Kompetenzsimulation auf LinkedIn und Co. – Interesse an einem netzökonomischen Käsekuchen-Diskurs zu diesem Thema?

Hashtag-Soziologie

Der Kölner Soziologe Klaus Janowitz hat sich der Herkules-Aufgabe gewidmet, in der vernetzten Welt für etwas mehr Klarheit zu sorgen. Erinnert sei an seine Überlegungen zur Hashtag-Ökonomie als Gegenentwurf zur durchorganisierten Gesellschaft. Es geht dabei um Verbindungen von Neigungen und Interessen. Es geht um vernetzten Individualismus fernab von Reports, Indikatoren, Kennzahlen und Excel-Tabellen, die nur Ausdruck der Hilflosigkeit in einer vernetzten Welt sind. Vor Jahren widmete sich Janowitz der Einordnung des Begriffes der Digitalen Transformation. Seit Ewigkeiten wird uns dieser Begriff um die Ohren gehauen.

Dabei findet und fand Janowitz eine Menge heiße Luft, etwa im Buch der so genannten Digital-Darwinisten Karl-Heinz Land und Ralf Kreuzer:

„Mit dem Begriff digitale Transformation wird der zielgerichtete Einsatz von digitalen Technologien bezeichnet, um die eigenen Wertschöpfungsprozesse unter Einsatz von digitalen Technologien neu- oder umzugestalten.“

Zerpflückt man diesen Satz in seine Einzelteile, bleibt wenig Substanz übrig. Was heißt denn „zielgerichteter Einsatz“? Was sind eigene Wertschöpfungsprozesse?

Was bedeutet das generell für die Tautologien, die uns von Digitalen Darwinisten oder sonstigen Digitalen Evangelisten aufgetischt werden? Solche Netz-Erklärer, die die Konferenzbühnen beherrschen, stellen sich nicht einer kritischen Überprüfbarkeit ihrer Erzählungen. Wo bleibt die theoretische Fundierung im Diskurs über die Wirkungen der Digitalisierung für Wirtschaft, Gesellschaft und Staat? Das vorherrschende Geschwätz in Netz-Debatten, die sich mit Künstlicher Intelligenz, Digitaler Transformation, Content Marketing, Storytelling, Plattformen oder Industrie 4.0 beschäftigen, bestehen aus „ganzheitlicher“ Phrasendrescherei. Das gilt für die Beraterzunft und auch für die betriebswirtschaftlich und volkswirtschaftlich ausgebildeten Stichwortgebern.

Selbstkonstruierter Unsinn

Der Wissenschaftstheoretiker Hans Albert würde das Keynote-Gemurmel als selbstkonstruierten Unsinn abtun. Belastbar seien nur Aussagen, die sich anhand einer Auseinandersetzung mit der uns umgebenden realen Welt überprüfen lassen. Es dominieren aber hypothesenlose Leerformeln, die ihre empirische Gehaltlosigkeit verschleiern. Man könnte sogar von Dogmen sprechen, da uns von vielen digitalen Vordenkern absolute Gewissheiten verkauft werden, ohne auch nur in Ansätzen empirische Einsichten zu vermitteln. Man fahndet nur nach Bestätigungen der eigenen Sichtweise und schließt von Einzelphänomenen auf die Allgemeinheit. Vermeintliche Wahrheiten wurden und werden von gläubigen Anhängern ohne Überprüfung der Fehlerhaftigkeit verteidigt. Wer nicht an sie glaubt, gilt als verstockt und rückwärtsgewandt. Eine kritische Urteilsfähigkeit kann so nicht entstehen. Selbst eine noch so oft wiederholte Beobachtung der regelmäßigen Verbindungen von Dingen oder Ereignissen rechtfertigt es nicht, daraus eine logisch zwingende Schlussfolgerung auf eine Gesetzmäßigkeit zu ziehen. Und dann gibt es noch eine beträchtlich Anzahl an Kompetenz-Simulanten, die nur ihre Ahnungslosigkeit kaschieren und auf fahrende Züge aufspringen wollen. Das gilt selbst für Informatik-Professoren, die uns irgendetwas von ISDN erzählen wollten in Zeiten, wo das zum technologischen Fallobst zählte. Hinter der Fassade der Selfies und der Schonwetter-Postings steckt schlichtweg Lüge, Angeberei und Dunnbrettbohrer-Wissen. Im Autorengespräch mit Wolf Lotter habe ich das thematisiert:

Lotter spricht über die zunehmende Tendenz unserer Gesellschaft, sich auf das Einfache und Bequeme zu konzentrieren. Er kritisiert die „Fake-Industrie“, die sich aus der Bequemlichkeit heraus entwickelt hat, und fordert ein Ende dieser Entwicklung.

Lotter hebt hervor, dass es durchaus kulturelle Praktiken gibt, die auf dem Wissen und den Werken anderer aufbauen. Zur Sprache kommen Schriftsteller wie Walter Kempowski, Thomas Mann und Bertholt Brecht, die sich auf vorhandenes Wissen berufen haben, um etwas Neues zu schaffen. Diese Praxis sieht er nicht als problematisch an, solange sie dazu dient, etwas Originelles und Erhellendes zu schaffen.

Er kritisiert jedoch die Praxis des Plagiats und des Diebstahls, die in unserer Gesellschaft und insbesondere auf Plattformen wie LinkedIn weit verbreitet ist. Lotter bemängelt, dass viele Menschen vorgeben, originelle Ideen zu haben, ohne die Quellen ihrer Inspiration anzugeben.

Lotter spricht auch über die Diskrepanz zwischen dem, was Unternehmen behaupten zu wollen – Vielfalt und Originalität – und dem, was sie tatsächlich belohnen – Anpassung und Konformität.

Er argumentiert, dass diese Tendenz zur Anpassung und Konformität dazu führt, dass echte Innovationen nicht belohnt werden und dass das mittlere Management oft daran interessiert ist, den Status quo zu erhalten.

Lotter kritisiert auch die Praxis der Selbstinszenierung, die oft auf Kosten von Originalität und Authentizität geht. Er argumentiert, dass diese Praxis dazu führt, dass Menschen, die tatsächlich originell und authentisch sind, oft übersehen werden.

Soweit der Exkurs zum Autorengespräch mit Wolf Lotter über sein neues Buch „Echt“.

Die Überprüfbarkeit von Hypothesen

Jeder sollte immer kritische Widerlegungsversuche von Hypothesen anstellen, statt nur nach Bestätigungen des eigenen Gedankengebäudes zu suchen. Bei unserem netzökonomischen Käsekuchen-Diskurs wurden Ideen verhandelt, wie man den dominierenden digitalen Plattformen des Silicon Valley Paroli bieten könnte. Zur Sprache kamen Open Source-Ideen, die zu einer Dezentralisierung des Netzes taugen. Kann man sich überhaupt aus der häufig zu beobachtenden Pareto-Verteilung befreien, die in den meisten Netzwerken vorherrscht? 20 Prozent derer, die Einkommen haben, zahlen 80 Prozent der Einkommenssteuer; 20 Prozent der Produkte eines Supermarktes machen 80 Prozent des Umsatzes aus; 20 Prozent der Wissenschaftler bekommen 80 Prozent der Zitate ab; 20 Prozent der Wissenschaftler schreiben 80 Prozent der wissenschaftlichen Texte. Selbst für Wikipedia gilt: 20 Prozent der Autoren liefern 80 Prozent der Beiträge. Wie kommt man aus diesen Machtstrukturen raus?

Raiffeisen für die Netzökonomie

Letztlich plädierte die netzökonomische Fachrunde für einen stärkeren Schulterschluss, den vor allem kleine und mittelständische Unternehmen leisten müssen. Etwa über die Raiffeisen-Idee, die im 19. Jahrhundert begründet wurde: Solche Genossenschaften seien Netzwerke, die helfen, wenn eine Branche im Wandel und im Wachsen ist, erläutert die Volkswirtin Theresia Theurl von der Uni Münster gegenüber der Wirtschaftswoche:

„Bist Du nicht groß oder besonders stark, musst du besonders schlau sein. Man kann sich Größe auch organisieren, ohne sich abhängig zu machen.“

Um das Problem der schlechten Bonität zu lösen, setzte der Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen auf das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“. Man könnte es auch nach dem Motto der „Vier Musketiere“ formulieren: „Einer für alle, alle für einen“.

