Klugheitslehren für das Leben

Können über 400 Jahre alte Lehren heute noch aktuell sein? Die des spanischen Jesuiten Baltasar Gracián sind es. Der 1601 geborene Prediger und Professor geriet immer wieder in Konflikt mit der Ordensgeneralität. Doch die Freundschaft mit dem Dramatiker Hurtado de Mendoza, dem Privatsekretär Philipps IV., brachte ihm Rückendeckung auf höchster Ebene, obwohl Gracián in seinen Schriften gegen die „aufgeblasene Hofkamarilla“ stichelte. Freundschaft auf Lebenszeit verband ihn auch mit dem betuchten Aristokraten Inande Lastanosa, der die Herausgabe seiner Frühschriften und eine Romanveröffentlichung ermöglichte. Was kann man heute noch mit seinen Klugheitslehren anfangen?

Der Publizist Erhard Glogowski, der vielfach im Managementressort der FAZ publizierte, sieht den Jesuiten gar als Ratgeber für das Berufsleben, um nicht Opfer von Fallstricken zu werden. Gracián altere nicht. Und so schätzte ihn auch Nietzsche ein. „Gracián zeigt eine Weisheit und Klugheit in der Lebenserfahrung, damit sich jetzt nichts vergleichen lässt.“ 

Auf Führungsebenen, so auch im Unternehmen, könne sich nach Gracián auf Dauer nur derjenige halten, der charakterlich so disponiert ist, um die Klugheit der Schlange mit der Arglosigkeit der Taube in Einklang zu bringen, betont Glogowski. Führungskräfte dürfen mithin weder als zu gerissen noch als ein belächelter Dummkopf  erscheinen. Ist man zu schlau, so entsteht Mißtrauen und Neid, ist man zu dumm, wird man hintergangen und ausgetrickst.

„Gracián hatte in seinem Orden keine aufsehenerregende Karriere gemacht. Er blieb aber auch nicht unbeachtet und konnte sich seinen Neigungen entsprechend entfalten. Eckte er an, so wurde er gegen Anfeindungen von einem mächtigen Gönner abgeschirmt. Daraus zog er die Lehre, dass man zum Vorwärtskommen oder um seine Position unangefochten zu halten der Protektion eines Mächtigen bedarf. Die eigenen Kräfte reichen in der Regel nicht aus, um die Widerstände auf der Karriereleiter zu überwinden“, schreibt Glogowski und verweist auf folgende Gracián-Empfehlung: „Allein der Erfahrene weiß, dass der Weg  der Verdienste allein, ohne Hilfe der Gunst, ein gar sehr langer ist. Alles erleichtert und ergänzt das Wohlwollen.“ 

Gracián habe ferner erkannt, dass es von großem Nutzen ist, Netzwerke aufzubauen, sich unentbehrlich zu machen und dadurch Abhängigkeiten zu begründen. Schlagkräftig werde, wer auf Gefolgschaft zählen kann. „Wer klug ist, sieht lieber die Leute seiner bedürftig als ihm dankbar verbunden; sie am Seil der Hoffnung zu führen ist Hofmannsart, sich auf ihre Dankbarkeit verlassen Bauernart. Man erlangt mehr von der Abhängigkeit als von der verpflichteten Höflichkeit“.  

„Das Wohlwollen des Vorgesetzten, der Karrieren fördern oder vereiteln kann, trägt nur, solange man keinen gravierenden Fehler macht“, erläutert Glogowski. Ein grober Fehler sei es daher, den Besserwisser herauszukehren und die Chefin oder den Chef vor anderen ins Unrecht zu versetzen. Der unverzeihlichste Missgriff, der alles zerstört, sei es, die Oberen seine fachliche Überlegenheit spüren zu lassen. „Alles Übertreffen ist verhasst, aber seinen Herrn zu übertreffen, ist entweder ein dummer oder ein Schicksalsstreich“. 

