
Stefan Pfeiffer glaubt an eine Rettung. Eine digitale Welt, die sich dem Zugriff der Tech-Oligarchen entzieht. Eine Öffentlichkeit, die sich aus der Reichweite von X, Facebook und Threads ins Fediverse flüchtet und dort eine bessere, menschlichere Version von Social Media erschafft. Doch das ist Wunschdenken.
Die Idee, dass eine dezentrale Plattform mit offenen Standards den Diskurs retten kann, beruht auf einer alten Utopie, die längst von der Realität überholt wurde. Die Annahme, dass man sich eine „gute“ digitale Öffentlichkeit einfach in ein paralleles System auslagern kann, ignoriert, dass sich die gesellschaftliche Auseinandersetzung nicht aus der Arena der großen Plattformen verabschiedet. Das Fediverse ist keine Lösung, sondern eine Nische. Die eigentlichen Kämpfe werden woanders geführt.
Wir haben diese Fehler bereits einmal gemacht. 2017, als die Neue Rechte die Plattformen zu ihrem Schlachtfeld machte, war die Reaktion der netzpolitischen Szene naiv. Selbst die klügsten Köpfe hielten es für eine Episode, ein digitales Strohfeuer, das sich selbst erledigt. Doch was kam, war kein Ausreißer. Es war der Beginn einer neuen Ordnung.
Stephan Porombka hat es damals treffend beschrieben:
„Wir erleben das erste Mal das Phänomen einer rechten Öffentlichkeit, die nicht darum kämpfen muss, Zugang zu bekommen, sondern ihn sich einfach nimmt. Sie nutzt die Mechanismen sozialer Netzwerke gezielt und mit maximalem Effekt. Währenddessen glaubt die linke, kritische Öffentlichkeit, dass sie immer noch im 20. Jahrhundert lebt.“
Statt sich dieser neuen Realität zu stellen, wurden Alternativen propagiert: kleine, feine Communities, private Server, vermeintlich „bessere“ soziale Netzwerke. Doch die Wirkung? Gleich null. Währenddessen breiteten sich Breitbart & Co. ungestört aus, mit einer Kommunikationsstrategie, die auf maximale Eskalation ausgerichtet war. Die Idee, dass sich politischer Einfluss über Qualität und Argumente gewinnt, wurde von der Praxis widerlegt.
Nun, sieben Jahre später, erleben wir die nächste Runde dieser Selbsttäuschung. Die Fediverse-Gläubigen ziehen sich in eine digitale Parallelwelt zurück, anstatt sich der Machtfrage zu stellen. Was Pfeiffer als Wunsch nach einer „positiven“ Social-Media-Kultur beschreibt – Nachbarschaft, gute Inhalte, nette Gespräche – ist nichts anderes als eine Flucht aus der Wirklichkeit.
Die großen Plattformen sind das Schlachtfeld. Dort entscheidet sich, welche Narrative dominant werden. Wer aussteigt, überlässt das Feld jenen, die diese Mechaniken besser verstanden haben. Das Fediverse mag für ein paar zehntausend Nutzer ein Experimentierfeld sein, doch die politische und kulturelle Relevanz wird dort nicht entschieden.
Stefan Pfeiffer fordert, dass wir mehr Spaß ins Social Web bringen. Dass wir uns an die guten alten Zeiten erinnern, als Facebook und Twitter noch „nett“ waren, als Nachbarschaft und Austausch im Vordergrund standen. Doch diese Zeit ist vorbei. Das Netz ist heute eine politische Waffe, und wer sich zurückzieht, macht sich unsichtbar.
Die Frage ist also nicht, wie wir uns „alternative“ soziale Räume schaffen. Die Frage ist, wie wir die Mechanismen der digitalen Öffentlichkeit so nutzen, dass sie nicht weiter in die Hände autoritärer Kräfte fallen. Wir brauchen keine Parallelwelten, sondern Strategien für die Plattformen, die existieren.