Eine Gruppe Kreditbedürftiger schließt sich zusammen und stattet ihre Genossenschaften mit Haftungskapital aus. Für den Einzelnen ist die Einlage bezahlbar, doch unter dem Strich kommt ein ordentliches Kapitalpolster zusammen. Dadurch entsteht eine privat finanzierte Bank, die Geld an ihre Mitglieder verleihen kann, ohne bei Ausfällen einzelner Schuldner pleitezugehen.

Gleiches gilt für die Digitalisierung der Wirtschaft, etwa bei Investitionen in 3D-Drucker, beim Einkauf, bei der Vermarktung über Plattformen und beim Wissenstransfer. Bringt die Raiffeisen-Idee nun Impulse für die Netzökonomie in Deutschland? Bislang nicht. Wir sollten mal wieder einen netzökonomischen Käsekuchen-Diskurs auf die Beine stellen. Anfang Juni auf unserer Terrasse in Bonn-Duisdorf. Ich backe auch den Käsekuchen.

Gründungskompetenz in Deutschland: Von einer Teleshopping-Operndiva für Saugnapfmaschinen bis zu alternde Touristik-Verkäufer von vorgestern – Sessionideen für die Next Economy Open im Dezember gefragt #NEO23

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Beim Blättern durch mein Archiv fand. ich folgende Kolumne, die schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, aber immer noch sehr amüsant ist.

Eine Teleshopping-Operndiva, die Saugnapfmaschinen vertickt; ein Internet-Unternehmer, der eine Dokumenten-App gegen die Wand fährt sowie Kellerbier von Kölsch nicht unterscheiden kann; ein Ex-Stuntman, der in seinem Erlebnis-Geschenkportal Fahrten mit Schützenpanzern anbietet; eine Jung-Unternehmerin, die sich in das gemachte Nest von Papi legt und zur Revitalisierung der FDP beitragen will; ein alternder Touristik-Unternehmer, der die besten Zeiten schon längst hinter sich hat. Fünf Möchtegern-Unternehmer, die sich in der Vox-Sendung “Höhle der Löwen” als Investoren für Gründer mit hohlen Sprüchen und Kalenderweisheiten in Szene setzen. Kann man machen. Ist halt so eine Art “Heißer Stuhl” für die Startup-Szene. Als Katalysator für neue Ideen, die die deutsche Wirtschaft so dringend braucht, ist das Haudrauf-Format ungeeignet. Erkenntnisgewinn zieht das Notiz-Amt aus dem betagten ARD-Presseclub, der sich mit der neuen Holdingstruktur von Google auseinandersetzte.

Google-Diskussion ohne Angstreflexe

Mit Marina WeisbandMario SixtusPhillip Banse und Miriam Meckel war das sonntägliche Stelldichein in der Tradition von Werner Höfer auch gut und ungewöhnlich bestückt. Drei profunde Netzkenner und eine Vertreterin der klassischen Printmedien sprachen unaufgeregt über die Konsequenzen, die sich aus der Metamorphose des Suchmaschinen-Giganten ableiten lassen.

Google orientiert sich fortan an Berkshire-Hathaway-Holding des milliardenschweren Investors Warren Buffet und beendet damit das Dasein als Gemischt-Warenladen. Mit den neuen Führungsstrukturen kann man sich jetzt auf einzelne Sparten konzentrieren. Das Brot- und-Butter-Geschäft ist mit über 90 Prozent Umsatzanteil immer noch die Werbung via Adwords und Adsense. Mit dem Überbau “Alphabet” stärkt man den Glauben an das große Wachstum in den wilden Projekten, mit denen noch kein Cent verdient wird. Das operative Geschäft bleibt bei Google unter dem neuen Chef Sundar Pichai.

Bei einer Marktkapitalisierung von rund 440 Milliarden US-Dollar einen so radikalen Schnitt zu machen, ist für Miriam Meckel ungewöhnlich – zumindest in Deutschland und Europa. Hier werde eine neue Stufe in der digitalen Ökonomie gezündet, die man sich sehr genau anschauen sollte. Google entwickelt eine Blaupause für den radikalen Weg in die vernetzte Wirtschaft und zeigt, wie das funktionieren kann. Es erleichtert das Schrotflinten-Prinzip in den Aktivitäten außerhalb des Werbegeschäfts, betont der elektrische Reporter Sixtus: “Sie schießen ganz viele Kugeln in ganz viele Richtungen ab und hoffen, dass irgendeine Kugel treffen wird.“ Das ist wohl der einzig gehbare Weg für die digitale Transformation.

Versuch und Irrtum für Zukunftsmärkte

Wer im technologischen Sektor in zehn Jahren noch überleben möchte, der müsse jetzt Produkte und Services für Märkte und für eine Nachfrage entwickeln, die es noch gar nicht geben kann. Wie das funktioniert, demonstrierte das Mountain-View-Unternehmen mit Google Maps, das vor zehn Jahren gestartet wurde. Erst 2007 war die Geburtsstunde des iPhone und erst danach entfaltete sich das mobile Internet. Damals galt noch das Blackberry als Krönung der Handy-Schöpfung. Als die mobile Revolution einsetzte, war Google mit einer wichtigen Anwendung sofort präsent. Das Wesen dieses Unternehmens unterscheidet sich von der Return on Investment- und Rentabilitäts-Denke in Teutonien.

“Die Gründer und Macher glauben an ihre Projekte, statt Gründe zu suchen, warum etwas nicht gehen kann“, erläutert Sixtus. Suche, Mobilität, individualisierter öffentlicher Nahverkehr mit dem selbstfahrenden Auto, Vernetzung digitaler Infrastrukturen, Vernetzung von Städten, Robotik und industrielles Internet. Die Zukunftsthemen von Alphabet bauen auf die Daten-Intelligenz, die man sich seit der Gründung erarbeitet hat.

“Für das selbstfahrende Auto sind Karten unabdingbar. Nicht nur in 2-D, sondern auch in 3-D, wo selbst Ampeln und Bürgersteige abgescannt werden. Man braucht dafür die besten Daten-Ingenieure und die besten Daten“, so der Podcaster Philip Banse. Deshalb rekrutiert Google die besten Genetiker, Hirnforscher, Elektrotechniker, Maschinenbau-Ingenieure (!), Chemiker und Forscher für Künstliche Intelligenz.

Die klügsten Köpfe arbeiten in Mountain View

Die klügsten Leute wollen bei Google arbeiten, konstatiert Marina Weisband. Mit flexiblen Arbeitszeiten, einem guten Betriebsklima, modernen Beteiligungsmodellen, genügend Freiraum für kreative Hobby-Leidenschaften und der Anwerbung von Mitarbeitern mit Migrations-Hintergrund sowie gebrochenen Lebensläufen bietet der Netz-Champion eine Diversität, von der deutsche Unternehmen meilenweit entfernt sind, auch wenn kluge Personalmanager wie Thomas Sattelberger das schon seit Jahren fordern.

Wir verplempern unsere Zeit mit industriepolitischen Scheindebatten, die schon vor drei Jahrzehnten nicht mehr zeitgemäß waren. Seit 1980 sind wir selbst nach den Maßstäben der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung kein Industrieland mehr. Auch der Begriff Industrie 4.0 führt in die Irre, weil er wirtschaftliche Aktivitäten immer noch nach Branchen sortiert.

Zukunftsentscheidend ist nicht mehr die Herstellung eines Kotflügels oder einer Einspritzpumpe, sondern die Verbindung von Daten, Software, Wissen und Algorithmen. Den Rest kauft man sich ein.

Und in Deutschland?

Von der Heimvernetzung bis zur großspurig verkündeten Energiewende, die im Streit um das EEG gerade kräftig zerredet wird, verspielen für wichtige Themen, die eng mit der vernetzten Ökonomie zusammenhängen. Das gilt vor allem für den Mittelstand, der immer noch das volkswirtschaftliche Rückgrat in Deutschland ist. Die mittelständischen Märkte sind klein, die Kunden ausgewählt, die Aufträge sicher. “Besonders die mittelständischen Zulieferer, von denen es in Deutschland nicht gerade wenige gibt, leben nach wie vor in dieser Komfortzone”, weiß der Mittelstandsexperte Marco Petracca. Man agiert nicht, man reagiert.

