Über den infamen Satz des Philosophen Sloterdijk – Angstdialektiker beschwören den starken Staat

Hier liegen die Ursachen der Flucht
Hier liegen die Ursachen der Flucht

Der Politikwissenschaftler und Journalist Abrecht von Lucke von den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ hat im Deutschlandfunk-Interview die richtigen Worte gefunden zum fragwürdigen Lob der Grenze-Bekenntnis des Philosophen Peter Sloterdijk.

Dass Flüchtlinge nach Sloterdijk durch ihren Zustrom nach Deutschland definieren, wann der Ausnahmezustand gelte, nennt Lucke eine „ganz ganz gefährliche Intonation“. Der Satz sei infam, denn Sloterdijk behaupte genauso wie der Autor Frank Böckelmann so etwas wie ein Widerstandsrecht des Staates gegen Flüchtlinge. Das suggeriere, dass diese eine bewusste Aushöhlung der staatlichen Souveränität betrieben, das werde der Not und dem Elend aber überhaupt nicht gerecht.

Hat Sloterdijk mal durchgezählt, wie viele Flüchtlinge die Nachbarstaaten von Syrien bislang aufgenommen haben? Es sind mittlerweile über 3,2 Millionen Menschen, die in Notunterkünften, einfachen Hütten-Ansammlungen und leerstehenden Gebäuden hausen. Seine Thesen könnte der philosophische Salonlöwe den dortigen Hilfskräften schildern, die gegen die Knappheit von Wasser und Lebensmitteln ankämpfen, die Ausbreitung von Epidemien eindämmen und die Menschen vor Kälte bewahren. Siehe auch meine Netzpiloten-Kolumne.

So ein wenig erinnern die Provokationen der Schreibtisch-Intellektuellen an den Rechtslehrer Carl Schmittchen:

„Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“.

Mit Angstdialektik beschwört man ein antidemokratisches Eingreifen des Staates. Kompensiert wird mit dieser Geisteshaltung nur die eigene Jammerlappen-Psychose. Es sagt mehr über das Menschenbild der „besorgten Intellektuellen“ als über die politische Lage aus.

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Literatur-Lesung: Sloterdijk-Exerzitien – Übungsanleitung für das Leben

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Über die Bedeutung des Übens. Peter Sloterdijk argumentiert, dass das, was den Menschen zum Menschen macht, nicht der aufrechte Gang ist, sondern die Entwicklung des Bewusstseins. Er spricht von einer inneren Aufrichtung und dem Lernen, das Unmögliche als das Leichte zu begreifen.

Sloterdijks Ethik ist nicht einschränkend, sondern erweiternd. Sie ist keine Sollentätigkeit, sondern eine Übungsanleitung für das Leben selbst. Sie besteht darin, sich mit etwas zu verbinden, das nicht religiös codiert ist. Wer so denkt und übt, wird auf seine eigene Verfassung stoßen und aufgefordert, sie zu reflektieren und zu verändern.

Sloterdijk sieht den Menschen als Imperativ des Unwahrscheinlichen. Wie du dich faltest, so wächst du empor. Er bezieht sich dabei auf verschiedene Berufe und Berufungen, von Bauern und Arbeitern über Krieger und Schreiber bis hin zu Athleten, Rhetoren, Zirkuskünstlern, Gelehrten, Instrumentalvirtuosen und Models. Was sie alle verbindet, ist die Art und Weise, wie sie auf sich selbst einwirken und wie ihr Tun auf sie zurückwirkt.

Mit Nietzsche im Hinterkopf entwirft Sloterdijk das Modell einer Anthropologie als Asketologie. In diesem neuen Zweig der Humanwissenschaften werden geschichtlich gewachsene Strukturen und Daseinsformen untersucht und ins Zentrum gerückt. Kultur, Religion und Ethik werden als Übungsmodule betrachtet.

Sloterdijk versucht, nahezu alle Wissenschaften, Übungs- und Lenksysteme des Westens und Ostens gleichzeitig zu erfassen und aufeinander zu beziehen. Dabei zeigt er eine kühne, auch selbstverliebte Maßlosigkeit. Er setzt sich in der Radikalität eines Künstlers mit jedem Strich selbst das Maß.

Siehe auch:

Web 2.0-Exerzitien für Manager.