Die Bibliothek der verratenen Geheimnisse

Bernd Lippmann erzählt in „Die Stasi, Orwell und ich“ von verbotenen Büchern, falschen Freunden und der sonderbaren Nachgeschichte deutscher Geheimhaltung. Für mich ist diese Lebenschronik zugleich eine Reise zurück in das Berlin der achtziger Jahre.

Es muss Anfang der achtziger Jahre gewesen sein, als ich Bernd Lippmann in Berlin kennenlernte, im Umfeld seiner Arbeit für den Besucherdienst des Gesamtdeutschen Instituts. Die Erinnerung hat über vier Jahrzehnte hinweg manches Möbelstück verrückt. Doch ein Bild ist geblieben: eine Bibliothek über Geheimdienste und Überwachung, die sich, falls mein Gedächtnis mich nicht täuscht, über zwei Wohnungen verteilte. Ein Schwerpunkt war das Chiffrierwesen, also die Technik des Ver- und Entschlüsselns von Nachrichten. Regal folgte auf Regal, Akte auf Fachbuch, Verdacht auf Gegenbeweis. Andere sammeln Erstausgaben, Schallplatten oder Kunst. Lippmann sammelte die Anatomie des Misstrauens.

Ich war tief beeindruckt. Erst bei der Lektüre seiner Erinnerungen wird mir klar, dass diese Bücherwand eine Gegengründung war. Ein Staat hatte den jungen Mann eingesperrt, weil er las. Der ältere Mann antwortete, indem er eine Bibliothek errichtete, in der die Lügen dieses Staates keinen Fluchtweg mehr fanden.

Ein Leser wird zum Staatsfeind

Bernd Lippmanns Buch heißt „Die Stasi, Orwell und ich. Vom Häftling zum Kämpfer für die Wahrheit“. Der Untertitel klingt zunächst groß. Nach 234 Seiten erscheint er eher zurückhaltend. Denn dieses Leben folgt einer grausamen Verkehrung: Der mathematisch begabte Student wird 1974 im Alter von 22 Jahren verhaftet. Sein Verbrechen besteht im Lesen, Fotografieren und Weitergeben von Büchern, die in der von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) beherrschten Deutschen Demokratischen Republik (DDR) als geistiger Sprengstoff galten. Alexander Solschenizyns „Archipel Gulag“ gehört dazu, George Orwells „Farm der Tiere“, Ralph Giordanos „Zwischen Nobelpreis und Irrenhaus“. Bücher, die gelegentlich in Hochschulbibliotheken standen und durch einen roten Punkt auf dem Rücken in eine zweite, unsichtbare Literaturgeschichte versetzt wurden.

Kopiergeräte waren unerreichbar. Also fotografierten Lippmann und seine Freunde die Bände Seite für Seite. Das ist eines jener Details, an denen sich ein Herrschaftssystem genauer erkennen lässt als an seinen Parteitagsreden: Junge Leute verwandeln Literatur in Filmstreifen, während die Geheimpolizei die Filme ablichtet, bevor ein Spitzel sie unauffällig zurückbringt. Der Verräter war ein vermeintlicher Freund, beinahe ein künftiger Schwager. Er lieferte das Material beim Ministerium für Staatssicherheit, kurz MfS, ab und kehrte in den privaten Kreis zurück. Formal verurteilte das Gericht Lippmann zu drei Jahren Haft, weil er angeblich andere gegen die DDR hatte aufwiegeln wollen. Der Besitz der Literatur lieferte den Stoff für diese Konstruktion. Den Namen des Zuträgers erfuhr er erst 1992 bei der Einsicht in seine Akten.

Der Staat fertigte sogar Schlüsselabdrücke

Das Wort „Überwachung“ klingt gegen diese Genauigkeit fast bequem. In den Unterlagen entdeckt er Aufnahmen seines Vaters mit Hund und Rucksack, Grundrisse des Elternhauses, Zimmerbezeichnungen, Vorbereitungen für eine heimliche Durchsuchung, sogar Abdrücke von Schlüsseln. Der Staat wollte Türen öffnen, ohne Spuren zu hinterlassen. Er scheiterte an der größeren Spur, die seine amtliche Papierbesessenheit erzeugte. Am Ende bewahrte die Akte den Beweis ihrer eigenen Niedertracht auf.