Gute Nachbarschaft, interessante Inhalte, Austausch – das alles ist schön. Aber es reicht nicht. #SaveSocial bedeutet nicht, sich eine digitale Gartenkolonie zu basteln, sondern sich dem Kampf um die großen Plattformen zu stellen. Alles andere ist Eskapismus.
Im Großen und Ganzen hast Du nicht unrecht. Gerade im Bezug auf die Einheit und teilweise Professionalität der rechten Bubble. Die beherrschen die Themen in den Social Medias.
Und genau dieser Punkt ließ mich persönlich resignieren. Hat man dagegen gehalten oder argumentiert, war die Unterstützung oft gegen Null. Da stand man alleine gegen x Schwurbler. Und wenn es richtig rund lief, hat man von der eigenen „Seite“ noch einen drüber bekommen, weil man nicht richtig gegendert hat und eine Bildbeschreibung vergessen hat.
Darauf hatte ich irgendwann keinen Bock mehr und bin, in der Tat, leise geworden.
Man kann sich die Plattformen, die von Großkonzernen betrieben werden und deren Eigentümer sich offen dem aufkommenden Autoritarismus anschließen, nicht „wieder erobern“. Diese Plattformen existieren auch nicht einfach so, sondern sie werden geschaffen, dann bevölkert und sie werden schließlich auch wieder verschwinden. Es gibt keinen guten Grund, auf Plattformen einen Kampf für eine bessere Gesellschaft zu kämpfen, wenn die Plattform selbst durch ihre Mechanismen parteiisch ist.
Es gibt nicht (mehr) „die Öffentlichkeit“ und da das so ist, ist es absolut legitim und angezeigt, sich einen Kommunikationsraum zu schaffen, in dem man sich wohlfühlt. Es gibt keine Verpflichtung, Plattformen zu nutzen, deren Funktionsmechanismen und Betreiberinteressen abzulehnen sind.
Tut mir leid, dieses Fahnenschwenken, komplett naiv in einen Kampf gehen wollen, auf Plattformen die technisch hart durchsetzen deine Gegenmeinung zu verstecken oder gleich offen blocken (weil du den Gemeinschaftsstandards nicht genügst), ist vergeudete Lebenszeit. Man diskutiert nicht mit fundamentalistischen Ideologen.
Wenn du eine Nazi-Bar (deine angeblichen Schlachtfelder, wo sich alles entscheidet) loshaben willst, bekommst du das nicht damit hin, dass du erstmal ein Bier bestellst, dich von allen anspucken lässt und dann eine Schlägerei anfängst.
Die bekommst du weg, wenn du die Bar von außen anzündest.
Wer heute sagt, es sei sinnlos, sich auf den großen Plattformen zu engagieren, hat eines nicht verstanden: Die digitalen Öffentlichkeiten sind nicht optional. Sie sind Orte, wo Narrative geformt, Wahrheiten etabliert und politische Dynamiken erzeugt werden. Wer sich dieser Realität entzieht, überlässt das Feld jenen, die es zu nutzen wissen – und genau das ist in den vergangenen Jahren passiert.
Ich schwenke keine Fahnen. Ich habe bereits vor acht Jahren darauf hingewiesen, dass sich die Mechanismen des digitalen Diskurses verändern, dass die strategische Nutzung sozialer Medien längst nicht mehr auf „harmlose“ Debattenräume beschränkt ist. Damals wurde das als Panikmache abgetan.
Die Analogie mit der „Nazi-Bar“ ist trügerisch. Soziale Netzwerke sind keine geschlossenen Räume, keine dunklen Hinterhöfe, in denen sich Gleichgesinnte treffen, sondern die digitalen Marktplätze der Gegenwart. Wer sie „anzünden“ will, verbrennt nicht nur das, was er ablehnt, sondern auch die Möglichkeit, dort Widerspruch zu leisten.
