Künstliche Intelligenz, das Unverständliche und was Gadamer und ChatGPT gemeinsam haben könnten

Verstehen ist mehr als Wissen

„Wer das Verstehen verstehen will, muss verstehen, dass es Nichtverständliches gibt.“ So bringt Jochen Hörisch in seiner Abhandlung „Die Wut des Verstehens“ (Kadmos-Verlag) eine der zentralen Einsichten auf den Punkt.

Dieser Satz wirkt zunächst wie ein Paradox: Muss man das Unverständliche verstehen, um Verstehen zu verstehen? Tatsächlich ist hier etwas Grundlegendes gemeint: Verstehen ist kein mechanischer Vorgang wie das Lösen einer Rechenaufgabe. Es ist ein lebendiger Prozess, der von Annäherung, von Missverständnissen, von Gesprächen, von Unsicherheit lebt.

Wenn wir etwas verstehen wollen – sei es ein Gedicht, eine politische Situation oder ein Gesprächspartner – merken wir schnell: Es gibt immer einen Überschuss, etwas, das sich entzieht. Dieses „Mehr“ oder „Nichtverfügbare“ ist nach Hörisch keine Schwäche, sondern die Voraussetzung von Verstehen selbst.

Warum ChatGPT nichts versteht (und trotzdem nützlich ist)

ChatGPT ist ein Sprachmodell. Es kann in Sekundenschnelle Texte generieren, Zusammenfassungen schreiben, Fragen beantworten. Und doch: Versteht es, was es tut?

Die Antwort lautet: Nein – zumindest nicht im menschlichen Sinn. ChatGPT verarbeitet Sprache, ohne selbst Teil eines Gesprächs zu sein. Es kennt keine Absichten, keine Welt, kein Gegenüber. Es rekombiniert Muster.

Hier wird der Unterschied zur hermeneutischen Tradition deutlich – also der philosophischen Theorie des Verstehens, wie sie Hans-Georg Gadamer entwickelt hat. Gadamer schreibt in Wahrheit und Methode: „Die Sprache ist ihrem Wesen nach die Sprache des Gesprächs.“

Sprache – das ist bei Gadamer nicht bloß ein Werkzeug zur Informationsübertragung. Sprache ist die Welt, in der wir uns bewegen. Nur im echten Gespräch, in der Auseinandersetzung, im Dialog, entsteht Verstehen.

Die Welt spricht – oder doch nicht?

Hörisch führt einen faszinierenden Gedanken aus: Er beschreibt, dass es eine alte Vorstellung gibt – etwa bei den griechischen Philosophen oder in der Romantik –, wonach die Welt selbst „spricht“. Die Natur, die Dinge, das Universum – alles sei auf geheimnisvolle Weise bedeutungsvoll. Er nennt das eine „mantische Deutung“.

Was bedeutet „mantisch“? Es kommt vom Wort Mantik, also von der Kunst der Weissagung. Die Idee: Die Welt sendet Zeichen – und wir deuten sie. In der Antike wurden Vogelflüge oder Blitze gedeutet; in der Romantik war es das „Lied, das in allen Dingen schläft“.

Hörisch schreibt dazu:

„Gadamers Hermeneutik […] versteht Wahrheit nicht als semantisches, sondern als mantisches Geschehen.“pdf Jochen Hörisch Die…

Das heißt: Verstehen ist nicht nur das Erfassen von Aussagen, sondern ein Erspüren, ein Deuten von Sinn. Wahrheit ist nicht einfach das, was gesagt wird – sondern das, was im Gesagten mitschwingt, was zwischen den Zeilen steht.

Heidegger, das Genie – und doch dumm?

Eine der aufsehenerregendsten Stellen in Hörischs Text ist seine Anekdote über ein Streitgespräch zwischen Hans-Georg Gadamer und Jacques Derrida. Darin nennt Gadamer seinen Lehrer Heidegger ein „génie bête“, also ein „dummes Genie“.

Was meint er damit?

Hörisch schreibt:

„Heidegger sei weit unter seinen Möglichkeiten geblieben, weil er nie Anstrengungen gemacht habe, auch nur halbwegs so gut Englisch oder Französisch zu lernen wie Latein und Griechisch, weil er an Theorien von Freud, Max Weber und de Saussure aggressiv desinteressiert war, kurzum, weil er in diesem Sinne dumm war.“

Heidegger war ein tiefsinniger Denker – aber seine Ignoranz gegenüber modernen Strömungen der Wissenschaft machte ihn anfällig für Ideologien, so Gadamer. Er verstand vieles – aber er wollte vieles nicht verstehen.

Ein „dummes Genie“ ist also jemand, der über große intellektuelle Fähigkeiten verfügt – aber sich aus Hochmut oder Selbstisolation weigert, sie zu öffnen für die Welt.

Die Wahrheit ist nicht berechenbar

Ein weiterer zentraler Gedanke bei Hörisch ist die Kritik an der Vorstellung, dass alles, was wir wissen wollen, methodisch erschließbar sei. Gadamer selbst warnt davor, Verstehen auf eine Methode zu reduzieren. Hörisch formuliert es so:

„Gadamers philosophisch und eben nicht methodologisch orientierte Hermeneutik kreist um den bei aller semantisch-syntaktischen Überschaubarkeit dunklen Satz: ‚Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache.‘“

Das bedeutet: Alles, was für uns zugänglich ist, tritt uns in Sprache entgegen. Aber: Diese Sprache ist nicht nur Grammatik und Vokabular. Sie ist auch Schweigen, Andeutung, Geschichte, Erfahrung.

Das unterscheidet das menschliche Verstehen radikal von dem, was Künstliche Intelligenz tut. Ein Sprachmodell erzeugt plausible Sätze. Ein Mensch fragt: Was bedeutet das? Und oft: Warum sagt er das gerade so – und nicht anders?

Und was hat das mit uns zu tun?

In einer Zeit, in der Maschinen wie ChatGPT Texte erzeugen, die manchmal klingen wie von Menschen geschrieben, müssen wir uns neu fragen, was es heißt zu verstehen.

Hörisch verweist auf die Paradoxie:

„Alles Verständliche hat unverständliche, nicht restlos explizierbare Voraussetzungen.“

Das bedeutet: Auch wenn ein Satz logisch korrekt erscheint, beruht er auf Vorwissen, auf kulturellen Praktiken, auf Gefühlen – auf Dingen, die wir nicht vollständig formalisieren können.

Ein Sprachmodell kann also nie alles erfassen, was wir Menschen unter „Verstehen“ meinen. Aber gerade deshalb ist es so interessant: Es konfrontiert uns mit der Differenz. Mit der Frage: Was unterscheidet lebendige Sprache von simulierten Texten?

Ein Schluss ohne Ende

Gadamers Hermeneutik setzt auf Gespräch. Auf Offenheit. Auf ein Miteinander, das nicht immer im Konsens endet. Jochen Hörisch schließt daraus:

Verstehen ist nicht der Konsens, sondern der Prozess. Vielleicht ist genau das unser Auftrag im Zeitalter der KI: Nicht vorschnell zu sagen „die Maschine versteht“, sondern zu zeigen, was uns im Verstehen menschlich macht. Die Fähigkeit, mit Nicht-Verstehen zu leben – und dennoch zu sprechen.

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