#9vor9 am 16.10.2018: JEDI-Projekt, Flagge zeigen in Social Media und Industrie 4.0-Denkfehler

StefanPfeiffer.Blog

#9 vor 9 Schwarz Kopfhoerer DigitalMit Gunnar Sohn und Lars Basche habe ich im Rahmen des CIOKurator-Projekts (momentan schläft es aus monetären Gründen etwas, aber wir geben nicht auf) auch #9vor9 erfunden. Die Idee ist es, jeden Dienstag um 8:51 in 9 Minuten die aktuellen digitalen Themen zu streifen und zu diskutieren. Übertragen wird die Sendung auf Facebook (weil dort am meisten „Action“, sprich Beteiligung ist). Ursprünglich waren die Themen auf den CIO und seine Interessen fokussiert. Wir werden das Themenspektrum jetzt etwas zu generellen digitalen Themen öffnen und ich verlinke unsere Gespräche auch hier auf StefanPfeiffer.Blog.

An diesem Dienstag ging es um Themen wie die Schlammschlacht um das JEDI-Projekt des Pentagon, meine aktuellen 2 Cents zu Social Media und warum wir trotz Hassreden Flagge zeigen müssen und um Industrie 4.0, die Digitalisierung, die noch nicht nennenswerte Erfolge in Deutschland gebracht hat.

https://www.facebook.com/plugins/video.php?href=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com%2Fgsohn%2Fvideos%2F10215185680107136%2F&show_text=0&width=476

(Stefan Pfeiffer)

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Die Folgen der #Industrie40 Gehirn-Verneblung am Fabriktor #MBGipfel #MaschinenbauGipfel @ZEW @FraunhoferISI @VDMAonline @Robert_Weber_

Industrie der Gesternzeit

Vor einige Zeit – vor drei Jahren – schrieb ich eine Kolumne unter dem Tiel „Industrie4.0-Gehirn-Verneblung am Fabriktor“. Industrie 4.0 sei so eine Art deutsches  Kastrat für Digitalisierung. Es ist tragisch, dass die Industrie 4.0-Prediger im alten Effizienz-Denken der Massenfertigung verharren.

Fordismus verpuffte vor 60 Jahren

Dabei war die Dynamik des fordistischen Produktionsmusters bereits in den 1960er Jahre verpufft, wie der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser in seinem Standardwerk „Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945 belegt“. Seit rund 50 Jahren schrumpft die Zahl der Arbeitsplätze in der Massenproduktion. Da ist keine Umkehr in Sicht. 

Industrie 4.0-Denkfehler

Wenn wir unsere fabrik-fixierte Nabelschau mit dem ausschließlichen Ziel der Effizienzverbesserung nicht ablegen, schaffen wir keine Perspektiven für neue Arbeitsplätze und für neue Märkte. Am Beispiel der Speed Factory, die Adidas mit dem fränkischen Unternehmen Oechsler realisiert, kann man das eindrücklich nachvollziehen. Ziel ist es, den ‚individuellen’ Schuh in Ansbacher zu produzieren. Nur 160 Mitarbeiter werden in den nächsten Jahren eine halbe Million Sneakers produzieren. Wenn wir uns dabei nur auf den Akt der Fertigung fokussieren, sieht die Beschäftigungsbilanz eher mickrig aus. „Wenn wir blindlings den Protagonisten von ‚4.0’ folgen, gibt es keine Arbeit mehr für die allermeisten in unserer Gesellschaft“, moniert Ralf Volkmer in einem Thesenpapier http://www.lean-knowledge-base.de/arbeiten-in-einem-vernetzten-unternehmen/. Ein Denkfehler. Auch der Autor von Lean-Knowleadge-Base reduziert den Blickwinkel auf die Fabrikproduktion und sitzt damit im gleichen Boot wie die Industrie 4.0-Denker.

