Rohstoffabhängigkeit, Friendshoring und die Kreislaufwirtschaft – Zeit für eine strategische Industriepolitik

Der Sachverständigenrat hat es im Jahresgutachten 2022/23 deutlich formuliert: Deutschlands wirtschaftliche Verwundbarkeit liegt nicht nur in der Energieversorgung, sondern in der umfassenden Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen. Lithium, Seltene Erden, Phosphate – sie sind die DNA der Energiewende, der Digitalisierung und vieler Schlüsselindustrien. Und sie stammen oft aus Regionen mit instabiler Politik, monopolisierter Förderung oder unsicheren Lieferwegen.

Die Empfehlung der Wirtschaftsweisen: eine Doppelstrategie aus kurzfristiger Resilienz – Diversifizierung, Lagerhaltung, strategische Partnerschaften – und langfristiger Unabhängigkeit durch Innovation, Kreislaufwirtschaft und internationale Kooperation.

Grimm: Kooperation statt Nullsummenspiel

In meinem Gespräch mit Prof. Veronika Grimm, Mitglied des Sachverständigenrates, wurde klar: Der Weg aus der Abhängigkeit führt nicht allein über Abschottung, sondern über klug gestaltete Kooperationen – das viel zitierte Friendshoring.

Grimm verweist auf das bekannte Diktum Henry Kissingers, dass es in der Außenpolitik keine Freundschaften, sondern Interessen gibt. Auch in der Außenwirtschaft gelte dieser Realismus: „Man kann nicht komplett gegen seine Interessen Außenpolitik betreiben, aber man kann von dieser Nullsummenlogik wegkommen und überlegen, wo Kooperationsgewinne möglich sind.“

Das gilt besonders für Staaten in Afrika, die nach Pandemie und Ukraine-Krieg unter massiver Verschuldung und Nahrungsmittelknappheit leiden – zugleich aber über reiche Rohstoffvorkommen und Potenziale für erneuerbare Energien verfügen. Grimm plädiert für ehrliche Partnerschaften zum beidseitigen Vorteil, abgesichert durch Investitionsgarantien, gezielte Kreditprogramme und langfristige Lieferverträge.

Büse: Ernährungssysteme als Resilienzfaktor

Friedrich Büse, Unternehmer und Vordenker der Ernährungswende, bringt eine weitere Dimension in die Debatte: „Versorgungssicherheit beginnt nicht im Containerhafen, sondern auf dem Acker vor der Stadt.“ Regionale, dezentral organisierte Ernährungssysteme seien ein strategisches Instrument gegen Abhängigkeiten – nicht nur bei Lebensmitteln, sondern auch bei vorgelagerten Rohstoffen wie Saatgut oder Düngemitteln.

Für Büse ist die Verbindung von Kreislaufwirtschaft und Ernährungswende ein logischer Schritt: „Was wir bei Metallen oder Kunststoffen fordern – geschlossene Stoffkreisläufe – muss auch in der Landwirtschaft gelten. Nährstoffe müssen im Kreislauf bleiben, statt dass wir sie importieren und nach einmaligem Gebrauch verlieren.“

Sein Ansatz deckt sich mit der Empfehlung des Sachverständigenrates, Dezentralität und Autarkiepotenziale stärker zu nutzen – als Ergänzung zu internationalen Lieferketten, nicht als Ersatz.

Kreislaufwirtschaft als zweite Säule

Doch selbst das beste Friendshoring ersetzt nicht die Notwendigkeit, den Materialverbrauch radikal zu reduzieren. Kreislaufwirtschaft ist die strategische Reserve, die wir im eigenen Land aufbauen können: Produkte reparierbar gestalten, Wertstoffe hochwertig recyceln, Sekundärrohstoffmärkte entwickeln.

Die Abteilung Kreislaufwirtschaft am Wuppertal Institut unter Leitung von Prof. Henning Wilts betont, dass Recycling allein nicht genügt, solange die Materialflüsse linear bleiben. Entscheidend sei es, Abfälle zu vermeiden, Produkte länger zu nutzen und die Wiederverwendung bereits in die industrielle Gestaltung einzupreisen.

Industriepolitik für eine vernetzte Welt

Die Verbindung aus Friendshoring, Ernährungswende und Kreislaufwirtschaft ist mehr als eine ökologische Strategie – sie ist eine neue Industriepolitik:

  • Außenwirtschaftliche Kooperationen zur Sicherung strategischer Rohstoffe.
  • Regionale Versorgungssysteme zur Stärkung der Autarkiepotenziale.
  • Kreislauffähige Infrastrukturen, um Importbedarf zu senken.
  • Digitale Tools und KI, um Materialströme effizient zu steuern.

Das Ziel: Deutschland widerstandsfähiger machen – nicht durch Autarkie im romantischen Sinn, sondern durch intelligente Verflechtung, regionale Stärken und konsequente Ressourcenschonung.

Ausblick – Green Monday in Bochum

Am 15. September wird der 6. Green Monday meets Circularity im GLS WerkRaum Bochum genau diese Fragen aufgreifen. Mit dabei: Prof. Dr. Henning Wilts (Wuppertal Institut) und Friedrich Büse, die zeigen, wie Kreislaufwirtschaft, Ernährungswende und internationale Kooperation zusammenspielen können, um Abhängigkeiten zu reduzieren – und neue Handlungsspielräume zu gewinnen.

Jetzt anmelden für den Green Monday in Bochum. Teilnahme ist kostenlos.

Ein Gedanke zu “Rohstoffabhängigkeit, Friendshoring und die Kreislaufwirtschaft – Zeit für eine strategische Industriepolitik

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