MACHT IST ÜBERALL #ZukunftPersonalNachgefragt #ZPNord

Macht – das große Tabu. Keiner spricht darüber, alle nutzen sie. In Unternehmen, in Konzernen, in Politik und Wirtschaft. Wer sie hat, gibt sie nicht mehr her. Wer sie nicht hat, ahnt oft nicht einmal, wo sie wirklich liegt. „In Deutschland arbeiten wir mit Organigrammen, die nur die Positionsmacht zeigen, aber nicht, wer welchen Einfluss hat“, sagt Professor Carsten Schermuly. „Aber Macht ist nicht nur Titel und Hierarchie, sie ist vielschichtiger. Einfluss entsteht durch Netzwerke, durch Ressourcen, durch Wissen.“

Macht-Landkarten statt Organigramme – das wäre ein Anfang. Statt Linien und Kästen eine Karte der wahren Kräfteverhältnisse. Wer redet mit wem? Wer kann entscheiden? Wer hält Informationen zurück? Doch Unternehmen bleiben lieber in ihrer Illusion von Ordnung.

DIE GROSSE LÜGE

„Die Expertise-Macht erodiert“, warnt Schermuly. „Hannah Arendt hat mal vom Zeitalter der Lüge gesprochen. Heute sind wir noch einen Schritt weiter: Die Lügner haben nicht einmal mehr Angst, entdeckt zu werden.“ Fakten verlieren ihre Bedeutung. In Unternehmen wie in der Politik wird nicht mehr argumentiert, sondern behauptet. Wer oft genug Unsinn verbreitet, erschafft eine eigene Realität.

Was folgt, ist die Sehnsucht nach dem autoritären Führer. Klare Ansagen, eiserne Hand. „Wenn Unsicherheit steigt, steigt auch die Akzeptanz für autoritäre Führung“, erklärt Schermuly. „Das sieht man in Unternehmen genauso wie in Gesellschaften. Menschen sehnen sich nach Stabilität, und wenn die durch eine starke Hand versprochen wird, nehmen sie den Preis in Kauf.“

Blöd nur: Es funktioniert nicht. „Viele Unternehmen sind erst durch autoritäre Führung in Schwierigkeiten geraten. Und jetzt soll noch mehr davon die Lösung sein?“

MACHT ALS DROGE

Macht macht süchtig. Das Dopaminsystem im Gehirn reagiert auf Macht wie auf eine Belohnung. „Menschen mit Macht haben weniger Schuldgefühle, hören stärker auf ihr Bauchgefühl und werden impulsiver“, sagt Schermuly. „Das ist nicht nur eine Metapher, das ist neurologisch nachweisbar.“

Deshalb halten sich die Mächtigen fest an ihren Sesseln. Deshalb werden Nachfolger oft nicht nach Kompetenz ausgewählt, sondern nach Loyalität. „Je höher die Position, desto unsystematischer die Auswahl“, kritisiert Schermuly. „Netzwerkarbeit, Habitus, Bekanntheit zählen mehr als echte Qualifikation. Führung wird zum Club.“

Doch wer in der Macht sitzt, verliert oft den Blick für die Realität. „Informationspathologien entstehen: Wissen wird gefiltert, unangenehme Wahrheiten nicht mehr weitergegeben. Entscheidungen werden schlechter.“ Der Absturz ist programmiert.

DIE KULTUR DES MACHTVERZICHTS

Es gibt einen anderen Weg. Aber er ist unbequem. „Wir brauchen eine Kultur des Machtverzichts“, sagt Schermuly. „In unserer Gesellschaft wird das kaum wertgeschätzt. Wer zurücktritt, gilt als Verlierer. Wer Macht abgibt, verliert Ansehen. Dabei könnte es auch anders sein.“

Er verweist auf das Potlach-Fest der Native Americans: „Dort haben Häuptlinge ihren Besitz verschenkt und damit Status gewonnen. Wir könnten Machtverzicht ähnlich belohnen – mit Respekt, mit Anerkennung. Aber das tun wir nicht. Stattdessen feiern wir die, die sich klammern, und ignorieren die, die Verantwortung teilen.“

WARUM HR ENDLICH MACHT ERNST NEHMEN MUSS

Und was ist mit der Personalwirtschaft? „HR muss sich mit Macht beschäftigen“, fordert Schermuly. „Ihr sitzt an den Schaltstellen: Wer darf aufsteigen? Wen holen wir in die Organisation? Wie gestalten wir Trainings und Coaching?“

Doch in der Praxis? „Macht wird in 95 Prozent der Führungskräftetrainings ignoriert. Sie taucht höchstens indirekt auf, versteckt hinter ‚Konfliktmanagement‘ oder ‚Kommunikation‘. Das ist absurd. Wir müssen das Thema nach vorne holen, sichtbar machen. Sonst bleibt Macht im Dunkeln – und das ist gefährlich.“

Sein Appell ist klar: „Personalerinnen und Personaler sollten selbst mehr Macht fordern. Sie dürfen nicht nur Befehlsempfänger des Vorstands sein. Wer über Menschen entscheidet, braucht Einfluss. Wer Organisationen gestalten will, muss sich mit Macht auskennen.“

Macht ist weder gut noch schlecht. Sie ist eine Ressource. Eine Energie. Eine Kraft, die gestalten kann – oder zerstören. Die Frage ist nicht, ob es Macht gibt. Sondern, wer sie nutzt – und wie.

Wer mehr über die Psychologie der Macht erfahren will, sollte sich die Keynote von Prof. Schermuly auf der Zukunft Personal Nord nicht entgehen lassen:
📅 27. März 2025, 11:15 Uhr, Keynote-Stage, ZP Nord, Hamburg

https://twitter.com/gsohn/status/1899790279387078882

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