Natürlich sind Plattformen wie X, Facebook oder Threads keine neutralen Spielwiesen. Sie sind durchkommerzialisiert, ihre Algorithmen priorisieren das, was Engagement maximiert – oft das Lauteste, Radikalste, Polarisierendste. Aber sie sind auch der Ort, an dem sich politische Mehrheiten formen. Wer glaubt, sich mit alternativen Netzwerken aus der Affäre ziehen zu können, ignoriert, dass politische Relevanz nicht in Nischen entsteht.
Die Antwort kann also nicht sein, sich aus diesen Räumen zurückzuziehen und darauf zu hoffen, dass das Problem sich von selbst löst. Die Antwort kann auch nicht sein, digitale Räume zu „verbrennen“ – denn das bedeutet nur, den Kampf um Deutungshoheit kampflos aufzugeben.
Die Frage ist also nicht, ob wir uns den Auseinandersetzungen auf den großen Plattformen stellen, sondern wie wir es tun. Wer sich abmeldet, macht sich unsichtbar. Wer sich einredet, dass es nichts bringt, hat bereits verloren.
Es ist nicht neu, dass es die Öffentlichkeit nicht gibt, sondern immer nur Öffentlichkeiten, die durch Medien, Technologien und Machtstrukturen geprägt sind. Dass sich heute privatisierte Öffentlichkeiten durchgesetzt haben, ist keine Überraschung – darauf habe ich oft hingewiesen. Diese Plattformen sind nicht einfach neutrale Räume, sondern werden durch ihre Eigentümer und Geschäftsmodelle geformt.
Aber daraus folgt nicht, dass man sie einfach ignorieren oder ersetzen kann. Wer glaubt, dass Plattformen „geschaffen, bevölkert und dann wieder verschwinden“, unterschätzt ihre Funktion als politische Infrastruktur. Sie sind nicht nur Werkzeuge, sondern der Ort, an dem entschieden wird, was gesellschaftlich relevant ist und was nicht.
Natürlich kann man sich in Räume zurückziehen, in denen man sich wohlfühlt. Doch ein rein „komfortabler“ Kommunikationsraum hat keine Relevanz, wenn er aus den entscheidenden Debatten ausgeschlossen bleibt. Die Öffentlichkeit – so fragmentiert sie auch sein mag – entsteht dort, wo sie Aufmerksamkeit erzeugt. Und genau diese Mechanismen bestimmen die großen Plattformen.
Sich von ihnen fernzuhalten, ist ein Statement – aber kein wirksames.
Es ist einfach sich den großen Konzernen zu unterwerfen und zu sagen das sie praktisch gewonnen haben und wir die Spielregeln akzeptieren sollen und den Kampf dort austragen müssen.
Eine Öffentlichkeit schafft man sich durch eine eigene Diskussion und diese findet auf einer Platform statt die nennt sich fediverse.
Diese Platform ist noch am Anfang! Gleich am Beginn zu sagen es funktioniert nicht schnell genug und aufgeben ist wie vor einem Kampf davon zu laufen.
Es ist schon klar das die ÖffentlichkeitsMacht gegeben ist wenn alle aus ihren Bubbles herauskommen und wieder gemeinsam ohne social-media-aufheizung miteinander reden können.
Da muss aber jeder mitarbeiten.
@Tommi: Verständlich.
Auch im Fediverse habe ich das Interesse an Diskussionen verloren. Eine sachliche Auseinandersetzung mündet schnell in eine Diskussion um Begrifflichkeiten oder Formalien. Und wer die „falschen“ Begriffe verwendet oder anderer Meinung ist, kann ja nur geistig minderbemittelt oder ein Nazi sein.
Eine Öffentlichkeit ist keine Fantasie, die man sich einfach „erschafft“, sondern ein Produkt von Macht, Infrastruktur und Aufmerksamkeit. Das Fediverse ist nicht der Anfang einer neuen, freien Öffentlichkeit – es ist ein weiterer privatisierter Raum mit seinen eigenen Regeln, seinen eigenen Gatekeepern, seinen eigenen Blasen. Wer glaubt, dass dort eine alternative digitale Öffentlichkeit entsteht, die sich den Mechanismen der großen Plattformen entzieht, täuscht sich über die Bedingungen von Öffentlichkeit selbst.
