#NewWorkNow Institutionelles Machteliten-Hacking oder Graswurzel-Initiativen? @netzabine @alecmcint @breitenbach @DrLutzBecker1 @praxsozi @foresight_lab @th_sattelberger

Ideen für die Next Economy
Da schlummern theoretische Ansätze für das Machteliten-Hacking – wer suchet, der findet 🙂

„Für die einen kann erfolgreicher, nachhaltiger Wandel nur durch ‚Machteliten-Hacking‘ glücken, wie es der Wirtschaftspublizist Gunnar Sohn nennt. Durch einen Ansatz also, der darauf abzielt, die derzeit nur schwer zugänglichen Macht-Eliten in Wirtschaft und Gesellschaft zu unterwandern, mit dem Ziel, Herrschaft und Abschottung der Wenigen zu beenden und partizipative, demokratische Entscheidungsstrukturen zu fördern. Für die anderen ist klar, dass es Eliten, Machtstrukturen und Alphatiere immer geben wird, und man daher Strukturen schaffen muss, die allenfalls sicherstellen, dass diese keinen größeren Schaden anrichten in einer Zeit, in der solche Strukturen und Persönlichkeiten dem unternehmerischen Erfolg im Weg stehen. Und wieder andere setzen auf eine Art unternehmerische Frischzellenkur, indem sie Start-ups akquirieren in der Hoffnung, dass diese jungen, experimentierfreudigen Organisationen frischen Wind ins Unternehmen bringen und ansteckend wirken in ihrer zupackenden Unkompliziertheit, die den Gründerteams vielfach zu eigen ist. Nach unseren Erfahrungen erweisen sich solche Hoffnungen in der Praxis vielfach als unerfüllbar. Zu konsistent, zu beharrungskräftig sind heute noch die über Jahrzehnte gewachsenen Systeme und Strukturen traditioneller Unternehmenskulturen“, schreiben Sabine und Alexander Kluge in ihrem Opus Graswurzel-Initiativen.

Braucht man da Rettung von außen? Nach Erfahrung der Autoren sind die „Rettungskräfte“ häufig bereits im Unternehmen zu Hause und warten nur darauf, endlich eingreifen zu dürfen.

„Schließlich sind es vor allem die Praktiker und Erfahrungsträger im eigenen Haus, die über ausreichend Kompetenz verfügen und entscheiden können, ob und wie Funktionen agiler gestaltet werden können, mit welchen Kollegen das möglich ist und in welchem Maß.“

Mein Ansatz des Hackings wird hier allerdings völlig ins Gegenteil gedreht. Mir ist doch völlig klar, dass Eliten, Machtstrukturen und Psychopathen nicht verschwinden werden. Ich halte es allerdings für unzureichend, Reformen von innen zu erwarten. Etwa über die so genannte WOL-Bewegung – Working Out Loud. So löblich diese Initiativen sind. Erfolge im großen Maßstab konnten bislang nicht erreicht und empirisch nicht belegt werden.

Man muss die Spielregeln für Organisationen ändern. Angefangen beim Aktienrecht, beispielsweise durch neue Verfahren bei der Auswahl von Führungskräften bis hin zu einem besseren Haftungsrecht. Den Grund für externe und interne Veränderungsnotwendigkeiten benennen die beiden Graswurzel-Autoren selbst: Den Engagement Index des Beratungsunternehmens Gallup. Hier wird einmal jährlich in einer repräsentativen Studie die Zufriedenheit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern abfragt. Und da sieht es in den Betrieben düster aus.

„Lediglich 15 Prozent der befragten Arbeitnehmer fühlten sich in ihren Betrieben wohl, etwa genauso viele, wie innerlich bereits gekündigt haben. Und 71 Prozent gaben an, nur noch Dienst nach Vorschrift zu machen“, schreiben Sabine und Alexander Kluge.

Genau in diesem Kontext kam auf der Next Economy Open in Bonn die Idee für das Machteliten-Hacking auf. Thomas Sattelberger hatte das in seiner Keynote auf den Punkt gebracht: Wie soll Wandel in einem Inzucht-System gelingen, wenn Müller nur Müllerchen rekrutiert. Seilschaften sichern sich ihre Karrieren in den obersten Chefetagen ab. Die Denkschulen für Manager und Ingenieure sind auf Berechenbarkeit und Planungsillusionen aufgebaut. Sie scheuen Experimente und blockieren Investitionen in ungewohnte Territorien, die zu schlechteren Quartalszahlen führen könnten. Es geht um Effizienz sowie um die Bewahrung von Margen und nicht um neue Geschäftsmodelle.

