Müll-Geschäfte drehen sich weiter: Der Grüne Punkt und die Heuschrecken

Vor ein paar Tagen wurde bereits berichtet, dass sich der amerikanische Finanzinvestor KKR beim Grünen Punkt-Müllkonzern „zurückzieht“. „Neuer Eigentümer des Kölner Unternehmens wird das Management unter Führung von Stefan Schreiter, 45, der die Firma seit 2006 lenkt….Allerdings stemmen die DSD-Manager den Kauf nicht alleine. Sie erwerben lediglich einen nicht bezifferten Teil der Anteile. Der Rest geht an die britische Private Equity-Gesellschaft Solidus Partners. Einer der Solidus-Partner, Philippe von Stauffenberg, soll Beiratsvorsitzender des DSD werden. Zum Verkaufspreis machten die Beteiligten keine Angaben. Finanzkreisen zufolge soll KKR einen niedrigen dreistelligen Millionen-Betrag erlöst haben. Vor sechs Jahren hatte der amerikanische Finanzinvestor 260 Millionen Euro für den Entsorger von Verpackungsmüll bezahlt. Schreiter, der vor seiner Tätigkeit beim DSD, Finanzchef des weltweit größten Herstellers von Gasfedern, Stabilus, war, will das Unternehmen künftig auch international voranbringen. In Deutschland hat der ehemalige Monopolist in den vergangenen Jahren durch wachsende Konkurrenz erhebliche Marktanteile verloren“, schreibt die Süddeutsche Zeitung. Interessant wäre es ja schon, wer sonst noch zur Gruppe der privaten und institutionellen Investoren zählt, die am Kauf beteiligt sind. Einen Namen habe ich schon gehört, konnte ihn aber noch nicht verifizieren. Hier kann man raten.

Weiß eigentlich noch jemand, wie der Deal vor gut fünf Jahren über die Bühne geht. Die ARD-Reportage, siehe oben, hat das komprimiert dargestellt. Der Private-Equity-Fonds Kohlberg Kravis Roberts (KKR) hatte für den Kauf der damaligen „Der Grüne Punkt – Duales System Deutschland AG“ (DSD) wenig eigenes Kapital aufwenden müssen, berichtete damals das Manager Magazin. „Von den 260 Millionen Euro Kaufpreis stammen nur rund 100 Millionen tatsächlich aus dem Geld von KKR-Investoren. Bei den übrigen 160 Millionen handelt es sich um Bankkredite, die KKR über eine Tochter namens Deutsche Umwelt Investment AG (DUI) aufgenommen hat. Rückwirkend zum 1. Januar 2005 hat KKR die Deutsche Umwelt Investment AG mit der DSD AG verschmolzen. Auf diese Weise erbt das DSD die 160 Millionen Euro Bankschulden und KKR entledigt sich eine Großteils seines Investitionsrisikos – ein beliebter Kniff in der Private-Equity-Branche“, so das Hamburger Blatt.

Das Handelblatt recherchierte denn auch sehr schnell, dass sich der Kaufeinsatz schon im ersten Geschäftsjahr mehr als ausgezahlt hat: „Die für den Kauf aufgenommenen Bankkredite über 159 Millionen Euro konnten bis zum Jahresende komplett getilgt werden. Den von KKR eingesetzten 108 Millionen Euro als Eigenkapital stand nach zwölf Monaten ein Jahresüberschuss von 146 Millionen Euro gegenüber“. Eine solche Kapitalrendite von 35 Prozent sei selbst für Private-Equity-Firmen sensationell, wundert sich ein Brancheninsider.

Nach Auffassung des Kölner Journalisten Werner Rügemer brauche das Vorgehen der Heuschrecken Verbündete innerhalb des übernommenen Unternehmens: „Und so werden – man könnte es zynisch ‚Mitarbeiterbeteiligung‘ nennen – die bisherigen Geschäftsführer und Bereichsleiter in Kapitaleigner verwandelt. Wenn sie zum Kauf der Gesellschaftsanteile nicht genügend Geld haben, erhalten sie vom Finanzinvestor günstige Kredite“, führt Rügemer aus. Sarah Bartlett beschreibt in ihrem Buch „The Money Machine“, wie KKR Macht und Profite organisiert. Wer Allianzen mit KKR schmiede, könne gut verdienen. Juristen hätten die Chance, durch KKR-Beteiligungen Multimillionäre zu werden. Politiker könnten sich ihre Kampagnen-Kassen aufbessern lassen und mit Wall Street-Prominenz verkehren. Auch Vorstandschefs werde es ermöglicht, durch Beteiligungsrechte an KKR-Firmen Millionen zu verdienen.

Bin gespannt, wie diese Müll-Story weitergeht? Ein Umweltpolitiker flötete mir kürzlich ins Ohr, dass sich spätestens mit dem neuen Kreislaufwirtschaftsgesetz der Abfall-Zirkus mit den Dualen Systemen erledigt hat. Die Kommunen würden die Getrenntsammlung übernehmen und nicht nur auf Verpackungen beschränken. Der Konsumgüterindustrie könnte es auch wurscht sein, ob die Gebühren für die Sammlung über Gelbe Tonnen und Säcke von privatwirtschaftlichen Müll-GEZs abkassiert oder direkt mit den Kommunen verrechnet werden. Es könnte allerdings auch sein, dass sich die Systeme untereinander zerlegen.