Die großen Plattformen haben nicht einfach „gewonnen“, weil man sich ihnen unterwirft, sondern weil sie die zentralen Orte des gesellschaftlichen Diskurses sind. Dort entstehen politische Narrative, dort wird definiert, was sichtbar bleibt und was nicht. Wer sich aus diesem Raum zurückzieht, überlässt ihn nicht der Stille, sondern denen, die ihn strategisch nutzen.
Es ist eine Illusion zu glauben, dass sich eine breite Öffentlichkeit durch eine „eigene Diskussion“ auf einer Randplattform etablieren lässt. Öffentlichkeitsmacht entsteht nicht, indem man sich in eine neue Umgebung flüchtet, sondern indem man sich den realen Bedingungen stellt.
Ich habe früh auf die Schieflagen im Social Web hingewiesen, habe in Blogs wie ichsagmal.com gezeigt, was es bedeutet, in einer fragmentierten und privatisierten Öffentlichkeit zu agieren. Wer jetzt das Fediverse als Lösung verkauft, ignoriert, dass auch dort Interessen, Moderationsregeln und Dynamiken existieren, die sich nicht fundamental von denen der großen Plattformen unterscheiden. Auch dort gibt es Machtstrukturen, auch dort gibt es Kontrolle.
Der Wunsch, dass sich alle wieder „ohne Social-Media-Aufheizung“ begegnen, ist eine nostalgische Projektion. Öffentlichkeit entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern dort, wo sie Relevanz erzeugt. Wer die großen Plattformen meidet, ist nicht unabhängig – er ist unsichtbar.
Und wenn hier schon von Öffentlichkeit die Rede ist: Wer eine ernsthafte Debatte führen will, sollte wenigstens den Mut haben, unter seinem eigenen Namen zu argumentieren. Anonyme Kommentare über die Notwendigkeit einer neuen Diskurskultur zu schreiben, während man selbst nicht mit offenem Visier diskutiert, ist das eigentliche Ausweichen vor einer fairen Debatte.
Pingback: Fediverse und die Illusion der Flucht: Warum Öffentlichkeit kein Safe Space ist - ichsagmal.com
Ich habe noch einen eigenen Blogpost dazu verfasst. Dann bekommt das noch mehr Reichweite: https://ichsagmal.com/fediverse-und-die-illusion-der-flucht-warum-oeffentlichkeit-kein-safe-space-ist/
> Die großen Plattformen sind das Schlachtfeld.
Nur wenn wir mit dabei sind. Wenn wir nicht dabei sind, dann würden die Faschisten diese Plattformen nutzen, um sich gegenseitig anzugreifen (z.B. RINO-Angriffe), was für uns ein besseres Ergebnis ist.
(RINO https://de.wikipedia.org/wiki/Republican_In_Name_Only)
> Die Fediverse-Gläubigen ziehen sich in eine digitale Parallelwelt zurück, anstatt sich der Machtfrage zu stellen.
Wenn du in ein Konzert gehst, und die Musik gefällt dir nicht, dann geh in ein anderes Konzert. Es gibt keine Machtfrage zu klären.
Wir verdienen es, digitale Räume zu haben, in denen wir uns wohlfühlen, und wir können sie einfach haben, indem wir sie schaffen. Die Machtfrage wurde bereits von den Eigentümern der Plattformen geklärt.
> Wir brauchen keine Parallelwelten, sondern Strategien für die Plattformen, die existieren.
Es gibt eine Strategie für Plattformen von Milliardären, und die ist so, wie Milliardäre sie vorgeben. Sie kontrollieren die Algorithmen, nicht wir. Musk hat bereits seine Bereitschaft gezeigt, seine Macht zu nutzen, um seine Einstellung auf X-Twitter durchzusetzen.
