Die Welt auf den Schultern

Colmar verwandelt Geschichte in Gegenwart: Der auferstandene Christus fährt auf einem Touristenbus durch die Altstadt, ein Barettmacher aus Besançon schreibt sich 1537 an seine Fassade, und im Hof des Bartholdi-Museums tragen Arbeit, Gerechtigkeit und Patriotismus eine bronzene Erde.

Vierter Tag, Mittwoch, 12. August 2026

Der auferstandene Christus fährt im Schritttempo durch Colmar. Er klebt auf der Rückseite eines kleinen Touristenbusses, die Arme erhoben, darunter die Worte: „Le Retable d’Issenheim. Une renaissance.“ Vor ihm schiebt sich die Augustgesellschaft durch die Rue des Marchands. Kinder tragen Kappen, Erwachsene suchen den Schatten der Fachwerkhäuser, aus den Straßencafés ragen Sonnenschirme in den Weg.

Das Pathos des Isenheimer Altars ist auf die Fläche eines fahrenden Werbeträgers geschrumpft. Die Formel darunter passt dennoch zur Stadt. Colmar betreibt die Wiedergeburt als alltägliches Geschäft. Renaissance erscheint hier als Baustil und Museumsprogramm, als restauriertes Kunstwerk, wiederbelebte Markthalle, Antiquitätenhandel und gastronomische Erinnerung.

Der Isenheimer Altar selbst entstand zwischen 1512 und 1516. Matthias Grünewald malte die Tafeln, Niclaus von Haguenau schuf die Skulpturen. Von 2018 bis 2022 wurde das Werk umfassend restauriert; Firnisse, Verschmutzungen und Übermalungen wichen, Farben und Einzelheiten traten erneut hervor. Die Werbung auf dem Touristenbus nimmt diese Restaurierung beim Wort: „Une renaissance“, eine Wiedergeburt.

Unsere Ankunft fällt erheblich prosaischer aus. Der Wagen steht auf dem empfohlenen Parkplatz. Drei Euro kostet der Tag. Für eine Stadt, die ihre historische Mitte fast vollständig dem Spaziergang überlässt, ist das eine freundliche Begrüßung.

Vom Titisee sind wir aus der Höhe des Schwarzwalds in die Rheinebene hinabgefahren. Dort oben standen Wald, Schluchsee und trockene Bergwiesen im Mittelpunkt. Colmar empfängt uns mit Stein, Putz, Wasserläufen und Menschen. Die Hitze liegt zwischen den Häusern. Jeder Durchgang und jede schmale Gasse erhält den Rang einer kleinen klimatischen Einrichtung.

An einem Brunnen sitzen drei Frauen im Gegenlicht. Eine trägt ein gebundenes Tuch über dem Haar, eine andere hält sich dicht im Schatten. Links fallen einzelne Wassertropfen aus dem Bild. Hinter ihnen steht auf einer hellen Fassade nur noch das Wortende „QUITES“. Man könnte es als unfreiwilligen Kommentar lesen: Die Stadt schuldet dem Besucher keine Ruhe. Sie bietet ihm Bilder in rascher Folge.

Das Postkartenbild hat Dienstzeiten

Der erste Weg führt an der Markthalle vorbei. Das lang gestreckte Gebäude steht unmittelbar an der Lauch. Rote Lamellen, Sandstein, Ziegel und hohe Rundbogenfenster geben ihm den Ernst einer industriellen Bürgerarchitektur. Louis-Michel Boltz entwarf die Halle 1865. Nach mehreren anderen Nutzungen dient sie heute wieder ihrem ursprünglichen Zweck.

Im Inneren liegen Käse, Wurst, Brot, Obst und Gemüse in jener Ordnung aus, die Märkte seit Jahrhunderten herstellen: die Umgebung in essbarer Form. Munster erscheint in verschiedenen Reifegraden. Neben jungen, noch zurückhaltenden Laiben liegen Exemplare, die aus größerer Entfernung auf sich aufmerksam machen. Die Kuhmilch der Vogesen wird hier nicht zum neutralen Handelsgut. Sie behält Landschaft, Keller und Zeit im Geschmack. Draußen spiegelt sich die Halle im Wasser. Eine Terrasse mit weißen Schirmen schiebt sich über den Kanal. Auf den Brücken sammeln sich Besucher und richten ihre Kameras nach unten.