„Sehr kluge Leute, die über eine Unmenge an theoretischem Wissen verfügen, versagen oft, weil sie es nicht im konkreten Einzelfall umsetzen können. Wenn es darauf ankommt, bringt die Praxis jedes Theoriegebäude zum Einsturz“, führt Glogowski aus. Der Praktiker mache im Zweifelsfall seinen Karriereweg, nicht der neunmalkluge Theoretiker.

Deshalb rät Gracián, mit den Niederungen des Lebens vertraut zu sein. „Daher trage der  kluge Mann Sorge, etwas vom Kaufmann an sich zu haben, gerade soviel wie hinreicht, um nicht betrogen oder sogar ausgelacht zu werden. Er sei ein Mann auch fürs tägliche Tun und Treiben, welches zwar nicht das Höchste, aber doch das Notwendigste im Leben ist. Wozu dient das Wissen, wenn es nicht praktisch ist? Und zu leben verstehen, ist heutzutage das wahre Wissen.“  

Freunde von Feinden zu unterscheiden, ehrliche von unehrlichen Menschen, klingt einfach, sei es aber nicht. Dazu gehören nach Ansicht von Glogowski Lebenserfahrung und ein unverstellter Blick. Die Lehrzeit sei lang und meist schmerzhaft. Gracián: „Sich nicht in den Personen täuschen, welches die schlimmste und leichteste Täuschung ist. Sachen verstehen und Menschen kennen, sind zwei weit verschiedene Dinge.“ 

„Die jungen Talenten heutzutage empfohlene berufliche Mobilität war schon im Mittelalter gängige Praxis. Wer auf Wanderschaft ging oder bei fremden Fürstenhöfen durch Leistung hervorstach, konnte vielfach leichter als in der Heimat sein Glück machen“, führt Glogowski aus.

Dazu Gracián. “Das Vaterland ist allemal stiefmütterlich gegen ausgezeichnete Talente. Leute hat man gesehen, die einst die Verachtung ihres Winkels waren und jetzt die Ehre der Welt sind, hochgeschätzt von ihren Landsleuten und von den Fremden. Nie wird der die Statue auf dem Altar gehörig verehren, der sie als einen Stamm im Garten erkannt hat“.

Infolgedessen seien Wechsel des Arbeitgebers und Auslandsaufenthalte zur Abrundung von Kenntnissen nicht ohne Grund oft notwendige Karrierebausteine. „Wer in die Führungsetagen aufsteigen und sich dort halten möchte, benötigt außer Mobilität überdies ein sehr mutiges Herz. Gracián weiß, wovon er redet. Von Gestalt war er klein, unscheinbar und zudem kränklich. Er hatte nichts von einem Helden an sich. Das hinderte ihn nicht, als Feldgeistlicher in der Schlacht bei Lérida gegen die Franzosen an vorderster Front zu stehen, sein Leben aufs Spiel zu setzen und die spanischen Truppen immer wieder anzufeuern. Ihm wurde allgemein der erfochtene Sieg zugeschrieben. Der Jesuitenpater wuchs in dieser Grenzsituation über sich hinaus“, meint Glogowski.

Eine Führungskraft komme manchmal nicht darum herum, aus der Deckung und dem Konsensdenken herauszutreten und in riskanter Situation alles auf seine Kappe zu nehmen. Ein zögernder und mutloser Entscheider wird  – so ist nach Graciáns zu befürchten –  bei Unternehmenskrisen versagen. „Der geistige Mut übertrifft die körperliche Kraft; er sei ein Schwert, das stets in der Scheide der Klugheit ruht für die Gelegenheit bereit. Viele hatten außerordentliche Fähigkeiten, aber weil es ihnen an Herz fehlte, lebten sie wie Tote und endigten begraben in ihrer Untätigkeit“.

Eines der Hauptwerke von Gracián, „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“, gibt es übrigens in einer vorzüglichen Neuübersetzung von Ulrich Gumbrecht bei Reclam.

