
Was Thomas Berbner im Rundfunkrat schildert, ist nichts weniger als ein Offenbarungseid. Eine Redaktion, die nach einer Sendung von einem internen Brandbrief überrollt wird, 250 Unterschriften gegen das eigene Team, Mitarbeitende, die weinend ins Homeoffice flüchten, weil sie von Kollegen gefragt werden, ob sie „bei der AfD“ seien. Das ist kein Betriebsunfall, das ist ein massives Kulturversagen. Hier zeigt sich, wie schnell die großen Worte von „Respekt“ und „Diversität“ in Niedertracht kippen können, wenn die falsche Haltung unterstellt wird.
Und dann die Realität: Julia Ruhs, eine feste Freie, vertraglich auf dünnstem Eis, wird zur Projektionsfläche gemacht. Auf der einen Seite die Überhöhung zur konservativen Märtyrerin, auf der anderen Seite die Stigmatisierung als trojanisches Pferd der Rechten. Am Ende bleibt ein Mensch zurück, der ohne Netz und doppelten Boden in seiner Existenz getroffen wird. Wer glaubt, das sei ein akzeptables Mittel innerredaktioneller Auseinandersetzung, hat den öffentlich-rechtlichen Auftrag nicht verstanden.
Die Mechanik des Mobbings
Es ist diese Mischung aus unterschwelligen Vorwürfen, unterschriebenen Brandbriefen, durchgestochenen Interna und öffentlichen Relativierungen, die das Gift ausmacht. Anja Reschkes spöttischer Seitenhieb, das „klar“ nun auch ein bisschen rechtsextrem sei, mag als Satire gemeint gewesen sein . Für jemanden ohne Festanstellung, ohne Machtposition, wirkt so etwas aber bedrohlich für die berufliche Existenz. Wer einmal den Ruf hat, er spiele mit den Falschen, steht am medialen Pranger – und findet ihn im Zweifel nie wieder los.
Mehr als ein Personalstreit
Es geht nicht darum, ob „Klar“ journalistisch gelungen war. Kritik an Sendungen muss sein, kein Zweifel. Aber es geht darum, wie Kritik geäußert wird, wie intern mit Kolleginnen und Kollegen umgegangen wird – und ob wir zulassen, dass politische Lagerkämpfe in existenzielle Feldzüge gegen Einzelne münden.
Was auf dem Spiel steht
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk lebt davon, dass er plural ist, streitbar, kritisch – aber nicht zerstörerisch. Was wir hier erleben, ist das Gegenteil: eine Politisierung nach innen, die jede abweichende Haltung sofort in die Nähe des vermeintlichen Feindes rückt. Wer heute mit einer Unterschriftenliste abgestraft wird, kann morgen selbst auf der Liste stehen. Das Klima der Angst ersetzt die Kultur des Diskurses.
Und deshalb ist klar: Was im NDR passiert ist, ist niemandem zu wünschen – egal, auf welcher Seite er steht. Wer den politischen Streit so führt, zerstört Vertrauen, Arbeitsfähigkeit und am Ende die Glaubwürdigkeit der gesamten Anstalt. Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht begreift, dass Kritik und Pluralität ohne Mobbing und Vernichtungswut möglich sein müssen, dann verliert er das, was ihn rechtfertigt: seine Legitimation in einer Demokratie.