Nachtrag:
Ich weiß nicht, ob die zur Solidus-Firmenfamilie gehören. Jedenfalls residiert die Solidus Partners SCA in, na, wo….richtig in Luxemburg: Boulevard Napoléon 1er, 54, 2210 LUXEMBOURG.

Nachtrag zu Konjunkturprognosen: Günter Ogger, Autor des Buches „Nieten in Nadelstreifen“ empfiehlt einen Dummschwätzer-Boykott

Als Reaktion auf meinen Blog-Beitrag zu den Forderungen von DIW-Chef Zimmermann schickte mir Bestseller-Autor Günter Ogger http://www.guenterogger.de folgende Mail:

Versuchen Sie es doch mal mit einer Initiative „Dummschwätzer-Boykott“:
Wenn man die Chefredakteure der sog. Leitmedien dazu verpflichtete, ab sofort die Nonsens-Verlautbarungen der Ökonomen und Analysten zu ignorieren, würde das zur Medienhygiene beitragen. Volkswirtschaft
ist nun mal keine Wissenschaft, sondern Religionsersatz. Wenn schon
Gesundbeterei erwünscht ist, dann sollte sie als solche deklariert werden und nicht im Gewand preusdowissenschaftlichen Geschwätzes daherkommen.
Freundliche Grüße,
Günter Ogger

Das sollten wir beherzigen. Weiterführend sind auch die Xing-Beiträge unter: https://www.xing.com/app/forum?op=showarticles;id=16477028;articleid=16478516#16478516 

So schreibt Knut Eric Wingsch:
Die Experten, Politiker und Manager haben ihre Kopfnuss kassiert. Um alle Klischees zu bedienen bitte ich um Hinzufügung der Banker ;-))

Das die Experten, die über Experten, Politiker, Manager und Banker richten, sich selbst zu Experten stilisieren wird auffallend häufig nicht berücksichtigt oder nur dann, wenn es in die eigene Story passt. Komischerweise werden die Berufsgruppen nie gelobt, wenn alles bestens läuft und die Vorhersagen im positiven Sinne zutreffend sind – ist doch irgendwie eigenartig oder?

Und Michael R. RUOFF meint:

Glaube keinem Experten, er redet nur pro Auftraggeber.
Glaube keiner Prognose, sie sind alle zweckorientiert.
Glaube keiner Statistik und daraus abgeleiteten Analysen. Denn auch Statistiken sind oft gefälscht durch Weglassen und Ausgrenzen. Wer es noch nicht kennt, dem rate ich zur Lektüre: Walter Krämer, So lügt man mit Statistik.
Praktische Beispiele findet man jeden Tag in der FAZ, beim ZDF, im Spiegel und in den Regierungspublikationen. Vor allem in den Schaubildern. Beispiel: Ölpreisentwicklung in Dollar, Benzinpreiskurve in der gleichen Grafik in Euro. Sah dann so aus, als ob der Benzinpreis kaum sinkt.
„Get your facts first, and then you can distort them as you please“ (Mark Twain, 1835-1910)

Die Debatte wird uns wohl längere Zeit beschäftigen, Gruß GS

Schirmacher und die manisch-depressive Krisenfixierung: Spiegelredakteur Mohr empfiehlt Zimtsterne statt Finanzcrash-Literatur

Panikstimmung in Deutschland. „Wir sollen plötzlich alle zu Hause bleiben, Billigfutter essen und das Geld zusammenhalten. Was für ein Quatsch“, kontert Spiegelredakteur Reinhard Mohr http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,592628,00.html in seinem Krisenknigge. Nichts sei schlimmer in diesen Tagen als das Starren auf Zahlen und Kurven, die bange Erwartung der Katastrophenmeldungen, die von Organisationen wie OECD, Ifo-Institut und Co. kommen. Schon Hölderlin wusste: „In der Gefahr wächst das Rettende auch“, und tatsächlich: „Gerade in diesen Zeiten einer weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise, die manifest und virtuell ist, materiell greifbar, aber dennoch merkwürdig diffus, hilft der praktische Lebenssinn. Wir sind, trotz Globalisierung und Börsenwahn, freie Menschen aus Fleisch und Blut, mögen die Billionen noch so heiß laufen in den Luftblasen der geplatzten Spekulation. Wir können uns, im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten, entscheiden, das heißt: Wir können handeln“, so Mohr.

