PR-Stunt statt Standortstrategie: Warum „Made for Germany“ nicht reicht – und „Built by Deep Germany“ der bessere Weg ist

Es war ein kalkulierter Paukenschlag – und wurde zum Rohrkrepierer: Die PR-Initiative Made for Germany (M4G), orchestriert von FGS Global, Springer und Großinvestor KKR, sollte der Nation ein neues Selbstbewusstsein einblasen. Ein „Deutschland der Zukunft“, mit Kanzlerfoto, weichgezeichneten Investitionsversprechen und PR-Sprechblasen, die selbst ChatGPT erröten ließen. Doch die Reaktion war verheerend – wie Thomas Rommerskirchen im prmagazin seziert, blieb von der angeblichen Zukunftsvision vor allem der fade Nachgeschmack eines PR-Stunts zurück. Kein belastbarer ökonomischer Effekt, kein klarer politischer Rahmen, keine Antwort auf die fundamentalen Herausforderungen unserer Zeit.

Dass die Initiative ausgerechnet mit dem Slogan Made for Germany daherkommt – einem Claim, den Samsung seit Jahren für Waschmaschinen und Fernseher nutzt –, ist mehr als ein Schönheitsfehler. Es ist ein Symbol für die Beliebigkeit der deutschen Wirtschaftsrhetorik. Die Show ersetzt die Substanz. Und das in einer Zeit, in der der industrielle Sockel des Standorts längst bröckelt – nicht erst seit gestern.

Die innere Uhr der Eliten tickt falsch

Ein Blick in die ökonomische Tiefenstruktur zeigt: Der vielzitierte Re-Industrialisierungstraum ist eine gefährliche Illusion. Bereits 1980 verlor der Industriesektor seinen Rang als führende Wertschöpfungsquelle in Deutschland. Seither wuchs die nachindustrielle Produktion – also Dienstleistungen, Forschung, Wissen, Software, Gesundheit, Bildung – exponentiell. Doch politische Narrative kreisen weiter um Fabrikmetaphern, Maschinenparks und das industrielle Herz der Nation. „Die Re-Industrialisierung hat vom Ton her etwas Reaktionäres“, so der Publizist Wolf Lotter treffend. Was fehlt, ist ein intellektueller und strategischer Befreiungsschlag.

Abelshauser und die Vernachlässigung der Wissensökonomie

Der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser wies bereits früh darauf hin: Die deutsche Industrie war nie nur eine Fabriklandschaft, sondern basierte seit den 1960er Jahren zunehmend auf wissenschaftlich fundierten Stoffumwandlungsprozessen. Zwei Drittel der Wertschöpfung kamen schon damals aus der Anwendung von Forschung und Entwicklung – nicht aus Maschinenlärm. Doch weder wirtschaftliche Eliten noch die politische Klasse haben je Konsequenzen aus dieser Erkenntnis gezogen. Das Ergebnis ist eine erschütternde Konzeptionsarmut in der deutschen Standortdebatte.

Hermann Simon: Tiefgang statt Massenglanz

Dass es anders geht, zeigt Hermann Simon. Der Hidden-Champion-Forscher verweist auf die stille Exzellenz deutscher Technologieunternehmen – nicht in der Breite der Märkte, sondern in der Tiefe der Wertschöpfung. Seine Bilanz ist beeindruckend:

  • 767 deutsche Zulieferer arbeiten – teils völlig unbemerkt – für Apple.
  • Celonis aus München revolutioniert mit Process Mining die Effizienz globaler Konzerne.
  • DeepL aus Köln übersetzt besser als Anbieter in den USA.
  • Trumpf und Zeiss ermöglichen mit ihrer Deep-Tech-Expertise das EUV-Verfahren, das der holländischen Firma ASML ein Weltmonopol auf Chiptechnologie verschafft.
  • Biontech, KWS Saat, Taifun – sie alle zeigen, was passiert, wenn man Wissenschaft, Beharrlichkeit und strategische Tiefe zusammendenkt.

Was diese Unternehmen eint, ist nicht Werbewucht, sondern Substanz. Keine PR-Kampagne hätte ihnen diesen Erfolg verschafft – nur Fokus, Forschung und ein Ökosystem, das Komplexität nicht scheut, sondern kultiviert.

Der Fehler liegt im System

Die Inszenierung von M4G ist kein Ausrutscher. Sie ist Symptom eines Systems, das Marketing mit Politik verwechselt, PR mit Strukturwandel und Claims mit Konzepten. Wer meint, die Transformation des Standorts Deutschland lasse sich in PowerPoint-Slides und gestellten Fotosessions gießen, unterschätzt die Tiefe der anstehenden Aufgaben – und beleidigt die Intelligenz der Öffentlichkeit.

Es reicht nicht, Investitionsentscheidungen als nationales Erwachen umzudichten. Es braucht einen neuen institutionellen Rahmen für die nachindustrielle Ära – einen, der Deep-Tech, Kreislaufwirtschaft, Demografiefolgen und Bildungsstruktur gleichermaßen adressiert.

Der strategische Imperativ

„Wir sollten mehr De-Industrialisierung wagen“, sagt der Hidden-Champion-Forscher Professor Hermann Simon im Interview mit Sohn@Sohn-Adhoc – nicht aus ideologischer Verblendung, sondern aus analytischer Klarheit. In einer alternden Gesellschaft mit schrumpfender Erwerbsbevölkerung kann es keine Rückkehr zur Arbeitsintensität der alten Industrie geben. Stattdessen braucht es weniger Masse, mehr Klasse – in der Technologie, in der Bildung, im Denken.

Dafür müssen wir nicht ins Silicon Valley blicken. Wir müssen endlich erkennen, dass das Deutschland der Zukunft nicht „Made for Germany“ sein muss, sondern „Built by Deep Germany“ – getragen von klugen Köpfen, komplexen Systemen und einer neuen Wertschätzung für unsichtbare Exzellenz.

Das ist keine PR-Show. Das ist ökonomischer Ernst. Und höchste Zeit. Am 8. September stellen Sohn@Sohn übrigens das neue Buch von Hermann Simon vor. Also ein Autorengespräch mit Simon zum Opus „Simon sagt! Was im Management wirklich zählt“. Einschalten am Montag um 12 Uhr!!!!

https://www.linkedin.com/events/7365769544616804354

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