Veronika Grimm und die Akku-Metapher

Ach, Veronika Grimm, die Wirtschaftsweise mit dem geladenen Akku. Es ist erstaunlich, wie viel man aus einer kleinen Metapher herauslesen kann, wenn man nur genug interpretative Energie investiert. Dabei wollte Frau Grimm uns doch nur ein frohes Weihnachtsfest wünschen und daran erinnern, dass Pausen wichtig sind – selbst in der Hochleistungsökonomie des Lebens. Doch siehe da, plötzlich steht sie als Symbol für ein mechanistisches Menschenbild da, in dem wir alle nur Zahnräder sind, die nach einem kurzen Boxenstopp weiter am großen Getriebe der Gesellschaft drehen.

Man muss es den Kritikern lassen: Das ist Kunst. Aus „Akku aufladen“ wird eine anthropologische Grundsatzfrage. Grimm, so die These, spricht nicht zu Menschen, sondern zu Maschinen – als hätte sie ihre Ratschläge direkt in ein Handbuch für humanoide Roboter diktiert. Dabei ist der Akku doch längst zur sprachlichen Allzweckwaffe geworden. Wer nach einem stressigen Tag „auflädt“, ist heute weder eine Maschine noch ein Smartphone, sondern einfach nur jemand, der sich nach Ruhe sehnt. Aber nein, ausgerechnet eine Wirtschaftsweise darf das natürlich nicht sagen, ohne gleich als technokratische Kontrollinstanz gegeißelt zu werden.

Wenn Debatten selbst „verheddern“

Doch der wahre Höhepunkt kommt erst noch: Die Diskussion um Elon Musk und seinen Gastbeitrag in der Welt am Sonntag. Grimm wagt es, die Veröffentlichung nicht als Tabubruch, sondern als legitimen Bestandteil der freien Rede zu verteidigen. Und das, so munkeln die Kritiker, sei eine Art diskurswirtschaftliches Machtspiel, bei dem Grimm die Öffentlichkeit wie eine zentrale Planstelle dirigieren wolle. Schon hat man Bilder von Walter Ulbricht vor Augen, der seine Bürger auffordert, den Sozialismus mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen voranzubringen.

Ehrlich gesagt: Wer hier von Kollektivismus spricht, hat sich im Argumentationsdickicht verirrt. Grimm verteidigt nicht die Welt, sondern das Prinzip, dass auch unbequeme Stimmen Platz im Diskurs haben sollten. Und dass sie sich darüber aufregt, wie schnell Kritik an einer Entscheidung zur moralischen Generalabrechnung mutiert, kann man ihr nun wirklich nicht verdenken. Denn wer in dieser Debatte die eigentliche Verhedderung verursacht hat, ist längst nicht mehr so klar, wie es manche Kritiker glauben machen wollen.

Am Ende bleibt die Frage, warum wir uns so an einer Weihnachtsmetapher und einer Meinungsäußerung abarbeiten müssen. Vielleicht, weil Veronika Grimm als öffentliche Person zu leicht zur Projektionsfläche wird – für alles, was uns am Diskurs stört, aber nicht direkt adressiert werden kann. Vielleicht auch, weil es bequemer ist, Metaphern zu sezieren, als sich mit den eigentlichen Themen auseinanderzusetzen.

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