Lippmann erzählt dies ohne die große Geste des nachträglich Unfehlbaren. Er räumt ein, im Verhör irgendwann das Erwartete gestanden zu haben, ungefähr nach dem Prinzip: Dann habe ich eben gegen die DDR aufwiegeln wollen, lasst mich in Ruhe. Es half nichts. Die Haft traf ihn weniger durch schlechtes Essen als durch die planmäßige Verarmung der Sinne: am Tisch sitzen, nicht lesen, nicht reden, sich nicht hinlegen, durch kein Fenster sehen. Der Körper reagierte auf den Entzug der Welt. Wegen einer Blinddarmreizung kam er ins Haftkrankenhaus. Psychologische Folter nennt er diese Behandlung im Rückblick. Das Wort ist präzise genug.

1975 kaufte die Bundesrepublik ihn frei, die DDR schob ihn in den Westen ab. Der SED-Staat entließ einen Leser und erhielt, nach Lippmanns Schätzung, rund 50.000 Mark. Auch das gehört zur deutschen Teilungsgeschichte: Menschen wurden von einem Staat verurteilt und vom anderen in einem politisch organisierten Handel ausgelöst. Freiheit bekam einen Preis, der nie ihren Wert bezeichnete.

Hermann Kreutzer kannte den Preis der Freiheit

An dieser Stelle tritt Hermann Kreutzer in das Buch, und mit ihm kehrt eine weitere Erinnerung zurück. Kreutzer, 1924 geboren, hatte Flugblätter gegen das nationalsozialistische Regime verteilt, nach 1945 die Zwangsvereinigung von Sozialdemokraten und Kommunisten zur SED bekämpft und Gefängnisse zweier deutscher Diktaturen kennengelernt. Später holte Herbert Wehner ihn in das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen; dort war er am Freikauf politischer Häftlinge beteiligt. Lippmann verehrte ihn. Als er Kreutzer eröffnete, selbst in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) eintreten zu wollen, lachte der Mann: „Bernd, ich bin gerade dabei auszutreten, und du willst eintreten? Tu mir das nicht an!“

Ich selbst lernte Hermann Kreutzer bei einer politischen Akademie in Bayern kennen. Später besuchte ich ihn mehrfach und lud ihn zu einem Vortrag in Neukölln ein. Er gehört zu den eindrucksvollsten Menschen, denen ich begegnet bin. Bei ihm war die deutsche Geschichte kein Seminargegenstand. Sie war körperlich anwesend. Lippmann berichtet, Kreutzer habe ihn 1980 vor einem Entführungsplan des MfS gewarnt. Nach Öffnung der Akten fragte er, was geschehen wäre, hätte er die Warnung missachtet. „Na, dann hätten wir dich eben noch mal freigekauft“, antwortete Kreutzer. In diesem Satz liegen Mut, Menschenkenntnis und ein sehr Berliner Witz dicht beieinander.

Solche Namen bilden in Lippmanns Buch keine Prominentengalerie. Sie sind Knoten eines Netzes aus Verfolgten, Helfern, Schriftstellern, Lehrern, Agenten und Aufklärern. Siegmar Faust erscheint darin, der Dichter und frühere politische Gefangene. Ralph Giordano, Rainer Hildebrandt und der Astronaut und Fluchthelfer Reinhard Furrer tauchen auf. Hinter jedem Namen öffnet sich eine Tür in jene Westberliner Jahre, in denen der Osten geografisch wenige Stationen entfernt und politisch in einer anderen Welt lag.

Ostberlin lag wenige Stationen und eine Welt entfernt

Beim Lesen kamen meine eigenen Wege zurück: die Fahrten nach Ostberlin, die Kontakte zur Friedensbibliothek und zu anderen kirchlich geschützten Räumen, in denen Texte zirkulierten, die vom Staat nicht vorgesehen waren. Auch die touristischen Ausflüge gehörten dazu, Tagestouren, mitunter auf Goethes Spuren. Nach meiner Erinnerung war damit ab 1987 Schluss. Ich erhielt Einreiseverbot. Ob eine einzelne Aktivität den Ausschlag gab oder ob sich über Jahre ein politisch missliebiger Name in den Karteien verdichtet hatte, weiß ich bis heute nicht. Man erfuhr bei solchen Verboten selten, welche Tat zur Akte und welche Akte zur Grenze geführt hatte. An einem Übergang genügte die Liste.