Klimaschutz, Nachhaltigkeit, Demografie und Digitalisierung: Wirtschaft geht schneller voran als die Politik – Von Rückversicherungen bis BlackRock – Gespräch mit Heidelberger-Druck-Personalchef Rupert Felder

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In Sachen Wandel große Sprüche machen, tatsächlich aber beim alten Stiefel bleiben – Autorengespräch mit @wolflotter um 17 Uhr

„Die Vorstellung, man müsse nun die alten Strukturen von Arbeit und Organisation, die politischen Institutionen nur auf neu, nachhaltig und klimafreundlich, Diversity und Innovation umlackieren, zeigt, wie wenig verstanden wurde, was zu tun ist. Die Anstrengungen lassen sich nicht mehr eifrig, fleißig abarbeiten. Der Ameisenstaat der Industriegesellschaft löst keine Probleme unserer Zeit“, schreibt Wolf Lotter. Wir werden mit ihm über sein neues Buch sprechen: „STRENGT EUCH AN! WARUM SICH LEISTUNG WIEDER LOHNEN MUSS“.

Um 17 Uhr befragen via YouTube, Twitter, Facebook, LinkedIn und Twitch.

Vielen Dank für die vielen Glückwünsche zu meinem Geburtstag

An dieser Stelle möchte ich mich für die vielen Glückwünsche zu meinem Geburtstag bedanken, die mich via Facebook, Twitter, LinkedIn, Messenger und Telefon erreicht haben. So kann man beflügelt ins Neue Jahr starten. Ich verbrachte den Tag mit den Söhnen bei leckerem Essen, Geburtstagskuchen, einem schönen Filmnachmittag und tollen Geschenken – französische Literatur, Roland-Barthes-T-Shirt und einem edlen Schreibset.

Bin guter Dinge für 2022. Schon das Weihnachtsfest war ein großes Vergnügen im Salzburger Land.

Vor einem Jahr: Begas-Gemälde der Enkelkinder des Beethoven-Verlegers Nikolaus Simrock kehrt nach Bonn zurück #bthvn

Dr. Ingrid Bodsch vor dem Begas-Gemälde

Meldung vor einem Jahr: Ein schöneres Weihnachtsgeschenk, das noch dazu an Beethovens 250. Tauftag, via Kunsttransport aus Berlin in Bonn eingetroffen ist, ist für die Sammlung des StadtMuseum Bonn kaum vorstellbar.

Der Förderverein des StadtMuseum Bonn und die altehrwürdige Lese- und Erholungs-Gesellschaft Bonn freuen sich sehr, zum Erwerb des Gemäldes bei der Auktion von Bassenge Ende November 2020 durch das StadtMuseum Bonn mit Spenden und einer Sicherheitsleistung beigetragen zu haben.

Die damalige Direktorin des StadtMuseum Bonn, Dr. Ingrid Bodsch, war hinter dem  „Objekt der Begierde“ schon seit über 20 Jahren hinterher, hat aber bei vorherigen Auktionen immer wieder den Ankauf verpasst: Ein wunderbares Kinderbild vor 1840 von der Hand des nicht nur wegen seiner legendären Bildnisses der Loreley im 19. Jahrhundert berühmten Malers Joseph Begas. 

„Das zauberhafte Gemälde mit den Porträts der vier älteren, zu diesem Zeitpunkt aber auch noch sehr jungen Kindern des Bonner Musikverlegers Peter Joseph Simrock hat jede Menge Bonn-Bezüge, die in die Zeit zurückreichen, in denen der junge Beethoven mit 14 Jahren seine erste bezahlte Stellung als stellvertretender Organist am Bonner Hof bekommen hat und bald darauf auch als Bratschist in der Hofkapelle des Kurfürsten spielte“, erläutert Bodsch. 

