Make Believe in Oxford: Ein Sommer zwischen Chorprobe und Regierungsrücktritt @ArtsFestOxford

Drei Jahre nach Milianas plötzlichem Sekunden-Tod – sie war 46, zwölf Jahre jünger als ich – suchte ich einen Ort, an dem die Erinnerung nicht nur weh tut, sondern nachklingen darf. Ein Ort mit Klang, Struktur, Geschichte. Ein Ort mit Patina. Ich entschied mich für Oxford.

Im Ohr: ein Lied.
Kein Choral. Kein Requiem.
Sondern ein bittersüßer Song mit dem Rhythmus der frühen Sechziger:

„Make believe you love me, darling.
Make believe you care…“

Ein Track aus der Serie Endeavour, die das frühe Leben von Inspector Morse erzählt. Morse – der kultivierte, einsame Ermittler mit Faible für klassische Musik, bittere Ales und schwer lösbare Fälle. Seine Welt war melancholisch, aber nicht sentimental. Eine Welt, in der Trauer logisch war. Und vielleicht deshalb erträglich.

Pendley: Der Auftakt in Moll-Dur

Ich begann die Reise nicht mit Philosophie, sondern mit Pop.
Chilfest in Pendley, das zehnjährige Jubiläum. Zwei Nächte Musik, Bier, Euphorie. The Proclaimers gaben alles, Maxi Priest sorgte für karibischen Rhythmus, ABC für britische Präzision. Es war laut, schräg, wild – eine Erinnerung an eine Jugend, die nie ganz zu mir passte. Und trotzdem tanzte ich.
Ich weinte nicht – zumindest nicht öffentlich.
Aber jedes Gitarrenriff traf wie ein Zitat.

Oxford: Wo sogar der Schmerz studiert

Dann kam Oxford.
Ich tauchte ein in diese Stadt, in der selbst die Schatten der Mauern gelehrt wirken. Mein erster Weg: der Botanische Garten. Pflanzen notieren, Farben studieren. Lebenszeichen suchen. Morse hätte das verstanden.

Am Nachmittag dann die Morse-Lewis-Walking-Tour, geführt von Leigh Guyatt. Sie erzählte von Colin Dexter, von Drehorten, von den Intonationen der alten und neuen Serien. Ich schwieg – wie Morse. Nur meine Sohlen brannten. Das Gehen half.

Abends dann der Tenebrae-Chor beim Oxford Festival of the Arts.
Bonhoeffer, Mauersberger, Poulenc.
Chormusik mit Haltung. Erinnerungen an meine Großtante Else, die 1938 vor den Nazis floh. Und an Miliana, die ich nicht retten konnte. Ich hörte zu. Ich hielt still. Ich war da.

Eine Oper hinter Mauern

Am nächsten Tag geschah das Unerwartete.
Ich kam von einem Klavierkonzert, ging ziellos durch das Viertel – und hörte plötzlich ein Opernduett hinter einer hohen Steinmauer. Keine Bühne, kein Licht, nur Stimmen.

Ich blieb stehen.
Dachte an Morse – wie er oft einfach stehen bleibt, wenn Musik zu hören ist. Und ich dachte an Miliana.
Vielleicht war sie da.
Vielleicht war die Musik nur für sie.

Bye, Bye Boris – ein politisches Spätwerk

Eigentlich wollte ich Oxford nicht verlassen. Ich hatte mir einen letzten Tag Ruhe versprochen.
Aber die Nachrichten waren eindeutig:
Boris Johnson steht vor dem Rücktritt.

Also Ticket gebucht, Oxford nach Paddington, direkt weiter zur Downing Street 10.
Presseausweis gezückt, erste Polizeikontrolle passiert. Bei der zweiten wurde’s ernster: „Akkreditierung?“ – natürlich nicht. Ich ging zurück. Und vor. Und dann mitten rein: ins Protestvolk.

Bye, Bye Boris! Boris, Bye, Bye!

Sie sangen. Ich stand. Dann kam er.
Zerzaust, überhitzt, geschwätzig bis zum Schluss.
Kein Pathos, kein Anstand. Nur Ende.
Würde war nie Teil seines Spiels.

Und ich, mitten im Chor der Rücktrittsgesänge, dachte an Geoff Dyers Buch:
„The Last Days of Roger Federer“ – nur war das hier The Last Day of Boris Johnson.
Es war tragikomisch. Es war britisch.
Es war richtig.

Letzter Abend: Chorprobe

Zurück in Oxford.
Letzte Nacht.
Letzter Spaziergang.

Ich erinnere mich an eine Szene von Inspector Morse.
Er steht mitten im Chor, schwarzer Anzug, unbeweglich.
Kein Wort. Nur Musik.
Und dann Chief Superintendent Bright:

„Our revels now are ended.
These our actors,
As I foretold you, were all spirits,
And are melted into air, into thin air…“

Ich setzte mich auf eine Bank.
Die Glocken der Universität schlugen zehn.
Ich spielte das Lied nochmal:

„Make believe my heart’s not broken.
Make believe it’s true…“

Ich stellte mir vor, Miliana stünde neben mir.
Nicht als Trost.
Sondern als Rhythmus, den ich nicht vergesse.

Make believe.

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