Das sichere Telefon verlor seine Stimme

Lippmanns Lebensbuch stellt neben diese finstere Bürokratie eine Szene von hinreißender Komik. Einmal im Jahr fand an den Berliner Universitäten der „Tag der Mathematik“ statt. Während Schüler Aufgaben lösten, präsentierten Unternehmen im Foyer der Technischen Universität ihre Technik. Lippmann, inzwischen Mathematik- und Physiklehrer, kam am Stand von Rohde & Schwarz mit einem Firmenvertreter ins Gespräch. SIT, die auf Sicherheitstechnik spezialisierte Tochterfirma, entwickelte Geräte für geschützte Kommunikation. Lippmann erzählte von seinen Forschungen zum Chiffrierwesen des MfS. Am Ende tauschten beide ihre Karten. Lippmann bekam eine Gänsehaut: Vor ihm stand nach seiner Darstellung der frühere Chefmathematiker des MfS.

Der Kontakt führte zu einer Einladung in die Berliner Niederlassung in Adlershof, ein abgeschirmtes Gelände. Dort bekamen Lippmanns Schüler ein Krypto-Handy in die Hand, also ein Mobiltelefon für verschlüsselte Gespräche. Sie durften es ausprobieren. Im geschützten Betrieb war die Sprache offenbar so schwer verständlich, dass sich sofort erklärte, weshalb Politiker diese Geräte mitunter ungern benutzten. Geheimhaltung hatte ihre akustische Rache genommen: Das sichere Gespräch entzog sich bereits dem eigenen Empfänger.

Danach besichtigte die Gruppe das Firmenmuseum. Dort standen zahlreiche Chiffriergeräte des MfS, versehen mit Erläuterungen. Lippmann durfte sie betrachten und fotografieren. Vergleichbare Apparate waren ihm bei einem Besuch des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik, kurz BSI, in Bonn-Mehlem wie geheime Gegenstände begegnet. In Adlershof lagen sie vor Schülern in Vitrinen. In Bonn umgab sie der alte Reflex des Verschlusses.

In Adlershof ausgestellt, in Bonn unter Verschluss

Die Szene gewinnt durch die Institutionsgeschichte an Schärfe. Das 1991 gegründete BSI ging aus der Zentralstelle für Sicherheit in der Informationstechnik hervor; deren Vorläufer, die Zentralstelle für das Chiffrierwesen, gehörte zum Bundesnachrichtendienst und saß ebenfalls in Mehlem. Das Amt erbte Aufgaben, Personalwissen und eine Kultur, in der Information zunächst nach ihrer Gefährlichkeit sortiert wird. Ein Museum stellt die entwaffnete Technik aus. Eine Sicherheitsbehörde bewahrt sogar am historischen Wrack noch die Aura einstiger Bedeutung für den Dienstbetrieb. Beides folgt einer eigenen Logik. Im Nebeneinander wird die Logik zur Groteske.

Zur Technikgeschichte passt, dass Rohde & Schwarz 2001 gemeinsam mit Siemens das TopSec GSM entwickelte, das erste serienmäßig hergestellte Krypto-Handy für GSM, den damaligen digitalen Mobilfunkstandard. Es sah fast gewöhnlich aus; ein Verschlüsselungsbaustein von der Größe einer Briefmarke verwandelte die Stimme vor der Übertragung in unverständliche Daten. Ein solches Gerät schützte später Gespräche von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Das BSI ließ es für „VS-Vertraulich“ zu, eine amtliche Geheimhaltungsstufe für Informationen, deren Bekanntwerden staatlichen Interessen schaden kann. Der kleine Apparat vereinte zwei entgegengesetzte Wünsche der Moderne: überall sprechen und von niemandem gehört werden.