Dort war zu diesem Zeitpunkt der aus Mainz gebürtige Nikolaus Simrock bereits seit einigen Jahren ein sehr geachteter Hornist, der schon vor seiner Bonner Zeit überzeugter Freimaurer gewesen ist und 1781 in Bonn zu den Gründungsmitgliedern der Bonner Niederlassung des als Geheimgesellschaft organisierten Illuminaten-Ordens gehörte, der 1784 als Präfekt der Bonner Hoforganist, Vorgesetzte und früher Lehrer Beethovens, Neefe, vorstand. Als die Bonner Loge/Minervalkirche, genannt „Stagira“ nach dem Geburtsort von Aristoteles, mit dem Verbot des Illuminatenordens im Heiligen Römischen Reich 1785 aufgelöst wurde, hatten ihre Mitglieder, die allesamt Angehörige des Hofadels oder Hofangestellte waren, keinerlei Nachteile, sondern fanden sich Anfang Dezember 1787 mit weiteren aufgeklärt gesinnten Männern (Frauen waren nicht zugelassen) zur Gründung der Bonner Lesegesellschaft zusammen, die Kurfürst Maximilian Franz zu ihrem hochoffiziellem Protector machte. Nikolaus Simrock spielte auch in ihr eine einflußreiche Rolle und war einer der wenigen Hofmusiker, die nach der Vertreibung des Kurfürsten Bonn nicht verließen. 

Vielmehr baute der zeit seines Lebens ebenso geschäftstüchtige wie frankophile Simrock seine schon bisher nebenher betriebenen Handelsgeschäfte und seine Notenstecherei als Haupterwerbszweig erfolgreich aus und spezialisierte sich höchst erfolgreich auf den Handel mit Musikalien und vor allem als Musikverlag, mit Schaffung von Niederlassungen auch in Paris. Bei ihm waren nicht nur Notenausgaben von Mozart und Haydn erhältlich, sondern neben anderen populären zeitgenössischen Komponisten auch Werke seiner früheren Hofmusikerkollegen, so auch von Beethoven. 

Das Geschäft florierte, Simrock profitierte im Zusammenhang mit der Säkularisation von großen Grundstückskäufen und war bei seinem Tod 1832 ein wirklich reicher Mann geworden, der seinem Nachfolger im Verlag ein blühendes, von diesem und einem Enkel zu einem der renommiertesten Musikverlage Europas ausgebautes Geschäft überließ, und dem übrigen Dutzend seiner Kinder reichliche Geldmittel und Grundvermögen: 

„Dieser Nikolaus Simrock ist als Bild im Bild, im Gemälde seiner kleinen Enkel zu sehen, auf die Bedeutung hinweisend, die das Wirken des Großvaters für den glänzend aufgestellten Verlag und die gesellschaftliche Stellung seiner Nachkommen hatte. Und selbstverständlich war nicht nur Nikolaus SImrock als Gründungsmitglied ein prägende Figur der Bonner Lesegesellschaft, ihr gehörten auch einige seiner Söhne an, und – als besonderen Clou – auch der Maler Joseph Begas, den kaum sonst jemand mit Bonn in Verbindung bringt, obwohl er hier – Köln war zeitweilig Dienstsitz seines Vaters – das Gymnasium, Vorgängereinrichtung des heutigen Beethoven-Gymnasiums, besuchte und Peter Joseph Simrock sein ihm freundschaftlich verbundener Schulkamerad war“, so Bodsch. 

Karl Joseph Begas, der am Gymnasium von den ehemals auch für den kurkölnischen Hof tätigen Maler Philippart und Weinreis im Malen und Zeichnen unterrichtet wurde, wurde schon mit 17 Jahren gemäss eines Sonderbeschlusses der Lese zu ihrem Ehrenmitglied ernannt, weil ihr der Schüler Begas 1810 – Bonn gehörte immer noch zum französischen Empire – eines seiner Erstlingswerke für die entstehende Bildersammlung der Lese schenkte, ein Gemälde nach Raffael:  „Der hl. Johannes in der Wüste“. 

„Mit dem Gemälde, schon an sich ein außergewöhnlches Schmuckstück mit den Simrock-Enkeln samt Großvater-Porträt, hat man viele Jahrzehnte Bonner Kulturgeschichte im Blick, von den letzten Jahrzehnten unter Kurfürstlicher Herrschaft über die Franzosenzeit bis zur Preußenzeit, als das Gemälde von Karl Joseph Begas gemalt worden ist“, resümiert Bodsch.