Rusinek mit Adenauer gegen die Faulheitsdebatte: „Nimm die Menschen, wie sie sind“ @Bundeskanzler #ZukunftPersonalEurope #Köln

Hans Rusinek deutet AfD-Nostalgie, Präsenzzwang und die neue Mehrarbeitsmoral als Reaktionen auf politische und ökonomische Überforderung. Sein Gegenentwurf verbindet eine alte konservative Einsicht mit feministischer Arbeitskritik: Politik muss die Verhältnisse ordnen, damit Menschen arbeiten und demokratisch handeln können.

Der deutsche Arbeitsmarkt wird inzwischen im Ton einer Charakterprüfung verhandelt. Im Januar erinnerte Bundeskanzler Friedrich Merz im Ruhrgebiet an die Generation des Wiederaufbaus. Sie habe nach dem Krieg keine Debatten über „Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche“ geführt, erklärte er, sie habe angepackt. Wenig später ergänzte Markus Söder die historische Mahnung um eine handliche Zahl. Eine Stunde zusätzliche Arbeit pro Woche sei den Beschäftigten zuzumuten und werde „enorm viel Wirtschaftswachstum“ bringen. Aus einem volkswirtschaftlichen Problem wird auf diese Weise ein moralischer Befund: Deutschland fehle es an Fleiß.

Hans Rusinek kehrt diese Anklage um. Der Arbeitsforscher, Wirtschaftsethiker und Autor des Buches „Reclaim Work“ hält die Kritik an angeblich faulen Beschäftigten für eine bequeme Form politischer Selbstentlastung. Seine Antwort greift ausgerechnet auf Konrad Adenauer zurück: „Nimm die Menschen, wie sie sind, andere gibt es nicht.“ Dann folgt Rusineks eigener Zusatz: „Politiker sind faul, wenn sie nicht die Verhältnisse ermöglichen, die gutes Verhalten bringen.“ Die entscheidenden Fragen lauten für ihn daher: Kann man sich mit Erwerbsarbeit noch eine Wohnung oder ein Haus erarbeiten? Wie schnell greift der Spitzensteuersatz? Sind Kitaplätze, Schulen und Pflegeheime verlässlich? Welche Arbeitszeitmodelle passen zu Familien, Pflegeverantwortung und wechselnden Lebensphasen?

Rusineks Satz trifft eine Schwäche der gegenwärtigen Politik: Sie behandelt institutionelle Blockaden als persönliche Charakterschäden. Aus fehlender Kinderbetreuung wird mangelnde Arbeitsbereitschaft. Aus unattraktiven Hinzuverdienstregeln wird Bequemlichkeit. Aus einem dysfunktionalen Wohnungsmarkt wird Anspruchsdenken. Aus schlechter Führung wird eine angeblich verwöhnte Belegschaft.

Die moralische Umrechnung einer Statistik

Die demographische Herausforderung ist real. Die OECD erwartet, dass die Bevölkerung im traditionellen Erwerbsalter in Deutschland bis 2060 um 22 Prozent schrumpft. Ohne höhere Erwerbsbeteiligung, längere Beschäftigung gesunder älterer Menschen, Zuwanderung und mehr Produktivität gerät das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Rentnern weiter unter Druck. Merz kann sich bei seiner Forderung nach einer längeren Lebensarbeitszeit auf eine belastbare Problembeschreibung berufen.

Die politische Verkürzung beginnt dort, wo aus dem sinkenden Arbeitsvolumen ein Urteil über den einzelnen Beschäftigten abgeleitet wird. Vollzeiterwerbstätige arbeiteten 2025 in Deutschland durchschnittlich 39,9 Stunden pro Woche, Teilzeitbeschäftigte 21,3 Stunden. Der Durchschnitt über beide Gruppen lag bei 34,2 Stunden. Eine niedrige Durchschnittszahl beweist daher zunächst die hohe Bedeutung von Teilzeit. Sie belegt keinen kollektiven Rückzug aus der Leistungsgesellschaft.

Auch der beliebte internationale Vergleich ist weniger eindeutig, als manche politische Rede vermuten lässt. Die OECD weist selbst darauf hin, dass ihre Angaben zu den jährlichen Arbeitsstunden wegen unterschiedlicher nationaler Erhebungsmethoden vor allem für zeitliche Entwicklungen geeignet sind. Ranglisten einzelner Länder lassen sich daraus nur eingeschränkt ableiten.