Vernetzung für Kunden

Die Amerikaner machen es anders und nennen dieses Thema Industrial Internet, schreiben Andreas Syska und Philippe Lièvre in ihrem Buch „Illusion 4.0“: „Sie vernetzen intelligente Produkte, Supply Chains und Fabriken. Das ist aus unserer Sicht auch der richtige Ansatz.“ Deutsche Ingenieure denken in technischen Schnittstellen. Der Gedankenschritt reicht nur von Maschinen zu übergeordneten Steuerungssystemen. „Wir sehen hierzulande größtenteils fabrikinterne Lösungen….Der eigentliche Sinn der digitalen Vernetzung und ihre enormes Potenzial liegt vielmehr in datenbasierten Geschäftsmodellen und damit außerhalb der Fabrik. Das hat man in Deutschland noch nicht verstanden, weshalb in Deutschland auch nichts Entsprechendes zu sehen ist. Industrie 4.0 kommt hierzulande gedanklich einfach nicht aus dem kleinen Karo der Fabrik heraus“, monieren Syska und Lièvre. In den USA werden Plattformen geschaffen und mit intelligenten Produkten sowie Services vernetzt. 

Schnittstellen schaffen keine neuen Märkte

Die Deutschen hingegen tüfteln an Schnittstellen, faseln von höherer Produktivität, ergötzen sich an neuen Maschinen und vertrödeln ihre Zeit mit der Frage, wie man das Ganze technisch ans Laufen bringt. Die Amerikaner fragen, welches Geschäft damit gemacht werden kann. Die Rollenverteilung ist für uns nicht lukrativ. Jenseits des Atlantiks werden die digitalen Claims abgesteckt und das Gold geschürft, Deutschland liefert als verlängerte Werkbank die Spitzhacken und Spaten. Die deutsche Industrie hat sich widerstandslos in die zweite Reihe drängen lassen – zum austauschbaren Hardware-Lieferanten. „Die eigentliche Produktion findet außerhalb der Fabriken statt. Das erkennt man aber nicht, wenn der eigene Denkhorizont am Werkstor endet“, führen die Illusion 4.0-Autoren aus. Soweit ein Auszug meiner Kolumne.

Und nun heißt es in einer Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI, dass es ja noch nicht einmal Produktivitätsfortschritte beim Einsatz von Industrie 4.0 Anwendungen gegeben hat. Was für eine Überraschung. 

Schönes Debattenthema für die #NEO18x – am 13. und 14. November hätten wir noch Möglichkeiten, Sessions einzubauen. Die laufen über Skype und werden auf Facebook live übertragen. Einfach bei mir melden.

Geht doch mal zu Fuß – Mach ich doch @Umweltbundesamt #fuß #fußverkehr #gehtdoch

Heise macht mit folgender Überschrift auf: 

Umweltbundesamt: Deutsche sollen deutlich mehr zu Fuß gehen. 

Ich gehe mal davon aus, dass das UBA empfiehlt, in Deutschland sich mehr als Fußgänger zu bewegen, ob man nun Deutscher ist oder nicht: „Wer zu Fuß geht, tut Gutes für seine Gesundheit, spart Geld und schont die Umwelt“, heißt es in dem UBA-Papier mit dem Titel „Geht doch!“. Nach der 55-seitigen Untersuchung liege aus Fußgängersicht vieles im Argen:

„Städtebauliche Leitbilder der vergangenen Jahrzehnte – wie insbesondere die autogerechte Stadt – haben den Fußverkehr im Straßenbild weitgehend als Restgröße an den Rand gedrängt.“

Fußgänger müssten vielfach Umwege, Wartezeiten, Lärm und Abgase in Kauf nehmen. Hohe Bordsteine, Treppen, dunkle Unterführungen, Stolperfallen und parkende Autos auf Gehwegen – zu Fuß zu gehen, sei in vielen Städten zeitraubend und umständlich.

Nach Studien sei jeder zehnte Autofahrt kürzer als ein Kilometer, und auf Strecken von einigen Hundert Metern sei man zu Fuß von Tür zu Tür häufig am schnellsten. Da könnte einiges an Autoverkehr eingespart werden. Sehr richtig.

