In einigen Berichten habe ich mich kritisch mit der Tendenz zur Abschottung der Wikipedianer auseinandergesetzt. Von den sympathischen Wurzeln der Web-Enzyklopädie ist wohl nicht mehr viel übrig geblieben, beklagt sich beispielsweise der Internetexperte Bernhard Steimel von der Smart Service Initiative. Wer gegen Expertokratie und institutionelle Machtstrukturen ankämpfe, könne nicht selbst eine Politik des „closed shop“. Etiketten wie Schwarmintelligenz oder Graswurzeldemokratie würden die wahren Strukturen des Netzwerkes verfälschen.
Zu einem ähnlichen Befund kommt der Soziologe Christian Stegbauer in seiner Abhandlung „Wikipedia – Das Rätsel der Kooperation“. Von einem freien Zugang könne keine Rede mehr sein. Schon jetzt habe eine kleine Gruppe besonders motivierter und leistungsstarker Mitarbeiter die Führung übernommen. Sie trägt nicht nur die Hauptlast der Lexikoneinträge, sondern bestimmt auch den Kurs des Lexikons – mit der Tendenz, sich nach unten und gegenüber Neuankömmlingen abzuschließen. Wer in die Zirkel eindringen wolle, habe mit Widerstand zu rechnen. „Von der ‚Goldgrube für freies Wissen‘ bleiben die Probleme mit ‚schwierigen Personen‘, die dem Projekt nur schaden und daher auch nicht mehr willkommen sind. Dies widerspricht der deklarierten Freiheitsideologie von Wikipedia ‚jeder kann teilnehmen“, so Stegbauer. Statt „ermündende Diskussionen“ mit kritischen Geistern zu führen, entscheide wohl eine Oligarchie-Clique, was reinkommen dürfe oder nicht, bemängelt Steimel: „Mit dieser Geisteshaltung hätte ein politischer Querkopf wie Joschka Fischer im Bundestag nie Karriere machen können. Demokratische Meinungsbildungsprozesse sind nun mal anstrengend und sollten nicht von einer höchst aktiven Minderheit wegrasiert werden.“
Aktuell hat sich der Blogger Dirk Franke Tolanor in seinem Beitrag „Die offene Wikipedia und ihre Feinde“ mit dem Abschottungsphänomen beschäftigt: „Die Wikipedianer begrüßen Neulinge meist mit Löschanträgen und Textbausteinen, die Außenwelt wird, sobald sie sich – ob in Form von wissenschaftlichen Konferenzen, von Blogbeiträgen oder gar von neuangemeldeten Benutzern, die in der Wikipedia ihre Meinung kundtun – zunächst misstrauisch beäugt und schließlich verhöhnt, angegriffen, rausgeworfen. Für die bereits anerkannten Wikipedianer gilt Walter Kempowskis Wort über die bundesrepublikanische Gesellschaft: ‚Ein Schritt vom Wege, und Sie sind erledigt.‘ In den Worten des großen Iberty-Schreibrechterteilers: ‚Wikipedia ist ein paranoider arroganter Haufen geworden, der nicht mehr auf Leute zugeht, sondern Angst vor jeder Veränderung hat und mit Liebe im eigenen Saft schmort. Scheint wohl jeder Community irgendwann zu passieren, ist insofern nicht überraschend aber dennoch bedauerlich. Ich kann niemand verdenken sich das in der Freizeit nicht freiwillig anzutun. […] ich vergass: unglaublich intolerant.'“
Als Hauptursache für diesen Verfallsprozess sieht Franke das Konsens-Regime. Da die Zahl der Wikipedia-Autoren immer größer wird, kann das Konsensprinzip sehr schnell in Content-Diktatur abgleiten. „Wer widerspricht, ist nicht Teil der Gruppe“, so die einfache aber wohl zutreffende Analyse von Franke Tolanor. Es habe sich ein innerer Zirkel herauskristallisiert, der sich um „Homogenität“ bemüht.
Wer von neu dazukommt, werde misstrauisch beäugt: „Dass ‚Konsens‘ weitgehend gleichbedeutend mit ‚Meinung des inner circle‘ war, konnte einem neuen Benutzer zunächst nicht klar werden. Noch gravierender war die Tatsache, dass sich der inner circle, indem er dieses ominöse Wort für sich reklamierte, nicht als eine Gruppe unter vielen verstand, sondern als rechtmäßige Vertreterin der reinen Wikipedia-Lehre. Alles, worauf ein Neuling glaubte hoffen zu können – dass er an dem, was allgemein ‚Konsens‘ genannt wurde, mitbasteln dürfe, oder dass er vielleicht eine Mehrheit von Benutzern hinter sich versammeln könne oder schon versammelt habe, war in Wahrheit nichtig angesichts der Tatsache, dass er durch die pure Reklamation des Konsens durch den inneren Kreis bereits aus der ‚eigentlichen‘ Wikipedia ausgeschlossen war – was er spätestens merken konnte, wenn er bei einer Adminkandidatur obskure Gegenstimmen wie ‚Bauchgefühl‘, ’seltsame Ansichten‘ oder ‚hat zuviele Babels auf der Benutzerseite‘ kassierte. Jeder, der auf den Löschkandidaten für ‚verbessern statt löschen‘ votierte oder einfach nur ‚behalten!‘ schrieb, ohne seine Ansicht zu begründen, der bunte Babel-Bausteine auf seiner Benutzerseite sammelte oder Themenstubs einführen wollte, wich von den ungeschriebenen Gesetzen des sogenannten Konsens ab – eine Abweichung, die sofort registriert wurde und ihn zunächst einmal, ohne dass er es merkte, aus der Gemeinschaft der anerkannten, ‚verdienten‘ Wikipedianer ausschloss.“
Der Stalinisierungsprozess, der sich da abspielt, kann sehr schön in dem Roman „Farm der Tiere“ von George Orwell nachgelesen werden. Auch das Resümee von Dirk Franke Tolanor klingt niederschmetternd: Wer der Meinung der Corps Community nicht folgen wolle, werde als Troll, Depp Störer oder sogar Projektschädling abqualifiziert. Das zeige, „wie tief das Konsensprinzip – die Unfähigkeit, abweichende Meinungen zu ertragen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf – Einzug ins Denken der Wikipedianer gehalten hat. Der antidemokratische Ruf nach ‚Reinheit‘ und ‚Sauberkeit‘, das Verlangen, dass ‚endlich mal aufgeräumt‘ werden müsse, begegnet in vielen Diskussionsbeiträgen. Die Geburt des wikipedianischen Autoritarismus aus dem Geiste des Konsensprinzips wäre zu verhindern gewesen, wenn man sich von Anfang an auf einen demokratischen Meinungspluralismus verständigt hätte. Eine Abweichung von dem, was ein kleiner Kreis von Wikipedianern als ‚Konsens‘ definiert hat, hat nicht automatisch den Untergang der Wikipedia zur Folge.“ Oder wie es der Internet-Experte Bernhard Steimel ausgedrückt hat: „Demokratische Meinungsbildungsprozesse sind nun mal anstrengend und sollten nicht von einer höchst aktiven Minderheit wegrasiert werden.“
Siehe auch:
Diderot statt Wikipedia – Internet-Enzyklopädie als Medium des Okkultismus.
Über die Admin-Willkür hat Elian ein bemerkenswertes Stück geschrieben: Warum ich nicht mehr mitspiele.
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