Hinter der deutschen Teilzeitquote steht zudem eine ausgeprägte geschlechtliche Arbeitsteilung. 2024 arbeiteten 49 Prozent der erwerbstätigen Frauen in Teilzeit, bei den Männern waren es 12 Prozent. Frauen leisteten nach der jüngsten Zeitverwendungserhebung pro Woche rund neun Stunden mehr unbezahlte Arbeit als Männer. Die angeblich ungenutzte Stunde, die Söder verteilen möchte, ist in vielen Familien längst vergeben: für Kinder, pflegebedürftige Eltern, Einkäufe, Haushalt und organisatorische Arbeit.

Rusinek spricht deshalb von vier Arbeitsfeldern. Zur Lohnarbeit treten Care-Arbeit, politische Arbeit und Selbstarbeit. Care-Arbeit erhält die künftige Erwerbsbevölkerung und versorgt jene, die zeitweise keine Erwerbsleistung erbringen können. Politische Arbeit umfasst Vereine, Ehrenamt, Kommunalpolitik und gesellschaftliches Engagement. Selbstarbeit dient der Erholung, Bildung und Regeneration. Erwerbsarbeit kann auf Dauer nur bestehen, während auch diese drei Felder funktionsfähig bleiben.

Wer allein die bezahlte Wochenstunde zählt, verwechselt die statistisch sichtbare Arbeit mit der gesellschaftlich notwendigen Arbeit. Zwei Eltern, die jeweils 25 Stunden erwerbstätig sind und daneben Kinder betreuen, arbeiten nicht 30 Stunden weniger als ein Paar mit zwei Vollzeitstellen. Ein Teil ihrer Tätigkeit erscheint lediglich in keiner volkswirtschaftlichen Arbeitszeitstatistik.

Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages kommen in einer Ausarbeitung vom Frühjahr 2026 zu einem ähnlichen wirtschaftspolitischen Ergebnis. Sie verweisen auf große Erwerbspotentiale bei Frauen mit Kindern, älteren Menschen, Zugewanderten und Personen ohne Berufsabschluss. Zu den empfohlenen Instrumenten gehören bessere Kinderbetreuung, veränderte Steuer- und Sozialregeln, Qualifizierung sowie eine wirksamere Integration in den Arbeitsmarkt. Allein eine teilweise Angleichung der Erwerbsbeteiligung und Arbeitszeiten von Frauen mit Kindern könnte zusätzliche Arbeitskräfte in einer Größenordnung von mehreren hunderttausend Personen mobilisieren.

Die pauschale Verlängerung der Arbeitszeit von Vollzeitbeschäftigten erscheint im selben Bericht als riskanter Weg. Empirische Untersuchungen zeigen eine sinkende Grenzproduktivität bei sehr langen Arbeitszeiten. Hinzu kommen Erschöpfung, Gesundheitsbelastungen und Fehler. Die Wissenschaftlichen Dienste halten es daher für möglich, dass längere Arbeitszeiten in Teilen der Volkswirtschaft die Produktivität senken.

Rusineks Einwand gegen Merz und Söder lautet folglich nicht, dass Deutschland auf jede zusätzliche Erwerbsstunde verzichten könne. Er verschiebt die Beweislast. Die Politik muss erklären, weshalb sie zunächst den Arbeitstag der Vollzeitbeschäftigten verlängern will, bevor sie jene Barrieren beseitigt, die Millionen Menschen an einer gewünschten Ausweitung ihrer Erwerbstätigkeit hindern.

Regression als politische Technik

Rusinek nennt den Rückgriff auf alte Führungs- und Ordnungsmuster „Regression“. Er entlehnt den Begriff der Psychotherapie. Wer mit einer Entwicklungsaufgabe überfordert ist, fällt auf frühere Verhaltensweisen zurück. Die Gegenwart konfrontiert Politik und Unternehmen gleichzeitig mit demographischem Wandel, Klimafolgen, geopolitischen Konflikten, künstlicher Intelligenz, Fachkräftemangel und einer Neuordnung gesellschaftlicher Erwartungen. Die Versuchung liegt nahe, Komplexität durch Befehl zu ersetzen.

In Unternehmen zeigt sich diese Regression nach Rusineks Beobachtung in Forced Rankings, hohen Einzelboni, Führung durch Angst, pauschalem Präsenzzwang und der Renaissance des „harten Hundes“. Der Chef verlangt Sichtbarkeit, Gefolgschaft und eindeutige Zuständigkeit. Differenzierung wirkt unter solchen Bedingungen wie Schwäche. Rusinek vergleicht dieses Verhalten mit einem Kind, das ein unpassendes Puzzlestück gewaltsam in eine Lücke drückt.