Für Lippmann war Verschlüsselung nie bloß Gerätekunde. Seine Leidenschaft kam aus der Mathematik, jener Disziplin, die aus offenen Voraussetzungen zwingende Schlüsse gewinnt. Die Kryptologie, also die Wissenschaft vom Ver- und Entschlüsseln, operiert ebenfalls mit Regeln, doch ihr gesellschaftlicher Zweck liegt im Unterschied zwischen Eingeweihten und Ausgeschlossenen. Herbert W. Franke beschrieb diese Welt 1982 in „Die geheime Nachricht. Methoden und Technik der Kryptologie. Die Geschichte um den unknackbaren Code“. Ein Code ist eine vereinbarte Zuordnung von Zeichen, die eine Nachricht für Außenstehende unlesbar machen kann. Dass der Physiker, Zukunftsdenker und Schriftsteller Franke darüber schrieb, passt in die Epoche: Diese Technik war längst von der militärischen Spezialität zum Sinnbild einer kommenden Informationsgesellschaft geworden.

Der verbotene Leser öffnet Mielkes Räume

Lippmann betrachtet den Code von seiner politischen Rückseite. Wer darf lesen? Wer bestimmt, welche Quelle zugänglich bleibt? Wer kontrolliert die Kontrolleure? Seine Antwort bestand nach der Haft nicht im Rückzug. Er wurde Lehrer, brachte Jugendliche in Archive, ließ sie mit Originalakten arbeiten und machte das Stasi-Museum in Berlin-Lichtenberg zu einem Lernort. Der frühere Gefangene führte junge Menschen in Mielkes Räume. Der einst verbotene Leser organisierte Zugänge.

Das erklärt auch die Form des Buches. Es ist keine makellos durchkomponierte Lebensbeschreibung. Manche Episode springt rasch zur nächsten, einige Übergänge bleiben sichtbar, private Erinnerungen stehen neben politischen Funden und technischen Exkursen. Ein literarischer Arrangeur hätte wahrscheinlich stärker verdichtet. Lippmann interessiert etwas anderes: Er legt Beweisstücke aus. Gerade die kleinen Geschichten bewahren, was eine große historische Erzählung leicht verliert – den roten Punkt auf einem Buchrücken, den fotografierten Vater auf dem Waldweg, den Schlüsselabdruck im Kasten, Kreutzers Lachen, die schlechte Stimme aus einem sicheren Telefon.

Orwells Zukunft war in der DDR amtlicher Alltag

Der Titel führt Orwell im Namen. Doch Lippmanns Welt ist nicht aus einer Dystopie, einem literarischen Schreckbild der Zukunft, entlehnt. Sie war amtlicher Alltag. Orwells „1984“ wurde im SED-Staat gefährlich, weil das Buch Begriffe für Erfahrungen lieferte, die ihre Opfer einzeln und sprachlos halten sollten. Literatur hob die Vereinzelung auf. Deshalb fürchtete das Regime Bücher. Wer eine Seite weitergab, übertrug keine Meinung wie ein Kommando. Er eröffnete einen Vergleich.

Am Ende schreibt Lippmann, Erkenntnis bleibe hypothetisch, also stets prüfbar und vorläufig. Darin liegt die Verbindung zwischen dem Mathematiklehrer und dem politischen Aufklärer. Totalitäre Systeme erklären ihre Lehrsätze für endgültig. Freie Gesellschaften müssen den Einspruch institutionalisieren. Sie leben von Menschen, die eine zweite Quelle suchen, eine Akte öffnen, eine Behauptung nachrechnen.

Die Bibliothek bewahrt, was der Staat verbergen wollte

Für mich ist „Die Stasi, Orwell und ich“ deshalb auch ein Buch der Wiederbegegnungen. Mit Bernd Lippmann, dessen Kenntnis der Geheimdienste aus Erfahrung, Forschung und einer fast unerschöpflichen Sammelleidenschaft erwuchs. Mit Hermann Kreutzer und Siegmar Faust. Mit Westberlin, den Übergängen nach Ostberlin, den kleinen Freiräumen und der schwarzen Liste, die eines Tages jede Reise beendete. Seine Erinnerungen rufen meine eigenen auf; beide berühren sich an Orten, Namen und einer Epoche, die ihre Absurditäten gern hinter Formularen verbarg.

Bernd Lippmann: „Die Stasi, Orwell und ich. Vom Häftling zum Kämpfer für die Wahrheit“. Story Digger, Berlin 2025, 234 Seiten, 14,95 Euro.

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