Wir seien keine Lehmann Brothers und müssten nicht wie gebannt vor Laptop und Fernsehapparat hocken und auf den nächsten Schlag warten, der unsere schlimmsten Befürchtungen bestätigt. „Doch leider tun wir genau das allzu oft“, moniert Mohr. Als Epizentrum der manisch-depressiven Krisenfixierung hat er den FAZ-Mitherausgeber Frank Schirmacher ausgemacht, der im Feuilleton-Aufmacher der Zeitung schon in der Überschrift empfiehlt: „Gehen Sie jetzt nach Hause!“ Was man dort tun soll, werde allerdings nicht verraten. „Der Apokalypse-Aficionado aus Frankfurt am Main hat sich den luziden Krisen-Tipp bei seinem amerikanischen Lieblingsautor Thomas Friedman (‚Die Welt ist flach’) http://www.thomaslfriedman.com besorgt, viel gelesener Blogger bei der ‚New York Times’. Der hat in einer spektakulären Vor-Ort-Recherche in Manhattans Gaststätten einen dramatischen Befund erhoben: Die Leute gehen einfach weiter essen, so, als wäre nichts geschehen! Unglaublich. Sie verspeisen Thunfisch, Hummer und Steaks, als ginge nicht gerade die Welt unter. Wahrscheinlich kaufen die ‚Sex and the City’-süchtigen Frauen auch noch weiter zehn Zentimeter hohe Pumps, und selbst entlassene Investmentbanker holen sich heimlich den einen oder anderen Hotdog an der Wall Street“, schreibt Mohr.

Ein wenig fühle man sich an Blaise Pascals Wort erinnert, das ganze Unglück der Welt rühre daher, dass die Menschen einfach nicht ruhig zu Hause sitzen bleiben könnten. „Frank Schirrmacher aber sieht hier schon den Sartreschen ‚poète engagé’ am Werke, der sich längst zum ‚économiste engagé’ gewandelt hat und die geistig-moralische Revolution vorbereitet, die offenbar – historisch eine echte Sensation – zu Hause stattfinden soll. Andernfalls, bitte sehr, ‚starren wir in ein tiefes Loch, in das die ganze Welt hineinstürzen könnte’, wie Friedmans Untergangs-Kollege Jeffrey Garten dunkel prophezeit. Dann freilich wäre alles zu spät, und Barack Obama, der neue Heilsbringer, könnte gleich wieder einpacken. Auch sein Thunfischsandwich. Das alles sei natürlich Mumpitz. Spökenkiekerei. Voodoo. Manichäismus pur, Schwarzweißdenken wie im Mittelalter. Himmel oder Hölle. Was eben noch die Apotheose der Shareholder Value war, die Vergöttlichung des schnellen Profits, werde nun zur Religion der Umkehr: vom Turbokapitalismus ins Kapuzinerkloster. ‚Büßer aller Länder, vereinigt euch und macht die letzte Thunfischdose auf’“, frotzelt Mohr.

Die weltweit kolportierte Endzeitstimmung setzt auch nach Ansicht des IT-Experten Udo Nadolski eine gefährliche Abwärtsspirale in Gang. „Dabei waren es die makroökonomischen Zauberlehrlinge der amerikanischen Zentralbank, mit deren Hilfe Staat und Banken ihren faulen Papiergeldzauber praktizierten“, kritisiert Nadolski, Geschäftsführer des Düsseldorfer Beratungshauses Harvey Nash http://www.harveynash.com/de. Konjunkturschwankungen werde es immer geben, vor allem im Zusammenhang mit umwälzenden technischen Erfindungen, aber die verrückten Ausschläge, siedende Hochkonjunktur und Depression, waren immer und überall Ausgeburten des Zentralbanksystems und seiner Kreditexpansion.

„Deshalb ist es an der Zeit, dass die Realwirtschaft die Deutungshoheit in der Öffentlichkeit zurück erobert und die finanzwirtschaftlichen Makroklempner in die Schranken weist“, fordert der Harvey Nash-Chef. Man sollte sich Abstand nehmen vom Chorheulen der Wölfe und antizyklisch agieren: Investieren, konsumieren, Firmen gründen, zukunftsfähige Produkte und Dienstleistungen entwickeln. .„Urteilskraft, Witz und Scharfsinn bringen den guten Einfall hervor, mit dem der Handelnde die drohende Überwältigung durch die Umstände parieren kann. So hat es schon im 17. Jahrhundert der Jesuit Balthasar Gracián in seiner Klugheitslehre beschrieben. Die wirtschaftliche Prosperität ist abhängig von der Summe der Einzelentscheidungen und nicht von den unheilvollen Prognosen der VWL-Statistikakrobaten in den Wirtschaftsforschungsinstituten“, erklärt Nadolski.

Entsprechend fallen die Empfehlungen von Spiegel-Redakteur Mohr aus. „Besuchen Sie das Flusspferdhaus im Berliner Zoo (oder einem Zoo in Ihrer Nähe). Binnen Sekunden haben Sie die allerneueste OECD-Prognose über wachsende Arbeitslosigkeit bis 2010 vergessen“, führt Mohr aus. Das neue Buch von Sahra Wagenknecht „Wahnsinn mit Methode – Finanzcrash und Weltwirtschaft“ sollte man bei Hugendubel einfach links liegen lassen und sich lieber Zimtsterne auf dem Weihnachtsmarkt kaufen, schlägt Mohr vor.