Und kommt kein Auftrag, erhöht man den Vertriebsdruck. Die digitale Transformation gefährdet aber diese Komfortzone. Denn Kunden haben heute dank Internet einen viel umfassenderen Einblick in das Marktgeschehen und sind nicht mehr auf den klassischen Vertriebsweg angewiesen. Die Folge: Aufträge stagnieren, Preiskämpfe werden härter, die Wettbewerber potenzieren sich um die Anzahl der Suchmaschineneinträge, sagt Petracca.

Wie wäre es, wenn wir die Eigenheiten zweier unterschiedlicher, sich aneinander reibender Ökosysteme vereinen würden? Ein Denkansatz, den Petracca auf der Bonner Next Economy Open vor ein paar Jahren mit Unternehmerinnen und Unternehmern, Nerds, Hackern und Bloggern diskutierte.

Den Ansatz finde ich immer noch charmant. Auf der Next Economy Open am 7. und 8. Dezember gibt es wieder Gelegenheiten für überraschende Begegnungen, neue Allianzen und nicht vorhersehbare Verbindungen nach dem Schrotflinten-Prinzip von Google.

Ideen sind willkommen. Kontaktiert mich: 01776204474.

low angle photography of grey and black tunnel overlooking white cloudy and blue sky

Die Nasenring-Systeme in der Netzökonomie

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Seit Jahrzehnten wird uns von Beratern sowie selbst ernannten Vordenkern aus Politik und Wirtschaft eingehämmert, dass wir in einer „nachindustriellen Gesellschaft“ leben. In den achtziger Jahren kam die „Informationsgesellschaft“ auf und seit den neunziger Jahren sprechen wir von der „Netzwerkgesellschaft“. So weit, so gut. Aber wie belastbar sind diese Managementphrasen, wenn Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu Unternehmende im Unternehmen „befördert“ werden oder flache Hierarchien fortan gelten sollen? Bullshit im Quadrat ist das.

Was dann als Kritik am Wertesystem der bürokratisch-bürgerlichen Gesellschaft in den späten siebziger Jahren über die Neuen Sozialen Bewegungen forciert wurde, reduzierten neoliberale Strömungen auf eine Demontage des Wohlfahrtsstaates. „Mit völlig verschiedenen Motiven priesen beide Autonomie und Spontanität und lehnten die Disziplin in der hierarchischen Organisation ab. Anstatt Anpassung an vorgegebene Rollen verlangten sie Individualität und Diversität. Experimente, Offenheit für Neues, Flexibilität und Veränderung wurden nun als positiv besetzte Grundwerte etabliert. Beide Bewegungen operierten mit dem attraktiven Begriff der persönlichen Freiheit, wobei die Neuen Sozialen Bewegungen diesen in einem sozialen Sinn als Freiheit der Persönlichkeitsentfaltung und des Zusammenlebens verstanden, die neoliberale Politik ihn hingegen in einem ökonomischen Sinn als Freiheit des Marktes begriff“, kritisiert Felix Stalder.

Flache Hierarchien ohne Freiheitsgewinn

Ein Heer von Managementberatern, Umstrukturierungsexperten und neuen Unternehmern plädiert für flache Hierarchien, Eigenverantwortlichkeit, Innovation und Flexibilität – ohne die Machtstatik auch nur in Ansätzen anzutasten. „Größere Unternehmen wurden restrukturiert, so dass sich ganze Abteilungen als eigenständige ‚profit centers‘ wiederfanden. Dies geschah unter der Maßgabe, mehr Spielraum zu ermöglichen und den Unternehmergeist auf allen Ebenen zur Entfaltung zu bringen mit dem Ziel, die Wertschöpfung zu erhöhen und dem Management bessere Durchgriffsmöglichkeiten an die Hand zu geben“, so Stalder. Sozialstaatliche Absicherung Einzelner hält man für überholt. Kollektive Institutionen, die für eine gewisse Stabilität in der Lebensführung sorgen können, gelten als bürokratische Hindernisse. Um politische Freiheit, soziale Verantwortung und Autonomie geht es den Flexibilisierungsideologen ganz und gar nicht. Sie wollen mehr Spielraum für ihre Nasenring-Systeme bekommen.

Indirekte Steuerung

Sie wollen frei und anarchisch ihren Geschäften nachgehen, ohne von öffentlich dokumentierten Regeln, Gesetzen und demokratisch legitimierten Institutionen gestört zu werden. Sie wollen ihren kybernetischen Steuerungsobsessionen freien Lauf geben. Also das, was als digitaler Darwinismus durchs Netz waberte. Man konzipiert den Menschen – analog zu Tieren, Pflanzen und Maschinen – als einen Organismus, der auf Reize aus seiner Umwelt reagiert. Der Verstand spielt in diesem Modell keine Rolle, relevant ist einzig das Verhalten. „Und dieses Verhalten, so die kybernetische Hypothese, kann programmiert werden. Nicht durch direkten Zugriff auf den Menschen (der wird als undruchdringbare Black Box konzipiert), sondern indirekt, durch die Veränderung der Umwelt, mit der Organismen und Maschinen via Feedback gekoppelt sind. Diese Eingriffe sind meist so subtil, dass sie für den Einzelnen nicht wahrnehmbar sind, weil es nirgends eine Grundlinie gibt, gegen die man die Neigung des ‚Bodens der Tatsachen‘ feststellen könnte“, erläutert Stalder.

Libertär ohne Liberalität

Für den Einzelnen und im Einzelfall seien die Effekte oft minimal. Aber aggregiert und über längere Zeiträume können die Effekte substantiell sein, ohne dass sie deswegen für den Einzelnen feststellbar wären. Es sind kaum bemerkbare Anstubsverfahren, mit denen die Planungsfetischisten vorgehen. Dahinter steht ein libertärer Paternalismus, der die scheinbare individuelle Wahlfreiheit mit einer nicht sichtbaren Autoritätsfigur verbindet. Das Ideal ist die „freiheitliche Bevormundung“, die man im Arbeitsleben jeden Tag erlebt. „Ganz im Geiste der Kybernetik und kompatibel mit den Strukturen der Postdemokratie sollen die Menschen über die Veränderung der Umgebung in die von Experten festgelegte Richtung bewegt werden, während sie gleichzeitig den Eindruck erhalten, frei und eigenverantwortlich zu handeln“, bemerkt Stalder. Das wird mittlerweile auch in der Politik eingesetzt, etwa durch das von dem ehemaligen US-Präsidenten Obama geschaffene Office of Information and Regulatory Affairs unter der Leitung von Cass Sunstein. In Großbritannien nennt sich das Gremium „Behavioural Insights Team“.

Begleitet wird diese unerträglich Gehirnmassage von einem Stakkato aus positiven Floskeln. Das wirkt nicht nur extern lächerlich, sondern auch intern: „Das kann so mit der Realität einer Organisation nicht übereinstimmen. Keine Organisation der Welt ist nur positiv. Deshalb entsteht ein riesiger grauer oder gar schwarzer Bereich an nicht formulierten Negativeindrücken. Und die braucht ein Ventil und das ist der Zynismus“, so der Soziologe Dirk Baecker. Zynismus sei eine Form der extrem intelligenten Beobachtung. Der zynische Kommentar ist in der Regel der letzte Kommentar zu einem Sachverhalt. Vorher schaltet man in den Modus „Dienst nach Vorschrift“ oder reagiert mit innerer Kündigung, was nach Analysen von Gallup bei 85 Prozent der Beschäftigten der Fall ist. „Der Zynismus ist die Form der Rede und die innere Kündigung ist die Form des Handelns“, konstatiert Baecker.

Das gesamte New-Work-Gebrabbel sortiere ich in diesen semantischen Management-Bullshit ein.

