Digitale Souveränität auf Rabattniveau

Es wirkt wie eine Szene aus dem absurden Theater des Berliner Politikbetriebs: Während das Kabinett in der Villa Borsig über Wettbewerbsfähigkeit und Staatsmodernisierung berät, darf ein Mann auftreten, der mit Discounterregalen groß geworden ist – und nun die digitale Unabhängigkeit Europas verspricht. Gerd Chrzanowski, Chef der Schwarz-Gruppe, stellt Stackit, die hauseigene Cloud, als Baustein europäischer Souveränität vor. Lidl und Kaufland als Rettungsanker im Kampf gegen Amazon und Microsoft – wenn es nicht so ernst wäre, man müsste lachen.

Vom Joghurtregal zur Datenwolke

Natürlich ist die Einladung ein Signal. Bundeskanzler Merz mahnt, das Verhältnis zu den USA werde dauerhaft schwierig bleiben. Abhängigkeiten in der Software drohten ebenso gefährlich zu werden wie einst beim Gas aus Russland. Und da kommt Schwarz Digits gerade recht: ein Konzern, der aus Heilbronn heraus mit dem Etikett „souveräne Cloud für Europa“ lockt.

Doch wie viel Substanz steckt hinter dem PR-Versprechen? Stackit erwirtschaftet 1,9 Milliarden Euro – im Kontext eines Konzernumsatzes von 175 Milliarden, im globalen Vergleich verschwindend gering. Alphabet, Mutter von Google, erzielt über 100 Milliarden Dollar Nettogewinn pro Jahr. Apple fast ebenso viel. Gegen diese Dimensionen wirkt die Cloud aus dem Neckartal wie eine Provinzposse.

Politischer Rückenwind, ökonomische Fallhöhe

Im Kanzleramt beeilt man sich, zu betonen, Chrzanowskis Einladung verfolge keine Werbeabsichten. Doch allein die Bühne ist Gold wert. Wer im exklusiven Kreis der Kabinettsklausur auftritt, wer im gleichen Atemzug wie Princeton-Ökonom Brunnermeier oder Lufthansa-CTO Vittadini genannt wird, der hat sein Ticket ins politische Berlin gelöst. Der Name „Stackit“ zirkuliert nun in Ministerbüros, selbst wenn kein einziger Auftrag folgt.

Das Muster ist bekannt: Wenn deutsche Politik nach Souveränität ruft, klammert sie sich an Strohhalme. Heute Cloud, gestern Wasserstoff, vorgestern Solarindustrie. Und immer wieder die gleiche Leerstelle: fehlendes Kapital, fehlende Geschwindigkeit, fehlende Skalierbarkeit.

Simons Einwurf: Die eigentliche Baustelle

Hermann Simon hat es in aller Klarheit gesagt: Nicht staatliche Milliarden entscheiden über Wettbewerbsfähigkeit, sondern die Abwesenheit lähmender Bürokratie. Statt über die Schwarz-Cloud zu schwärmen, wäre es produktiver, 20 Prozent der Vorschriften radikal abzuschaffen. Doch auch dieser Vorschlag wird im Dickicht der Villa Borsig verhallen.

Denn die Wahrheit ist unbequem: Lidl-Clouds allein machen noch keine digitale Souveränität. Das Land der Hidden Champions riskiert, sich in Illusionen zu verlieren – während die Tech-Giganten in Amerika und China längst Fakten schaffen.

Der Auftritt Chrzanowskis bei der Kabinettsklausur steht sinnbildlich für eine Politik, die Hoffnung mit Realität verwechselt. Lidl als Cloud-Champion – das ist der deutsche Traum von digitaler Souveränität in einer globalisierten Welt. Ein Traum, der schneller zerplatzen könnte, als die nächste Preisrunde bei Bananen.

Halte das auch für eine Illusion: Wie die Bundesregierung das Fediverse fördern könnte

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