Aber da muss noch mehr kommen. Wie wäre es mit mehr Immobilität? 

67 Prozent der Berufspendler fahren mit dem Auto zur Arbeit, versauern im Stau, belasten die Umwelt und ärgern sich über den Verlust an Lebensqualität. Der durchschnittliche Besetzungsgrad im Berufsverkehr liegt bei rund 1,2 Personen pro PKW und ist damit der niedrigste aller Fahrtzwecke. 8,5 Millionen sind täglich länger als eine Stunde unterwegs. Rund sechs Millionen fahren mehr als 25 Kilometer zu ihrem Arbeitsplatz. 

Wenn wir uns vom Status der Pendlerrepublik verabschieden wollen, reichen Placebo-Maßnahmen wie Shuttle-Services, Fahrgemeinschaften, der Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel oder Fußgänger-Konzepte  nicht aus. Insofern sind viele Mobilitätskonzepte etwas kurzatmig. 

Wir müssen die Arbeit zu den Mitarbeitern bringen und dürfen Arbeit nicht mit Anwesenheit verwechseln. Jeder nicht gefahrene Kilometer entlastet den Verkehr, senkt die Emission von klimarelevanten Treibhausgasen um 141 Gramm pro Personenkilometer und macht Menschen stressfreier. 

Tim Cole und Ossi Urchs haben in ihrem Buch „Digitale Aufklärung“ die Dezentralität als „Wertschöpfungsnetzwerk“ beschrieben: Komplexe Aufgaben werden in einfache Module zerlegt und über das Netzwerk an Personen vergeben, die dafür die nötige Kompetenz und Zeit besitzen. So werden einzelne Mitarbeiter, Arbeitsgruppen und sogar ganze Organisationseinheiten projekt- und aufgabenbezogen zu Teams zusammengeführt und bilden damit eine Art virtuelle Organisation auf Zeit. Urchs und Cole sprechen sehr treffend von einer „Cloud-Belegschaft“. Technologisch ist das schon längst umsetzbar.

Magere Homeoffice-Bilanz in Deutschland

In der Realität sieht das leider anders aus. Der Anteil der Beschäftigten, die im Homeoffice arbeiten können, stagniert oder wird in manchen Unternehmen sogar wieder zurückgeschraubt. Deutschland liegt nach einer Studie des DIW beim Anteil der Personen mit Homeoffice unter dem EU-Durchschnitt und deutlich hinter anderen Ländern wie Frankreich oder den skandinavischen Ländern zurück. Nur zwölf Prozent aller abhängig Beschäftigten hierzulande arbeiten überwiegend oder gelegentlich von zu Hause aus, obwohl dies bei 40 Prozent der Arbeitsplätze theoretisch möglich wäre. In den meisten Fällen scheitert der Wunsch nach dezentraler Arbeit an den Arbeitgebern. Würden sie umdenken, könnte der Anteil der Heimarbeiter auf über 30 Prozent steigen.

Viele Arbeitnehmer fürchten sich davor, dass die eigenen Leistungen über dezentrale Strukturen nicht mehr richtig wahrgenommen werden. Beschäftigte lieber im Büro arbeiten zu lassen, ist auf der Arbeitgeberseite häufig von der Tatsache beeinflusst, dass man Führung über Autorität und weniger über Vertrauen realisiert. Das sind die beiden wichtigsten Angstaspekte: Zum einen die Frage aus Arbeitgebersicht, ob Mitarbeiter ohne Kontrolle überhaupt Ergebnisse leisten und zum anderen, ob Kontrolle außerhalb der Unternehmensgrenzen überhaupt möglich ist.

Pomadiger Breitbandausbau trocknet ländliche Regionen aus

Und dann gibt da noch den pomadigen Breitbandausbau, der sich negativ auf die Verteilung der Arbeitskräfte auswirkt. Der demographische Wandel ist geprägt von Regionen, die durch ihre urbane Struktur überhaupt kein Problem bei qualifizierten Arbeitskräften haben. Aber es gibt immer mehr Regionen, die zurückbleiben. Des Weiteren zeigt sich die Entwicklung, die man landläufig nur für Ostdeutschland vermutet hat, nun auch dramatisch in Westdeutschland.

