Hörspiele und die Kunst der Tontechniker des WDR

Podcast Wortspiel-Radio
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Über Regisseure, Autoren, Sprecherinnen und Sprecher wird beim Hörspiel sehr viel gesprochen. Wer sich die Hörspiel-Produktionen des WDR gönnt, die in einer ausgezeichneten Edition des Lilienfeld-Verlages erschienen sind, sollte auch ein Ohr für die Klangkunst der Tontechniker haben.

Auf Facebook Live und im Podcast mit dem frühere WDR-Hörspielchef Wolfgang Schiffer habe ich das ausführlich gewürdigt 🙂

Man hört sich.

Kein Mensch sagt mehr Beat oder: Wie die Pflicht zur „Depublizierung“ der Hörspielkunst schadet

Hörspiele wieder verfügbar machen

Die sich aus 17 Sachverständigen und 17 Abgeordneten aller Parlamentsfraktionen zusammensetzende Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft des Bundestags (EIDG) empfahl im Januar 2013 ausdrücklich die Aufhebung der im Rundfunkstaatsvertrag festgeschriebenen Depublikationspflicht.

Es waren bekanntlich die Leistungsschutz-Gichtlinge der Verlage und privaten Rundfunk-Anbieter, die sich gegen die öffentlich-rechtlichen Sender stellten und entsprechende Gesetzesänderungen verlangten.

Das Resultat ist höchst ärgerlich, wenn man sich das beschämend schlechte Angebot der Mediatheken von ARD und ZDF anschaut. Der Schwachsinn des Depublizierens entspricht nicht mehr dem Nutzungsverhalten der Medienkonsumenten. Ich entscheide selbst, wann und wo ich Angebote von öffentlich-rechtlichen Hörfunk- und Fernseh-Sendern wahrnehmen möchte. Der Grundversorgungsauftrag, den wir über Gebühren finanzieren, sollte auch für die digitalen Plattformen gelten – ohne irgendwelche Einschränkungen.

Es ist auch für die Autorinnen und Autoren – also für die Urheber – wichtig, ihre Werke dauerhaft im Netz präsentieren zu können. Etwa für Hörspiele.

Um so löblicher ist das Projekt „Hörspielpark“ unter der künstlerischen Leitung von Paul Plamper:

„Unser Ziel ist, das Gesamtwerk ausgewählter Hörspielmacher zu fairen Preisen dauerhaft erhältlich zu machen. Es gibt immer wieder Hörer, die nach Hörspiel-Sendungen im Radio fragen, ob es das Hörspiel als CD oder Download zu kaufen gibt. Für sie und andere Interessierte wollen wir Autorenhörspiele zugänglich machen.“

Mit „Hörspielpark“ hat Plamper einen auf Nutzergebühren basierenden Netzvertrieb geschaffen, in dem er seine Produktionen und weitere Werke einer freien Anbietergemeinschaft von Hörspielmachern präsentiert: zum Vorhören, Downloaden oder als CD – und stets in bester Tonqualität, schreibt Wolfgang Schiffer in seinem Literaturblog „Wortspiele“.

Die Bezahlung läuft komfortabel über Paypal – der Preis pro Hörspiel liegt so um die fünf bis sieben Euro. Also sehr angemessen für ein weithin unterschätztes Genre des Kulturbetriebes in Deutschland.

Bei Durchstöbern der Hörspiele bin ich direkt auf ein ziemlich irres Stück gestoßen, das in Bonn spielt: Kein Mensch sagt mehr Beat. Rafael Jové kauft die unscheinbare Single mit dem Titel „Hans Daniels präsentiert Bonner Beatbands“ in einem Fürther Trödelgeschäft und findet auf ihr ein James Brown infiziertes Stück Funk, so roh und ungefiltert, wie man es aus Deutschland nie vermutet hätte. Jové reist der Geschichte dieser alten Schallplatte hinterher und er trifft alle, die mit ihr zu tun hatten: CDU-Wahlkämpfer, den ehemaligen Bonner Oberbürgermeister Hans Daniels, älter gewordene Musiker, Fans und Schallplattenhändler.

Warum wir uns stärker gegen die Pflicht zur Depublizierung stellen sollten, werde ich in einigen Interviews und Storys ausführlicher aufgreifen. Aber das ist eine kleine Überraschung – für die Leistungsschutz-Gichtlinge…..

Bibliotheksgespräch mit Wolfgang Schiffer: Rauchzeichen über isländische Literatur

Wohl kaum ein zweiter dürfte mit der isländischen Literaturszene so vertraut und verwachsen sein wie der Hörfunkjournalist, Schriftsteller, Dramaturg und Übersetzer Wolfgang Schiffer, schreibt buch.de.

„Bereits 1991 erhielt Schiffer für seine Verdienste um die isländische Literatur das Ritterkreuz des Isländischen Falkenordens und 1994 den Kulturpreis des Fonds Islands Bankii.“

Im Ich sag mal-Bibliotheksgespräch schildert er die ersten Berührungspunkte mit der Literatenszene des Landes mit den heißen Quellen und dampfenden Rauchsäulen – deshalb heißt die Hauptstadt ja auch Reykjar vik – Rauchbucht. Das veranlasste uns während unserer Plauderei auch zu einer ausgiebigen Produktion von blauem Dunst 🙂

Begonnen hatte die Island-Leidenschaft von Schiffer mit der Lektüre des Nobelpreisträgers Halldór Kiljan Laxness. Als verantwortlicher Redakteur von WDR 3 gab er eine Hörspielbearbeitung für den Roman „Christentum am Gletscher“ in Auftrag. Zur Ursendung sollte ein Interview mit Laxness gesendet werden. So konnte sich Schiffer seinen langgehegten Wunsch erfüllen, um selbst nach Island zu reisen. Das war im März 1982, kurz vor dem achtzigsten Geburtstag des isländischen Großschriftstellers. Im Keller des Hauses von Laxness gab es Lammbraten und reichlich Rotwein. Als die beiden dann zum offiziellen Teil der Stippvisite in sein spartanisch eingerichtetes Arbeitszimmer gingen, gab sich der Romancier recht zugeknöpft.

„Diese Frage interessiert mich nicht, mein junger Freund aus Deutschland“, lautete seine erste Antwort. „Das mögen die Leser beantworten“, war die Replik auf die zweite Frage. „Nach rund sieben Minuten zeigte ich mich einsichtig und sagte, Halldór, sollten wir nicht wieder nach unten gehen und dort weiterreden. ‚Mein junger Freund aus Deutschland, das ist eine wunderbare Idee‘. Wir saßen dann bis weit in die Nacht hinein. Und dann fragte er mich, ‚was kennst Du denn sonst noch von isländischer Literatur‘. Ich musste einfach mit den Schultern zucken und sagen. Wir kennen fast gar nichts“, erklärt Schiffer.

Bis dato gab es in deutschen Übersetzungen mehr oder weniger nur die Island-Sagas und ein paar Erzählungen. In Reykjavík sah Schiffer dann viele Buchhandlungen und überall lagen phantastische Bücher von isländischen Autoren, die er alle nicht kannte. Das weckte seine Neugier. Er hatte das Glück, dass bei seinem ersten Aufenthalt gerade ein großes Theaterfestival in Reykjavík stattfand.

„Ich lernte dann sehr viele der mir unbekannten Autorinnen und Autoren kennen. Da sind ganz starke Freundschaften draus entstanden.“

Bis heute ist er der isländischen Literatur treu geblieben.

So gab er im vergangenen Jahr zur Frankfurter Buchmesse, die Island als Gastland (Sagenhaftes Island) präsentierte, die Anthologie „Bei betagten Schiffen – Islands Atomdichter“ heraus (Band 242 der Zeitschrift „die horen“).

Das Buch hat nichts mit Kernspaltung zu tun, sondern beschäftigt sich mit den Dichtern der frühen 50er Jahre. Die Bezeichnung geht auf den Roman Atomstation zurück, für den Laxness den Nobelpreis erhielt. Weil diese Dichter nach dem Zweiten Weltkrieg es wagten, an den Grundfesten des isländischen Literatur (den Sagas) zu rütteln, weil sie die vorgeschriebenen strengen Versmaße (mit etwa 400 zu beachtenden Regeln!) aufbrachen und den Anschluss an die Moderne schafften, wurden die jungen Wilden „Atomdichter“ genannt.

„Natürlich nicht ohne erbitterte Widerstände und Anfeindungen der Traditionalisten – und ein angesehener Literaturprofessor schaffte es sogar, noch in den 50er Jahren für diese neue Dichtkunst das Wort ‚entartet‘ in den Mund zu nehmen. Anders aber beispielsweise als die Dadaisten waren die Atomdichter nie bestrebt, das kulturelle Erbe abzuschaffen oder wenigstens zu desavouieren – nur um neue Ausdrucksformen ging es ihnen; und genau diese neuen Ausdrucksformen haben die Gedichte bis heute nicht altern lassen: die Atomgedichte haben sich ihre Frische bis heute bewahrt; ein ‚Verfallsdatum‘ gibt es nicht“, führt buch.de aus.

Schiffer erläutert das Ganze in dem Ich sag mal-Bibliotheksgespräch mit Verve und Enthusiasmus. Er gibt Tipps für den Lektüreeinstieg, spricht über Land und Leute. Er ist ein grandioser und humorvoller Erzähler mit einer herrlich sonoren Stimme. Das knapp einstündige Interview lohnt sich!

Kleine Kostprobe des Schiffer-Hörspiels Kronstadts Bericht.

Siehe auch:

Pickel, Pubertät und peinliche Momente: Pétur Gunnarsson über die Nöte des Heranwachsenden