Die reaktionären Denkmodelle aus der Zeit der Massenproduktion, in denen man ausgebildet und sozialisiert wurde, stellt man nur ungern auf den Kopf.

Hier die komplette Rede:

„Bei den DAX-Konzernen gibt es 29 Absteiger seit 1988, von denen 24 dauerhaft verschwunden sind. Der Lebenszyklus der deutschen Konzerne wird immer kürzer. Nur vier Prozent der DAX-Vorstände verfügt über unternehmerische Erfahrung. Da hilft dann auch der Silicon Valley-Tourismus nichts. Da kommt man hin, macht große Augen, kommt zurück, fällt in die alte Max Werberscher Bürokratie hinein und repetiert die alten Routinen“, moniert Sattelberger.

In einer Session nach der Sattelberger-Keynote plädierte dann der Soziopod-Blogger Patrick Breitenbach in einer Debatte mit dem Analysten Stefan Holtel für ein Machteliten-Hacking. Man müsse Gegen-Narrative in die Organisation bringen. Die alten Eliten sind von einer Blase der Ja-Sager umgeben. Wie wäre es mit einer subversiven Injektion für kritisches Denken? Der Philosoph Karl Popper hatte eine sehr intensive Beziehung zum leider verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt. Das habe den früheren Regierungschef in seinem politischen Denken sehr stark geprägt.

„Popper war indirekt ein Hacker der politischen Elite“, bemerkt Breitenbach. Man brauche zudem starke Metaphern, um bei den Entscheidern der Machtelite etwas anzurichten, ergänzt Holtel. Und dann griff ich Popper konkret auf: Wie kann man mit politischen Mitteln den Gehorsamskäfig in Organisationen aufbrechen? Die New Work-Bewegung betreibt in Deutschland nach wie vor wirkungslose Canapé- Events zur Gewissensberuhigung. Supermarkt-Verkaufspersonal, Personal von Pflegediensten, Betriebsräte, Beschäftigte im Niedriglohnsektor, schlecht bezahlte Clickworker oder Vertreter der rund 1,5 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die sich mit Arbeitsverträgen auf Abruf herumschlagen müssen, von fiesen Chefs am Arbeitsplatz mit Webcams überwacht und in Echtzeit dirigiert werden, sucht man bei den vielen New-Work-Sessions vergeblich.

Für wichtig erachte ich vor allem die machtpolitische Dimension. Und da kommen dann wieder die theoretischen Ansätze von Popper ins Spiel, die auf der Next Economy Open eine so große Rolle gespielt haben und immer noch spielen – Stichwort Strategie als Subversion.

Hier sehe ich gute Anknüpfungspunkte zur Neuen Institutionen-Ökonomik: Es geht um Checks-and-Balance-Konzepte, die den Machtmissbrauch von Führungskräften eindämmen. Alleinherrscher erhöhen die Wahrscheinlichkeit von Fehlentscheidungen. In Anlehnung an den Philosophen Karl Popper könnte man auch sagen: Es kommt darauf an, Institutionen so zu organisieren, dass es schlechten oder inkompetenten Herrschern unmöglich ist, allzu großen Schaden anzurichten. Das gilt für Demokratien, für Unternehmen und für sonstige Organisationen. Hier liegt der Nukleus des Machteliten-Hackings. Vorschläge zur Änderung des Regelwerks für Institutionen gibt es schon eine Menge:

Das Europäische Parlament hat vor längerer Zeit eine neue Richtlinie für Aktionärsrechte verabschiedet, die die Mitgliedstaaten in nationales Recht umsetzen müssen. Sie sieht vor, dass die Aktionäre in Zukunft jährlich über den Vergütungsbericht ihres Unternehmens abstimmen sollen und überdies mindestens alle vier Jahre über das gesamte Vergütungssystem. Jeder Mitgliedstaat darf dabei selbst entscheiden, ob der Beschluss der Aktionäre bindend oder nur als Empfehlung gedacht ist. In Deutschland ist die Tendenz klar. Man wird sich für die bindende Wirkung entscheiden. Die Aktionäre bekommen wieder mehr Macht. Wird das reichen? Nein.