Dort arbeitet ein Mann im Bachbett. Er trägt Schutzkleidung und ein Gerät auf dem Rücken. Laub, Pflanzenreste und angeschwemmter Unrat müssen aus dem Wasser entfernt werden. Über ihm verfolgt eine Menschentraube die Arbeit. Das berühmte Colmarer Bild aus Blumen, Fachwerk und Wasser entsteht nicht von selbst. Jemand steigt dafür in die Lauch.

Ein paar Meter weiter fahren flache Boote durch den Kanal. Die Passagiere sitzen dicht hintereinander, der Bootsführer steht am Heck. Vor ihnen öffnet sich ein Abschnitt der „Petite Venise“: links ein bewachsenes Restaurant, rechts eine hohe, weitgehend fensterlose Mauer, darüber Lieferwagen und Autos.

Die Perspektive vom Boot verschweigt wenig. Das Wasser führt durch schöne und funktionale Teile der Stadt. Gerade darin unterscheidet sich Colmar von einem vollständig hergerichteten Themenpark. Hinter den bemalten Fassaden liegen Höfe, Anlieferungen, Müllbehälter, Küchen und Arbeitsräume. Die Stadt lebt von ihrem Bild, sie lebt zugleich hinter diesem Bild weiter.

Geschichte in Salzlake

Mittags sitzen wir in dem Gasthaus, das uns die Reiseplanung empfohlen hatte, nahe dem Koïfhus. Die Küche verzichtet auf Leichtigkeit. Vor uns stehen Teller mit Sauerkraut, Kassler, verschiedenen Würsten und Kartoffeln.

Die „Choucroute garnie“ ist kein Gericht für den flüchtigen Hunger. Ihre Bestandteile verlangen Platz und Zeit. Schweinefleisch erscheint gepökelt, geräuchert, gekocht und in Wurstform. Die Küche erzählt von einem Landstrich, in dem der Winter Vorratshaltung verlangte und politische Grenzen häufiger wechselten als Rezepte. Sauerkraut gehört zur deutschen wie zur französischen Vorstellung vom Elsass. Der Streit über seine nationale Zuordnung wäre am Tisch unergiebig. Die Wurst entscheidet sich für keine Verfassung.

Dazu kommt ein kühler elsässischer Wein. Durch die geöffneten Fenster dringen Stimmen aus der Altstadt. Auf den Tellern liegen Region, Klima und bäuerliche Ökonomie in einer Form, die keine Erläuterungstafel benötigt. Nach dem Essen setzt der Spaziergang die historische Chronologie fort. Das Mittelalter steht in den Gassen, die Renaissance an den Fassaden, das neunzehnte Jahrhundert in Markthalle und Bartholdi-Denkmälern. Dazwischen verkauft eine Buchhandlung ihre „Certitude“, ihre Gewissheit, unter gelbem Fachwerk.

Die Gewissheit hat in Colmar einen Laden.

Der Barettmacher schreibt sich an sein Haus

Die Maison Pfister gehört zu den Gebäuden, die man zunächst als Ganzes betrachtet und anschließend in Einzelheiten zerlegt. Ein hölzerner Erker springt über die Straße vor, darüber läuft eine Galerie. Wandmalereien, Wappen, Inschriften und geschnitzte Bauteile füllen die Fassade.

Das Haus entstand 1537 für Ludwig Scherer, einen wohlhabenden Barettmacher aus Besançon. Trotz seiner mittelalterlichen Baumerkmale gilt es als erstes bedeutendes Beispiel der architektonischen Renaissance in Colmar. Der zweigeschossige Eckerker, die hölzerne Galerie, der achteckige Treppenturm und die Wandbilder mit biblischen und weltlichen Szenen machten das Gebäude zum Wahrzeichen der Altstadt.