Es ist also ein generelles Problem, dass manche Regionen regelrecht ausbluten, da die Überalterung zusätzlich damit verbunden ist, dass die jungen und mobilen Leute diese Regionen verlassen. Kritisch wird es vor allem in Regionen, in denen keine angemessene digitale Anbindungs-Konstellation gegeben ist. Gerade für dezentrales Arbeiten benötigt man schnelles Internet. Aber da gibt es einen Teufelskreis. Jene Regionen, in denen Firmen abwandern oder Nachwuchskräfte das Dorf oder den ländlichen Raum verlassen, büßen Steuer- und Gebühreneinnahmen ein. Diese wiederum werden benötigt, um Infrastruktur zu finanzieren. Wir sollten das also etwas breiter diskutieren. 

Projektarbeit Wirtschaftsethik – Ideenskizzen für die Next Economy #NEO18x

NEO Werkstatt

Vom 13. bis 15. November findet in diesem Jahr die Next Economy Open statt. Die beiden ersten Tage gestalten die Studierenden der Hochschule Fresenius in Köln.

Hier die ersten Ideenskizzen für die Live-Sendungen am 13. November:

Die Studierenden brauchen bei Ihrer Arbeit Unterstützung. Wäre toll, wenn Ihr bei diesem Projekt mitwirken könntet.

Siehe auch die Facebook-Gruppe.

Das Ende von #GooglePlus: Erinnerung an eine Disputation mit Frank Schirrmacher #KarlssonvomDach – Was für eine schöne Diskussion @ChristophKappes @mspro

Fein, dass Christoph Kappes den Link zu einer legendären Disputation mit Frank Schirrmacher noch auf dem Schirm hatte.

In den Anfangstagen von Google Plus war das noch möglich. Und es war nicht nur der Reiz des Neuen und die überfällige Antwort des Suchmaschinen-Konzerns auf Facebook, die zu der Anfangseuphorie führte. Vieles im Design, im Aufbau und in der Funktionalität überzeugte mich über lange Zeit. Etwa Dienste wie Hangout on Air – also der erste Livestreaming-Dienst für Konferenzschaltungen und sehr coolen Apps, der Hannes Schleeh und mich zu unglaublich vielen Sendungen inspirierte.

In der von Christoph Kappes ausgelösten Debatte ging es um die Etablierung einer europäischen Suchmaschine, die von Schirrmacher gefordert wurde. Meine Antwort dazu kennt Ihr hier unter dem Hashtag #ChiracdesTages. Eine staatliche Initiative hielt ich damals und halte ich auch heute noch für zwecklos.

Und wie war das mit Frank Schirrmacher? Zu seinen Spitznamen zählte wohl Karlsson vom Dach, wenn die Darstellung von Michael Angele der Wahrheit entspricht. Aber so doof ist diese Analogie gar nicht. Er war nicht nur ein großer Geist, der Frank Schirrmacher, er tauchte wie Karlsson plötzlich auf und brachte Leben in die Bude. Schirrmacher war ein Meister der Debatten. Auch auf Google Plus. Hier ein kleiner Auszug der Disputation:

