Radikale Kompromisse – oder die Kunst, das Mögliche zu denken

„Weil Menschen wechselhaft handeln und sich Situationen schlagartig ändern können, verzichtete Schmidt auf eine vorherige – um mit Hegel zu sprechen – ‚Anstrengung des Begriffs‘. Jede politische Herausforderung, jede Situation war einzigartig, und so konnte auch deren Meisterung nur einzigartig sein. Nach Schmidts Verständnis halfen da Ziele und Programme überhaupt nicht.“ So beschreibt Martin Rupps den Kern von Helmut Schmidts politischem Denken. Darin steckt mehr als nur pragmatische Skepsis – es ist eine Philosophie der Offenheit, die den dogmatischen Rausch der Gewissheiten meidet.

Klaus Burmeister nennt es „Radikale Kompromisse“. Der Begriff klingt zunächst wie eine dialektische Verrenkung – bis man ihn in der politischen Praxis erkennt, etwa bei Winfried Kretschmann. Nicht der kompromisslose Sieg einer Idee ist hier das Ziel, sondern das Finden tragfähiger Wege in einer pluralen Gesellschaft. Burmeister beobachtet in Kretschmanns Abschiedsinterview drei Strategien: die Opposition der Mitte statt Polarisierung, flexible Korridore für Klimaziele statt starrer Symbolpolitik, und eine wehrhafte Friedenspolitik, die militärische Verteidigungsfähigkeit als Voraussetzung für den Frieden begreift.

Helmut Schmidt hätte diese Haltung verstanden – wenn auch aus einer anderen Quelle gespeist. Während Burmeister von der Transformationslogik der Gegenwart ausgeht, wurzelte Schmidts Denken tief in einer kühlen Anthropologie: Menschen ändern ihre Meinung, Situationen kippen, Prognosen scheitern. Politik ist kein Schachspiel mit festgelegtem Endspiel, sondern ein permanentes Navigieren im Nebel.

Hier begegnen sich beide Sichtweisen. Burmeisters Radikale Kompromisse sind nicht das Einknicken vor dem Gegner, sondern die Anerkennung der Wirklichkeit als widerspenstiges Material. Schmidt nannte das nicht so – er handelte so. Er wusste, dass Ziele ohne Anpassungsfähigkeit zu Götzen werden können. Kant hätte darin den kategorischen Imperativ gespürt: Handle so, dass dein politisches Tun auch in veränderten Lagen die Würde des Menschen wahrt. Popper hätte es als Anwendung seiner offenen Gesellschaft gelesen: Fehlerfreundlichkeit statt Starrheit, Korrekturfähigkeit statt Ideologietreue.

Das eigentliche Radikale am Kompromiss liegt darin, dass er nicht in der Mitte endet, sondern neue Räume öffnet. Er zwingt zur Revision eigener Gewissheiten, ohne das Fundament der Werte zu sprengen. In der Sprache Hegels: Der Kompromiss ist kein Aufgeben, sondern eine höhere Vermittlung – ein Aufheben von These und Antithese, das in der Praxis selten spektakulär, aber oft rettend wirkt.

So gesehen sind Schmidt und Burmeister Brüder im Geiste, auch wenn der eine aus dem Hamburg der Nachkriegszeit, der andere aus den Szenarien des 21. Jahrhunderts spricht. Beide misstrauen der Illusion, dass Politik planbar ist. Beide suchen nicht die ewige Wahrheit, sondern den gangbaren Weg – wissend, dass dieser morgen schon anders verlaufen kann. Das darf nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden. Es ist ein Gebot der politischen Klugheit.

Ein Gedanke zu “Radikale Kompromisse – oder die Kunst, das Mögliche zu denken

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