Der Habitus der heiligen Parzelle – Über privatisierte Öffentlichkeiten, antikapitalistische Pose und semantische Vanillesauce

Im Fediverse wird gegärtnert. Mit Leidenschaft. Mit Überzeugung. Und mit einer Gießkanne voller Überzeugungsethik. Das wäre an sich kein Problem – wenn dabei nicht die Vorstellung wüchse, es handle sich um ein antikapitalistisches Arkadien, ein digitales Kloster der Reinheit, abgeschottet gegen die „verunreinigten“ Außenwelten von Plattformkapitalismus und kommerzieller Verwertungslogik.

„Dann geh doch in einen anderen Schrebergarten“ heißt es mit der Gelassenheit eines digitalsozialisierten Gartenvorstands. Gemeint ist: Du darfst frei sein, solange du dich an die inoffizielle Hausordnung hältst. Kritik wird zur Unfähigkeit erklärt, sich anzupassen. Und wer nicht spurt, kann ja seine eigene Parzelle aufmachen – Hosting gibt’s ab 3,99 Euro im Monat.

Die Illusion der sauberen Parzelle

Doch wer genau hinschaut, erkennt schnell: Der antikapitalistische Habitus wird oft von Menschen vertreten, die sich genau diesen Luxus leisten können – ideologisch, technisch, ökonomisch. Manch ein Schrebergartenbetreiber mit Datensparsamkeitsschild hat im Hauptberuf sehr wohl gelernt, APIs zu monetarisieren oder mit Spendenbuttons und Substack-Texten Einnahmen zu generieren. Das ist völlig legitim – doch problematisch wird es dann, wenn aus dieser Lage heraus anderen eine moralische Makellosigkeit abverlangt wird, die am Ende nichts anderes ist als kulturelles Kapital im Bourdieu’schen Sinne.

Mit anderen Worten: Man predigt Keuschheit in Turnschuhen, während man hinter dem Hochbeet Affiliate-Links pflegt. Man nennt es „frei von Kommerz“, obwohl man auf eigene Weise längst zur Marke geworden ist. Es ist ein Reflex aus der Spätmoderne: Alles muss irgendwie gegen das System wirken – auch wenn es längst in dessen Stromnetz eingesteckt ist.

Fediverse als Sakralarchitektur

Die Debatte auf Mastodon ist in diesem Sinne lehrreich. Sie zeigt, wie sehr sich technische Infrastruktur und moralisches Sendungsbewusstsein verschränken. Wer auf einer Instanz aneckt, wird nicht nur technisch verwiesen („zieh um“), sondern auch kulturell diszipliniert („du hast das Fediverse nicht verstanden“). Hier wächst der Glaube, dass Technik nicht neutral, sondern normativ aufgeladen sei. Der dezentrale Aufbau wird dabei nicht als pluralistische Möglichkeit verstanden, sondern als Ausdruck einer richtigen Gesinnung. Eine Art säkulares Benediktinertum mit ActivityPub.

Nur: Wer bestimmt, was richtig ist? Wer hat das Fediverse „erdacht“, wer schreibt ihm seinen Geist zu? War es ein Protokoll – oder ein Mythos? Der Hinweis, das Fediverse sei „antikapitalistisch und datensparsam“ gedacht, ist ebenso rückwirkend wie verklärend. Es ist nicht antikapitalistisch per se – es ist lediglich schwerer zu kapitalisieren. Und das ist ein Unterschied.

Camouflage auf Vanillepudding

Wenn also Kritik an Tugendkontrolle, Regelzitat und Plattformmoral laut wird, dann nicht, weil man ins kommerzielle Lager wechseln will. Sondern weil man genau diese neue Form der kontrollierten Öffentlichkeit erkennt: eine privatisierte Öffentlichkeit mit Gatekeepern in Sandalen. Die sprechen nicht wie Werbestrategen, sondern wie Diskurspolizisten mit Meditationshintergrund. Aber sie üben genauso Macht aus – nur leiser, mit der semantischen Vanillesauce moralischer Überlegenheit.

„Bleib doch locker“, heißt es dann. Oder: „Chill. Mach dein eigenes Ding.“ Doch auch das ist Teil des Spiels: Kritik wird individualisiert. Der strukturelle Vorwurf wird zum persönlichen Problem umcodiert. Wer über Kultur spricht, bekommt Technik erklärt. Wer über Ausschluss redet, wird auf Hostinglösungen verwiesen.

Kein Containerdienst, kein Kloster

Natürlich ist das Fediverse kein Containerdienst. Aber es ist auch kein Kloster. Es ist ein Möglichkeitsraum – der gerade deshalb kritisch befragt werden darf, weil er Alternativen verspricht. Und Alternativen, die Kritik nicht aushalten, sind keine. Sie sind nur Varianten. Subkulturen mit angezogener Moralhandbremse.

Wer also gegen die Kommerzialisierung wettert, sollte ehrlich sein: Auch Haltung hat einen Preis. Und auch Parzellengärtner können sich über andere erheben – nur eben mit biologischem Dünger und selbstgehostetem FTP-Server.

Moral ist kein Geschäftsmodell. Aber sie kann eins maskieren. Und dann wird aus der feinen Schrebergartenkultur eben doch eine klebrige Soße aus Erhabenheitsrhetorik, Regelästhetik und antikapitalistischer Camouflage.

Was wäre das Gegenmittel?
Weniger Sendungsbewusstsein. Mehr Widerspruchstoleranz. Und gelegentlich ein Bier mit Leuten, mit denen man sonst nicht diskutieren würde. Selbst wenn sie Club-Mate trinken.

Der Autor selbst ist in einem Schrebergarten groß geworden und hatte eine herrliche Kindheit – Schrebergarten-Kind – Friedland III in Berlin-Neukölln.

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