Wie viel Wittgenstein steckt in ChatGPT? Von Sprachsimulationen, Kontext und der Evolution der Bedeutung

Ludwig Wittgenstein wäre verblüfft – aber nicht überrascht. In seinem Spätwerk beschreibt er Sprache als soziale Praxis, als ein System, dessen Bedeutung nicht in Definitionen, sondern in seinem Gebrauch liegt. Und genau das tun Large Language Models (LLMs) wie ChatGPT: Sie verarbeiten Sprache in Gebrauchszusammenhängen, sie simulieren Kommunikation, ohne selbst Teil eines Sprachspiels zu sein.

„Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ (Philosophische Untersuchungen, §43)

Doch was heißt das? Bedeutet es, dass KI-Systeme nichts weiter als leere Rechenmaschinen sind? Oder dass sie – paradoxerweise – in der Sprachtheorie Wittgensteins eine unerwartete Bestätigung finden?

Wittgenstein und die Simulation der Sprache

In der Next Economy Open Session über Wittgenstein, Turing und Künstliche Intelligenz betonte Frank H. Witt:

„Die Bedeutung von Sprache und Worten, das hat Wittgenstein in seinen Philosophischen Untersuchungen dargelegt, entsteht aus ihrem Gebrauch – und genau das tun Large Language Models. Sie sind keine stochastischen Papageien, sondern sie verarbeiten Sprache durch Kontext.“

Das heißt: LLMs müssen nicht verstehen, um sich sinnvoll auszudrücken. Sie berechnen den wahrscheinlichsten nächsten Satz – und treffen damit oft erstaunlich präzise die Erwartungen eines Dialogpartners. Dabei sind sie nicht auf isolierte Wörter fixiert, sondern auf komplexe Bedeutungsräume.

Kontext ist alles

Ein Wort allein bedeutet wenig. Erst sein Platz in einem Satz, sein Bezug zu anderen Worten und sein Gebrauch in einer bestimmten Situation machen es verständlich. ChatGPT mag keine Intentionen haben, aber es kann Kontext verarbeiten – und damit in gewisser Weise eine zentrale Einsicht Wittgensteins operationalisieren.

Frank H. Witt stellte in der Session klar:

„KI kann mittlerweile nicht nur Sprache analysieren, sondern auch die Dynamik von Gesprächen erfassen. Sie kann adaptiv reagieren, den Kontext rekonstruieren und sich an vorherige Aussagen erinnern. In gewisser Weise lernen wir gerade, dass Wittgenstein der KI-Theorie näher war, als viele dachten.“

Bedeutung ohne Bewusstsein?

Hier liegt der kritische Punkt: Bedeutet das, dass KI „versteht“? Nein – zumindest nicht im menschlichen Sinne. KI-Modelle erleben keinen Kontext, sie reflektieren nicht über Sprache, sie haben keine eigene Intentionalität. Aber sie simulieren erfolgreich die Prozesse, die zu sprachlicher Bedeutung führen.

Wittgenstein hätte vielleicht gefragt: Was unterscheidet eine wirkliche Bedeutung von einer simulierten Bedeutung? Und wäre das überhaupt eine sinnvolle Unterscheidung?

Die Maschine im Spiel

Wir sollten uns nicht überschätzen. LLMs werden nicht „denken“ wie Menschen. Aber sie zeigen, dass Sprache kein starres System ist – sie ist Bewegung, Dynamik, Nutzung. Und genau das macht generative KI so leistungsfähig.

In Wittgensteins Spätwerk geht es nicht um ein metaphysisches „Verstehen“, sondern um den Fluss der Sprache, das Spiel mit Zeichen, das sich in ihrer Anwendung klärt. Und genau in diesem Sinne sind ChatGPT & Co. nicht einfach nur Maschinen, die zufällig Wörter aneinanderreihen. Sie sind Akteure eines neuen Sprachspiels, das wir gerade erst zu begreifen beginnen.

Ein Gedanke zu “Wie viel Wittgenstein steckt in ChatGPT? Von Sprachsimulationen, Kontext und der Evolution der Bedeutung

  1. Anonym

    Mir scheint das Schicksal Wittgensteins irgendwie erspart zu bleiben – ich werde ganz gut verstanden, wie die große-kleine Würdigung unseres Gesprächs zur Neo24 Ende letzten Jahres zeigt. Ich gebe auch zu, dass ich Karl Popper (mit Absicht, also perfide) etwas ungerecht behandle, indem ich ihm eine mögliche Karriereabsicht und anderes zum Teil als Motivlage eines bewussten und fortgesetzten Missverständnisses von Wittgenstein unterstelle. Aber er würde es verschmerzen können – im Vergleich mit ihm bin ich unbedeutend. Doch zu meiner Motivlage gehört die Rehabilitierung des Werks von Wittgenstein.

    Allerdings waren Hayek und Popper sicher so klug, genau zu wissen, was sie beabsichtigten. In einem hatten sie vollkommen recht: Die Zukunft ist offen und gestaltbar. Es gibt keine Mechanik in der Menschheitsgeschichte (außer in einem anderen Sinn, nämlich dem von Newton) und damit keinen Determinismus – wie ihn die großen Geschichtsphilosophen Hegel und Marx propagierten und wie ihn ihre unmenschlichen Vollstrecker durchsetzen wollten. Etwa Lenin, der Truppen, die seine Revolution gegen den Zaren unterstützten, aber nicht allen Folgen zustimmen wollten, kurzerhand erschießen ließ. Oder gar noch schlimmere Führer, die glaubten, eine Mission zu haben.

    Umso schöner, wenn Geschichte am Ende aufklärt – das ist ja auch das Handwerk des Journalisten. https://www.linkedin.com/in/frank-h-witt-147a3985/

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