Auf einer steinernen Tafel steht in frühneuhochdeutscher Schreibweise:

„LVDVIG SCHERER
BARET MACHER
VON BISANS
BVRGER ZV COLMAR
M.D.XXXVII“

Ludwig Scherer, Barettmacher aus Bisanz, dem heutigen Besançon, Bürger zu Colmar, 1537. Die Inschrift gleicht einem steinernen Lebenslauf. Sie verzeichnet Name, Beruf, Herkunft, Bürgerrecht und Baujahr. Ein Zugewanderter aus der Franche-Comté hatte in Colmar Vermögen erworben, das Bürgerrecht erhalten und ein Haus errichtet, dessen Fassade seinen gesellschaftlichen Aufstieg öffentlich machte.

Die Renaissance am Oberrhein bestand nicht allein aus der Wiederentdeckung antiker Formen. Sie beruhte auf Handel, Mobilität, Handwerk und städtischem Selbstbewusstsein. Menschen wechselten Regionen, Sprachen und Herrschaftsräume. Wer erfolgreich war, ließ sich malen, schnitzen oder in Stein schreiben.

Scherer nennt zuerst seinen Namen und dann sein Gewerbe. Der Beruf trägt den Rang eines Titels. Ein Barettmacher durfte sich als Urheber eines Hauses präsentieren, das fünf Jahrhunderte später noch immer Besucher anzieht.

Die Wandbilder führen dieses Programm fort. In einer Szene sitzt eine Gesellschaft an einer gedeckten Tafel. Schüsseln, Brote und Becher stehen vor den Figuren, unter ihnen erscheinen dunklere Gestalten. Andere Felder zeigen biblische Personen, Herrscher und allegorische Gestalten. Religiöse Lehre, politische Geschichte und privater Wohlstand teilen sich eine Fassade. Ein Haus spricht zur Straße.

Es teilt dem Vorübergehenden mit, wer sein Bauherr war, woran er glaubte, welche Bildung er beanspruchte und welchen Platz er in der Stadt einnahm. Das Innere bleibt verborgen. Die Außenseite genügt als öffentliche Biographie. Colmars Renaissance ist deshalb weniger italienisch, als die Bezeichnung vermuten lässt. Sie trägt steile Dächer, Holzgalerien, Erker und deutschsprachige Inschriften. Antike und Bibel treten in die Architektur einer oberrheinischen Handelsstadt ein. Das Ergebnis ist kein Florenz in Miniatur. Es ist eine eigene städtische Form.

Vom Dunkel zur Kirche

Ein schmaler Durchgang öffnet den Blick auf die Dominikanerkirche. Die Wände der Gasse liegen fast schwarz im Schatten. Vorne hängt eine alte Laterne, dahinter leuchtet der farbige Sandstein der Kirche. Der Weg aus dem Dunkel ins Licht wirkt auf dem Foto wie eine genau gebaute theologische Perspektive. Die Stadt hat sie ohne Absicht hergestellt.

Auf der Rückseite des Touristenbusses war zuvor die Auferstehung des Isenheimer Altars zu sehen. Nun endet die enge Gasse an einer Kirche. Colmar verfügt über jene räumlichen Zufälle, bei denen Werbung, Architektur und Passanten für einen Augenblick ein gemeinsames Bild ergeben.

Ein Colmarer trägt die Welt nach New York

In der Rue des Marchands liegt das Geburtshaus Frédéric Auguste Bartholdis. Eine Tafel an der Fassade nennt die entscheidenden Daten: 1834 geboren, 1904 gestorben, Schöpfer der Freiheitsstatue. Das Gebäude geht auf das fünfzehnte Jahrhundert zurück und wurde im achtzehnten Jahrhundert zu einem repräsentativen Stadtpalais umgebaut. Seit 1922 beherbergt es das Musée Bartholdi.

Bartholdi kam am 2. August 1834 in Colmar zur Welt. Nach dem frühen Tod seines Vaters zog seine Mutter 1843 mit den beiden Söhnen nach Paris. Die Verbindung zum Elsass blieb bestehen. Später schuf er neben der New Yorker Freiheitsstatue den Löwen von Belfort, die Fontaine Bruat und zahlreiche weitere Denkmäler.

Seine Biographie verbindet Provinz und Weltgeltung in einer Richtung, die Colmar vertraut ist. Der Künstler verlässt die Stadt, wird in Paris ausgebildet, reist nach Ägypten und in den Jemen und entwirft schließlich eine Figur, die im Hafen von New York zum politischen Zeichen wird.

Die Freiheitsstatue überstrahlte ihren Schöpfer. In Colmar kehrt die Reihenfolge zurück. Hier begegnet man zuerst Bartholdi und erst danach seinem berühmtesten Werk. Im Innenhof steht „Les Grands Soutiens du Monde“. Die bronzene Gruppe entstand 1902. Eine Tafel nennt ihre drei tragenden Kräfte: „Justice, Patriotisme, Travail“ – Gerechtigkeit, Patriotismus, Arbeit.

Drei Figuren stemmen eine gewaltige Kugel. Die Gerechtigkeit trägt eine Waage. Der Patriotismus erscheint mit Schild, Schwert und Fahne. Die Arbeit hält Bücher, Hammer und Zahnrad. Die Erde ruht nicht leicht auf ihren Schultern. Die Körper müssen sich strecken, Arme und Rücken stehen unter Spannung.

Bartholdi hat keine Welt entworfen, die von allein im Gleichgewicht bleibt. Sie braucht Stützen. Die Auswahl der drei Begriffe gehört zum politischen Denken des neunzehnten Jahrhunderts. „Arbeit“ erscheint als produktive und technische Kraft. „Gerechtigkeit“ verleiht der Ordnung Legitimität. „Patriotismus“ bindet die Menschen an das Gemeinwesen.

Heute betrachtet man die Gruppe mit einer anderen Erfahrung. Patriotismus kann schützen und zerstören. Arbeit schafft Wohlstand und verschleißt Körper. Gerechtigkeit bleibt ein Anspruch, den jede Epoche neu prüfen muss. Der Globus über den Figuren wirkt schwerer, als Bartholdi ihn vermutlich gemeint hatte. Im Hof des Geburtshauses eines Weltkünstlers steht damit keine Feier des individuellen Genies. Mehrere Kräfte tragen gemeinsam. Selbst die Welt des Monumentalbildhauers bleibt eine Gemeinschaftsarbeit.

Die Revolution steht im Antiquitätengeschäft

Wenige Straßen weiter führt ein Schaufenster in eine andere politische Epoche. Im Antik-Laden stehen dunkle Bronzefiguren zwischen Uhren, Bildern, Porzellan und kleinen Skulpturen. Eine der Gestalten halten wir für Robespierre. Neben ihr steht eine weitere Figur mit breitem Kragen, rechts eine Frauengestalt. In ihrer Mitte erhebt sich eine winzige goldene Figur auf einem Sockel.

Das Schaufenster versammelt Revolution und bürgerlichen Hausrat. Ein Winterbild hängt über vergoldeten Uhren, einem Dackel aus Bronze, einer Porzellanfigur und einem kleinen Fass. Draußen herrscht Augusthitze.

Hier findet die Wiedergeburt in ihrer kaufmännischen Form statt. Gegenstände wechseln den Besitzer und erhalten eine weitere Biographie. Ein Bild, das einmal in einem Salon hing, landet im Schaufenster. Eine politische Figur wird Dekoration, Gesprächsanlass oder Sammelobjekt.

Beide liegen in Häusern, deren Balken älter sind als viele der Ideen, die in ihnen angeboten werden. Colmar verbindet das Geistige zuverlässig mit dem Gewerblichen. Bücher, Bronze, Käse, Gemälde und Sauerkraut benötigen ein Geschäft, einen Preis und einen Käufer. Auch darin lebt die Renaissance fort. Das Bürgertum des sechzehnten Jahrhunderts ließ seinen Erfolg an Fassaden schreiben. Das heutige Colmar stellt Vergangenheit in Schaufenster, Museen und Speisekarten. Die Formen haben sich geändert, die Verbindung von Erinnerung und Handel blieb erhalten.

