Reicht eine Topmanagement-Kaffeefahrt nach Palo Alto für den Kulturwandel aus?

Diese Frage habe ich in der Oktober-Ausgabe des prmagazins wie folgt beantwortet:

Um bei den Digitalthemen in der ersten Liga zu spielen, reicht es für Unternehmen wohl nicht aus, Pilger-Reisen zu den Tech-Giganten in Palo Alto zu organisieren, in Sneakers durch die Gegend zu laufen, auf Krawattenzwang zu verzichten, Design Thinking-Workshops zu besuchen, das kollektive Duzen in Organisationen einzuführen und nach den USA-Exkursionen sich eine Hipster-Friseur zuzulegen. Das ist Camouflage.

Als aktionistische Ausweichaktion gründet so ziemlich jedes Unternehmen etwas und dem Stichwort „Lab“ oder „Garage“. Davor steht dann meistens „Digital“. Beheimatet sind die Zukäufe oder Neugründungen meistens in San Francisco, Tel Aviv oder Berlin.

„Man erhofft sich in einem fancy Umfeld tolle radikale Innovationen. Ausgestattet mit einem dicken Budget soll der Anschluss an Unternehmen in den USA, in Asien und Israel gelingen. Es geht aber in diesen Labs primär nur um den Anfang von Innovationen. Es geht um die Frage, mit welchen Ideen die Firmen antreten könnten. Die Umsetzung ist häufig ausgeklammert“, bemerkt Detecon-Analyst Marc Wagner.

Das sei abhängig vom „Rest“ der Organisation und die beäugt das Lab-Spektakel kritisch. Im Brot-und-Butter-Geschäft werden Gehälter gekürzt, Konstrukte zur Kostensenkung in Gang gesetzt und Rationalisierung im Kundenservice durchgesetzt.

„In den Labs ballert man das Geld raus, pumpt den Kollegen die Finanzmittel in den Hintern, scheut keine Kosten und Mühen, wenn es um die Gestaltung des Arbeitsumfeldes und in der Stamm-Organisation geht, sitzen alle wie die Hühner auf der Stange. Solche Diskrepanzen motivieren nicht zur Umsetzung neuer Ideen.“

Einen weiteren Grund für die mangelhafte Innovationskultur sieht Wagner im klassischen Management, die er vor allen Dingen in Konzernen feststellt. Da werde viel von Innovationen und visionären Ideen gesprochen. In Wirklichkeit gehe es um eine gnadenlose Kapitalmarktorientierung und kurzfristige Optimierungen von KPIs – also Leistungskennzahlen mit denen Mitarbeiter gegängelt werden. Da sei kein Platz für innovative Ideen. Die Hipster in den Labs sind eher Feigenblatt-Einheiten, die beim nächsten Vorstandswechsel wieder rausfliegen.

Irgendwann schlägt der Chef-Controller zu und macht die digitalen Buden dicht. In deutschen Unternehmen gibt es extrem viele Manager, die dafür exzellent ausgebildet sind. Wir finden viele Controller, Finanzexperten und Juristen, die mit dem Kapitalmarkt umgehen können und die am Reißbrett von einer Restrukturierung zur nächsten jagen. Unternehmerischer Sachverstand ist im Top-Management aber Mangelware. Wir sind im Vergleich zu den USA viel stärker auf kurzfristige Maßnahmen gepolt, um den Kapitalmarkt zu pflegen. Mit oder ohne Reisen nach Palo Alto.

Hoffe, die Antwort ist ok 😉

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Wie kann man Markenbotschafter für die Netzkommunikation ausbilden? @pr_magazin

Unternehmen sollten sie zu Barcamps schicken, empfiehlt Klaus Eck im prmagazin-Interview:

Mehr zum Thema in der November-Ausgabe.

Siehe auch:
Interview mit Nick Marten: was OTTO-Markenbotschafter ausmacht

Exponierte Meinungen und kein offiziöses Unternehmens-Sprech #ZP17 #StudioZ

Zur Idee von CIO-Kurator unterhielt ich mich mit dem Initiator Stefan Pfeiffer. Das Vorhaben ist ein Paradebeispiel, wie man Unternehmenskommunikation direkt, schnell und ohne Freigabeschleifen realisieren kann. Auf den offiziellen Websites der Firmenwelt sieht das anders aus. In der heutigen Zeit brauche man eine andere Schnelligkeit. Wenn Unternehmen sich zu Medienplattformen wandeln wollen, sollten sie sich von ihrer offiziösen Sprache und ihrer Abstimmungsbürokratie lösen. Man müsse völlig anders agieren, sagt CIO-Kurator Stefan Pfeiffer. Die Plattform-Community bekommt kuratierte Informationen zu CIO-Themen sowie exponierte Meinungen und kein offizielles Unternehmens-Sprech – das würde die Community zu Tode langweilen. Volle Zustimmung 🙂

Das passt gut zur Debatte für meine November-Story im prmagazin: Unternehmen werden selbst zu Medien – Direkte Kommunikation statt tindereskes Reichweiten-Marketing

Siehe auch:

WIE WANDELT MAN SICH VOM DIGITALEN SAULUS ZUM PAULUS? EINSICHTEN INS PERSONALMANAGEMENT IM #STUDIOZ #ZP17

10 Dinge, die Marketer von Journalisten lernen können