Gema bremst wohl nicht nur die Kauflust: Bis zu 1000 Prozent höhere Gebühren

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Eine “Verarmung der Veranstaltungskultur” befürchtet die Bundesvereinigung der Musikveranstalter angesichts neuer und oftmals höherer Tarife der Verwertungsgesellschaft Gema, so der Bericht des Berliner Tagesspiegels “Gema fordert 1000 Prozent mehr Geld”.

“Die Folge der steigenden Kosten ab Januar 2013 seien deutlich weniger Musikveranstaltungen, sagte Stephan Büttner, Geschäftsführer der Vereinigung. Viele Diskotheken seien bei teils extremen Steigerungen in ihrer Existenz gefährdet. Die Gema wandte ein, dass für 60 Prozent der Musikveranstaltungen keine höheren Gebühren anfallen oder diese sogar sinken würden. Insbesondere kleinere Veranstaltungen würden profitieren. Büttner verwies hingegen darauf, dass sich für Diskotheken die Gema-Gebühr durchschnittlich um 400 bis 500 Prozent, in einigen Fällen sogar um mehr als 1000 Prozent erhöhe”, so der Tagesspiegel.

Ab Dienstag will die Gema übrigens in 14 Städten mit Plakaten unter dem Motto „Musik ist uns was wert“ auf die Leistungen von Komponisten und Textern aufmerksam gemacht werden. Plakate? Da passt das Statement des Hörfunkjournalisten Heinrich Bruns sehr gut: Die GEMA habe das Internet noch nicht verstanden:

„Anders lassen sich nur 21 Millionen Euro Erlös des vergangenen Jahres in diesem wachsenden Markt nicht erklären. Die CD-Verkäufe nehmen weiter ab. Der Konsument bevorzugt das Internet und ‚zieht’ sich seine Songs, die er hören will, über das Netz. Gehen wir nur mal von den legalen Möglichkeiten aus, dann ist das ein trauriges Ergebnis. Die 21 Millionen Euro repräsentieren aber auch nur die Einkäufe des Internet-Freundes, die er über legale Portale tätigt. Mag die GEMA auch noch so oft betonen, dass sie keine Videos auf YouTube sperrt, indirekt macht sie es: Plattenfirmen, die um Erlöse fürchten, sperren Videos und mahnen die ab, die Inhalte teilen wollen. Einerseits ein berechtigtes Interesse, weil diese Firmen fürchten, dass ihnen Geld durch die Lappen geht. Teilweise wird rigoros alles gesperrt, was den Anschein von Musik hat. Egal, ob es sich um gema-freie Musik handelt oder nicht.“

GEMA bremst Kauflust

Wenn es der GEMA und den Plattenfirmen ernst wäre mit einem fairen Abrechungssystem für Künstler und Musiker, dann hätte sie schon vor dem Start von Spotify und anderen Streaming-Diensten eine Vereinbarung getroffen, die allen Beteiligten gerecht wird.

„Von den paar Cents, die man als Kreativer derzeit bekommt, kann man noch nicht mal ordentlich betrunken werden. Aus meiner ureigensten Erfahrung kann ich zwei Sachen sagen: Ich schau mir gern Videos auf YouTube an. Und wenn mir das gefällt, was ich sehe, kauf ich das auch. Mehrwert für mich: Ich reproduziere aus dem Kopf zur Musik die Bilder, die ich im Video gesehen habe. Ich kenne nicht alles, was an Musik angeboten wird, aber ich bin neugierig. Durch eine Sperre werden meine Neugier und damit auch meine Kauflust ungemein abgebremst. Ausgebremste Neugier ist nicht nur ein Kaufhemmer, sondern tötet auch die Lust, kreativ zu werden“, so Bruns.

Auszug meiner Kolumne, die am Freitag erschienen ist: Über die Rundumschläge von Gestern-Journalisten.

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Ursprünglich veröffentlicht auf Streifzüge:

Bei meiner Arbeit als Sharepoint-Consultant stoße ich immer wieder auf die gleichen Schlüssenbegriffe: Collaboration, Wissensmanagementund Enterprise2.0. Schon bevor ich in Sharepoint eingestiegen bin, hatte ich oft den Eindruck dass diese Begriffe zwar oft, aber oft auch ungenau verwendet werden. Dieser Eindruck ist geblieben. Schon lange wollte ich diesen Schlüsselbegriffen mal systematisch auf den Grund gehen. Auch, um die Qualität meiner eigenen Arbeit zu verbessern.

Um das umzusetzen habe ich mit den folgenden Artikel vor wenigen Tagen die Grundlagen aufbereitet:

  1. Was ist “Collaboration”? Auf jeden Fall mehr als Zusammenarbeit plus Web 2.0-Tools
  2. Komplexe Systeme und Emergenz: wichtig um “Collaboration” und “Enterprise 2.0″ zu verstehen

These:

Zwischenfazit war folgende Definition von Collaboration: “Collaboration” als modernere Zusammenarbeit bezeichnet demnach die Erreichung von konsensual festgelegten Zielen im Arbeitsprozess, auf der Basis von Wissensmanagement und gemeinsamen Lernen !!