Eine Stadt im Umlauf

Am Nachmittag ist die Lauch voller Boote. Die Schatten werden länger, doch die Hitze weicht kaum. Blumen hängen über den Geländern, Restaurants besetzen die Ufer, Menschen stehen auf den Brücken und betrachten Menschen, die im Boot sitzen und ihrerseits die Menschen auf den Brücken betrachten. Der Kreislauf des Sehens gehört zum Geschäftsmodell der „Petite Venise“. Jeder ist für einen Augenblick Zuschauer und Motiv.

Colmar widersteht dennoch der vollständigen Verwandlung in eine Kulisse. Der Arbeiter im Wasser, die Lieferwagen hinter der Markthalle, die abgeblätterten Stellen an einzelnen Fassaden und die geschlossenen Fensterläden verhindern den Eindruck einer versiegelten Altstadt. Die Schönheit hat Gebrauchsspuren.

Auf der Rückfahrt steigt die Straße wieder in den Schwarzwald. Hinter uns bleiben die Lauch, die Fachwerkhäuser, das bronzene Gewicht der Welt und die Inschrift des Barettmachers. Ludwig Scherer kam aus Besançon und wurde Bürger von Colmar. Bartholdi kam aus Colmar und schuf ein Symbol für New York. Der Isenheimer Altar entstand für ein Klosterhospital, wurde nach Colmar gebracht, restauriert und fährt nun als Bild auf einem Touristenbus durch die Stadt.

Nichts davon ist an seinem ursprünglichen Ort geblieben. Gerade diese Bewegungen haben die Dinge erhalten. Colmar bewahrt Vergangenheit nicht unter einem luftdichten Abschluss. Es setzt sie in Umlauf: auf Fassaden, Tellern, Marktständen, in Museumsräumen, Antiquariaten und auf der Rückwand eines kleinen Busses. Der französische Satz fährt noch eine Weile mit uns: „Une renaissance.“ In Colmar klingt er weniger nach Werbung als nach einer Arbeitsbeschreibung.

Der Mond nimmt dem Abend das Licht

Die Rückkehr aus Colmar endet an der Strandbar des Titisees. Um 19.23 Uhr beginnt über Titisee-Neustadt die partielle Sonnenfinsternis. Um 20.17 Uhr erreicht sie bei einer lokalen Magnitude von 0,916 ihr Maximum; um 20.45 Uhr ist das Schauspiel vorüber. Die Totalitätszone zieht an diesem Abend über Grönland, Island und Spanien. Über dem Hochschwarzwald bleibt eine tief stehende Sonnensichel, die noch während der Finsternis dem Horizont entgegensinkt.

Die Strandbar verwandelt sich für eine Stunde in ein improvisiertes Observatorium. Zwischen Liegestühlen, Bierflaschen und gelben Getränkekisten sitzen Menschen mit schwarzen Schutzbrillen. Ein Mädchen presst den Filter mit beiden Händen vors Gesicht. Ein Junge im weißen Trikot prüft den Himmel. Andere halten ihre Mobiltelefone hoch, als ließe sich der Mond mit der üblichen Wischbewegung näher heranholen. Die Feriengesellschaft betrachtet gemeinsam denselben Himmelskörper und bleibt doch in ihren privaten Gesten gefangen: staunend, fotografierend, plaudernd, trinkend.

Das Licht fällt flacher über den See. Kiefern und Fichten stehen als schwarze Scherenschnitte vor einem kupferfarbenen Himmel. Die gewöhnliche Abendsonne hat ihren vertrauten Kreis verloren; der Mond nimmt ihr einen Teil der Form und gibt ihr dafür eine seltene Präzision. Colmar hatte uns am Vormittag Bartholdis bronzene Weltkugel gezeigt, getragen von Gerechtigkeit, Patriotismus und Arbeit. Am Titisee schiebt sich eine zweite, dunkle Kugel vor das Licht und ordnet für einige Minuten sämtliche Blicke. Der Tag begann in Colmar mit der Renaissance als Wiederkehr alter Bilder. Er endet mit einem Bild, das erst durch sein Verschwinden entsteht. Die Sonne bleibt sichtbar, doch ihre Vollständigkeit fehlt.

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