Gunnar Sohn
Eine Passage im Text von Schirrmacher ist doch höchst erfreulich: „Das Netz, das wird immer deutlicher, folgt den Regeln des talmudischen Kommentars, nicht denen des wissenschaftlichen. Offenbar nehmen wir Quellen, auch nachrichtliche, zunehmend als Glaubensinhalte wahr, nicht mehr als Fakten. Es könnte so sein, aber es könnte auch anders sein. Die alltägliche Wissenssozialisation beruht heute auf der Annahme: Die Fakten stimmen nicht mehr, jedenfalls stimmen sie nicht sehr lange – nicht deshalb, weil sie gelogen wären (auch das kommt vor), sondern weil sie schon in der nächsten Minute ganz anders sein können. Das Netz – in seinem gegenwärtigen Stadium – verhandelt deshalb vor allem das, was die Talmudisten ‚Lehrmeinungen‘ nannten – Meinungen, nicht Orthodoxien. Das führt allerdings oft dazu, dass sich auf den labyrinthischen Wegen der Deutungen, des unvollständigen Lesens (etwa der Pressemitteilung, wie im vorliegenden Fall, statt des Textes) die Ursprungsquelle bis zur Unkenntlichkeit entstellt.“ Die Schlussfolgerung im letzten Satz halte ich für falsch. Richtig beobachtet ist die sinkende Relevanz der Orthodoxien. Da braucht man nicht zum Talmud greifen. Niklas Luhmann reicht auch: Mit der Computerkommunikation, so Luhmann, wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird. Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert und ersetzt durch die Unbekanntheit der Quelle.

Ebenso entfällt die Möglichkeit, die Absicht einer Mitteilung zu erkennen und daraus Verdacht zu nähren oder sonstige Schlüsse zu ziehen, die zur Annahme oder Ablehnung der Kommunikation führen könnten. Die moderne Computertechnik greift die Autorität der Experten an. Fast jeder hat mittlerweile die Möglichkeit, die Aussagen von Wissenschaftlern, Journalisten, Unternehmern oder Politikern am eigenen Computer zu überprüfen. Die Art und Weise, wie Wissen in den Computer kommt, lässt sich zwar schwer überprüfen. Sie lässt sich aber jedenfalls nicht mehr in Autorität ummünzen. Und genau das treibt einige Denker, Einpeitscher und Debatten-Dompteure an die Decke. Man braucht das Internet nicht überhöhen oder kultisch in Web 2.0-Ideologie gießen. Man muss das Internet auch nicht heilig sprechen. Wo die kulturellen Katastrophen der Computer-Kommunikation enden werden, kann kaum jemand vorhersehen oder beeinflussen. Das macht das Ganze ja so reizvoll. Das Problem des unvollständigen oder kursorischen Lesens kann vom Luhmann-Szenario nicht abgeleitet werden. Das Problem hatte schon Herder. Jeder Leser ist eben auch ein Nicht-Leser. Herder beschreibt sich als trockener Gelehrter, als ein totes, künstliches System von Wissensbeständen. Er selbst sei „ein Tinenfaß von gelehrter Schriftstellerei“. Mit 24 ist Herder so angefüllt von Wissen, dass er dieses als Ballast beklagt.

Er entwickelt deshalb eine Kulturtechnik der kursorischen Lektüre. Er wird zum Läufer, zum Cursor, der im virtuellen Raum der Gelehrtenbibliothek zwischen Texten durcheilt und in dieser schnellen Bewegung neue Querverbindungen schafft. Es sei ein methodisches Verfahren, das ihm die Lizenz zum Flüchtigen gibt. In der so genannten „percursio“- im Durchlauf – darf aufgezählt und angehäuft werden, ohne dass es jeweils einer expliziten Behandlung der einzelnen Elemente bedarf. Herder praktiziert die gelehrte Lizenz, Materialmengen „aufs Geratewohl“ zu durcheilen. Die richtige Ordnung ist dabei zweitrangig. Die Sylvae wird definiert als Sammlung von schnell niedergeschriebenen Texten. Man schreibt nicht akademisch korrekt oder pedantisch genau, sondern aus dem Stegreif. Man formuliert aus dem Schwung heraus. Seine Lektüre ist nicht mehr festgelegt auf einen ursprünglichen oder autoritätsfixierten Wortlaut. Herders Suchläufe kennen keinen Abschluss. Das Universalarchiv ist uneinholbar. Eine beständige Lektüre der Menschheitsschriften ist unmöglich. „Alles“ ist nicht zu lesen, zu kennen, zu wissen. Es reicht nur zu Verweisen und Fundorten. Entscheidend ist die Zirkulation der Daten, der Datenstrom, der keinen Anfang und kein Ende hat, der neue Routen und Entdeckungen zulässt. Kanonische Wissensbestände müssen durch intelligente Suchroutinen ersetzt werden.