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Dem gehe ich hier weiter auf den Grund, auf Grundlage des unbedingt lesenswerten Artikels

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Das fragmentarische Leben des Roland Barthes

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Ich liebe Fragmente. Sie sind unfertig, verzichten auf Geschlossenheit, stehen nicht unter dem Verdacht der Anmaßung, lassen Raum für Spekulationen, eröffnen neue Gedanken und spielen mit der Kombinatorik von Dingen, die man beim ersten Hinsehen nicht für möglich gehalten hat. Ein Meister der fragmentarischen Gedanken war Roland Barthes – der Denker, Dilettant und Dandy der Literaturwissenschaft, so eine Formulierung des Publizisten Matthias P. Lubinsky.

Tatsächlich liege der Reiz von Barthes‘ Denken und Vorgehensweise darin, sich an keinerlei wissenschaftliche Gepflogenheiten zu halten. Sie dienten in der Regel sowieso nur zur Abgrenzung des Wissenschaftsturms und zur Pflege des eigenen Standesdünkels, schreibt Lubinsky.

Eine vorzügliche Spurensuche im Werk und im Leben von Roland Barthes hat der Literaturwissenschaftler Christian Linder (also nicht verwechseln mit FDP-Lindner!) vorgelegt in dem Sammelband “Noten an den Rand des Lebens – Portraits und Perspektiven”, erschienen – wie kann es anders sein – im ambitionierten Matthes & Seitz-Verlag. Barthes war nicht nur Wissenschaftler, Linguist, Strukturalist, Semiologe, Autor von intellektuellen Spiel- und Kultbüchern wie “Am Nullpunkt der Literatur”, “Mythen des Alltags”, “Die Lust am Text”, “Sade Fourier Loyola” oder “Fragmente einer Sprache der Liebe”. Er hat auch eine besondere Form der Lektüre und des Schreibens praktiziert. Sein publizistisches Schaffen war nicht darauf aus, ein komplexes und unumstößliches Gedankengebäude zu erreichen – im Gegensatz zu Jean-Paul Sartre.

Höchst sympathisch ist das Leitmotto von Barhes:

“Lieber die Trugbilder der Subjektivität als der Schwindel der Objektivität. Lieber das Imaginäre des Subjekts als seine Zensur.”

Nachdem Barthes die großen schützenden und bequemen Denksysteme hinter sich gelassen hatte und in die offene Weite einer ungeschützten Subjektivität aufgebrochen war,

“musste er es geradezu darauf anlegen, in seinem Schreiben den äußeren Inhalt eines Buches völlig außer Acht zu lassen, so dass er die Bücher der anderen, über die er schrieb, auch gar nicht mehr von Anfang bis Ende las. Ein Buch sei nicht dazu da, um ganz gelesen zu werden, verkündet er, man müsse Passagen überspringen und nur ‘Teile daraus entnehmen, Schriftproben ziehen’, er selbst, gestand er, könne mit Ausnahme von Michelets nur ‘von wenigen Autoren behaupten, sie ganz gelesen zu haben”, erläutert Linder.

Das klingt nach dem “Netznavigator” Herder, der in seinem Reisejournal die Kulturtechnik der kursorischen Lektüre entwickelte. Er wird zum Läufer, zum Cursor, der im virtuellen Raum der Gelehrtenbibliothek zwischen Texten durcheilt und in dieser schnellen Bewegung neue Querverbindungen schafft. Es sei ein methodisches Verfahren, das ihm die Lizenz zum Flüchtigen gibt. In der so genannten „percursio“- im Durchlauf – darf aufgezählt und angehäuft werden, ohne dass es jeweils einer expliziten Behandlung der einzelnen Elemente bedarf. Herder praktiziert die gelehrte Lizenz, Materialmengen „aufs Geratewohl“ zu durcheilen. Die richtige Ordnung ist dabei zweitrangig. Die Sylvae wird definiert als Sammlung von schnell niedergeschriebenen Texten. Man schreibt nicht akademisch korrekt oder pedantisch genau, sondern aus dem Stegreif. Man formuliert aus dem Schwung heraus.

Ähnlich lesen sich die Arbeiten von Barthes. Es sind Notizbücher, “offen für alles, für Theorien und Phantasmen und Erzählungen und Materialien und Abschweifungen”, so Linder. Die Zusammenhanglosigkeit zog Barthes der Ordnung vor und konzentrierte sich auf das “Rauschen der Sprache”. Bücher zusammengesetzt aus kurzen, eruptiven Zwischen-Texten, Apercus. Es zeigt sein eigenes Leben als Stückwerk, als Sammelsurium von einigem Notwendigen und viel Zufälligem.

Wer also den BKA-JU-Super-Nanny-Staat ablehnt, sollte nicht nur Max Stirner und Paul Feyerabend lesen, sondern auch Roland Barthes. Und vielleicht meine heutige The European-Kolumne: Porno-Gesellschaft und die Illusion der Transparenz: Das Internet wird, anders als von manchen Zeitgenossen befürchtet, nicht den vollständig transparenten Bürger erschaffen. Denn auch wenn moderne Postkarten, also E-Mails, gelesen werden können: Was außerhalb der Schrift ist, bleibt ein Geheimnis.

Barthes-Bücher sind zudem unterhaltsamer als Bild oder Koran. Siehe auch: Hurra, wir werden missioniert!