Leseempfehlung:

Die von mir beschriebenen Abläufe in Organisationen beziehen sich übrigens nicht nur auf privatwirtschaftliche Organisationen. Auch in NGOs, Parteien, Verbänden, in der Wissenschaft und in Behörden läuft es nicht viel anders. Egal, welche Begriffe gerade wieder durch die Management-Etagen gejagt werden, etwa Adhokratie oder dergleichen, es geht um Macht, liebwerteste ichsagmal.com-Rezipienten. Was hilft? Machtbalance:

In einer Session der Next Economy Open plädierte Patrick Breitenbach im Streitgespräch mit dem Analysten Stefan Holtel für ein Machteliten-Hacking. Man müsse Gegen-Narrative in die Organisation bringen. Die alten Eliten sind von einer Blase der Ja-Sager umgeben. Wie wäre es mit einer subversiven Injektion für kritisches Denken? Der Philosoph Karl Popper hatte eine sehr intensive Beziehung zum Altkanzler Helmut Schmidt. Das habe den früheren Regierungschef in seinem politischen Denken sehr stark geprägt.

„Popper war indirekt ein Hacker der politischen Elite“, bemerkt Breitenbach. Man brauche zudem starke Metaphern, um bei den Entscheidern der Machtelite etwas anzurichten, ergänzt Holtel.

Utopien und Möglichkeitsräume: Eine Lesung #frankfurtstreamt #fbm20 @DrLutzBecker1 @MurmannVerlag

Der wichtige Einleitungsteil aus unserem Beitrag für das Buch „economists4future“:

Die längst spür- und messbare Klimakrise sowie deren künftig noch verstärkt zu erwartenden Auswirkungen stellen unsere Gesellschaft vor ungeahnte Herausforderungen. Wir selbst und die Organisationen in dieser Gesellschaft müssen lernen, mit den Folgen zu leben, ein Thema, mit dem sich Karsten Hurrelmann und seine Kolleginnen und Kollegen ausführlich beschäftigen. Und mehr noch: Wir müssen die Art und Weise, wie wir uns gesellschaftlich und ökonomisch organisieren, an vielen Stellen grundsätzlich in Frage stellen. Das transformative Potenzial der Klimakrise ist kaum absehbar. Wir müssen immer aufs Neue die Frage stellen, inwieweit und in wessen Sinne die gesellschaftlichen und ökonomischen Spielregeln neu geschrieben werden. 

Gleichzeitig wirkt nicht nur die Klimakrise in unserer modernen Welt transformativ: Die Corona-Pandemie des Jahres 2020 macht deutlich, wie schnell die Schockwellen, die von solchen Krisen ausgelöst werden, sich auf einem vernetzten Globus ausbreiten. Sie offenbart, wie eng die globalen Systeme miteinander verflochten und wie prekär sie mitunter sind. Darüber hinaus zeigt die Digitalisierung, wie vom „Internet der Dinge“ über „Plattform-Ökonomien“ bis hin zu „Big Data“ und „Künstlicher Intelligenz“ oft widersprüchliche Entwicklungen parallel stattfinden.

Vernetzungsdichte, Geschwindigkeit und die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer nehmen zu. Das Analoge und das Digitale wachsen zusammen und schaffen unerwartet Neues. 

Klimakrise, Corona-Pandemie und Digitalisierung erhöhen also aus unterschiedlichen Richtungen den transformativen Druck auf die Gesellschaft: Einerseits wächst das Erfordernis, sich auf neue Spielregeln in Wirtschaft und Gesellschaft einzulassen. Andererseits werden ungeahnte Möglichkeiten geschaffen, neue Welten zu entdecken und die Spielregeln dafür eigens neu zu schreiben. 

Vor diesem Hintergrund stellt sich für economists4future die Frage, wie wir Studierende, die Verantwortung in Wirtschaft und Gesellschaft übernehmen wollen, auf Zukünfte vorbereiten können, die niemand kennt. Konkret heißt das in unserem Fall:

Kann man Innovation lernen? Kann man sie managen? Kann man Führung lernen? Wie deuten sich Transformationen an? Wie kann man das Mögliche entdecken und beurteilen? Wie wirkt sich Nicht-Wissen auf Entscheidungen und Handeln in Bezug auf mögliche Zukünfte aus? 

Kurzum geht es um die Befähigung, die Verantwortung für das eigene Lernen und die eigenen Entscheidungen mit Wirkung auf eigene Zukünfte übernehmen zu können. Das Einmaleins der modellgetriebenen Wirtschaftswissenschaften hilft dabei nur bedingt weiter. Denn gefragt sind Fähig- und Fertigkeiten, mit komplexen und unbekannten Situationen in Wirtschaft und Gesellschaft umzugehen: Perspektivwechsel, analytische und methodische Kompetenzen, Umgang mit Wissen und Nichtwissen, mit Uneindeutigkeit und Zufall, mit der Legitimität widersprüchlicher Auffassungen, Kommunikationskompetenz und die Fähigkeit, in Netzwerken zu agieren. 

Wie können solche Kompetenzen und Befähigungen gebildet – nicht: ausgebildet – werden? Wie können wir junge Menschen befähigen, in gesellschaftlichen Organisationen – Unternehmen, NGOs oder Ad-hoc-Gruppen – Verantwortung zu übernehmen, damit ihre kleine und die Welt damit im großen Ganzen ein wenig besser wird?

Weder der BWL-Kanon noch die traditionellen Formen der Wissensvermittlung liefern nennenswerte Antworten.

Statt blind auf vorgefertigte Welterklärungen oder einfache Modellwelten zu vertrauen, geht es für economists4future in einer sich abrupt wandelnden Welt darum, Möglichkeitsräume zu öffnen und zu erschließen.

Das Internet ist ein solcher Möglichkeitsraum. Andere Möglichkeitsräume werden durch die Denkform der Utopie aufgestoßen. Utopien liefern Anregungen und Hinweise zum Umgang mit möglichen Zukünften und einer Didaktik im Spiegel der Möglichkeitswissenschaften, was Lars Hochmann ausführlich behandelt. Das erfordert – anders als bislang – eine partizipative Lehre, die nicht einseitig frontal vermeintliche Gewissheiten behauptet, sondern Lernende einbindet und im gemeinsamen Austausch Wissen schafft. 

Lernen durch Lehren

Solch eine Didaktik der Möglichkeitsräume haben wir über fünf Jahre entwickelt und erprobt: 2015 fand in Bonn erstmals die Konferenz Next Economy Open statt. Es handelte sich um ein stationäres Format angesiedelt zwischen Barcamp und traditioneller Konferenz. 2016 wurde die Konferenz erstmals als mehrdimensionales digitales Format weiterentwickelt. Im Rahmen einer virtuellen Konferenz konnten und können digitale Streams verfolgt werden, flankiert von regionalen und stationären Konferenz-Satelliten. Unter dem Dach der war die gesamte Konferenz im gleichen Jahr live im Netz zu verfolgen. Netzszene und Wirtschaft bilden ein enorm kreatives Paar, wenn es darum geht, Brücken zu bauen für neue Ideen, neue Kombinationen mit überraschenden Verbindungen und Erkenntnissen, fortlaufende Gespräche sowie offene Begegnungen. Studierende stellen ihre Forschungen und Analysen, ihre Konzepte und Szenarien einer breiten Netzöffentlichkeit zur Diskussion. Solche live gestreamten Workshops sind angelehnt an das Konzept „Lernen durch Lehren“ von Jean-Pol Martin, an das „Flow Team“, das  auf Martin Gerber und Heinz Gruner zurückgeht sowie an das „Visual Process Management“, das Sonali Wavhal beschreibt. Tatsächlich haben sich diese digitalen Format in der akademischen Lehre bewährt. 

Ziel der Next Economy Open ist, bewusst die Haltung utopischen Denkens einzunehmen und dadurch Möglichkeitsräume zu eröffnen beziehungsweise diese über öffentliche Debatten im Social Web zu erschließen. Dazu haben die Studierenden eigenverantwortlich das Format der Lehrkonferenz entwickelt, geplant und umgesetzt. Im Fluchtpunkt dieses Moduls steht das Ziel, Verantwortungs-, Führungs- und Gruppendynamiken zu erfahren und das eigene Tun selbstwirksam zu reflektieren. Der Erfahrungsschatz wurde schließlich anhand von Theorieimpulsen auf der Veranstaltung reflektiert. 

