlsysteme, die das Urheberrecht ersetzen könnten, sondern unmissverständlich auf die Stärkung desselben unter den neuen digitalen Gegebenheiten – mit welchen Mitteln auch immer.“

Uff. Das ist ein Rückfall. Dann sollten die Künstler doch etwas konkreter werden. Mit welchen Mitteln wollen sie das Urheberrecht gegen die unendliche Reproduzierbarkeit digitaler Kopien denn durchsetzen? Welche Maßnahmen der Film- und Musikindustrie gegen die so genannte Piraterie führten denn zum Erfolg? Dieses Katz- und Maus-Spiel hat die Industrie schon längst verloren. Wie hoch sollen die sozialen Kosten bei der Durchsetzung des Urheberrechtes denn noch sein? Sollen alle Internetnutzer kollektiv als Verbrecher abgestempelt werden? Jeder unter Verdacht geraten? Die schlauen Kopierer lassen sich nicht schnappen. Man bestraft die Dummen, die sich erwischen lassen. Ist das gerecht? Über das Propagandawort der Raubkopie habe ich mich ja schon ausgelassen. Der in der Zeit abgedruckte Künstler-Aufruf unter dem Titel „Diebstahl geistigen Eigentums“ ist nicht besser. So heißt es im Strafgesetzbuch:

Wer eine fremde bewegliche Sache einem anderen in der Absicht wegnimmt, die Sache sich oder einem Dritten rechtswidrig zuzueignen, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Wer nimmt denn was weg? Geistiger Diebstahl ist ein Propagandawort. Dann greifen wir halt zum Urheberrecht:

§ 106 Unerlaubte Verwertung urheberrechtlich geschützter Werke:

Wer in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen ohne Einwilligung des Berechtigten ein Werk oder eine Bearbeitung oder Umgestaltung eines Werkes vervielfältigt, verbreitet oder öffentlich wiedergibt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

Das ist dann wohl etwas zu komplex für eine Proklamation. Also schön in die semantische Trickkiste greifen wie die Filmindustrie mit dem „abschreckenden“ Trailer, der einem im Kino um die Ohren gepfeffert wird.

Am Vollzugsdefizit ändert das nichts.

Bitte jetzt doch weitere Abschreckungsmaßnahmen in der Zeit veröffentlichen, wie man diesem Piraten-Volk auf die Pelle rücken kann. Mittelalterliche Foltermethoden, heilige Inquisition, Pfählen, Narrenkappe aufsetzen, zum Schämen in die Ecke stellen, Gründung einer Urheberrechtspolizei, Zuständigkeit der Knöllchenjäger erweitern, Staatstrojaner im Kampf für Künstlerhonorare einsetzen oder, oder, oder. Etwas präziser sollten die Künstler schon werden, die sind ja sonst nicht auf den Mund gefallen.

Wem nichts einfällt, um Netzbewohner zu kujonieren, kann sich auch den Vortrag des SZ-Redakteurs Dirk von Gehlen anhören oder einen Ausschnitt ansehen. Da können sogar Kehlmann, Regener, Willemsen und Co. noch was lernen – nämlich Sinn für Realität!

Siehe auch:

Über den Propagandabegriff der „Raubkopie“ und die Innovationen der Kopisten #rp12 #informare12

Lesenswert: Ich bin Urheber.

Die fünf größten Irrtümer im Urheberrechtsstreit.

Wir sind Bürger.

Filesharing und die Autoren-Ehre

Bevor ich noch einen ausführlichen Bericht über die Berliner Wissenschaftskonferenz Informare schreibe (der wird am Freitag erscheinen), bei der ich ja noch einen Vortrag über Kopisten, Imitatoren und Kombinierer halte, hier schon einmal zwei kurze Videos der heutigen Expertendiskussion zum Thema „Guttenplag, Axolotl Roadkill & RapidShare. Was das Internet aus Autorenethik, Nutzerethik und Urheberrecht macht“. Mit dabei Constanze Kurz vom Chaos Computer Club, MdB Ansgar Heveling, Dr. Torsten Casimir vom Börsenblatt des Deutschen Buchhandels und der Journalist Dr. Hajo Schumacher.