Die meisten Konzerne werden von amerikanischen Investoren und Fondsgesellschaften dominiert, also institutionelle Anleger. Sie werden die Gehaltsschraube nicht nach unten drehen, sondern eher unheilige Allianzen mit der Vorstandsetage eingehen. So sind sie halt, die Dealmaker. Deshalb meine Vorschläge:

1. Wer an der Bestellung des Aufsichtsrates und über diesen Weg an der Corporate Governance mitwirkt, sollte als Aktionär einer Haltefrist unterworfen werden. Wer das nicht tut, darf in der Hauptversammlung kein Stimmrecht haben.

2. Verbesserung der Transparenz bei den Beteiligungsverhältnissen und Offenlegung von Überschneidungen zwischen Top-Management und institutionellen Anlegern.

Und auch in diesem Jahr gibt es spannende Entwicklungen: So verpflichtet der neue Corporate-Governance-Kodex, der 2021 verfasst wurde, börsennotierte Unternehmen zu nachhaltigen, langfristig wirkenden Strategien und zu Investitionen in die Dekarbonisierung. Das ist neu und musst jetzt in den Hauptversammlungen, Aufsichtsräten und Vorständen mit Leben gefüllt werden. „In diesem Jahr fangen wir an, Nachhaltigkeit in die Vergütung des Top-Managements zu etablieren“, so Rupert Felder, Personalchef von Heidelberger Druck. Das sei eine einschneidende und bemerkenswerte Tatsache, die in Organisationen vieles verändert. Für alle Teile der Firma – von PR bis Personalmanagement – sieht Felder drei große Handlungsfelder in den nächsten Jahren: Dekarbonisierung, Digitalisierung und Demografie.

Beim Thema Nachhaltigkeit geht es nicht mehr um seichten Marketingquatsch. Wer Finanzierungen in der Wirtschaft benötigt, kommt an Klimaschutz, Ökologie, sozialer Orientierung und langfristiger Zielsetzung nicht mehr vorbei. Kurzfristige und kurzsichtige Rein-Raus-Taktiken zur Maximierung der Gewinne werden nicht mehr überlebensfähig sein. Versicherungswirtschaft, Aktionärsschutzvereinigungen, Analysten-Rankings, Berichte über Hauptversammlungen und institutionelle Anleger machen Druck auf Unternehmen, in Nachhaltigkeit zu investieren.

Im Zusammenwirken mit den Graswurzelinitiativen könnten sich auf dieser Basis viele Dinge im Management ändern. Dazu zählen natürlich auch die Überlegungen von Thomas Sattelberger: Er forderte eine Corporate Governance, die ein strengeres Regelwerk erstellt und Fehlverhalten sanktioniert. Man brauche Störenfriede im Vorstand und eine Graswurzelbewegung im Unternehmen. Es müsse eine Personalfunktion geben, die souveräner agiert. Sattelberger brachte zudem eine konsistente kritische Medienbranche als Kompass für gutes Unternehmertum und gutes Management ins Spiel. Fehlentwicklungen und Korruption müssten kontinuierlich angeprangert werden. Zudem brauche man analog zu Politikern eine ManagerWatch-Plattform und eine digitale APO, um den zivilgesellschaftlichen Druck zu erhöhen. Dazu kommt die Institutionen-Ökonomik und das Machteliten-Hacking kann gelingen.

Weitere Beiträge zur Blogparade #NewWorkNow findet Ihr auf der Übersichtsseite „Digitial.Now“: https://lnkd.in/dYG_3bFm

Über den Autor

gsohn
Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

1 Kommentar zu "#NewWorkNow Institutionelles Machteliten-Hacking oder Graswurzel-Initiativen? @netzabine @alecmcint @breitenbach @DrLutzBecker1 @praxsozi @foresight_lab @th_sattelberger"

  1. Sehr weit und tief gedachte Analyse – wie immer bei Dir, Gunnar; danke für die kritische Auseinandersetzung mit unseren Erkenntnissen und ja, der durch Grauswurzelinitiativen erkennbare Wille zur Veränderung „aus der Mitte“ entbindet nicht von radikalen Hacks der gesamten, „krankgesteuerten“ Wirtschaftsordnung. Aber er macht durch seine Kraft und wachsende Macht sichtbar, dass Menschen ihren Unternehmen immer weniger „durchgehen“ lassen und – so die Hoffnung – dazu beitragen können, zu Transparenz, Handeln, Umdenken zwingen.

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