Und dann landen wir wieder bei Google und den Warnungen von Schirrmacher, die er schon in seinem Buch „Payback“ in etwas anderer Form artikuliert hat. Die Vernetzung von Maschinen und Menschen zu Bedingungen, die von der Maschine diktiert werden. Es ist die Unterwelt der Benutzeroberfläche, die den FAZ-Herausgeber wohl weiter umtreibt. Maschinenräume im Silicon Valley, die ein Nichtinformatiker niemals zu sehen bekommt. Dort würden unsere digitalen Doppelgänger gebaut. Am Ende mündet das Ganze in Maschinen-Paternalismus – das kann allerdings unter privater und auch staatlicher Regie eintreten. Selbst unter dem Regime einer europäischen Suchmaschine. Mich würde ein Blick in den Maschinenraum von Google auch brennend interessieren. Vielleicht eher eine Aufgabe für Wikileaks!

Frank Schirrmacher
Gunnar Sohn et al, leider in Eile:

  1. Wir wissen n i c h t was Google weiss. Oder finden Sie irgendwo im Netz die Ergebnisse der minütlichen Analytik und ihrer Hochrechnung, jenseits der meistgesuchten Suchbegriffe. Das aber ist das Wissen des 21.Jhrdts.
  2. „Alles“ ist nicht zu lesen, zu kennen, zu wissen.“ Das ist ja gerade nicht das Neue! Das wussten ja gerade die Enzyklopädisten am besten. Das Neue ist doch umgekehrt, das der imaginäre Vertrag, an den alle glauben, besagt das „alles“ zu wissen ist, was ist und kommuniziert. Tertium non datur. Man exisitert nicht, wenn man nicht im Netz exisitert, hiess das ja mal so schön. Konsequent entstehen erstmals seit der Reformation wieder Institutionen der Allwissenheit, die ihre Priester in die Marketing- und Personalabteiungen entsenden.

Gunnar Sohn
Frank Schirrmacher –

  1. Das ist doch profan. Natürlich wissen wir nicht, was die Mountain View-Boys wissen. Sonst könnten wir direkt morgen ein Google Plus Plus gründen. Die wären schön blöd, ihre Betriebsgeheimnisse zu lüften. Die Problematik entsteht in der Tat, wenn Menschen über Maschinen und Algorithmen anfangen, zwischen gut und böse, richtig und falsch zu befinden. 2. Ihre Gegenstrategie einer europäischen Suchmaschine kann genauso in die Hose gehen und zu Verwerfungen führen. Entscheidend ist die Vielfalt der Möglichkeiten, Wissen zu generieren und selber zu publizieren. Wenn Sie nun insinuieren, hier gäbe es nur drei amerikanische Konzerne, die das Netzgeschäft dominieren, dann müssen Sie aber auch erwähnen, dass die großen Drei sich bis auf das Messer bekämpfen. Da gibt es keinen Gleichklang. Im Social Web erschien bis vor drei Wochen Google noch als der große Verlierer und man sprach von der Dominanz des Social Graph, der wichtiger sei als die Maschinen-Intelligenz von Google. Zur Zeit schaut Zuckerberg ziemlich blöd aus der Wäsche. Alles kann sich sehr schnell drehen. Entscheidend ist wohl die Tatsache, dass sich im Netz dauerhaft kein Monolith etablieren kann.

Frank Schirrmacher
ad Gunnar Sohn – Nein, nicht profan, sondern, um im Bild zu bleiben, sakral. Sie reden vom materiellen Geschäftsgeheimnis von Google. In der Tat: wie wichtig das ist zeigt der Patentthriller um die Erfindung des Telefons. In der Tat: das ist profan.

Das wirkliche Geheimnis ist nicht der Algorithmus, der uns füttert, sondern den wir füttern. Was wohl gewesen wäre, wenn Bells Erfindung alle Telefonate aufgezeichnet hätte, analysiert hätte, Stichwörter gefiltert hätte, Rückschlüsse auf Ort, Zeitpunkt und Stimmfärbung getroffen hätte und das ganze dann als sein Privateigentum weiterverkauft hätte. Wenn das:

http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704547604576263261679848814.html

schon möglich ist, ohne verbale Kommunikation und bei nur 2000 Menschen, was ist dann heute insgesamt möglich? Das wüsste ich gern, mehr nicht. Gegen das Sakrale hilft nur Aufklärung – das würde schon reichen, hat nämlich auch in der Vergangenheit schon geholfen.

Martin Lindner
zum nebenpunkt mit der europäischen suchmaschine: wenn ich +Frank Schirrmacher s kommentare hier richtig verstehe, will er gar nicht so sehr die eu-konkurrenz gegen us-google, sondern eine art CERN-forschungszentrum für semantische algorithmen, damit „wir“ (wer?) uns hier auch mit diesen großartigen weltwissenserkenntnissen beschäftigen können. das verstehe ich schon. es gibt bloß vermutlich keinen weg dahin zu kommen: jedenfalls ganz sicher nicht, indem die EU-forschungsgemeinde sich selbst noch ein monsterprojekt genehmigt. (und auch google entstand ja nicht, weil das pentagon große forschungsgelder investiert hat.)

Michael Seemann
Was für eine schöne Diskussion!

Mal jenseits des der politischen Frage, nach dem Besitz der Infrastruktur (dazu gleich), fehlt mir ein wesentlicher Aspekt bei der Frage nach dem Gedächtnisses: Warum tun wir das? Denn wir tun es ja ganz offensichtlich, also hat es ja einen gewissen Sinn, einen Nutzen.

Jan Assmann hatte für das kulturelle Gedächtnis bereits gezeigt, dass im Zuge der Erfindung der Schrift eine gewisse Liberalisierung des Umgangs der Kultur vollzogen hat. So war die kulturelle Identität der Juden recht früh „portabel“, weil sie in Schrift fixiert war und nicht mehr an rituelle Gedenkorte, wie noch bei den Ägyptern.

Groys wiederum zeigt, wie sich der Kunstbegriff im Laufe der Jahrhunderte von einem Reproduktiven, eng gefassten hin zu einem auf das Neue ausgerichteten entwickelt. Seine These: je besser wir Informationen und Wissen zugänglich halten (Mächtigkeit und Accessibility von Archivtechnik), desto mehr kapriziert sich Kultur auf die Erschaffung von neuem und dem Fortschritt – auf Irritation des Bestehenden, sozusagen.

Ich als neophiler Mensch begrüße das sich zum Allarchiv wandelnde Internet und weine den dadurch obsolet werdenden Stützen der repititiven – das heißt sich auf Tradition berufenden – Kulturtechniken des Archivierens keine Träne nach.

Natürlich ist es eine politische Frage, wer die Infrastruktur für diese Technik bereitstellt, das will ich gar nicht leugnen. Aber erstens sehe ich Googles Übermacht da nicht so extrem, sondern durchaus austauschbar und zweitens glaube ich, dass die konkurrierenden Strukturen (z.B. Staat) keinerlei vernünftige Alternative bereitstellt. Weder eine wünschenswerte aber vor allem aber keine effektive.

Es gibt viele Szenarien, wie sich das politisch austariert. Aber keines davon wird ein Staat vs. Google beinhalten, m.E.

Bis dahin halte ich es für wichtig den Infrastrukturanbietern so wenig exklusives Wissen wir möglich zu erlauben. Nur Wissen, das von allen indexierbar und analysierbar ist, sollten die großen Player bekommen. Das heißt: nieder mit den Privacyeinstellungen!

Christoph Kappes könnte doch die gesamte Debatte auf seinem Blog dokumentieren, sonst geht das verloren. Wäre schade.

Zu den Gründen für den Niedergang von Google Plus habe ich heute früh kurz mit Stefan Pfeiffer in unserem Format #9vor9 gesprochen: