
Es gehört zu den Paradoxien unserer Zeit, dass Europa auf dem Boden zu den technologisch führenden Regionen zählt, im Orbit jedoch zurückzufallen droht. Der BDI-Weltraumkongress in Berlin war mehr als ein Branchentreffen. Er war ein Seismograph für eine Industrie, die sich zwischen Euphorie und Selbstzweifel, zwischen ökonomischer Verheißung und sicherheitspolitischer Notwendigkeit bewegt.
Die ökonomische Dimension – Wachstum ohne Europa
Die Zahlen, die Roland-Bergers Stefan Schaible präsentierte, sind ebenso eindrücklich wie ernüchternd. Der globale Raumfahrtmarkt wächst bis 2030 auf zwei Billionen Euro, doch Europas Anteil sinkt – von 15 Prozent 2019 auf 10 Prozent heute. In den USA investieren private Player 27 Milliarden Euro jährlich, in Europa kaum drei. Der Befund ist eindeutig: Ingenieurskunst allein reicht nicht, ohne Kapital, Geschwindigkeit und industrielle Skalierung verliert Europa seine Stellung.
Peter Leibinger, BDI-Präsident, brachte es auf eine prägnante Formel: New Space ist mehr als ein technisches Abenteuer. Es ist ein neues „Betriebssystem“ der Industrie – vernetzt, schnell, unternehmerisch. Wer diesen Wandel verschläft, verliert nicht nur Marktanteile, sondern industrielle Zukunftsfähigkeit.
Die sicherheitspolitische Dimension – Orbit als Frontlinie
Michael Schöllhorn, Airbus-Chef, erinnerte daran, dass der Ukrainekrieg längst auch ein Weltraumkrieg ist. Ohne Satelliten keine sichere Kommunikation, keine Aufklärung, keine Navigation. Space Superiority ist so unverzichtbar wie Air Superiority – nur wer den Orbit kontrolliert, bleibt am Boden handlungsfähig.
Verteidigungsminister Boris Pistorius brachte die sicherheitspolitische Pointe: 35 Milliarden Euro für Weltraumfähigkeiten bis 2030, 13,3 Milliarden für satellitengestützte Kommunikation. Seine Botschaft: Abschreckung gilt auch im All. Deutschland muss Konstellationen aufbauen, Frühwarnsysteme entwickeln, laserbasierte Wirkmittel beschaffen und „Responsive Space“-Fähigkeiten schaffen. Es geht um Handlungsfähigkeit in einem Raum, den andere längst als Operationsgebiet begreifen.
Die geopolitische Dimension – Machtpolitik jenseits der Erde
ESA-Chef Josef Aschbacher sprach von einem „Weckruf“. Europa sei stark in Wissenschaft und Ingenieurkunst, aber schwach in Tempo und Finanzierung. Der Marktanteil schrumpft, während USA und China expandieren. Wer nicht investiert, wer nicht skaliert, der wird von den geopolitischen Realitäten überrollt.
Die geopolitische Zeitenwende macht vor dem Orbit nicht halt. Multilateralismus wird durch Machtpolitik ersetzt. Wer im All keine Präsenz hat, verliert Einfluss auf der Erde. Der Ruf nach einer europäischen Sicherheitsarchitektur im Orbit – mit klaren Regeln, robusten Strukturen und gemeinsamer Industriepolitik – zieht sich durch alle Beiträge.
Industrie im Wandel – vom Mittelstand bis zu Start-ups
In den Panels wurde deutlich: Die deutsche Industrie hat verstanden, dass Raumfahrt kein Nischenprojekt ist. Ob Automobilindustrie, Energieversorger oder IT-Konzerne – alle sehen im Orbit Daten, Konnektivität und Resilienz als Grundlage für künftige Geschäftsmodelle. Start-ups wie The Exploration Company zeigen, dass Risikokapital Hebelwirkung entfalten kann, wenn der Staat als Ankerkunde agiert. Doch noch fehlen Tempo, Skalierung und eine echte Risikoakzeptanz in Politik und Verwaltung.
Rheinmetall wiederum machte klar: Es geht nicht darum, eigene Raketen zu bauen, sondern um Integration – Sensorik, Kommunikation, Datenflüsse. Space ist nicht „dual use“, Space ist schlicht universell. Wer Daten kontrolliert, kontrolliert Wertschöpfung.
Der kulturelle Bruch – von der Faszination zum Risiko
Dorothee Bär forderte die „großen Erzählungen“. Deutschland dürfe nicht im Mittelmaß verharren, sondern müsse die Raumfahrt zur nationalen Mission machen. Generalmajor Michael Traut erinnerte nüchtern daran, dass Europa fragmentiert, zersplittert und abhängig von US-Cloud-Anbietern ist. Ohne europäische Lösungen droht die nächste Abhängigkeit – diesmal nicht in Gas, sondern in Daten.
Die eigentliche Herausforderung ist kulturell: Europa muss lernen, Risiken zu akzeptieren, Fehler nicht zu skandalisieren, sondern als Preis des Fortschritts zu sehen. Raumfahrt ist kein Feld für Perfektionisten, sondern für Pioniere.
Ein Manifest für den Orbit
Der BDI-Kongress hat gezeigt: Wir stehen an einer Schwelle. Wirtschaftlich ist der Weltraum eine neue Wachstumsindustrie. Sicherheitspolitisch ist er die nächste Frontlinie. Geopolitisch ist er die Arena, in der Europa beweisen muss, ob es Akteur oder Zuschauer sein will.
Europa braucht deshalb:
- eine Sicherheitsarchitektur im Orbit,
- massive Investitionen in industrielle Skalierung,
- eine Kultur der Risikobereitschaft,
- und eine klare strategische Erzählung, die Souveränität und Handlungsfähigkeit verbindet.
Dies ist kein Luxusprojekt, sondern Teil der industriellen und sicherheitspolitischen Daseinsvorsorge. Wer den Orbit verschläft, verliert die Erde.
Wir zünden die zweite Stufe der Debatte:
Am Dienstag, 7. Oktober, sprechen Bernhard Steimel und ich im Smarter Service Talk über die Lehren aus dem BDI-Weltraumkongress. Kritisch und pointiert.