Rüstung als Wachstumsmotor?

Es gibt Nachrichten, die braucht kein Mensch. Eine neue Zollrunde. 25 Prozent auf Aluminium und Stahl aus der EU, Gegenzölle auf Motorräder, Boote, Jeans. Die Kapitalmärkte reagieren gereizt, Politiker reden von „Standortsicherung“, Ökonomen warnen vor Wettbewerbsnachteilen. Und während sich die Industrie den Kopf über höhere Kosten zerbricht, gibt es einen Sektor, der sich prächtig entwickelt: die Rüstungsindustrie.

Rekordgewinne. Neue Großaufträge. Steigende Dividenden. Das Geschäft mit Waffen und Munition boomt – befeuert von geopolitischen Spannungen, von Regierungen, die plötzlich verteidigungsbereit sein wollen. Und natürlich gibt es Menschen, die das für eine Lösung halten: mehr Militärproduktion als Wachstumstreiber, als Jobmaschine, als Stabilisator für die deutsche Wirtschaft.

Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank, sieht das in der ARD-Sendung „Wirtschaft Update“ differenzierter. „Wir betreiben das nicht als Konjunkturmaßnahme“, sagt er. „Aber wenn Deutschland seine Verteidigungsausgaben erhöht, hat das wirtschaftliche Effekte.“ Jedes zusätzliche Prozentpunkt beim Verteidigungsetat könne das Bruttoinlandsprodukt um bis zu acht Zehntel Prozentpunkte steigen lassen. Und Arbeitsplätze? „100.000 neue Stellen in der Rüstungs- und Zulieferindustrie sind realistisch“, sagt Kater.

Das klingt zunächst beeindruckend. Doch dann kommt sein Aber: „Dieser Impuls endet, sobald der Hochlauf abgeschlossen ist. Es ist also ein begrenzter Effekt, kein dauerhaftes Modell.“

Kein zweites Wolfsburg

Wer glaubt, dass Rheinmetall und Konsorten die deutsche Wirtschaft retten, hat sich nicht mit den Zahlen beschäftigt. Hermann Simon, der Mann, der den Begriff „Hidden Champions“ geprägt hat, winkt ab. „Die deutsche Rüstungsindustrie spielt volkswirtschaftlich gesehen kaum eine Rolle“, sagt er trocken.

Nur zwei Prozent der Exporte entfallen auf Waffen und Munition – und die Hälfte davon sind Dual-Use-Güter, also Produkte, die sowohl militärisch als auch zivil genutzt werden. „Rheinmetall macht im Jahr 10 Milliarden Umsatz“, rechnet Simon vor. „Volkswagen fast 300 Milliarden.“

Der Unterschied könnte drastischer kaum sein. Ja, es gibt Wachstum in der Rüstungsbranche. Ja, die Nachfrage wird bleiben, vielleicht sogar steigen. Aber die Annahme, dass sich hier eine tragende Säule für die deutsche Wirtschaft aufbaut, ist ein Trugschluss. „Man sollte viel stärker auf die Realität schauen und sich nicht so sehr von Stimmungen tragen lassen“, sagt Simon.

Das eigentliche Kapital: Innovation und Integration

Wo also liegt die Zukunft? Sicher nicht in der Rückkehr alter Industrien. „Wir haben eine Schumpeter-Krise“, sagt Simon. „Alte Industrien müssen weichen, um Platz für neue zu machen.“ Das klingt brutal, aber er bleibt bei seiner Linie: „In der Vergangenheit haben wir riesige Industrien verloren – Textil, Bergbau, Kameraindustrie. Und wo immer wir versucht haben, sie künstlich am Leben zu halten, haben wir Milliarden verschwendet.“

Der Fokus müsse woanders liegen. „Wir brauchen keine Massenproduktion mehr, wir brauchen die Integration von Hardware und Software“, sagt Simon. Wer das verstehen will, muss sich Apple anschauen. 767 deutsche Zulieferer liefern an den iPhone-Konzern, Beiersdorf produziert 19 verschiedene Klebstoffe für das Gerät. „Wir sind extrem stark in diesen tiefen industriellen Wertschöpfungsketten“, sagt Simon.

Aber das sind eben keine spektakulären Schlagzeilen. Kein Stahlwerk, das wieder angefeuert wird, kein Panzerwerk, das zusätzliche Schichten fährt. Sondern hochspezialisierte Mittelständler, die Weltmarktführer in ihren Nischen sind. Unternehmen, die keiner kennt, aber ohne die keine moderne Technologie funktionieren würde.

Die deutsche Stärke liegt woanders

Was also tun? Eine „Re-Industrialisierung“, wie sie manche Politiker fordern, hält Simon für absurd. „Unser Industrieanteil liegt mit 24 Prozent immer noch doppelt so hoch wie in anderen hochentwickelten Ländern“, sagt er. „Wir brauchen eine moderate De-Industrialisierung, um Platz für neue Sektoren zu schaffen.“

Das heißt nicht, dass Deutschland die Industrie aufgeben muss. Es heißt aber, dass nicht jede alte Branche künstlich am Leben gehalten werden kann – und dass Wachstum nicht dort gesucht werden sollte, wo die Zukunft bereits weitergezogen ist.

„Deutschland wird in fünf Jahren anders aussehen“, sagt Simon. „Aber es wird eine starke Wirtschaft bleiben – wenn wir jetzt die richtigen Entscheidungen treffen.“

Die Lehre: Wer sich auf die Vergangenheit verlässt, bleibt zurück

Die deutsche Wirtschaft hat immer von Innovation gelebt, nicht von Bewahrung. Wer heute die Rüstungsindustrie als Wachstumsmotor preist oder sich nach der Wiederauferstehung alter Produktionsstätten sehnt, versteht nicht, was dieses Land groß gemacht hat.

Nicht Panzer, nicht Stahlwerke, nicht Subventionen für gescheiterte Geschäftsmodelle. Sondern Ideen.

Und die gibt es in Deutschland reichlich – wenn man ihnen denn eine Chance gibt.

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