Der Begriff darf nicht als Ferndiagnose politischer Gegner missverstanden werden. Rusinek erklärt weder AfD-Wähler noch konservative Politiker zu psychisch Kranken. Er beschreibt ein Reaktionsmuster: Überforderung erhöht die Attraktivität einfacher Ordnungsversprechen. Politisch-psychologische Forschung weist tatsächlich darauf hin, dass wahrgenommene gesellschaftliche Bedrohungen bestimmte Formen autoritärer Unterordnung verstärken können. Autoritarismus gilt in dieser Forschung nicht mehr ausschließlich als unveränderliches Persönlichkeitsmerkmal. Situative Unsicherheit kann einzelne Dimensionen kurzfristig aktivieren.

Das autoritäre Angebot reduziert Kontingenz. Es erklärt die Gegenwart zur Abweichung, benennt Schuldige und verspricht die Wiederherstellung eines früheren Zustands. Der Anhänger muss keine unübersichtliche Zukunft gestalten. Er überträgt die Aufgabe an eine Führungsfigur, die Ordnung, Homogenität und Kontrolle verheißt.

Die AfD brachte diese Grammatik im Bundestagswahlkampf 2021 auf die Formel „Deutschland. Aber normal.“ Das Wort „normal“ klingt zunächst unpolitisch. Tatsächlich verlangt es eine Instanz, die festlegt, welche Lebensformen, Sprachen, Familienbilder und gesellschaftlichen Gruppen zum Normalen gehören. Die Gegenwart erscheint als Fehlentwicklung; die Vergangenheit wird zum verlorenen Maßstab.

Rusinek stellt diese deutsche Normalitätsrhetorik neben das internationale „Great Again“. In „Reclaim Work“ beschreibt er den Revisionismus als Erlösungsversprechen im Rückwärtsgang: zurück zu Ordnung, Kontrolle und einer vermeintlich intakten Vergangenheit. Die Vorsilbe „Re-“ verbindet in seiner Darstellung Remigration, Renormalisierung und Restitution. In Unternehmen erscheint die gleiche Zeitrichtung als Rückkehr ins Büro, als Absage an Diversität und als Wiederbelebung angstbasierter Führung.

Die Forschung über politische Nostalgie stützt einen Teil dieser Deutung. Gruppenbezogene Sehnsucht nach einer vermeintlich besseren Vergangenheit kann die Zustimmung zu rechtsradikalen Parteien erhöhen. Experimente zeigen zudem, dass nostalgische Rhetorik populistische Botschaften emotional zugänglicher machen kann. Daraus folgt keine automatische Radikalisierung jedes nostalgischen Bürgers. Nostalgie besitzt auch demokratische und progressive Formen. Politisch wirksam wird ihre autoritäre Variante dort, wo eine homogene Vergangenheit beschworen, die Gegenwart als Verfall beschrieben und gesellschaftliche Vielfalt zum Verlust erklärt wird.

Merz ist nicht die AfD

Eine seriöse Analyse muss die Unterschiede festhalten. Friedrich Merz und Markus Söder vertreten keine identische Politik wie die AfD. Merz’ Aktivrente setzt auf freiwillige Weiterarbeit und steuerliche Anreize. Er hat mehrfach erklärt, längere Beschäftigung solle ermöglicht und belohnt werden. Söder wandte sich ausdrücklich gegen die Einschränkung des gesetzlichen Teilzeitanspruchs und plädierte ebenfalls für Anreize. Auch die geplante Reform des Arbeitszeitgesetzes wird von der Koalition als Flexibilisierung der Verteilung einer Wochenarbeitszeit dargestellt.

Rusineks Analyse behauptet keine Gleichheit der politischen Programme. Sie richtet sich auf die gemeinsame Sprache der Wiederherstellung und Disziplinierung. Die AfD verspricht Normalität. Der „harte Hund“ verspricht Kontrolle. Die Mehrarbeitsrhetorik verspricht Wohlstand durch einen zusätzlichen Kraftakt. Jede dieser Erzählungen verkürzt komplexe institutionelle Probleme auf eine Frage des Gehorsams.

