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Klassische Medien im Verbund mit Twitter und Co. verzerren die Wirklichkeit 

Das von der Demoskopin Elisabeth Noelle beobachtete „doppelte Meinungsklima“ – also das Auseinanderdriften von Bevölkerungsmeinung und Medientenor – kommt immer häufiger vor. Diese These stresste ich in den vergangenen Jahren in vielen Veröffentlichungen. Doch das muss ergänzt werden.

Folgende Fragen sollte man wissenschaftlich näher beleuchten: Wie agieren kleine und besonders aktive Gruppen im Social Web und welche Netzwerkeffekte erzielen sie? Wie oft werden Inhalte von klassischen Medien rezipiert und welchen Stellenwert haben Quellen jenseits des Journalismus? Wie groß ist die Relevanz von digitalen Diensten – also News Aggregatoren, Suchmaschinen, Bewertungsplattformen? Gibt es noch eine eine Übereinstimmung von veröffentlichter und öffentlicher Meinung?

Was passiert, wenn Twitter und Co. vor allem den politischen Medientenor nur verstärken und es fast unmöglich für die Bevölkerung machen, Primärquellen wahrzunehmen und den Erregungsüberschuss im Netz mit Distanz, Nüchternheit und Skepsis wahrzunehmen. Gibt es überhaupt noch eine Chance für eine kritische Urteilskraft jenseits von reißerischen Überschriften, Pöbeleien, Beleidigungen, Zynismus und Verdrehungen? 

Im Wust der Tweets und Postings überschlagen sich auch Journalisten im Kampf um die Deutungshoheit und in der Sucht nach Aufmerksamkeit. 

Die Bildung öffentlicher Meinung wird so immer mehr zum Spielball von besonders sendungsbewussten und netzwerkmächtigen Akteuren, die mit ihren Agitationen besonders erfolgreich sind, wenn eine Überprüfung der Faktenlage schwierig, zweitaufwändig oder schlichtweg ermüdend ist – etwa beim Studium von Wirtschaftsstatistiken. Auch bei Themen wie Krieg und internationale Konflikte funktioniert die Verzerrung der Wirklichkeit wie geschnitten Brot – PR, Spin-Doktoren mit ihren Einflüsterungsmärchen und Medien führen zu einer ungeprüften öffentlichen Meinung. 

Da das eigene Erfahrungswissen für die Bildung der individuellen Meinung und somit der Bevölkerungsmeinung jedoch ein wichtiger Faktor ist, scheinen komplexe und schwer überprüfbare Sachverhalte wie beispielsweise Wirtschafts- oder Sicherheitspolitik ein Schlachtfeld für Meinungskämpfe zu sein.

Besonders eklatant ist das bei Themen, die man zumindest in Ansätzen mit seiner eigenen Lage abgleichen kann. So beurteilen nach einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen 70 Prozent der Befragten in Deutschland im August 2021 ihre wirtschaftliche Lage als gut, 23 Prozent votieren teils-teils und nur 7 Prozent werten ihre Situation als schlecht. Seit der Finanzkrise 2008 geht die Kurve mit den positiven Aussagen zum eigenen wirtschaftlichen Status quo nur nach oben. 

Vor 15 Jahren stuften nur rund 40 Prozent ihre Lage als gut ein. Ganz anders wird wirtschaftliche Entwicklung im Ganzen wahrgenommen. Hier gibt es seit 2009 nur vereinzelt Zeitabschnitte, in denen eine positive Wirtschaftsentwicklung verortet wird. Ein positives Delta wie bei der Abschätzung der eigenen Wirtschaftslage zwischen 70 und 7 Prozent gab es im vergangenem Jahrzehnt bei der allgemeinen Wertung der Wirtschaftslage nie. Nah- und Fernsicht klaffen also weit auseinander. Der negative Medien- und Netztenor prägt im wirtschaftlichen Geschehen die öffentliche Meinung. Es herrscht eine extreme Konsonanz. Sie beinhaltet also eine Ähnlichkeiten in den wertenden Aussagen in der (Netz-)Öffentlichkeit, die nicht auf der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit basieren, sondern durch selektive Auswahl entsteht. Und so wird es doch bei der Beurteilung der aktuellen Konjunkturlage ähnlich sein: Sie wird von der Mehrheit weitaus negativer eingeschätzt als sie in Wirklichkeit ist. Man merkt es an den Revisionen der Wirtschaftsforschungsinstitute bei der Prognose der Wachstumsrate für 2023. Sie muss von Woche zu Woche revidiert werden – in eine positive Richtung. Massenmedial schlägt sich das noch nieder nieder. Da dominieren die Katzengesänge.

Über den Autor

gsohn
Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

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