Die Ergebnisse unserer digitalen Lehr-Lern-Konferenzen zeigen: Wir brauchen in der ökonomischen „Bildung for future“ neue Formate mit mehr Partizipation. Das nachfolgende Gespräch reflektiert diesen Gedankengang und ist selbst der Versuch, von einem Ort in der Zukunft her den Grundstein zur Notwendigkeit der partizipativen Lehre legen. Ein Dialog, der ernst machen will mit dem Brückenbau zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. 

Ein Gespräch in der Zukunft

Köln, 2039. Zwanzig Jahre nach der letzten gemeinsamen treffen sich zwei Pioniere der Lehr-Lern-Konferenz – der frühere Wirtschaftsblogger Gunnar Sohn und der ehemalige Hochschullehrer Lutz Becker – auf der Terrasse des letzten Stadtcafés. Die Rheinlandmetropole ist wegen der sich in den Sommermonaten anstauenden Hitze praktisch unbewohnbar geworden. Nur die wenigen sturmfreien Tage im Spätwinter laden zum Aufenthalt im Freien ein. Aber vielleicht ist auch alles ganz anders. Während die beiden über Utopien und Experimente sinnieren, erinnern sie sich an die damals neuen Formate in Lehre und Forschung, die sie im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts umgetrieben haben.

Und hier setzt unsere Lesung ein in der langen virtuellen Lesenacht der Bundeszentrale für politische Bildung:

Die komplette Lesenacht der Bundeszentrale für politische Bildung:

Lehre und Forschung von Lutz Becker.

Nasenring-Systeme in der Netzwerkgesellschaft #NEO19x

Seit Jahrzehnten wird uns von Beratern sowie selbst ernannten Vordenkern aus Politik und Wirtschaft eingehämmert, dass wir in einer „nachindustriellen Gesellschaft“ leben – ich tue das ja auch. In den achtziger Jahren kam die „Informationsgesellschaft“ auf und seit den neunziger Jahren sprechen wir von der „Netzwerkgesellschaft“. So weit, so gut. Aber was steckt ideologisch dahinter? „Gerade in England und den USA wurde die ökonomische Transformation in den achtziger Jahren nachdrücklich und mit politischem Kalkül (Schwächung der Gewerkschaften) forciert“, so der Schweizer Kultur- und Medienwissenschaftler Felix Stalder.

Was als emanzipative Bewegung begann, endet bei der Zerschlagung des Wohlfahrtsstaates

Was dann als Kritik am Wertesystem der bürokratisch-bürgerlichen Gesellschaft in den späten siebziger Jahren über die Neuen Sozialen Bewegungen forciert wurde, reduzierten neoliberale Strömungen auf eine Demontage des Wohlfahrtsstaates. „Mit völlig verschiedenen Motiven priesen beide Autonomie und Spontanität und lehnten die Disziplin in der hierarchischen Organisation ab. Anstatt Anpassung an vorgegebene Rollen verlangten sie Individualität und Diversität. Experimente, Offenheit für Neues, Flexibilität und Veränderung wurden nun als positiv besetzte Grundwerte etabliert. Beide Bewegungen operierten mit dem attraktiven Begriff der persönlichen Freiheit, wobei die Neuen Sozialen Bewegungen diesen in einem sozialen Sinn als Freiheit der Persönlichkeitsentfaltung und des Zusammenlebens verstanden, die neoliberale Politik ihn hingegen in einem ökonomischen Sinn als Freiheit des Marktes begriff“, so Stalder.

Flache Hierarchien ohne Freiheitsgewinn

Ein Heer von Managementberatern, Umstrukturierungsexperten und neuen Unternehmern plädiert zwar für flache Hierarchien, Eigenverantwortlichkeit, Innovation und Flexibilität – ohne die Machtstatik auch nur in Ansätzen anzutasten. „Größere Unternehmen wurden restrukturiert, so dass sich ganze Abteilungen als eigenständige ‚profit centers‘ wiederfanden. Dies geschah unter der Maßgabe, mehr Spielraum zu ermöglichen und den Unternehmergeist auf allen Ebenen zur Entfaltung zu bringen mit dem Ziel, die Wertschöpfung zu erhöhen und dem Management bessere Durchgriffsmöglichkeiten an die Hand zu geben“, so Stalder (hab ich bei o.tel.o erlebt, befördert nur den Machtkampf zwischen den einzelnen Geschäftsbereichen). Sozialstaatliche Absicherung Einzelner hält man für überholt. Kollektive Institutionen, die für eine gewisse Stabilität in der Lebensführung sorgen können, gelten als bürokratische Hindernisse. Um politische Freiheit, soziale Verantwortung und Autonomie geht es den Flexibilisierungsideologen ganz und gar nicht. Sie wollen mehr Spielraum für ihre Nasenring-Systeme bekommen. Wohin die Reise dabei geht, ist noch nicht klar. Auch nicht in der Bildungspolitik – wir sprachen auf der Next Economy Open mit Christoph Schmitt über diesen Punkt.

Indirekte Steuerung

Sie wollen frei und anarchisch ihren Geschäften nachgehen, ohne von öffentlich dokumentierten Regeln, Gesetzen und demokratisch legitimierten Institutionen gestört zu werden. Sie wollen ihren kybernetischen Steuerungsobsessionen freien Lauf geben. Also das, was als digitaler Darwinismus durchs Netz wabert. Man konzipiert den Menschen – analog zu Tieren, Pflanzen und Maschinen – als einen Organismus, der auf Reize aus seiner Umwelt reagiert. Der Verstand spielt in diesem Modell keine Rolle, relevant ist einzig das Verhalten. „Und dieses Verhalten, so die kybernetische Hypothese, kann programmiert werden. Nicht durch direkten Zugriff auf den Menschen (der wird als undruchdringbare Black Box konzipiert), sondern indirekt, durch die Veränderung der Umwelt, mit der Organismen und Maschinen via Feedback gekoppelt sind. Diese Eingriffe sind meist so subtil, dass sie für den Einzelnen nicht wahrnehmbar sind, weil es nirgends eine Grundlinie gibt, gegen die man die Neigung des ‚Bodens der Tatsachen‘ feststellen könnte“, erläutert Stalder.

Libertär ohne Liberalität

Für den Einzelnen und im Einzelfall seien die Effekte oft minimal. Aber aggregiert und über längere Zeiträume können die Effekte substantiell sein, ohne dass sie deswegen für den Einzelnen feststellbar wären. Es sind kaum bemerbare Anstubsverfahren, mit denen die Planungsfetischisten vorgehen. Dahinter steht ein libertärer Paternalismus, der die scheinbare individuelle Wahlfreiheit mit einer nicht sichtbaren Autoritätsfigur verbindet. Das Ideal ist die „freiheitliche Bevormundung“, die man im Arbeitsleben jeden Tag erlebt. „Ganz im Geiste der Kybernetik und kompatibel mit den Strukturen der Postdemokratie sollen die Menschen über die Veränderung der Umgebung in die von Experten festgelegte Richtung bewegt werden, während sie gleichzeitig den Eindruck erhalten, frei und eigenverantwortlich zu handeln“, bemerkt Stalder.

Wohin das führt, kann man beim Modehändler Zalando beobachten: Letztlich befördert so etwas das betriebsinterne Denunziantentum.

Professor Benedikt Hackl sprach beim HR-Festival auf der re:publica von einer verhängnisvollen Zahnradlogik, die in vielen Organisationen das Tagesgeschäft dominiert. Es werden mit analogen und digitalen Instrumenten Regel-Befolgungs-Automaten herangezüchtet: „Fast überwunden geglaubte Herrschaftsformen leben wieder auf und verschärfen sich teilweise in Form von Benchmarking- und anderer Evaluationspraktiken. Im Grunde hat der Taylorismus nur eine andere Form angenommen und sich vertieft“, mahnt Reinhard K. Sprenger in seinem Opus mit dem vielsagenden Titel „Das anständige Unternehmen“, erschienen im DVA-Verlag.

