
Neulich gab’s Post. Kein Brief. Kein Paket. Keine Einladung zum Rotweintrinken. Nein, eine kleine Maßregelung. Direktnachrichtlich. Höflich, aber streng. Man möge bitte das Taggen unterlassen, wenn es an Relevanz mangele. Schließlich schade das der Reichweite. Und außerdem: Es nervt.
Aha. Danke für die Erziehungseinheit.
Ein herzliches Dankeschön auch im Namen des Algorithmus, der offenbar inzwischen Patenonkel ist für persönliche Befindlichkeiten.
Was haben wir gelernt?
Nicht alles, was einem in den Sinn kommt, darf noch öffentlich gedacht werden. Es könnte ja… abweichen. Vom erwarteten Kurs. Vom Content-Flow. Von der Corporate-Kompatibilität. Willkommen im digitalen Reform-Internat! Die Plattform, deine Gouvernante. Der Algorithmus, dein Tugendwächter.
Du willst einen Link posten?
Falsch.
Du willst ihn nicht posten?
Auch falsch.
Du willst was sagen, was dir wichtig ist?
Relevanzprüfung nicht bestanden.
Zur Strafe: drei Tage Reichweitenkeller, Brot und Wasser und 12 Impressions.
Ironischerweise erfährst du das alles nie direkt.
Das System spricht in Andeutungen. In plötzlich sinkenden Zahlen. In verschlossenen Türen. Und in Kommentaren, die wie Motivationssprüche aus dem Fitnessstudio klingen, nur dass hier niemand Muskelmasse, sondern Konformität aufbaut.
„LinkedIn bestraft dich nicht, es sei denn, du führst die Leute woanders hin.“
„Setz deinen Link ruhig rein, aber bitte nicht zu früh.“
„Wenn du den Algorithmus umarmen willst, dann tu es mit Analytics.“
Oh ja, Analytics! Das neue Orakel. Jetzt kannst du exakt sehen, wie oft deine Follower deinen Link nicht angeklickt haben. Endlich! Zahlen, die belegen, wie wenig du interessierst. Und wer’s ganz genau wissen will: Schau doch mal, wie viele dein Profil nach dem Posting angeschaut haben. Und dann weine leise.
Was ist das eigentlich für eine Welt?
Man postet, denkt, formuliert, kuratiert – und dann entscheidet eine Maschine im Hintergrund, ob du belohnt oder gemaßregelt wirst.
Wie ein dummer Schüler im Unterricht einer schlecht gelaunten KI-Lehrkraft.
Deine Beiträge sind zu emotional, zu wenig engaging, nicht im richtigen Format, falscher Tag, kein Hashtag, Hashtag zu viel, falscher Link, richtiger Link zur falschen Zeit – ach, weißt du was? Schreib doch einfach gar nichts mehr. Stell ein Bild von deinem Salat rein. Und tagge niemanden. Am besten auch nicht dich selbst.
Aber wehe du fragst: Warum?
Dann kommt die Community. Mit „insightful“ und „endlich sagt’s mal jemand“ und dem IKEA-Homeoffice im Hintergrund. Und du stehst da, tagged out, wie ein digitaler Störenfried, der sich erdreistet hat, ohne Freigabe zu kommunizieren.
Es ist wie früher in der Schule, wenn man das Falsche gesagt hat – nur dass heute die Strafe nicht Nachsitzen, sondern Sichtbarkeitsentzug ist.
LinkedIn ist kein Netzwerk. Es ist ein Verhaltensexperiment mit eingebautem Nasenring.
Und du bist das Versuchstier, das gelernt hat, dass der Klick auf den Käse nicht belohnt wird.
Aber hey – immerhin darfst du jetzt sehen, wie oft dir keiner zuhört.