Ein Spiel zu spielen, bei dem wir die designierten Verlierer:innen sind, legitimiert das Spiel nur.
Ein Konzert, das nicht gefällt, kann man verlassen. Aber wenn das Konzert der Ort ist, an dem entschieden wird, welche Musik in Zukunft gespielt wird, dann ist Weggehen nicht einfach nur eine Entscheidung – es ist eine Kapitulation.
Die Machtfrage ist nicht erledigt, weil die Milliardäre ihre Plattformen besitzen. Sie ist umso dringlicher, weil sie ihre Macht längst nutzen, um die Spielregeln zu bestimmen. Wer sich zurückzieht, akzeptiert nicht nur diese Regeln, sondern überlässt denen, die sie aufstellen, auch noch den gesamten Raum.
Sich digitale Wohlfühlorte zu schaffen, ist keine Strategie – es ist Selbstbetrug. Denn eine Öffentlichkeit, die sich nicht mehr im gesellschaftlich relevanten Raum bewegt, hört auf, Öffentlichkeit zu sein. Ein Parallelnetzwerk bleibt ein Parallelnetzwerk, egal wie sehr man es mit der eigenen Anwesenheit aufwertet.
Natürlich sind die Plattformen von Milliardären nicht neutral. Natürlich kontrollieren sie die Algorithmen. Aber genau deshalb sind sie das Schlachtfeld. Weil dort entschieden wird, welche Narrative dominant werden, welche Meinungen gehört und welche zum Rauschen degradiert werden.
Ein Spiel zu verlassen, in dem man designierter Verlierer ist, ist nur dann eine Strategie, wenn man eine echte Alternative schafft. Aber eine Parallelwelt, in der niemand mehr zuhört, ist keine Alternative – sie ist ein Rückzug ins Unwirksame.
Vielleicht kommt hier auch einfach wieder eine Unterscheidung ins Spiel, die wir für überholt gehalten haben: öffentlich und privat.
1. Für den Austausch, den ich als Person mit anderen Personen pflegen will – über mein Leben, meine Interessen und meine persönliche politische Meinung – kann ich mir meinen Kommunikationsraum selbst gestalten und ihn selbst wählen. Hallo Fediverse.
2. Im Sinne eines politischen Aktivismus oder politischer Arbeit hingegen sollte ich mir tatsächlich die Plattformen aussuchen, auf denen der öffentliche Austausch darüber stattfindet. Das kann dieselbe Plattform sein wie unter 1, muss aber nicht. Auf dieser Plattform bin ich dann eben nicht als Person, sondern als politischer Akteur. (Und ich rede hier jetzt eher von Bluesky/Threads und nicht von Xitter, das meinem Eindruck nach tatsächlich auch nach und nach an Relevanz verliert.) Problematisch ist an der Stelle nur, dass persönliche Glaubwürdigkeit auf diesen Plattformen die politische Wirksamkeit stärkt, was einen strukturellen Anreiz setzt, hier auch als Person aufzutreten….
Hi Nils, Helmut Schmidt hatte Recht: Die Unterscheidung zwischen öffentlich und privat ist eine Illusion. In der Netzöffentlichkeit sind diese Kategorien längst durchlässig geworden – und genau das ist der Punkt, an dem jede Strategie ansetzen muss.
Ja, es klingt vernünftig, sich für persönliche Kommunikation ins Fediverse zurückzuziehen und für politischen Aktivismus auf die großen Plattformen zu gehen. Aber die Realität ist komplizierter. Öffentlichkeit ist nicht nur der Ort, an dem eine Debatte offiziell stattfindet – sie entsteht durch Sichtbarkeit, Reichweite und Anschlussfähigkeit.