Betreutes Arbeiten

Freiräume werden immer mehr eingeengt, die letztlich in massiven Freiheitsbeschränkungen münden. Was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am meisten runterzieht, sei nach Auffassung von Sprenger nicht das offene Misstrauen der Vorgesetzten: „Es ist das Pseudovertrauen, das knitterfreie, korrekt-opportune Verbalvertrauen, das mit der Forderung nach Transparenz einhergeht und sich dadurch ad absurdum führt.“ Man sagt seinem Gegenüber nicht mehr offen die Meinung, sondern versteckt die Giftpfeil-Attacken gegen Untergebene hinter Reporting- und Monitoring-Systemen. Denn Zahlen können ja nicht lügen – kleiner Scherz.

Mit den Tabula rasa-Steuerungsmethoden zerschlägt man das individuelle Anderssein. Jede Abweichung von einer Norm wird pathologisiert. „Dahinter steckt eine weit verbreitete Optimierungsideologie“, so Sprenger, der von einer Pädagogisierung der Unternehmensführung spricht. Unterschiede werden über das Personalmanagement wegtherapiert. Übrig bleibt eine geschmeidige Formmasse, die einer Sekte sehr nahe kommt. Dazu zählt Sprenger auch Mitarbeiterbefragungen, Ethik-Seminare oder ganzheitlich-idiotische Feedback-Rituale, die zur Entmündigung des Menschen beitragen. Übrig bleibt „betreutes Arbeiten“.

„Was ‚oberflächlich nach Emanzipation aussieht, ist in Wirklichkeit nichts anderes als ein Straffen der Fesseln, wie es die englische Philosophin Nina Power zur Neuen Arbeit ausrückt“, so Inga Ketels.  

Weiteres Beispiel gefällig? Die Überwachungssoftware Workday:„Algorithmen zeichnen nicht nur auf und zeigen an, wer wann und wo etwas tut oder es lässt, sondern auch, was Arbeiter in Zukunft vielleicht tun werden. Mit Hilfe von maschinellem Lernen kann die Software aus Personaldaten erkennen, welche Talente darüber nachdenken, den Arbeitgeber zu wechseln und daraufhin Empfehlungen geben, wie das Unternehmen Mitarbeiter halten kann. Das müssen nicht immer Gehaltserhöhungen oder Boni sein; in die Analyse fließen ganz unterschiedliche Daten ein: Die Leistungen der Mitarbeiter werden bewertet, wie und ob sie ihre Ziele erreichen, wie Vorgesetzte sie bewerten oder wie in der Vergangenheit Talente gehalten werden konnten“, schreibt die FAZ.

Mögliche Formate auf der Next Economy Open #NEO19x vom 26. bis 28. November — #NEO19x Matchen, Moderieren, Managen

Das Konzept der Next Economy Open ist bekanntlich virtuell. Und mögliche Formate sind je nach technischer Ausstattung in vielfältiger Weise umsetzbar. Die Haupt-Veranstaltung wird live aus dem temporären Sendezentrum an der Hochschule Fresenius gestreamt. Die Zuschaltungen laufen über Skype. Vier Beispiele, wie man die Sessions angehen könnte: 1. Round-Tables/Panels und Workshops Round-Tables und Panels bieten […]

Mögliche Formate auf der Next Economy Open #NEO19x vom 26. bis 28. November — #NEO19x Matchen, Moderieren, Managen

Gichtlingskolumne über die Hashtag-Ökonomie und (digitale) Stecknadel-Weisheiten im Management

Wo wir gerade auf der Suche nach einem Hashtag für die Zukunft sind. Ich mache jetzt häufiger einen Rückblick auf meine Gichtlingskolumne für das früher mal gute Debattenmagazin „The European“. Da habe ich vor fünf Jahren etwas über die „Hashtag-Ökonomie vs. Organisation“ geschrieben:

Es gibt kaum noch eine Organisation in Wirtschaft und Politik, die nicht via Twitter oder Facebook im Social Web aktiv ist. Man gibt sich nach außen social und nach innen bleibt alles beim Alten. Die Kommunikation läuft zentralistisch und wird von Direktoren, Abteilungsleitern sowie Chefs zentralistisch dirigiert. Auftritte in sozialen Medien werden mit offiziösen Inhalten und Marketing-Blabla verstopft, kritisiert Digital-Naiv-Blogger Stefan Pfeiffer: „Man muss als Unternehmen auch bereit sein, zumindest etwas Kontrolle abzugeben und gewisse Risiken in Kauf zu nehmen.“

Das Internet sei in seinen Wurzeln anarchistisch, unstrukturiert, eine vernetzte Struktur und eben genau keine kontrollierbare Instanz.

Man muss als Unternehmen endlich begreifen, dass die Methoden des Industriezeitalters immer weniger greifen – und das gilt nicht nur für die Kommunikation.

Stecknadel-Weisheiten in einer arbeitsteiligen Welt

Die Ursache für diese Konservierung von Dampfmaschinen-Prinzipien liegt sogar noch vor dem Zeitalter der Industrialisierung. Sie stecken tief in der marktwirtschaftlichen Theorie, die Adam Smith in seinem Hauptwerk „Wohlstand der Nationen“ 1776 am Beispiel einer Stecknadelfabrik (!) erläutert. Die arbeitsteilig organisierte und hierarchisch gegliederte Unternehmung sei der Motor für Produktivität sowie Effizienz. Ohne Arbeitsteilung könne der Einzelne keinen Überfluss erwirtschaften, der es ihm erlaubt, am Markt teilzunehmen. Hat sich an diesen Lehrsätzen irgendetwas geändert? Professor Martin Kornberger sieht in den kapitalistischen Prinzipien, die Adam Smith im 18. Jahrhundert zu Papier brachte, die Hauptgründe für das höchst dilettantische Management des digitalen Wandels. Es habe sich ein Widerspruch eingeschlichen, der uns selbst im 21. Jahrhundert noch beschäftigt.

Die Widersprüche des Kapitalismus

„Auf der einen Seite ist der Kapitalismus ein Gesellschaftsentwurf, der auf der Ordnung des freien Marktes beruht. Auf der anderen Seite beruht der Kapitalismus auf Produktivität und Effizienz, die sich nur im Rahmen einer hierarchischen Struktur erzielen lässt“, schreibt Kornberger in seinem neuen Buch „Management Reloaded – Plan B“, erschienen im Murmann-Verlag.

Die Vision einer freien Marktordnung von Adam Smith führt direkt in eine hierarchische Organisationsgesellschaft. Die Hierarchie ist aber der Anti-Markt par excellence. Der Unternehmer, der sich so gerne als Patron des freien Marktes inszeniert, ist in Wahrheit der autoritäre Einpeitscher von zentraler Planung. „Aller liberalen Rhetorik zum Trotz setzt sich die freie Marktwirtschaft in Wirklichkeit aus unzähligen kleinen Planwirtschaften zusammen“, erläutert Kornberger. Der wahre Antipode des Marktes sei daher nicht der Staat, sondern vielmehr die hierarchische Organisation und ihr Management.

Der Manager als Bürokrat

Als Ergebnis dieser Marktlogik ist der Manager nichts anderes als ein Bürokrat mit dem Büro als Zentrum seines Handelns in Schrift und Wort: Zahlen, Diagramme und Pseudo-Strategien. Er presst die polymorphe Welt in ein zweidimensionales Format und präsentiert seine Wirklichkeit in Prozess-Diagrammen und semantischen Leerformeln des Effizienz-Jargons. Sein Antrieb ist die Beherrschbarkeit und nicht das Chaos oder der Kontrollverlust. Es entstehen Doppeldeutigkeiten, die niemals mit der komplexen Welt harmonisieren. Um seine Interpretationshoheit nicht zu verlieren, schreibt er am laufenden Band neue Reports, Kennzahlen, Indikatoren und beauftragt neue Evaluierungen. Die liebwertesten Gichtlinge des Managements produzieren in ihrem Kontrollwahn neue Unsicherheiten und Unübersichtlichkeiten, die Organisationen lähmen und zu Verkrustungen führen.

Trutzburgen des Managements

„Wie einen Patienten auf der Intensivstation verkabelt der Manager die Organisation, hält sie mit Messinstrumenten unter Beobachtung und sammelt Informationen, wo und wie er nur kann“, so Kornberger. Der Schreibtisch, sein Laptop und bunte PowerPoint-Folien sind die Trutzburg des Managers. Jede Anstrengung zur Optimierung des eigenen Ladens folgt den Kontroll-Illusionen seiner Wirklichkeitsreduktion: Führungsphilosophien, Motivationstheorien, flache Strukturen, Empowerment, Innovation Labs oder firmeninterne Denkfabriken sind die Placebo-Medikamente seiner Planungsbürokratie. Am stahlharten Gehäuse der Hörigkeit ändert das nichts, bemerkt der Soziologe Klaus Janowitz in Anlehnung an Max Weber beim Netzökonomie Campus in Bonn.

Manager sollten in der Netzwerk-Ökonomie eher wie Architekten arbeiten, fordert Kornberger, Professor für Strategie und Organisation.

Plädoyer für vernetzten Individualismus

In einer vernetzten Wirtschaft liegt die Aufgabe des Managers eher bei der Bereitstellung einer Infrastruktur, die Dritten erlaubt, miteinander zu arbeiten, ohne auf einen über ihnen stehenden Manager als allwissenden Koordinator angewiesen zu sein. Es geht eher um das Matchen, Moderieren und Managen – also um das Leitmotto der “Next Economy Open” (die in diesem Jahr, also 2019, vom 26. bis 28. November stattfindet). Es geht um Orte des Austausches, um Zonen der Konzentration, um Übungen, Verknüpfungen und Möglichkeitsräume.

Janowitz spricht sehr treffend von der „Hashtag-Ökonomie“ als Gegenentwurf zur durchorganisierten Gesellschaft. Es geht um Verbindungen von Neigungen und Interessen. Es geht um vernetzten Individualismus fernab von Reports, Indikatoren, Kennzahlen und Excel-Tabellen, die nur Ausdruck der Hilflosigkeit in einer vernetzten Welt sind.

Wer Hashtags für die Zukunft sucht, findet sie hier.

Die Gichtlingskolumnen funktionieren nach wie vor sehr gut 🙂

#2018 – Das Jahr der Livestreaming-Projekte: Es zählt der Augenblick und nicht die Inszenierung #MediaCampNRW @digitalnaiv @MediaLabNRW @tknuewer

Folgt man den Prognosen von Thomas Knüwer, so erlebten wir in diesem Jahr einen Niedergang der Videobegeisterung und des Livestreamings:

„Auch hier würde ich mir einen Punkt geben. Nur mein Ex-Arbeitgeber ‚Handelsblatt‘ strunzt noch mit seinem neuen Videostudio. Ansonsten aber scheinen mir die Bewegtbildaktivitäten der Verlage bestenfalls zu stagnieren, eher rückläufig zu sein. Und Live-Streaming – gibt es das eigentlich noch? In der Welt des Marketing werden weiterhin Videos produziert, doch auch hier scheint mir die Quantität deutlich gesunken zu sein. Marken realisieren, dass sie angesichts der insgesamt hohen Webvideo-Qualität nur mit wirklich guten Ideen eine Chance haben, im Web Zuschauer zu finden.“

Ich weiß nicht, auf welcher Datenbasis diese Aussage beruht. In dieser apodiktischen Form sind die Aussagen aber falsch. Nur noch das Handelsblatt strunzt mit einem neuen Videostudio? Quatsch. Die taz investiert kräftig in Videoformate und hier vor allem in Livestreaming („gibt es das eigentlich noch?“): „Wir stellen in der Redaktion fest, dass wir durch unsere Live-Berichte neue Leserinnen und Zuschauer gewinnen, die sich zuvor nicht für die taz interessierten und die nun mit Leidenschaft das Projekt der taz unterstützen“, schreibt taz-Reporter Martin Kaul in einem Gastbeitrag für das djv-Magazin „journalist“.

Es sind keine mit großem Budget produzierten Sendungen, keine aseptischen Studio-Aufsager, sondern Berichte mit dem Smartphone: Unformatiertes und rohe Zeugnisse der Geschehnisse. Es zählt der Augenblick und nicht die Inszenierung.

Das ist für den Journalismus essentiell und auch für die Unternehmenskommunikation. Es gehe darum, so Kaul, etwas Relevantes, das geschieht, zu begleiten und sofort zu zeigen. „Das heißt: die Bilder des Geschehens auszuwählen, die Protagonisten, die Stimmung, die vermeintlichen Nebensächlichkeiten, die aber doch für etwas stehen.

Das muss nicht immer die Weltsensation sein, eine Katastrophe oder Überraschung. Es können auch weniger spektakuläre Ereignisse genutzt werden, um das Live-Geschehen zu transportieren. Das gilt für Kongresse, Konferenzen, Messen, Workshops, Ausstellungen, Podiumsdiskussionen, Interview oder Talk-Runden. Charmant sei dabei, etwa via Periscope, eine direkte Kommunikation mit den Zuschauern zu ermöglichen, schreibt Kaul. Das ist nicht nur charmant, das ist die Essenz der Live-Berichte. Die unverfälschte Interaktion mit der Netzöffentlichkeit, die Möglichkeit zur Live-Diskussion über Chats oder sonstige Kommentarfunktionen ohne Freigabeschleifen. Einen weiteren Pluspunkt sehe ich in Möglichkeiten, hinter die Kulissen schauen zu können. Kaul sieht es gar als Chance, ein besseres Verständnis für die Produktionsweisen des Mediengeschäftes zu vermitteln und Vertrauen in den Journalismus wiederherzustellen. Das sei einer der Gründe, weshalb die taz die Live-Formate für interessant und ausbaufähig einstuft. Und das gelte nicht nur für Demonstrationen, Großveranstaltungen und politische Auseinandersetzungen. Live-Formate haben generell das Potenzial, die Welt authentisch zu zeigen und mit Zuschauerinnen und Zuschauern in direkten Kontakt zu treten.

Man könne ungeschnitten am Ort des Geschehens sein, so Kaul. Und da sei auch ok, wenn es mal wackelt:

„Im Leben, lehrt uns das Leben, wackelt es ja auch“, resümiert Kaul.


Für mich war 2018 jedenfalls DAS JAHR der Livestreaming-Projekte. Noch nie konnte ich so viele interessante Live-Formate für Kunden entwickeln: Für IBM (spannende Talks, Konferenzen, HR-Festival auf der re:publica und das Livestudio auf der Cebit), für die Bundeszentrale für politische Bildung (#StreamingKonferenz – größte Konferenz für politische Bildung, die je stattgefunden hat: 46 Sprecherinnen und Sprecher, 40 Konferenzschaltungen, 31 Standorte von Tiflis bis Berlin sowie Bonn, rund 20 Stunden Videomaterial, 12 Stunden Livestreaming mit Moderation, 4 Außenreportagen in Bonn und rund 30.000 Abrufe der Videos am Ende des Projekttages; dann das Festival Politik im freien Theater in München mit Talks, Theaterkritiken um Mitternacht, Blick hinter die Kulissen; Formate, mit denen man Akteure hautnah erleben und politische Botschaften direkt debattieren konnte), für die IHK-Koblenz, für die Fachmesse Zukunft Personal Europe mit Keynotes und dem Studio Z, für den Weiterbildungstag mit spannenden Einblicken in die Welt der Bildungsträger), für Colloquium European Societies in digital Age, für die Zukunftskonferenz in Essen, für die Next Economy Open als virtuelles Konferenzformat für wirtschaftswissenschaftliche Diskurse, für den Finanzdienstleister SKP auf der Caravan Messe in Düsseldorf mit einem elftägigen Livestreaming-Marathon und unterhaltsamen Interviews von Joey Kelly bis Manuel Andrack.

Die auf der Caravan-Messe gemachten Erfahrungen verarbeitete ich für meine monatliche Netzgedanken-Kolumne im prmagazin (Ausgabe Oktober 2018). Hier als kleiner Service die komplette Printversion:

Live ist live, so lautet das PR-Credo von Lars M. Heitmüller, Leiter Marketing und Kommunikation bei S-Kreditpartner in Berlin.

