Kittler und die FlaschenpostFlaschenpost an die Zukunft könnte man die Gespräche nennen, die wir jede Woche in unserer Hangout on Air-Sendung Bloggercamp.tv führen. Also live übertragene Interviews, die kurze Zeit später als Youtube-Aufzeichnung vorliegen. Die perfekte Verschmelzung von synchroner und asynchroner Kommunikation. Unterhaltungen, die nicht im Netz verdunsten, sondern über die Speicherung ein Gedächtnis bekommen (Themen, die wir im November beim StreamCamp in Kölle vertiefen wollen).
„Flaschenpost an die Zukunft“ ist auch der Titel eines neuen Buches des Kadmos-Verlages und beinhaltet ein Gespräch des Künstlers Till Nikolaus von Heiseler mit dem Medienwissenschaftler Friedrich Kittler, das kurz vor seinem Tod vor gut zwei Jahren aufgezeichnet wurde. Es dokumentiert das intellektuelle Vermächtnis des großartigen Denkers, der die Medienwissenschaften neu erfand.
Formate der postmedialen Epoche
Es geht um den Zusammenhang von Kulturtechniken und der Entwicklung des Wissens. Mit der Computerkommunikation stoßen wir in eine postmediale Ära. Es dominieren nicht mehr massenmediale, sondern soziale Formate. Und der Kampf um den Augapfel, der zwischen Fernsehbildschirm und Computermonitor ausgetragen wird, kennt nur einen Sieger: den Computer. Vor gut 20 Jahren ist Kittler für diese These noch ausgelacht worden.
„Und was sehen wir heute: absolute Medienkonvergenz, aber eben in eine einzige Richtung: Alle anderen analogen und halbdigitalen Medien fließen in dieses eine universale hinein, wie es ihm von der Seinsgeschichte bestimmt worden ist.“
Die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) und die Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) haben heute in Stuttgart getagt und sich mit dem für den 19. April geplanten Live-Hangout von Bundeskanzlerin Angela Merkel beschäftigt. Einen Handlungsbedarf sieht die Medienaufsicht nicht, da es sich bei diesen Formaten, die live ins Netz übertragen werden, eher um Abrufdienste handelt.
Selbst die Formulierung einer optionalen Reichweite von mindestens 500 Zuschauern, die in der Checkliste der Landesmedienanstalten festgelegt ist, reiche nicht aus, um solche Sendungen als Rundfunk einzustufen. Hier sieht man eher Änderungsbedarf bei der Checkliste.
Die Medienaufsicht wird nicht aktiv eingreifen mit Genehmigungsnotwendigkeiten, sondern die Entwicklungen im Netz beobachten. Ein formeller Beschluss wurde nicht gefasst.
Da wohl eine digitale Medienordnung noch einige Zeit auf sich warten lässt, sollten vernünftige Zwischenlösungen gefunden werden. Im Interview mit dem Bloggercamp sprach sich Dr. Jürgen Brautmeier, Vorsitzender von ZAK und DLM, für eine abgestufte Prüfung aus:
„Wir müssen das Medienrecht novellieren und vernünftige Zwischenlösungen finden. Das gilt auch für die Öffentlichkeitsarbeit von Regierungen und Parlamenten. Wir müssen von einer ex-ante-Regulierung zu einer ex-post-Regulierung kommen. Erst einmal die Dinge laufen lassen und dann nachschauen”, so Brautmeier.
Also braucht sich derzeitig keiner in der Netzszene ernsthaft Gedanken über eine Rundfunklizenz für Streaming-Dienste wie Hangout on Air zu machen. Das Ganze eher als Abrufdienste einzustufen, halte ich für eine sinnvolle Lösung – egal, ob Ausstrahlungen nun einmalig oder regelmäßig stattfinden. Und Beobachtung statt restriktiver Eingriffe scheint mir ebenfalls ein probates Mittel zu sein.
Den Rundfunkstaatsvertrag in eine digitale Medienordnung zu verwandeln, dürfte wohl einige Jahre in Anspruch nehmen. Deshalb ist die Devise von Brautmeier zu begrüßen. Die Dinge laufen lassen und dann nachschauen.
Bram Cohen von BitTorrent will das klassische Fernsehen töten. Eine wohl eher scherzhafte und provokante Bemerkung. Mit Peer-to-Peer-Live-Streaming will er zumindest die technischen Voraussetzungen schaffen, um Videoübertragungen im Netz ohne zentrale Infrastruktur über Millionen von Computern in hoher Qualität zu ermöglichen. Er denkt dabei an die Ausstrahlung von Computerspiel-Turnieren, Sportereignissen, Konferenzen und sonstige Veranstaltungen, die sich für Live-Übertragungen eignen.