Ein rein „privates“ Netzwerk ist im Digitalen eine Fiktion. Was geteilt wird, kann weitergetragen werden, findet seinen Weg in größere Kreise. Die Grenzen sind fließend, und genau deshalb setzen die großen Plattformen auf Identität und Authentizität: Persönliche Glaubwürdigkeit wird zum Hebel für politische Wirksamkeit. Wer nur als „politischer Akteur“ auftritt, verliert genau das, was heute zählt – persönliche Bindung, Vertrauen, Identifikation.
Es reicht daher nicht aus, sich zwei Räume zu schaffen – einen für das Persönliche, einen für das Politische. Wer echte Wirkung erzielen will, muss beides zusammendenken und klug nutzen. Die großen Plattformen bieten nicht nur Reichweite, sondern auch den Anschluss an gesellschaftliche Debatten. Wer sie meidet, gibt mehr auf als nur ein Konto – er gibt seinen Platz in der Öffentlichkeit auf.
Bluesky und Threads mögen an Bedeutung gewinnen – was ich sehr hoffe -, X mag schrumpfen – doch das ändert nichts an der grundsätzlichen Logik digitaler Diskurse. Es gibt keine getrennten Öffentlichkeiten mehr. Nur diejenigen, die sie aktiv gestalten – und diejenigen, die sich ihnen entziehen.
Auf der einen Seite hast du natürlich recht, dass technisch gesehen, die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatleben verschwinden, was aber nicht heißt, dass jede öffentlich zugängliche Kommunikation auch gleich eine allgemeine Öffentlichkeit adressiert – da gibt es schon lange Begriffe wie „partielle“ oder „persönliche“ Öffentlichkeit.
Gerade mit der Zersplitterung der sozialen Netzwerke müsste man ohnehin überlegen, ob man überhaupt noch von „der“ Öffentlichkeit sprechen kann oder nicht eigentlich von multiplen Öffentlichkeiten. Die eine „Öffentlichkeit“, die du meinst, scheint mir die, um die klassischen Massenmedien herum konstituierte, zu sein, die aktuell im politischen Feld einen großen Einfluss ausübt. Das ist aber eben nicht mehr die einzige.
Und dann kommen wir zu meinem Punkt der Trennung für sich als Person: Im z. B. Fediversum bin ich als Person und fühle mich in einem semi-geschützten Raum, aus dem heraus ich auf andere Plattformen gehen und dort strategisch agieren kann. Oder ich lasse es halt und bin im Ortsverband der Partei politisch aktiv oder eben nur als informierter Wähler. Nicht jede*r will Öffentlichkeit strategisch gestalten – aber wenn, dann muss ich das natürlich dort tun, wo ich den Einfluss, den ich nehmen will, auch tatsächlich nehmen kann.
Da gab es vor einiger Zeit auch mal interessante Artikel dazu, dass „sichere“ Mobilisierungsräumen für soziale Bewegungen fehlen. So etwas in der Art könnte ein Fediversum hat z.B. auch werden (ähnlich wie die diversen Chans, wenn auch natürlich aus einer komplett anderen Haltung heraus).
Generell zur Debatte auf Mastodon: Das Fediverse mag keine Plattform sein – aber auch kleine Fürstentümer mit eigenen AGBs sind Netzöffentlichkeiten. Die Logik der großen Plattformen endet nicht dort, wo die Infrastruktur dezentral ist. Auch hier gibt es Moderation, Ausschluss, Willkür. Auch hier wird entschieden, wer sichtbar bleibt und wer nicht.
Resilienz allein macht noch keine Öffentlichkeit. Wer glaubt, ein Netz sei per Definition freier, weil es dezentral ist, vergisst, dass auch kleine Gatekeeper Macht ausüben. Wer eine Instanz betreibt, kann Inhalte filtern, Nutzer sperren, Verbindungen kappen. Nicht die Infrastruktur entscheidet über Relevanz, sondern die Nutzung.
