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#Notizzettel für #Unterschiede – Autorengespräch mit @WolfLotter

Lesefrüchte aus dem Buch „Unterschiede“ von Wolf Lotter. Das Opus sei ein Appell für echte Diversität, für die Einzelgerechtigkeit statt vereinfachender Zuschreibungen und Kategorisierungen, wie etwa männlich, weiblich, divers. Wichtiger Punkt. Sehe ich genauso: In aktuellen Debatten sind in unterschiedlichen Kontexten eine Menge Ausgrenzungsideologen unterwegs. Wer Individuen auf die Zugehörigkeit zu einer Gruppe reduziert, wer Menschen nur über die Einteilung in Kategorien beurteilt und über Namen selektiert, speist eine Ideologie der Abgrenzung und Ausgrenzung. Es geht um bequeme Denkhaltungen, um sich abzugrenzen und abzuschotten.

Der französische Philosoph Michel Serres hat das sehr gut auf den Punkt gebracht. Es geht um die Verwechslung von Identität und Zugehörigkeit. Ich gehörte zur Gruppe der Volleyball-Vereinsspieler. Ich gehöre zur Gruppe, die sich mit Livestreaming beschäftigt. Ich gehöre zur Gruppe, die gerne Himbeer-Marmelade mag. Ich gehöre zur Gruppe, die in Berlin geboren wurde.

An dieser Aufzählung merkt man sehr schnell, wie wenig die Zugehörigkeit über meine Identität aussagt. Ich bin ich. Das ist es.

Dazu Wolf Lotter in seinem Buch: „Ausgrenzung und Einheitswahn befeuerten die Totalitarismen des 19. und 20. Jahrhunderts. sie alle haben ihre Ursache in einem kulturellen Irrtum, der nicht nur im Westen verbreitet ist, hier aber vielfach als Normalität vorausgesetzt wird: dass Übersichtlichkeit und Gleichheit etwas Erstrebenswertes wären.“ Tatsächlich sei dieser Gedankengang nicht nur falsch, sondern bewirkt das Gegenteil.

In der industriellen Normungsumgebung ist das ähnlich. Man läuft dem Einheitskult hinterher und verdrängt, dass wir schon längst eine Wissensgesellschaft sind, in der gelebte Differenz, Netzwerke, Originalität und Persönlichkeit unseren Wohlstand und unsere Kultur prägen.

Die Vereinfacher, die alles über einen Kamm scheren wollen, sind der Feind der Vielfalt. Von Querdenkern bis zu Identitätsideologen. Mein Vater und mein Großvater könnten ein Lied davon singen.

Die neue Welt, so Lotter, sei eher als Netzwerk organisiert. „Hier sind autonome oder wenigstens voneinander weitgehend unabhängige Teile, die freiwillig kooperieren und zusammenarbeiten, zeitgemäßer. Die Komplexität der Welt wird nicht geleugnet, ignoriert oder feindselig ausgegrenzt, sondern als Realität anerkannt, der man sich jeweils erschließend nähert. Logischerweise erkennt man dabei das Andere leichter an.“

In der Einheitsgesellschaft, der Welt in toto, sei der Unterschied eine Bedrohung. In der Wissensgesellschaft, der Welt der Differenz, ist er gelebter Alltag.

Es gibt geistige Strömungen, die die Kontingenz, die Unübersichtlichkeit, den Zufall, den Faktor Glück, die unendliche Kombinatorik schlichtweg leugnen und Abweichler abstraft: Dogmatische Organisationen, Sekten, Kirchen, Firmen, Vereine, Parteien, identitäre Grüppchen und Blasen. Wer sich dem entgegenstellt und nicht ins Nomungskonizept passt, wird abgestraft, wie Giordano Bruno oder Galileo Galilei. „Der Gruppendruck trennt die Menschen in drinnen und draußen, in Bürger und Fremde, in Mitarbeiter und Eindringlinge, in Angehörige und bedrohliche Außenseiter“, so Lotter.

KONFORMITÄTSDRUCK.

Auf die Wirtschaft übertragen: „Wo Unternehmen nur noch tun, was der Staat vorgibt, sind beide Ebenen bald in ihren Interessen so vermischt, dass demokratische und vielfältige Prozesse geschwächt und letztlich unmöglich werden. Es entstehen Monopole und monopolähnliche Strukturen“, schreibt Lotter aus Seite 182.

„Konzerne tun, was die Politik vorgibt. Die Umweltpolitik etwa, man kann es am Beispiel der Elektromobilität erkennen, folgt den gesetzlichen Vorgaben. Das ist dann eben ein ökologisch-industrieller Komplex. Kein Mobilitätsanbieter rührt noch einen Finger, wenn es nicht Gesetze und Fördermittel gibt, die im Vorhinein das Tun absichern. Das ist im Grunde Planwirtschaft oder gar Kommandowirtschaft.“ Und Planwirtschaft sei nicht weiter als Bürokratie, die Herrschaft der Verwaltung, die nur sich selbst dient.

„Das alles ist höchst antiaufklärerisch und antiemanzipatorisch.“

Wettbewerb als Entmachtungsinstrument! Ökonom Franz Böhm.

„Die Industriekultur sucht stets nach der Nähe zur politischen Planung.“

Mechanistisches Management. Eine auf einfache Optimierungsmethoden gedrillte Betriebswirtschaft.

Benchmarking. Anpassung, Vereinheitlichung, Nivellierung. Seite 204 zitieren.

Ergebnis: Das Beste ist dann der Durchschnitt, das Mitelmaß.

Die beste Praxis sei dann der Stillstand: das Hamsterrad. „Das ist bereits ohne digitale Automatisierung ein dummes Spiel, das Unterschiede und damit Innovationen verhindert und den Mittelmäßigen in allen Lagern den Weg ebnet…..Die industrielle Gesellschaft leidet unter einer déformation professionelle, und auf dieser Grundlage ist sie unterschiedsblind geworden. Man kann, was man kann, aber sonst nichts. Denkunterschiede stören die Abläufe. Deshalb ist dieses System so uninnovativ.“

Beispiel: Hürden für die Agentur für Sprunginnovationen. „Das kommt davon, wenn man den Bock zum Gärtner macht, Verwaltungsbeamte für Innovationspolitik zuständig sind und Volksparteien aus dem 19. Jahrhundert für die Wissensgesellschaft.“ Think different kommt da nicht vor.

„Die alte Politik und das alte Management definieren in der industriellen Machtlogik Abweichung als Fehler. Dennoch reden sie ständig von Vielfalt, Diversität und Unterschieden, aber nicht, weil diese Fragen ernst genommen werden, sondern weil gut klingen.“ Und eine Camouflage-Strategie darstellen, um so weiter zu machen, wie bisher. „Statt zu handeln, wird geredet – Marketing ersetzt den Mut zur Veränderung.“ Seite 253.

Guter Punkt: „Der Zufall begünstigt nur den vorbereiteten Geist“. Louis Pasteuer.

Robert Merton und die Serendipität. Etwas finden, was man gar nicht gesucht hat.

„Die Fähigkeit, Unterschiede und Alternativen zu denken, ist die Schlüsselqualifikation des 21. Jahrhunderts.“

Geistesblitze. Aha-Effekt.

Erziehung zum Unterschied. Pathologie des Gehorsams durchbrechen.

Ambiguitätstoleranz. Mehrdeutigkeit aushalten.

Diskutieren wir um 17 Uhr unterschiedlich im Multistream von YouTube bis Twitch.

Nur nicht auf einen einzigen Kanal setzen:

Über den Autor

gsohn
Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

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