„Millionen zeitgleiche Abrufe auf Videodateien oder Millionen Zuschauer eines Livestreams, das bedeutet hohe Kosten und Belastung der Infrastruktur. Genau das will BitTorrent Live ändern. Mit der Technik wird jeder Zuschauer Teil des Streaming-Netzwerks. Die Last wird auf alle Zuschauer verteilt“, so die Breitband-Redaktion des Deutschlandradios.
Hört man sich Radiosendungen über einen Livestream an, dann empfängt der Nutzer pro Sekunde einen Datenstrom von bis zu 128 Kilobit pro Sekunde. Ein Live-Video in HD-Qualität produziert locker das Zwanzigfache an Daten. Und der Videostreaming-Markt ist noch gar nicht so richtig zur Entfaltung gekommen. Was wir jede Woche bei unseren Bloggercamp-Sendungen merken, die über den Google-Streamingdienst Hangout on Air übertragen werden. Kaum einer der Interviewgäste, die wir in die Diskussionsrunden holen, hat vorher Erfahrungen mit Hangout on Air gemacht. Insofern könnten Netzwerke für Live-Streaming zu einer Entlastung des Netzes beitragen und die Jedermann-TV massentauglich machen.
Alexander McWilliam, der das Videostreaming-Angebot der Berliner Philharmonie mitentwickelt hat, sieht das skeptisch:
„Ob der Ansatz von BitTorrent funktioniert, ist noch nicht klar. Ich würde erwarten, dass etwa Youtube oder Netflix auf so eine Technologie anspringen würden. Aber sie tun es noch nicht“, so McWilliam im Breitband-Interview.
Wenn das Netz vor dem Kollaps stünde, würde Peer-to-Peer das Problem nur verschieben.
Crowdfunding über die Plattform Startnext macht es möglich: Subversives Fernsehen im Internet. Maßgeschneidert für den Kabarettisten Dieter Hildebrandt, der eigentlich nur eine normale Website wollte. Entstanden ist ein Portal gegen die Aushöhlung der Demokratie: „Eine Mischung aus Journalismus, Kabarett und politischem Aktivismus“, schreibt der Tagesspiegel. „Eine Art Störsender also?“, fragte Hildebrandt. „Der Name der Seite war geboren.“ Störsender.TV!
„Sehen kann die Sendungen übrigens jeder – auf dem Youtubekanal des Störsenders. Offizielle Unterstützer des Projekts können die Folgen schon ein paar Tage vorher und in HD-Qualität anschauen“, schreibt der Tagesspiegel. Bin gespannt, ob sich das Abo-Modell durchsetzt.
Bin gespannt, ob sich so etwas auch über den Google-Dienst „Hangout on Air“ realisieren lässt – etwa über Werbefinanzierung. Aber eben mit Live-Übertragung ins Netz, um noch spontaner zu agieren und die Zuschauer direkt einzubinden. Wir würden so ein Projekt mit Rat und Tat gerne unterstützen über unsere Startnext-Initiative zur Streaming Revolution 🙂
Im Bloggercamp-Gespräch mit Dennis Schenkel von der Plattform rally.org haben wir diskutiert, was man beim Start eines Crowdfunding-Projektes so alles beachten muss.
Das Ganze ist arbeitsintensiver als man denkt. Das spüren wir auch bei unserem Un-Buch-Projekt zur Popularisierung des Streaming-Dienstes „Hangout on Air“ von Google.
Da müssen wir noch einige Stellschrauben verändern, um über den jetzigen Unterstützerkreis hinaus noch weitere Menschen zu begeistern, mit kleinen oder großen Beträgen unser Vorhaben zu finanzieren.
Aber das macht ja auch den Charme unserer der Kraut-Ökonomie aus. Man muss als Anbieter von Ideen, Dienstleitungen und Produkten seine potentiellen Kunden erst einmal überzeugen, bevor eine Finanzierung unter Dach und Fach ist. Planungen im stillen Kämmerlein reichen da nicht aus. Wir erkennen sehr genau, wie wenig bekannt der Dienst von Google Plus ist. Bei fast allen Gästen, die wir bislang in unsere Gesprächsrunden eingeladen haben, ist es eine Premiere. Und alle sind danach von den Möglichkeiten für die Liveübertragung von Videokommunikation – in Kombination mit der Aufzeichnung auf Youtube – begeistert und planen eigene Formate.
So auch unser heutiger Gast Dennis Schenkel, der überlegt, eine Live-Talkshow zum Thema Crowdfunding auf die Beine zu stellen. Und natürlich werden wir sein Vorhaben unterstützen und in unser Un-Buch mit aufnehmen. Schließlich wollen wir ja Anregungen für Hangout on Air-Experimente geben und darüber auch berichten. Gute Gründe, um unser Startnext-Projekt kräftig zu unterstützen 🙂
„Rundfunk im Sinn des Rundfunkstaatsvertrages ist ein linearer Informationsdienst, der für die Allgemeinheit und zum zeitgleichen Empfang bestimmt ist und die Veranstaltung und Verbreitung von Angeboten in Bewegtbild oder Ton entlang eines Sendeplans unter Benutzung elektromagnetischer Schwingungen zum Inhalt hat. Private Veranstalter bedürfen zur Veranstaltung von Rundfunk einer Zulassung, §20 Abs. 1 Satz 1 RStV. Bundesweite Fernsehangebote bedürfen der medienrechtlichen Prüfung durch die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) sowie die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK). Für die Prüfung eines bundesweiten Zulassungsantrages rechnen Sie bitte mit einem zeitlichen Aufwand von zwei bis drei Monaten (!) bis zur abschließenden gebührenpflichtigen Genehmigungserteilung.“
Verstöße gegen dieses prächtige Regelwerk der Echtzeitkommunikation können mit einer Geldbuße von bis zu 500.000 Euro geahndet werden.
„Nach unserer Einschätzung erfüllt Ihr Vorhaben die Kriterien des Rundfunkbegriffs. Insbesondere ist auch das Kriterium der Linearität gegeben“, teilten uns die zuständigen bayerischen Beamten mit.
Wenn ich nun die Hangout-Sessions in Belgien oder Holland starte, endet die Kompetenz der Bundesländer. Da das Internet nach föderalen Prinzipien nicht kontrolliert oder gar reguliert werden kann, wäre es ein Gebot der Vernunft, sofort eine kleine Änderung des Rundfunkstaatsvertrages in die Wege zu leiten und Liveübertragungen im Netz nicht mehr den elektromagnetischen Schwingungen der Medienaufseher zu unterwerfen. Einen entsprechenden Vorschlag haben wir nicht nur dem Bundeswirtschaftsminister überreicht, sondern auch dem Vorsitzenden der Rundfunkkommission. Im föderalen Wanderzirkus ist das zur Zeit Kurt Beck, der noch amtierende Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz.
„Die Länder sind gemeinsam mit dem Bund derzeit dabei, die entsprechenden Bestimmungen des Rundfunkstaatsvertrages und des Bundesrechts zu evaluieren. In diesem Rahmen wird auch die von Ihnen geschilderte Problematik behandelt werden. Ich bitte Sie daher noch um ein wenig Geduld und verbleibe mit freundlichen Grüßen.“
Wird jetzt auch eine Evaluationskommission gegründet, die noch in unterschiedliche Arbeitskreise aufgegliedert wird, um nach drei Jahren des Herum-Evaluierens festzustellen, dass Deutschland die Streaming-Revolution des Netzes verpennt hat? Man könnte zudem noch eine Studie bei Roland Berger in Auftrag geben, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass man nach der Evaluation noch genauer evaluieren muss, warum wir einfach zu blöd sind, innovative Formate für Jedermann-TV politisch zu fördern. Empfehlung der Unternehmensberater: Im Kanzleramt sollte eine zentrale Stelle zur Erfassung von überflüssigen Evaluationsprojekten installiert werden. Sie sollte einen Masterplan entwickeln, wie wir in Bund und Ländern zu einem Abbau der Evaluationsbürokratie gelangen können. Im Rahmen dieses Projektes und auf Ebene des Kanzleramtes wird dann ein Anti-Evaluations-Beauftragter ernannt, der jährlich einen Evaluations-Index in Zusammenarbeit mit dem Statistischen Bundesamt erarbeitet.
Zudem sollte im Rahmen, auf Ebene und im Bereich des Gesundheitsministeriums evaluiert werden, in welchem Maße sich die zu evaluierenden elektromagnetischen Schwingungen auf die Hirne der medienpolitisch Verantwortlichen auswirken.
Aber das passt ja sehr schön zur Krankenakte digitale Wirtschaft: