
Wahlkampf in Bonn anno 2025. Man fühlt sich zurückversetzt in eine Zeit, als Willy Brandt noch an der Ostpolitik feilte und der Kaffeefilter das modernste Küchengerät war. Da stehen sie wieder: die gelangweilten Parteifunktionäre neben den Hüpfburgen, die schon beim bloßen Anblick nach Versicherungsverzichtserklärung riechen. Wahlkampf als Hüpfburg – tiefer kann man politisch kaum noch sinken.
Infostände? Ja, die gibt es. Dort stehen Kandidaten, die eigentlich den Rat oder die Bezirksvertretungen erobern wollen – aber in Wahrheit ihre Bildschirme erobern, scrollend, tippend, like-los, weil kaum jemand kommt. Klinkenputzen? Das macht noch einer, aus Versehen, weil er dachte, der Paketbote habe schon geklingelt. Und die Hochglanz-Flyer! Poetische Glanzstücke der deutschen Wahlkampfkultur: Schüttelreime und hohle Phrasen, die schon beim Lesen ins Altpapier wollen.
Elefantenrunden, Podiumsdiskussionen, Seniorenheim-Besuche, Schaufenster-Termine für hübsche Fotos beim örtlichen Mittelständler, Händeschütteln bis zum Carpaltunnel-Syndrom – das volle Programm. Relevanz mit der Halbwertzeit von Wunderkerzen. Im Social Web dagegen gibt’s Hausmannskost: ein Gruppenbild im Vereinsheim, ein „Danke an alle Ehrenamtlichen“-Post, fertig. Keine Dramaturgie, keine Nachhaltigkeit, keine Anschlussfähigkeit. Alles wirkt, als hätte man es mit dem Locher entworfen.
Und dann der Blick auf August den Starken. Ja, genau, der barocke Muskelmann aus Dresden. Der war der bessere Wahlkämpfer. Viel besser. Wo Bonner Wahlkämpfer Fähnchen verteilen, ließ August gleich den ganzen Zwinger bauen. Wo hier ein Flyer im Regen zerweicht, pflanzte er hunderte Orangenbäume. Und während Bonner Parteien die Kunst der Dokumentation nicht mal buchstabieren können, ließ August jedes Fest, jede Fontäne, jedes Jupiterkarussell in Kupfer stechen. Das Ergebnis: „Elbflorenz“. In Bonn bleibt am Ende nur ein vergessener Karton mit Luftballons.
Der Wahlkampf hier ist Sparkassenwerbung pur: „Kuchen und Fähnchen – die Kunden laufen uns davon.“ Vorschlag aus der Zentrale: „Wir machen’s wie die Sparkassen – persönliche Beratung quasi überall, kostenfreie Geldautomaten, immer eine Filiale in der Nähe.“ Pause. Rechenfehler. 16.000 Filialen, 130.000 Berater? Ach so. Na gut, dann eben Fähnchen. Immerhin bunt.
Sohn@Sohn liefern für die Fähnchen-Dramaturgie keine Sentiment-Analysen mehr. Die Spannung steigt erst am Wahlabend selbst, am 14. September, Punkt 18 Uhr, live aus Bonn-Duisdorf. Ganz wie bei ZDF und ARD.