„Das Gefühl, live dabei zu sein und etwas just in dem Moment zu sehen, in dem es passiert, gibt dem Zuschauer ein ganz anderes Gefühl als sich mit zeitlichem Abstand geschnittenes Video-Material aus der Konserve anzuschauen.“ Es passt zur Dialogform in Echtzeit, die wir im Social Web immer mehr einfordern. Die Grundlage für seine Strategien zieht Heitmüller aus dem Cluetrain Manifest, dass schon 1999 das Ende der Geheimnisse proklamierte. „Die vernetzten Märkte wissen über die Produkte der Unternehmen mehr, als die Unternehmen selbst. Ob die Nachricht gut oder schlecht ist, sie wird weitergegeben.” Der Tod der One-Voice-Policy und wesentlicher Gatekeeper sei also keine neue Erkenntnis. „Aber Social Media und die Pluralität der Plattformen haben dazu beigetragen, dass dies offensichtlich wird. Das Live-Zeitalter lebt von der Pluralität der Perspektiven und Kompetenzen. Eine künstliche Verkürzung auf eine ‚regulierte‘ Stimme passt nicht mehr in die Zeit“, betont Heitmüller gegenüber dem prmagazin. Kunden seien zunehmend genervt, wenn sie primär als Rezipienten von Werbung verstanden werden. „Transparentes und dialogorientiertes Verhalten von Unternehmen wird hingegen geschätzt. Man will teilnehmen und mitwirken“, so der Kommunikationsexperte aus der Sparkassen-Finanzgruppe. Als ein Baustein sieht er Livestreaming-Formate.

Sie können können Unternehmen dabei unterstützen, Communities aufzubauen und eine Vertrauensbeziehung zu wichtigen Stakeholder zu entwickeln und zu pflegen. „Livestreaming senkt die Kommunikationsschwelle nicht nur in Richtung des Kunden, sondern auch nach innen. Wer bringt Dinge am besten auf den Punkt? Wer spricht am unterhaltsamsten? Live-Formate wecken ungeahnte Kommunikationstalente in allen Teilen des Unternehmens. Mitarbeiter bekommen eine Bühne und können sich als Markenbotschafter wirkungsvoll positionieren. Ideal für das Employee Empowerment wie für das Employer Branding: Es sollte die neue Lieblingsplattform aller Personalleiter sein. Schließlich hat Livestreaming die Kraft, die ganze heterogene Kraft eines Unternehmens sichtbar zu machen. Das stärkt die Kultur der Organisation“, meint Heitmüller.

Frei nach dem Motto: “Wenn Siemens wüsste, was Siemens weiß”: Unternehmen besitzen eine Vielzahl von bedeutenden Informationen und Kompetenzen, die im Alltag oft unter der Wahrnehmungsschwelle bleiben. Livestreaming könne einen Beitrag dazu leisten, diese zu heben und sichtbar zu machen, resümiert Heitmüller. 

Solche Live-Formate sind nicht nur für die Unternehmenswelt ein probates Mittel. Gleiches gilt für den Journalismus. Das machte Jay Rosen in einem Beitrag für die FAZ deutlich. „Brief an die deutschen Journalisten“ heißt das Opus:

„Ich werde derjenigen deutschen Redaktion eine Goldmedaille verleihen, die als erste ihre Schwerpunkte in der Berichterstattung öffentlich macht. Ich stelle mir eine Live-Funktion vor, die online frei zugänglich ist, ein redaktionelles Produkt, das wöchentlich oder bei wichtigen Ereignissen aktualisiert wird. Die Punkte auf dieser Prioritätenliste sollten das Ergebnis gründlicher Überlegungen und sorgfältiger Recherchen sein – und natürlich müssen sie die Realität spiegeln und bei den Bürgern ankommen. Wenn jemand in aggressivem Ton fragt: ‚Und was ist Ihre Agenda?‘, schicken Sie ihm einfach den Link. Wenn er nicht zufrieden ist, bitten Sie ihn um Verbesserungsvorschläge. Das böte unter anderem den Vorteil, dass die Notwendigkeit echter redaktioneller Vielfalt sofort sichtbar würde.“

Selbst Redaktionskonferenzen könnten ab und zu im Live-Modus mit Beteiligung der Leserschaft ablaufen. Auch das erhöht die Bindung. Soweit die Netzgedanken-Kolumne. Meine Erfahrungswelt widerspricht der Jahresprognose von Thomas Knüwer. Der Punkt geht definitiv an mich – so unbescheiden möchte ich das mal ausdrücken. Und die nächsten Aufträge für 2019 liegen schon vor. Es geht weiter mit Live-Formaten – hoffentlich auch im Journalismus.

Das ist übrigens dann auch mein Sessionvorschlag für das #MediaCampNRW am 12. Januar in Oberhausen: Ungeschnitten und direkt – Der diskrete Charme des Livestreamings.

Man hört, sieht und streamt sich 2019 . Ich wünsche Euch einen guten Rutsch ins Neue Jahr 🙂

Siehe auch: Das Ende der Videobegeisterung im Marketing und bei Medien, meint @TKnuewer

Update – Reaktionen im Netz:

Vom autonomen Fahren bis zur digitalen Räterepublik – Alle #NEO18x Sessions im Überblick @hs_fresenius

#NEO18x Session Studiengruppe: Autonomes Fahren auf der Überholspur – Bleibt die Ethik auf der Strecke?

#NEO18x Session Studiengruppe: Plastikflaschen: Komfort & Preis schlagen Nachhaltigkeit?

Live aus Köln #NEO18x Session Studiengruppe: BILD – Frisst der Umsatzdruck die Moral?

#NEO18x Session von Professor Jörg Müller-Lietzkow: KI als NEXT big old thing – Die Enquete-Kommission und die Strategie der Bundesregierung

#NEO18x Session von Professor Frank H. Witt: Machine, Platform, Crowd – Wer gestaltet welche Zukunft?

#NEO18x Session von Dr. Lars Hochmann: Vom Nutzen und Nachteil der Ökonomik für das Leben

#NEO18x Session von Hans-Diedrich Kreft und Dr. Lutz Martiny: Wirtschaftstheorie upgraded: T-Economy – Ein Modell für die Wirtschaftpolitik im Zeitalter der Dinge, Daten und Dienste

#NEO18x Session – Ist der aktuelle Fleischkonsum noch zeitgemäß?

#NEO18x Session von Dr. Gunnar Andersson & Anders Jamissen: Hochschule in Ostvold, Frerikstad: Comparing how you see yourself and how others see you in a team using Belbin team roles

Zwischenfazit:

#NEO18x Session Streitgespräch mit Prof. Dr. Justus Haucap: Über wirtschaftswissenschaftliche Leichtgewichte und den Methodenstreit in der Ökonomik

#NEO18x Session von Professor Lutz Becker und Professor Mahammad Mahammadzadeh: Klimaanpassungsmanagement und lernende Organisationen

#NEO18x Session von Winfried Felser Kritik der reinen Lehren der neuen Ökonomie

#NEO18x Session kollaborativ: Potenziale für Politik-Management in kritischen Zeiten – Entwicklung einer Großtheorie

#NEO18x Session von Tim Cole: Jenseits des Silicon Valley-Vulgärkapitalismus: Die europäische Antwort

#NEO18x Session von Dr. Andreas Schiel, Philosoph und Sozialwissenschaftler: Die Ausreden der Zukunftsverweigerer – Von Nationalismus bis zur spurtreuen Beschleunigung

Mehr Beteiligungsmöglichkeiten in der Demokratie:

Wie Chatbots die Kommunikation verändern

#NEO18x Session von Stefan Pfeiffer, Lars Basche und Gunnar Sohn: Neue Öffentlichkeiten über Corporate Publishing

#NEO18x Session von Andreas Griesbach: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Vertrieb sind in der Digitalisierung noch nicht angekommen

@meta_blum Session auf der Next Economy Open – Über rückwärts und vorwärts gewandte Narrative in Europa #NEO18x

Vom diskreten Charme der Online-Beteiligung und Überlegungen für eine Großtheorie im Politik-Management #NEO18x

Wir haben diesen theoretischen Entwurf gewagt: