
Digitale Souveränität? Ja, aber bitte mit Wirklichkeitssinn.
Digitale Souveränität ist ohne internationale Kooperation und freien Welthandel nicht möglich. Punkt. Wer anderes behauptet, baut seine Vorstellung von Unabhängigkeit auf eine Illusion – oder schlimmer: auf eine gefährliche Verwechslung von Autarkie und Kontrolle. Denn digitale Souveränität heißt vor allem Vielfalt, Resilienz und Teilhabe an globalen Wertschöpfungsketten – nicht nationale Selbstverzwergung.
Friedrich Merz hat es bei der Verleihung des Karlspreises an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen auf den Punkt gebracht: Europa darf sich nicht abschotten, nicht in Zöllen, Grenzen und kleinteiligen Regulierungen verheddern. Aber genau das fordern manche – mit leuchtenden Augen: „Made in Germany“ als Rückzugskonzept. Als Sicherheitsversprechen. Als neue Monstranz.
Made in Germany als strategische Abschottung? Das ist pharisäerhaft.
Denn wie viele Zulieferer aus Deutschland stecken eigentlich im iPhone? Wie viele Hidden Champions sind längst mit eigenen Werken in China präsent? Wie viel Technik aus Deutschland steckt in den Satelliten der ESA, in der internationalen Raumstation, in den Rechenzentren der Tech-Giganten? Wer da von digitaler Reinrassigkeit träumt, muss glauben, dass deutsche Halbleiter, Sensoren oder Datenbanken U-Boote für geopolitische Unterwanderung sind.
Freunde, lest mehr Johann Joseph Eichhoff.
Der Bonner Aufklärer hätte für diesen neuen Protektionismus nur Spott übrig gehabt. Ihm ging es 1820 um aufgeklärte Kosmopolitik – und die gilt auch in Zeiten von KI, Cloud und Quantencomputern.
Der Hidden-Champion-Forscher Hermann Simon bringt es in einem Interview messerscharf auf den Punkt: „Die Kernkompetenz der deutschen Wirtschaft liegt bei Deep Tech.“ Die Technologien, die unsere industrielle Stärke ausmachen, sind nicht sichtbar. Sie sind nicht die Rakete auf der Startrampe oder das glänzende iPhone im Apple Store. Sie sind „tief in der Wertschöpfungskette verborgen“, wie Simon sagt. Also dort, wo es zählt. Wo es komplex wird. Wo es an Substanz fehlt, wenn man nur auf Schaufenstertechnik setzt.
Und wenn Simon bei Vorträgen fragt, wie viele deutsche Zulieferer Apple hat, lautet die Standardantwort: vielleicht zwanzig. Die Realität? 767. Unsichtbar, aber unverzichtbar. In dieser Unsichtbarkeit liegt unsere wahre Stärke.
Aber was passiert, wenn wir uns abschotten?
Dann drehen andere den Spieß um. Dann heißt es: German parts not welcome. Dann wäre das Trappatoni-Szenario realistisch: „Wir haben fertig.“ Volkswirtschaftlich isoliert, sicherheitspolitisch unflexibel, technologisch zurückgeworfen.
Die Entscheidung, militärische Daten in eine Air-Gapped Cloud von Google zu verlagern – kontrolliert durch die BWI, gesichert in deutschen Rechenzentren – zeigt, wie internationale Kooperation auch in sicherheitsrelevanten Bereichen möglich ist. Es ist keine Kapitulation. Es ist ein souveräner, pragmatischer Schritt – in einem globalen Netz, in dem niemand allein agieren kann. Wer das als Verrat an der digitalen Souveränität deklariert, hat nicht verstanden, worum es geht: um Fähigkeit, nicht um Herkunft.
Souverän ist, wer Vielfalt kann. Nicht, wer Mauern baut.
Soweit mein Kommentar zu Andreas Fitting.
Zusammenfassung auch hier: https://ichsagmal.com/digitalisierung-als-verteidigungsprinzip-was-von-der-afcea-2025-bleibt-alterbundestag-bonn/