
Die Kulisse hätte nicht passender sein können: Während auf der Keynote Stage Maja Göpel vor vollem Haus sprach, stellte der Organisationsberater Tobias Grewe im Messe-TV-Studio der Zukunft Personal Europe sein neues Buch „Kein Change ohne Story!“ (Haufe-Verlag, erscheint am 16. Oktober) vor. Seine Kernthese: Zwei Drittel aller Veränderungsprojekte scheitern, weil Kommunikation misslingt. Führung braucht Storylistening und Storytelling – und zwar in genau dieser Reihenfolge.
Zuhören vor dem Erzählen
„Assumption is the mother of all fuck-ups“, sagt Grewe im Gespräch. Wer in Veränderungsprozessen nicht zuhört, verliere sofort an Glaubwürdigkeit. Zu oft entwickelten Vorstände über Monate Zielbilder und Organigramme, während sie den Startpunkt übersehen: die gelebte Gegenwart der Mitarbeitenden. „Die Menschen spüren alles und wissen auch fast alles“, betont Grewe. Wer nicht wisse, was sie sich erzählen, verpasse den entscheidenden Einstieg in die Veränderung.
Gefährliche Kluft zwischen Schein und Sein
Der Soziologe Dirk Baecker prägte dafür den Begriff der „zynischen Kommunikation“ – wenn Leitbilder und Realität auseinanderklaffen. Grewe bestätigt das aus seiner Praxis: Manager haben oft einen positiveren Eindruck von der Organisation als ihre Mitarbeitenden. „Dann entwickeln sich Frustrationen. Das ist gefährlich für jede Organisation.“
Kommunikation ist ein Hard Skill
Ein Beispiel zeigt, wie es besser geht: In einem Restrukturierungsprozess mit 50 Entlassungen ließ Grewe die Verkündungsrede über sechs Monate hinweg gemeinsam mit dem Führungskreis entwickeln. „Jedes Wort saß, niemand wurde im Regen stehen gelassen“, so Grewe. Der Unterschied: keine Euphemismen, keine Nebelkerzen. Stattdessen ein empathisch abgestimmter Auftritt. „Kommunikation ist kein weiches Thema, sondern ein Hard Skill, den Führungskräfte trainieren müssen.“
Co-Kreation statt Top-down
Grewe plädiert dafür, Führung nicht als Ansage, sondern als co-kreativen Prozess zu verstehen. Wenn 80 Führungskräfte an Bord sind, gibt es auch 80 Perspektiven – diese müssen vergemeinschaftet werden. Methoden wie Barcamps, Hackathons oder Storylistening-Sessions schaffen Räume, in denen Erfahrungswissen und Perspektiven sichtbar werden. „Nur so entsteht eine Change-Story, die wirklich trägt.“
Multiperspektivität und Schwarmintelligenz
Besonders in komplexen Zeiten sei Multiperspektivität ein Erfolgsfaktor. Grewe spricht von Schwarminelligenz: „Wenn zehn Menschen an einem Thema arbeiten, braucht man auch die zehn Perspektiven. Daraus entsteht Inspiration.“ Entscheidend sei, dass auch leise Stimmen gehört werden. Nur dann könne verborgenes Wissen, etwa im Kundenservice oder in technischen Nischen, in die Organisation zurückfließen.
Wissenstransfer als Schlüsselfrage
Ein drängendes Thema ist für Grewe der bevorstehende Abgang der Babyboomer. „Das Erfahrungswissen droht zu verschwinden, wenn wir es nicht rechtzeitig sichern“, warnt er. Storylistening und Storytelling seien auch Instrumente des Wissenstransfers – nicht um Lebensläufe abzuschreiben, sondern um Erfahrungen weiterzugeben.
Mehr als Hollywood
Auf die Kritik, Storytelling sei durch Marketing und Heldenreisen abgenutzt, reagiert Grewe gelassen: „Alles darf sein.“ Doch im Feld der Organisationsentwicklung gehe es nicht um Hollywood-Plotlines, sondern um authentische, gemeinsam verhandelte Geschichten. Sein Credo: „Kein Storytelling ohne Storylistening.“
Das Gespräch im Messe-TV-Studio macht deutlich: Grewe liefert keine weichgespülte Kommunikationslehre, sondern einen Führungsauftrag für Zeiten des Wandels. Zuhören, gemeinsame Erzählungen entwickeln, authentisch kommunizieren – das ist für ihn die einzige Chance, dass Transformation gelingt.