Bei Merz zeigt sich die Spannung zwischen Politik und Rhetorik besonders deutlich. Seine Aktivrente vertraut auf Wahlfreiheit und finanzielle Anreize. Seine Rede über die Wiederaufbaugeneration arbeitet dagegen mit moralischem Vergleich und historischer Beschämung. Die Eltern nach 1945 erscheinen als Maßstab, an dem sich die heutige Debatte über Arbeitszeit zu bewähren habe. Dabei bleiben die Unterschiede zwischen einer zerstörten Nachkriegsgesellschaft, einer alternden Dienstleistungsökonomie und einer digitalisierten Wissensgesellschaft außerhalb des Bildes.

Söders zusätzliche Wochenstunde besitzt eine ähnliche politische Funktion. Sie suggeriert eine unmittelbar verfügbare Leistungsreserve. Wer widerspricht, gerät leicht in den Verdacht, selbst diese überschaubare Anstrengung zu verweigern. Ungeklärt bleibt, wer die Stunde leisten soll, in welchen Branchen zusätzliche Nachfrage besteht, wie Produktivität und Gesundheit reagieren und wer währenddessen Kinder oder Angehörige betreut.

Autoritäre Politik beginnt nicht erst mit Verfassungsbruch und Repression. Ihr kulturelles Vorfeld entsteht, wo gesellschaftliche Komplexität in persönliche Schuld übersetzt wird, wo Kritik als mangelnde Einsatzbereitschaft gilt und wo Führung ihre Legitimation aus Härte bezieht.

Der Chefstaat im Kleinformat

Rusineks politisch weitreichendste These betrifft den Arbeitsplatz. Arbeit ist für ihn ein moralischer und demokratischer Ort. Menschen begegnen dort Personen, die sie sich nicht ausgesucht haben. Sie müssen Interessen ausgleichen, Konflikte austragen, Unterschiede ertragen und gemeinsame Aufgaben bewältigen. „In der Arbeit lernt eine demokratische Gesellschaft laufen. Oder sie kommt ins Stolpern“, heißt es in seinem Buch.

Ein Unternehmen ist kein Parlament. Eigentum, Arbeitsvertrag, Verantwortung und Hierarchie setzen legitime Grenzen der Mitbestimmung. Dennoch erfahren Millionen Menschen im Betrieb täglich, wie Autorität ausgeübt wird. Sie lernen, ob Widerspruch erwünscht ist, Kompetenz gehört wird, Regeln begründet werden und Entscheidungen korrigierbar bleiben. Die politische Kultur einer Gesellschaft entsteht auch aus solchen Alltagserfahrungen.

Rusinek schildert die Täuschungsanfälligkeit hierarchischer Systeme mit einem einfachen Bild. Applaus bei der Betriebsversammlung beweist keine Begeisterung. Das Lachen über die Witze des Chefs begründet noch keine Karriere als Komiker. Wo Macht im Raum steht, kann Zustimmung gespielt werden. Autoritäre Führung verwechselt dieses Schauspiel gern mit Loyalität.

Auch die „Dry Promotion“ gehört in diese Mikropolitik. Beschäftigte erhalten einen höheren Titel und zusätzliche Verantwortung, das Gehalt bleibt unverändert. Die Organisation verteilt symbolische Anerkennung und behält die materielle Gegenleistung ein. Der vermeintlich Beschenkte kann den neuen Titel allerdings auf dem Arbeitsmarkt verwerten und wechselt zur Konkurrenz. Das Machtinstrument erweist sich als betriebswirtschaftliche Fehlkalkulation.

Bei der Rückkehr ins Büro argumentiert Rusinek differenziert. Vollständig ortsunabhängige Arbeit verlangt Vertrauen, geeignete Kommunikation und bewusste Lernarrangements. Junge Beschäftigte lernen vielfach durch Beobachtung erfahrener Kollegen. Präsenz kann daher fachlich begründet sein.

Problematisch wird sie, sobald Unternehmen die Büropflicht als verdecktes Personalabbauprogramm einsetzen. Wer fünf Präsenztage anordnet, kann Beschäftigte mit langen Wegen, Betreuungsaufgaben oder hoher beruflicher Mobilität zum freiwilligen Ausscheiden bewegen und Abfindungen sparen. Häufig gehen dabei jene, die Alternativen, Netzwerke und Marktwert besitzen. Rusinek bezeichnet diesen Effekt als „Downskilling“. Die Kontrollmaßnahme vertreibt ausgerechnet jene Fachkräfte, die ein Unternehmen halten wollte.

Der autoritäre Vorgesetzte muss nicht schreien. Seine Macht kann sich in scheinbar neutralen Verfahren verbergen: in Präsenzquoten, Rankings, Zielvereinbarungen, Beförderungstiteln und der Verteilung von Informationen. Er verlangt Anwesenheit und erhält noch keine Zusammenarbeit. Er erzeugt Konformität und verliert Wissen. Er belohnt Schweigen und wundert sich später über Fehlentscheidungen.

Arbeit, Demokratie und der Kampf um Regionen

Rusineks vierdimensionaler Arbeitsbegriff führt unmittelbar in die Strukturpolitik. Politische Arbeit in Vereinen, Feuerwehren, Initiativen, Parteien und kommunalen Gremien vermittelt Selbstwirksamkeit. Menschen erleben dort, dass ihr Einsatz die Umgebung verändert. Sinkt dieses Engagement, verschwinden alltägliche Räume demokratischer Erfahrung.

Für Rusinek besitzt eine florierende Zivilgesellschaft daher wirtschaftlichen Wert. Eine Region, die eine Chipfabrik ansiedeln und internationale IT-Fachkräfte gewinnen möchte, braucht Schulen, Vereine, kulturelles Leben und Schutz vor rassistischer Bedrohung. Ein Standort, der von Neonazis geprägt wird, verliert nicht allein moralisch. Er verliert Beschäftigte, Investitionen und Zukunftschancen. Demokratiepolitik wird zur Industriepolitik.

An dieser Stelle verbindet Rusinek zwei Traditionen, die im deutschen Parteienbetrieb selten gemeinsam auftreten. Von der marxistischen Feministin Frigga Haug übernimmt er das vierdimensionale Verständnis von Arbeit. Von Adenauer übernimmt er die Skepsis gegenüber einer Politik, die ideale Bürger entwirft und reale Menschen tadelt. Der Staat soll mit Interessen, Bedürfnissen und Begrenzungen rechnen. Seine Aufgabe besteht darin, Institutionen so zu gestalten, dass erwünschtes Verhalten möglich und attraktiv wird.

Eine solche Politik würde die Arbeitszeitdebatte anders führen. Sie würde fragen, wie viele Mütter ihre Erwerbszeit ausweiten möchten und an fehlender Betreuung scheitern. Sie würde untersuchen, weshalb Väter kleiner Kinder oft weniger arbeiten möchten und ihre Betriebe passende Modelle verweigern. Sie würde Pflegezeiten, Ganztagsschulen, Ehegattensplitting, Minijobs, Hinzuverdienstregeln, Wohnkosten und Weiterbildung zusammen betrachten.

Die konservative Klage über mangelnden Fleiß erspart diese institutionelle Arbeit. Sie produziert ein leicht verständliches Feindbild: den Teilzeitbeschäftigten, den Kranken, den Bürgergeldempfänger, den Anhänger der Vier-Tage-Woche. Rusineks Gegenangriff trifft deshalb empfindlich. Politische Faulheit besteht für ihn im Verzicht auf die Gestaltung der Verhältnisse.

Hoffnung als Gegenmacht

Der Gegenbegriff zur Regression lautet bei Rusinek Hoffnung. Gemeint ist kein freundlicher Gemütszustand. Optimisten erwarten einen guten Ausgang und können sich zurücklehnen. Pessimisten halten den schlechten Ausgang für unvermeidbar und bleiben ebenfalls passiv. Revisionisten versprechen die Rückkehr in eine verlorene Ordnung und verlangen dafür Gefolgschaft. Alle drei Figuren behaupten Gewissheit über eine Zukunft, die noch offen ist.

Hoffnung erkennt diese Offenheit an. Sie verteilt Handlungsfähigkeit, wo autoritäre Führung sie konzentriert. Rusinek fasst ihr Handwerk in drei Begriffe: Können, Wollen und Dürfen. Menschen benötigen Fähigkeiten, einen nachvollziehbaren Grund zum Handeln sowie Ressourcen und Entscheidungsspielräume.

Das „Dürfen“ enthält die politische Substanz. Motivationskampagnen richten sich an den Einzelnen. Weiterbildung verbessert sein Können. Das Dürfen verändert Regeln, Macht und Eigentumsverhältnisse. Wer verfügt über Zeit? Wer entscheidet über Budgets? Wer darf Fehler machen? Wer kann einem Vorgesetzten widersprechen? Wer erhält Zugang zu Informationen? Welche Familie findet einen Betreuungsplatz? Welche Pflegekraft kann ihre Arbeitszeit reduzieren, ohne in Armut zu geraten?