Man kann nicht einfach sagen: „Wir sind nicht Teil des Kampfes um die Plattformen.“ Denn das Fediverse ist längst Teil der Netzöffentlichkeit – mit all ihren Mechanismen, Machtfragen und internen Dynamiken. Wer Sichtbarkeit will, muss sich nicht nur auf Technik verlassen, sondern auf Reichweite und Anschlussfähigkeit.
Wer im Fediverse eine neue Öffentlichkeit schaffen will, sollte sich nicht mit der bloßen Existenz zufriedengeben. Auch dort müssen Machtstrukturen reflektiert, Deutungshoheit ausgehandelt und Debattenräume offengehalten werden. Sonst bleibt es nur eine weitere geschlossene Gesellschaft – mit eigenen Regeln, eigenen Autoritäten und eigenen blinden Flecken.
Die Debatte um geschützte Räume ist nicht neu – wir haben sie auf Barcamps geführt, in Aktivistenkreisen diskutiert und in der Praxis längst widerlegt gesehen. Ein geschützter Raum, der zugleich öffentlich sein will, ist ein Widerspruch in sich. Wer sich äußert, will gehört werden. Und wer gehört werden will, muss dorthin gehen, wo Aufmerksamkeit existiert – oder sich eingestehen, dass man nur für die eigene Blase spricht.
Es gibt keine einseitige Öffentlichkeit. Sobald man sich äußert, ist man Teil eines größeren Diskurses – und dieser ist nicht mehr kontrollierbar. Die Netzöffentlichkeit funktioniert nicht nach der Logik von Schutzräumen, sondern nach der von Reichweite und Anschlussfähigkeit.
Dass die soziale Medienlandschaft fragmentiert ist, stimmt. Aber daraus folgt nicht, dass man sich in multiple Parallelwelten zurückziehen kann, die keine Wechselwirkungen haben. Öffentlichkeit ist nicht einfach eine Frage des persönlichen Komforts. Die „sicheren Mobilisierungsräume“, die hier als Vorbild dienen sollen, sind eine Illusion. Es gibt keine geschützte Revolution, keine risikofreie politische Wirkung. Wer wirklich Einfluss nehmen will, kann nicht in der Theorie bleiben – er muss sich den Realitäten der digitalen Öffentlichkeit stellen.
Das Fediverse kann ein Diskussionsraum sein, ein Experimentierfeld, eine Community. Aber es wird erst dann ein relevanter politischer Raum, wenn es aus der Komfortzone herausgeht. Und wer sich für Politik interessiert, aber keine strategische Öffentlichkeit will – der ist schlicht kein Akteur, sondern Zuschauer.
Um die Diskussion hier nicht ausufern zu lassen, nur kurz zwei Kommentare:
Du schreibst: „Wer sich äußert, will gehört werden.“
Ja, aber von wem und mit welchem Ziel? Austausch über eine geteilte Position ist was anderes als der Versuch, Andersdenkende zu überzeugen. Auch wenn die Trennung natürlich nicht absolut ist, findet zumindest in meiner Welt das eine besser auf der einen und das andere besser auf der anderen Plattform statt.
Du schreibst: „Das Fediverse kann ein Diskussionsraum sein, ein Experimentierfeld, eine Community. Aber es wird erst dann ein relevanter politischer Raum, wenn es aus der Komfortzone herausgeht.“
Genau mein Punkt. Vielleicht ist es sogar besser, wenn das Fediverse dieser „Experimentierraum“ bleibt und Akteure da raus in die anderen „politisch relevanten Räume“ gehen, um dort strategisch zu agieren.
Jeder kann ja da andere Strategien ausprobieren. Machen wir ja auch, also Sohn@Sohn:
Die Zukunft gehört kuratierten Formaten und Owned Media – Newsletter, Blogs und Communitys, die direkte Beziehungen zu den Zielgruppen aufbauen. Das erkennen wir ja auch. Siehe: https://ichsagmal.com/von-der-plattform-abhaengigkeit-zur-kuratierten-kommunikation-wie-sich-digitale-formate-neu-erfinden-muessen/
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