Personalchef Heidelberger Druck: „Es wird immer schwerer Kapital zu bekommen, wenn man nicht in Nachhaltigkeit investiert“

Der neue Corporate-Governance-Kodex, der 2021 verfasst wurde, verpflichtet börsennotierte Unternehmen zu nachhaltigen, langfristig wirkenden Strategien und zu Investitionen in die Dekarbonisierung. Das ist neu und musst jetzt in den Hauptversammlungen, Aufsichtsräten und Vorständen mit Leben gefüllt werden.

„In diesem Jahr fangen wir an, Nachhaltigkeit in die Vergütung des Top-Managements zu etablieren“, so Rupert Felder, Personalchef von Heidelberger Druck. Das sei eine einschneidende und bemerkenswerte Tatsache, die in Organisationen vieles verändert. Für alle Teile der Firma – von PR bis Personalmanagement – sieht Felder drei große Handlungsfelder in den nächsten Jahren: Dekarbonisierung, Digitalisierung und Demografie.

Beim Thema Nachhaltigkeit geht es nicht mehr um seichten Marketingquatsch. Wer Finanzierungen in der Wirtschaft benötigt, kommt an Klimaschutz, Ökologie, sozialer Orientierung und langfristiger Zielsetzung nicht mehr vorbei. Kurzfristige und kurzsichtige Rein-Raus-Taktiken zur Maximierung der Gewinne werden nicht mehr überlebensfähig sein. Versicherungswirtschaft, Aktionärsschutzvereinigungen, Analysten-Rankings, Berichte über Hauptversammlungen und institutionelle Anleger machen Druck auf Unternehmen, in Nachhaltigkeit zu investieren. Das sei das schärfste Schwert für die Zukunftsfähigkeit von Firmen. „Es wird immer schwerer Kapital zu bekommen, wenn man nicht in Nachhaltigkeit investiert. Unternehmen sind finanzgetrieben. Nur das zählt. Die Entscheider machen das nicht, weil sie mal von der katholischen Soziallehre gelesen haben, sondern die machen das aus knallharten wirtschaftlichen Interessen. Es funktioniert auch nur so. Das ist die Sprache, die Unternehmen verstehen“, erläutert Felder im Interview.

Deshalb sei es überlebenswichtig, an diesen Stellen eine Strategie für Nachhaltigkeit zu definieren, konkrete Instrumente aufzusetzen und die Nachweisführung auch nach außen zu kommunizieren. Von der Wirtschaftstheorie bis zur Gesetzgebung ist das Regelwerk klar ausformuliert. Man braucht sich die so genannte Principal-Agent-Theorie anschauen. Die Vergütungspolitik spielt dabei eine wichtige Rolle. „Das Design der Vertragsgestaltung kann zu mehr Nachhaltigkeit führen. Der Ritterschlag für die Nachhaltigkeitsdebatte durch die Verleihung des Nobelpreises an Oliver Hart und Bengt Homström rückt das Thema in das Scheinwerferlicht der ökonomischen Debatte. Eine wichtige Erkenntnis der beiden Forscher: Es reicht nicht aus, dass der Bonus eines angestellten Geschäftsführers allein an Gewinn und Verlust der Firma festgemacht wird. Denn oft spielen Glück und Pech als außergewöhnliche, unvorhersehbare Ereignisse eine übergeordnete Rolle“, so Felder. Beispielsweise bei der Entwicklung der Rohstoff- oder Energiepreise, die wir gerade erleben. Eine wichtige Botschaft der Wirtschaftsnobelpreisträger lautet, dass in Branchen mit hohem Risiko die Gehälter nicht variabel, sondern eher fix festgelegt werden sollten. Damit kann man vermeiden, über die Vergütung Anreize für riskante Investments zu fördern.

Roulette hat hohe Gewinnchancen. Es besteht aber auch die Gefahr, gnadenlos abzustürzen und dauerhaft in der Schuldenfalle zu landen. Diesen Teufelskreis dürfen sich Unternehmen nicht mehr leisten. Ein wichtiger Instrumentenkoffer für mehr Nachhaltigkeit sieht Felder im Personalmanagement. Schon bei der Auswahl der Kandidaten für das Top-Management – und das gilt für alle unternehmerischen Rechtsformen – müssen geeignete Führungskräfte ins Boot geholt werden. Keine Zocker, sondern ehrbare Kaufleute. Rupert Felder hat dazu einen lesenswertes Opus geschrieben: Nachhaltigkeit und HR, erschienen im Haufe Verlag.

Spannendes Interview. Drum teilet das Opus und verkündet es der ganzen Social-Web-Welt 🙂

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Über den Autor

gsohn
Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

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