Rusinek will verhindern, dass Hoffnung zum nächsten Purpose-Poster wird. Unternehmen müssen Wege, Werkzeuge, Räume, Vertrauen und Geld bereitstellen. Der Appell an das Mindset genügt nicht. Eine Organisation kann ihren Beschäftigten Eigenverantwortung versprechen; ohne Entscheidungsrechte bleibt das Versprechen Dekoration.

Auch die politische KI-Debatte folgt für Rusinek häufig den falschen Gewissheiten. Amerikanische Technikoptimisten erklären den Fortschritt für unausweichlich und möchten Regulierung vermeiden. Europäische Kulturpessimisten verkünden den Untergang menschlicher Arbeit. Beide Seiten behandeln die Entwicklung als Schicksal. Eine demokratische Politik müsste stattdessen entscheiden, welche Anwendungen erwünscht sind, welche Grenzen gelten und wie Produktivitätsgewinne verteilt werden.

Rusineks Analyse hat Grenzen. Nicht jede Hierarchie ist autoritär. Nicht jede Präsenzregel dient der Kontrolle. Nicht jeder Ruf nach längerer Arbeit verachtet Beschäftigte. Ein alterndes Land muss über Rentenalter, Erwerbsbeteiligung und Arbeitsvolumen sprechen. Unternehmen benötigen Koordination und verbindliche Entscheidungen.

Seine Diagnose verändert jedoch die Fragestellung. Der Politiker muss begründen, weshalb er Bürger moralisch antreibt, bevor er institutionelle Hindernisse beseitigt. Der Vorgesetzte muss erklären, welchen fachlichen Zweck Anwesenheit erfüllt. Der Staat muss zeigen, wie zusätzliche Erwerbsarbeit mit Betreuung, Pflege, Gesundheit und Steuern vereinbar wird.

Die AfD verspricht eine Rückkehr zur „Normalität“. Der autoritäre Chef verspricht Ordnung durch Kontrolle. Die Mehrarbeitsrhetorik verspricht Wohlstand durch Disziplin. Alle drei Angebote leben von der Einfachheit des Rückwegs. Demokratische Politik hat die schwierigere Aufgabe. Sie muss Fähigkeiten aufbauen, Ressourcen verteilen, Konflikte organisieren und Menschen reale Wirksamkeit eröffnen.

Rusinek nennt die unmittelbar erreichbare Zukunft die „16. Sekunde“. Große Versprechen für 2030, 2040 oder 2050 können jede gegenwärtige Untätigkeit überdecken. Die 16. Sekunde verlangt die nächste konkrete Entscheidung: den zusätzlichen Kitaplatz, eine veränderte Steuerregel, ein Recht auf flexible Lebensarbeitszeit, ein freigegebenes Budget, einen begründeten Präsenztag oder einen geschützten Raum für Widerspruch.

Die Republik wird ihre Arbeitskraft nicht durch Beschämung vermehren. Sie gewinnt sie dort zurück, wo Menschen können, wollen und dürfen.

Sein neues Buch „Reclaim Work. Für eine Arbeitswelt, die wieder Hoffnung macht“ erscheint Ende September im Kösel-Verlag. Darin untersucht Rusinek sechs Felder der Arbeitswelt: Leistung, Karriere, Macht, Denken, Demokratie und Abstand. Sein Gegenentwurf setzt auf konkrete Handlungsfähigkeit. Beschäftigte brauchen nach seiner Formel „Können, Wollen und Dürfen“ – Fähigkeiten, Motivation sowie Zeit, Ressourcen und Entscheidungsspielräume.

Auf der Zukunft Personal Europe vom 15. bis 17. September in Köln gehört Rusinek zum Eröffnungsformat „HR Diary 2027“. Am Dienstag, 15. September, spricht er von 9.45 bis 10.45 Uhr in Halle 4.2 über die Aufgaben, die Personalverantwortliche für 2027 auf ihre Agenda setzen sollten. Prognosen aus der Glaskugel lehnt er ab. „Die Zukunft ist eine Gestaltungsfrage“, sagt Rusinek. Statt Trendlisten wolle er konkrete To-dos für HR formulieren.

Redaktioneller Hinweis: Die Aussagen stammen aus einem Vorabinterview mit Hans Rusinek​, die am 8. September, um 15 Uhr im Magazin Zukunft Personal Nachgefragt gesendet werden.  

Rusineks Buch „Reclaim Work. Für eine Arbeitswelt, die wieder Hoffnung macht“ erscheint am 30. September im Kösel-Verlag.

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